Atlanta Falcons 2020 in der Fragestunde

Eines der am schwierigsten einzuschätzenden Teams im Vorfeld der NFL-Saison 2020 sind die Atlanta Falcons. Ich habe dem Falcons-Anhänger Marko Markovic (@ViennaFalcons) ein paar Fragen zu diesem dark horse gestellt – und wir bekommen detaillierte Einblicke in diese manchmal gesichtslos wirkende Franchise.

Vorab gleich die Empfehlung, Markos Account zu folgen. Viel Sinniges zu den Falcons, aber auch über das Footballfeld hinaus. Unter allen Millionen Footballfans auf dieser Welt ist er der letzte, dem man „Homerism“ nachsagen könnte.

Damit zum Kurzinterview.

#1 Mit welchen Argumenten lässt sich die Weiterbeschäftigung von Dan Quinn als Falcons-Headcoach rechtfertigen?

Marko Markovic: Arthur Blank hat am 27. Dezember 2019 bekanntgegeben, dass er Quinn und Dimitroff verlängert. Als gut vernetzter Geschäftsmann, ist die einzig plausible Theorie, dass er von seinen Insidern im Krankenhaus in Wuhan gehört hat, was auf die Welt 2020 zukommt und den kompetitiven Vorteil eines etablierten Head Coaches in Mitten einer fast nicht existenten Offseason haben wollte.

Das ist die einzige Erklärung.


#2 Seit dem Abgang von Kyle Shanahan als Offensive Coordinator krankt die Offense – und ein Teil der nachlassenden Effizienz kann man am schwindenden Einsatz von Play-Action Passing ablesen:

2016: 0.21 EPA/Play, 28% Play-Action
2017: 0.05 EPA/Play, 23% Play-Action
2018: 0.10 EPA/Play, 27% Play-Action
2019: 0.02 EPA/Play, 21% Play-Action

Was sieht OffCoord Dirk Koetter, was wir nicht sehen?

Marko Markovic: Koetter sieht die Welt anders als die trendingen, hippen Kids: Er glaubt an einen Zusammenhang zwischen Laufspiel und Play Action z.B. Was ihn vor größerem Schaden bewahrt ist, dass er das Laufspiel relativ schnell aufgibt zugunsten eines sehr passlastigen Zugangs. Außer in den ersten beiden Jameis Winston Jahren, wo er einem jungen QB helfen wollte, hat er nie auch nur durchschnittliche run rates geschaffen.

Was bedeutet er verlässt sich durch und durch auf vertikales Passspiel, mit relativ hohem aDoT und wenig schematischer Hilfe was Route Concepts oder ähnliches anbelangt, was zu konstant niedrigen YAC-Zahlen führt. Wer tief werfen will, muss lang blocken, darum draftet Koetter wie verrückt OL (insgesamt neun Top 100 Picks über die letzten acht Jahre verteilt auf ATL und TB, sechs davon sogar Top 61).

Historisch gesehen generieren seine Offenses auch selten Mehrwert aus Play Action – er weiß nicht, wie er sie nützen soll. Worin er gut Mehrwert generiert ist 11 Personell, wenn die Protection stimmt (darum die OL Love). 2019 war mit zwei Rookies, einer Baustelle und mehreren Verletzungen da nicht viel zu holen. Und Koetters Old School Sturheit hindert ihn dann daran, eben einer schwachen OL zu helfen mit Play Designs.

Und ein erfahrener QB wie Ryan hilft ihm dann auch, indem er ihn auf 3rd Down oft aus brenzligen, schlecht gescripteten Spielzug-Sequenzen rettet, was Koetter besser aussehen lässt, als er ist.


#3 Wenn es um Quarterback-Rankings geht, scheint QB Matt Ryan in der öffentlichen Wahrnehmung immer unter dem Radar zu fliegen. Wo würdest du ihn einordnen?

Marko Markovic: Im Big Picture ist Ryan tatsächlich oft unterbewertet, ich sehe in ihm einen Top 10 QB seiner Generation ohne jeden Zweifel, der je nach Blickwinkel das eine oder andere Argument für die Top 5 hat. Er hat die drittmeisten Pass DYAR der 10er Jahre, und hat über seine Karriere hinweg den sechsthöchsten EPA/play Wert und Success Rate. Seit 2000 ist er sechster in Total EPA unter QBs. Da er umgeben ist von lauter Hall of Famern wird er mit dem einen oder anderen guten Jahr noch selbst ein guter Kandidat.

Was aber nicht heißt, dass er transzendental ist und seine Umstände gänzlich hinter sich lassen kann. Auch wenn er als QB-Talent aus den Top 10 nicht rauszunehmen ist, ist er mit den Coaches, die er grad rumträgt, natürlich nach unten hin volatil bis zur Top 15 Range. Unter Koetter war sein Pass DVOA Rang nie besser als 8, aber nie schlechter als 12. Genau in dem Bereich würde ich ihn in seinem jetzigen Kontext auch einordnen.


#4 Zum Sorgenkind der Offense: Wird 2020 das Jahr, in dem die jahrelangen Doktereien in der Offensive Line endlich zum gewünschten Erfolg führen?

Marko Markovic: Wie oben schon angedeutet, ist das die einzige Hoffnung, die bleibt. Das Herumdoktoren führt ja auch zu Unruhe: Letztes Jahr hatten die Falcons fünf Linemen, die fünf oder mehr Penalties produziert haben. 2012 hatte die historisch beste Koetter-Ryan-Offense einen einzigen Liner mit 5 Penalties. Da war die Upside ein Top 5 finish in EPA/play und Success Rate.

Positiv stimmt hier G Chris Lindstrom, der als Rookie nach seiner Verletzung zurückkam und gegen Ende hin sehr solide aussah. Der andere Rookie 1st Rounder, T Kaleb McGary, sah hingegen das ganze Jahr über ziemlich überfordert aus. Die, sagen wir, spezielle Offseason hilft ihm da sicher nicht viel weiter.

Und selbst wenn beide aufgehen, ist LG noch immer ein Fragezeichen. Koetters so sehnsüchtig herbeigewünschte Eliten-OL wir das als so bald vermutlich nicht.


#5 Atlantas einst so tiefer Skill-Corps wird nach WR Julio Jones und Calvin Ridley schnell dünn. Kann das zu einem Knackpunkt werden und hätte man nicht besser einen CeeDee Lamb in Runde 1 gedraftet?

Marko Markovic: Ich kann dem Lamb-Argument einiges abgewinnen, bin aber dennoch der Meinung, dass der CB #1, der 1000 Snaps spielt, knapp wertvoller ist, als der WR #3 mit ca. 100 Targets, der noch dazu hinter einem Target-Magnet wie Julio spielen muss.

Was aber nicht heißt, dass es rosig aussieht um den Spot. Russell Gage und Olamide Zaccheaus sind junge Talente ohne viel track record. Laquon Treadwell ist zwar erfahren, aber eher darin, wenig beizutragen. Ich glaube Gage genießt derzeit das Vertrauen der Coaches, darum auch der midseason Trade von Mohamed Sanu letztes Jahr, der vom Körperbau her nicht in die Harry Douglas/Adam Humphries Rolle passt, die Koetter da gern hätte.

Wenn Gage mehr als diese beiden Vorgänger bringen kann, super. Aber davon ausgehen sollte man nicht.


#6 Ein Wort zum Einkauf von RB Todd Gurley?

Marko Markovic: Bezoomny.


#7 Eines der größten Rätsel der NFL: Die Falcons-Defense. Sie oszilliert zwischen viel Flop und sehr wenig Topp, und nix dazwischen. Wieso erreicht diese Defense keine Konstanz?

Marko Markovic: Weil Defense an sich nicht stabil ist. Die Falcons sind tatsächlich auch für einige analytics-Fragen ein spannendes Vexierbild: Coverage is wichtiger als pass rush, und obwohl die Falcons unter Quinn weitestgehend (bis auf 2019) okaye Coverage mit miesem pass rush verbanden, waren sie nie eine okaye Defense. Letztes Jahr kollabierte dann die Coverage und der pass rush war okay, und das Ergebnis war dasselbe.

Insofern ist ihr Rätsel das von Defenses allgemein: Im Regelfall hängen sie vom Gegner ab und der ist in der NFC South nunmal traditionell gut aufgestellte Pass-Teams.


#8 Kann Dante Fowlers Einkauf die anhaltenden Probleme im Pass-Rush beheben?

Marko Markovic: Kurze Antwort: Kann er nicht.

Lange Antwort: Kann er vermutlich nicht.


#9 Ich tue mir mit der Personaldecke in der Pass-Coverage schwer: Terrell statt Trufant, ein stagnierender CB Oliver, dazu das wandelnde Verletzungsrisiko Keanu Neal – gibt es dennoch konkrete Hoffnungsschimmer, dass die Deckung heuer endlich mal hält?

Marko Markovic: Ich glaube, da sind sie noch ein Jahr davon entfernt. Terrell wird lernen müssen, Kendall Sheffield ist auch noch zu unerfahren und Jordan Miller beginnt die Saison suspendiert. Zwischen den letzten beiden sollte sich einer finden lassen, der langfristig was beiträgt, was zusammen mit Terrell ab 2021 also eine solide Basis bilden könnte, wo man dann „nur“ den CB #3 suchen muss.

Aber für 2020 ist das alles noch Baustelle. Dass es in fünf Jahren Dan Quinn vier DC-Wechsel gegeben hat, spricht ja auch Bände.


#10 Die Falcons wirken vor der Saison wie eine der am schwierigsten zu prognostizierenden Mannschaften. Was ist eine realistische Erwartung für 2020?

Marko Markovic: Die fade Antwort ist: 8-8.

Das Team ist leider mit dem Coaching Staff und dem Front Office enorm limitiert und wird sein Potential nicht ausschöpfen können. GM Thomas Dimitroff analysiert seit sehr langer Zeit das Team falsch und reagiert über auf oberflächliche Narrative. Nachdem 7-9 2018 spürte er sowas wie Feuer unter dem Sessel und hat in den letzten 15 Monaten sage und schreibe neun Spieler geholt, die mit Picks 35 oder höher gedraftet wurden, die eigenen drei Draftpicks nicht mitgezählt. Er ist im totalen win-now, keine Risiken, established guys Modus.

Dabei wäre die wirkliche Lektion von 2018 ja gewesen: Depth, depth, depth. Stattdessen sehen wir Uptrades und Dirk Koetter. Man weiß natürlich nicht, was das Angebot war, aber der Unterscheid zwischen Terrell und seinem CB #4 war ihm auch heuer wieder groß genug, dass er einen Downtrade mit den Eagles ausschlug, was den Terrell Pick effektiv zu einem Uptrade macht.

Insofern ist das Grab selbst geschaufelt: Wenn auch nur eine Kleinigkeit schiefgeht, ausfällt oder COVID-19 bedingt unrund ist, hat das Team keinen doppelten Boden auf dem es landen kann. So wird weiterhin das Ceiling von Ryan und Julio, bei schwindender Prime, verschwendet.

Das Ceiling selbst ist eigentlich Super Bowl. Wer auf den wichtigsten Positionen so gut besetzt ist, hat immer eine gute Chance mitzuspielen. Das macht den Frust umso größer, und die Prognose aber eben auch schwerer.

Weil können könnten sie es ja.

Nur tun tun sie nicht.

4 Kommentare zu “Atlanta Falcons 2020 in der Fragestunde

  1. Ich kann die Kritik an Koetter wirklich gut nachvollziehen. Ich finde auch, man hat Sarkisian zu Unrecht geschasst. Der hatte im ersten Jahr nach Shanahan, massig Verletzungspech in der O-Line und einen Referenzpunkt von dem aus er nur schlechter werden konnte. Klar war vieles auch seine Schuld, aber etwas mehr Glück in der Redzone (wo man wirklich mehr als unterdurchschnittlich war) hätten es schon deutlich besser aussehen lassen. Im zweiten Jahr wurde es dann besser und dann entlässt man ihn und holt Koetter zurück, dessen Scheme in vielem dem widerspricht was man die Jahre vorher gut gemacht hatte (viel PA und RB im Passspiel eingebunden).

    Die Argument bezüglich der O-Line-love halte ich für etwas komisch. Erstmal kann er als OC und selbst als HC nicht einfach picken wen er will, da gab es immer einen entsprechenden GM. Und die Picks mögen sich viel anhören, es waren jeweils 3 Draft bei denen man mit einer OT/IOL Kombination in den ersten drei Runden ging. In zumindest 2 Fällen (TB-15 und ATL-19) war die O-Line aber auch ein richtig fettes Fragezeichen.

    Ansonsten kann man wohl unterschreiben, dass es für Quinn und Dimitroff diese Jahr um alles geht. Bei einem enttäuschenden Abschneiden was den talentierten KAder angeht (für mich –>kein Playoffsieg) könnte man in Atlanta einiges einreißen wollen mit völlig neuem Staff 2021.

  2. Das OL-Argument war natrülcih etwas verkürzt, es fehlt vllt der Vergleich dazu, dass er in dem selben Zeitraum (acht Jahre) als Offensiv-Verantwortlicher einen einzigen Top 140 pick in WR investiert hat (Godwin auf #84). Und das ist dann schon ein Hinweis darauf, wie er Offense versteht, nämlich ausgehend von den Trenches.

    Und wegen Verantwortung ist finde ich schon dazuzusagen, dass er in der Zeit nie unter einem offensiven Coach stand, sprich immer die Hauptverantwrutng für Offense und deren Stil, bzw. die Prioritäten darin trug. Ein GM pickt natürlich die Spieler, und könnte das auch entgegen der Vorlieben des Coaches machen, aber im Rgeelfall gibt sein Zugang schon sehr viel der groben Richtung vor.

  3. Ich verstehe deine Argumentation schon, diese Zahlen sind aber ja auch immer im Kontext zu sehen. Auch jetzt bei den WR. In allen seinen Tenure als OC hat Koetter auch immer ein schon recht gutes Duo an Receivern gehabt als er übernommen hat. Jones/White iam Anfang und jetzt Jones/Ridley. Einzig bei TB war es am Anfang nur Evans, 2017 hat er dann ja auch mehr für WR getan mit D-Jax und Godwin.
    Klar kann man argumentieren, dass man in der heutigen NFL eher 3 denn 2 gute Receiver braucht, aber diese Denken hat sich ja an vielen Stellen noch nicht völlig durchgesetzt. Und O-Line ist ja trotzdem wichtig und vor allem halt 5 Psotionen, da ist es im Endeffekt logisch, dass ich hier durchaus mehr Ressourcen reinstecken muss.
    Ich persönlich habe lieber durchschnittliche bis gute O-Line + gute Receiver als unterdurchschnittliche O-Line + sehr gute Receiver.
    Wie gesagt, ich kann deinen Punkt hier schon verstehen, finde aber die Zahlen die du da nennst müssten halt mehr in den Kontext gesetzt werden.

    Natürlich stimmen sich HC und GM ab, aber der GM wird v.a. keine hohen Picks auf Positionen machen, bei denen er nicht selber auch einen Need erkennt.

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