Der Moment, der Tony Romo berühmt machte

Tony Romo ist heute bekannt als einer der besten NFL-Kommentatoren. Dem war nicht immer so.

Zu Spielerzeiten galt Romo viele Jahre lang als erfrischender NFL-Quarterback, als verletzungsanfälliger zwar, aber als einer der Freude am Spiel ausstrahlt. Und Romo umwehte mit seinen nur zwei Playoffsiegen in neun mehr oder minder vollen Spielzeiten immer ein wenig die Aura des underachievers.

Vielleicht ist Romos Ruf damit noch zu galant beschrieben. Für viele war er ein „choker“, ein Versager in kritischen Momenten. Dieser Ruf gründete vornehmlich auf der einen Aktion, die Romo schlagartig in den USA berühmt machte – nicht seine Techtelmechtel mit Popsternchen, sondern der missratene Fieldgoal-Hold im Wildcard-Playoffspiel 2006/07 bei den Seattle Seahawks.

Die Seahawks hatten 21-20 geführt und Romo hatte Dallas kurz vor Schluss tief in die Redzone hinein geführt. Die letzten Minuten jenes spielerisch schwachen, aber am Ende dramatischen Spiels lassen sich auf dem Youtube-Kanal von NFL Throwback nachschauen:

Ich habe die Übertragung damals im ORF gesehen – insofern ist es für mich das erste Mal, dass ich die Originalkommentierung von Al Michaels und dem legendären John Madden zu jener Schluss-Sequenz höre. Madden referenziert in diesen 12 Minuten mehrfach auf die Boise State Broncos, die ein paar Tage zuvor das epische Fiesta-Bowl Spiel gegen Oklahoma geliefert hatten – quasi als wolle er eine Art Re-Make heraufbeschwören. Dazu reichte es nicht ganz. Aber das Finish war dennoch unvergesslich.

Das Spiel und seine Geschichte

Cowboys und Seahawks spielten in der Saison 2006/07 eher unter ferner Liefen in einer schwachen NFC.

Seattle hatte ein Jahr zuvor die Superbowl erreicht, aber nach einer (auch von den Referees) dürftigen Performance sang- und klanglos verloren. Von jener dominanten Mannschaft, in der RB Shaun Alexander mit 0.08 EPA/Run sogar zum NFL MVP gewählt worden war, war 2006 nichts mehr zu spüren, und Seattle hatte sich nach zahllosen Verletzungen zu einer 9-7 Bilanz und dem Gewinn einer ganz schwachen NFC West gequält.

Dallas war ebenso 9-7 gegangen und eines von gleich drei Playoffteams in der NFC East – die ganze NFC war damals ziemlich lachhaft, die Musik spielte in der Parallel-Conference AFC. Die Cowboys befanden sich seit Jahren im unteren Mittelfeld der NFL.

Ihrem Headcoach Bill Parcells, der mit den Giants zwei Superbowls gewonnen hatte und sich hernach als Großmufti, der wie ein Durchlaufhitzer dahinsiechende Franchises wiederzubeleben wusste, gefiel, war schon seit Monaten eine gewisse Unlust in seinem Job nachgesagt worden. Parcells gönnte sich im Laufe jener Saison noch einmal einen letzten Spaß, als er mitten im Oktober den Starting-QB austauschte und den einst ungedrafteten Division I-AA-Quarterback Romo für den glücklosen Drew Bledsoe einwechselte.

Jener Wechsel hatte nicht unbedingt als erwartet gegolten, schließlich waren Bledsoe und Parcells seit vielen Jahren miteinander verbandelt: Parcells hatte nach seinem zweiten Superbowl-Triumph 1990/91 mit den Giants seinen Rücktritt erklärt und war 1993 als Headcoach der Patriots in die NFL zurückgekehrt. Die Patriots waren damals eine der Lachnummern der NFL gewesen und hielten den #1 Overall Draftpick. Parcells‘ erste Wahl? Bledsoe.

Mit Bledsoe drehte Parcells das Schicksal der Patriots, führte New England in die Superbowl um sich direkt im Anschluss zu den Jets zu verabschieden, die er ihrerseits vom schlechtesten Team der Liga ins Conference-Finale führte.

Dann ging Parcells zu den Cowboys, wo er ein solides Team baute, dem eines fehlte: Ein Quarterback. Parcells holte Bledsoe, der in New England von Tom Brady abgelöst und hernach in Buffalo von einem weiteren Jungspund (dem längst vergessenen J.P. Losman) verdrängt worden war.

Nun also Romo statt Bledsoe, und Romo war in der an Storylines nicht armen Saison 2006 ein paar Wochen lang eine der großen Erfolgsgeschichten – „der neue Superstar von America’s Team“ und so. Romo revitalisierte die Cowboys für ein paar Wochen, u.a. indem er in einer sensationellen Partie die Buccs mit 5 Touchdowns abschoss.

Die letzten Wochen der Saison wurden dann allerdings immer zäher und zäher, und Dallas schleppte sich schließlich gerade noch so in die Playoffs.

Die Partie in Seattle war dann auch spielerisch enttäuschend – oder „erwartet schwach“, wenn ich mich recht an die Pre-Game Erwartung zurück erinnere. 55 Minuten lang passierte nicht viel, aber die Schlussphase entschädigte für einiges. Sie ist in obigem Video zu sehen.

Die Seahawks gingen viereinhalb Minuten vor Schluss: QB Matt Hasselbeck aus Empty-Formation für TE Jeremy Stevens zum 21-20. Ausgerechnet Stevens, musste man sagen. Stevens war einer der größten Bad-Boys in jenen Tagen, ein ultra-athletischer Tight End mit Butterfingern, der nicht zuletzt mit haarsträubenden Drops mitschuldig an der Superbowl-Niederlage ein Jahr zuvor gewesen war.

Vor allem aber fiel Stevens immer wieder mit Schlägereien und Frauengeschichten auf, und es fühlte sich irgendwie wie „zwei, die sich gefunden haben“ an, als Stevens ein paar Jahre später die streitbare ehemalige US-Torfrau Hope Solo heiratete – einen Tag nachdem sie ihn wegen häuslicher Gewalt angezeigt hatte.

Doch ich schwenke ab. Ein Punkt Führung also für Seattle zuhause, aber Romo mit der Chance zum Comeback. Dallas legte einen recht smoothen Drive hin, u.a. mit einem Catch eines weiteren Hohlkopfs, Terrell Owens in seiner ersten Saison als Cowboys.

Dann rannte Julius Jones durch ein riesiges Loch vorbei in die Redzone hinein, zweieinhalb Minuten vor Schluss. Der extrem tief stehende Safety Ken Hamlin machte den Tackle an der 10-yds Line, unterstützt von CB Pete Hunter, der wenige Tage vor dem Spiel noch als Vertreter ausgerechnet in Dallas gearbeitet hatte und nur wegen eklatanter Personalsorgen noch einmal kurzfristig aus dem Büro reaktiviert wurde.

1st Down Run an die 10 Yards Line bringt die Uhr auf 2-min Warning. 2nd Down Run zwingt Seattle, sein zweites Timeout zu ziehen. Angesichts der Timeout-Situation war es verständlich, dass die Seahawks auch in „Choke Hold Fieldgoal-Reichweite“ auf den intentionalen Touchdown verzichteten, den z.B. ein paar Jahre später Bill Belichick in der Superbowl gegen die Giants aufgab. Zwinge sie zum Fieldgoal, und du hast noch gut zwei Minuten für einen Konter.

3rd Down, Pass Romo für den ewigen TE Jason Witten, und Witten wird haargenau an der gelben 1st-Down Markierung getackelt. Es war der bis dahin dramatischste Moment: Ein 1st Down hätte den Cowboys erlaubt, die Uhr herunterlaufen und mit auslaufender Uhr das Fieldgoal zu schießen – in jenem Fall wäre ein Touchdown tatsächlich besser gewesen!

LB Lofa Tatupu, quasi Bobby Wagners Vorgänger als die große Linebacker-Hoffnung in Seattle, machte unterstützt von einem ganzen Schwarm Seahawks den f-e-t-t-e-n Tackle, und nach Video-Review wurde der Spielzug als „nicht verwertet“ gegeben. Tatupu war einer der ganz jungen Star-Verteidiger jener Zeit; seine Karriere geriet wegen zu vieler Verletzungen leider viel zu kurz. Anyhow: Dallas hatte ein 4th Down, musste mit 79 Sekunden auf der Uhr Fieldgoal schießen.

Die folgende Szene ging in die NFL-Annalen ein. Der argentinische Kicker Martin Gramatica, dessen Bruder Bill sich mal bei einem Jubel das Kreuzband gerissen hatte, trabte zum 19-yds Fieldgoal aufs Feld. Kürzer als ein Extrapunkt – und über 99% Verwertungsquote für diese Distanz.

Der Holder: Tony Romo.

Snap – und Romo gleitet der Ball aus der Hand. Geistesgegenwärtig schnappt sich Romo den Ball im Nachfassen und rennt Richtung Endzone – und hätte es gerade so geschafft, wenn nicht zufällig in Jordan Babineaux der schnellste Defensive Back ihm hinterhergespurtet wäre. Der als „Big Play Babs“ bekannte Babineaux fällt Romo an der 1. Keine Punkte, Seahawks führen noch immer mit 1. Game so gut wie over.

Es war die Szene in Romos Karriere. Sie hing ihm jahrelang nach, auch wenn sie weder mit seinen Fähigkeiten als Quarterback noch mit seinem manchmal zu aggressiven Spiel in der Crunch-Time zu tun hatte. Romo war der „Choker“, der im Alleingang ein gewonnen geglaubtes Spiel verlor. Romo war nur deshalb überhaupt der Holder, weil er die Saison als Backup-QB begonnen hatte und Parcells zu faul war um die Besetzung nach Romos Beförderung zu tauschen.

RB Shaun Alexander rannte danach die Zeit runter – es war sowas wie Alexanders letztes Hurra. Alexander hatte 2005 hinter der besten Offensive Line der NFL einen Touchdown-Rekord aufgestellt und dabei von unzähligen Carries von der 1-yds Line profitiert.

Nachdem sich in der Offseason der All-Pro Steve Hutchinson im Transfer des Jahrzehnts in Richtung Minnesota verabschiedet hatte und auch der epische Left Tackle Walter Jones „nur noch“ eine sehr gute anstatt überragende Saison geblockt hatte, gingen Alexanders Rushing-Zahlen 2006/07 in den Keller. Alexander, der immer schon als kontaktscheuer, „softer“ Runningback gegolten hatte, verpasste die halbe Saison und schaffte nur 3.5 Yards/Carry. Damals wollte man noch nicht so recht wahrhaben, dass der Back nur ein kleines Rädchen im großen Ganzen war: Alexander galt noch als Superstar mit Multimillionen-Rekordvertrag und allem Pipapo.

Ein Jahr später kam er noch auf 782 Yards. Wenige Monate danach war Alexander washed und raus aus der Liga. Doch den einen langen Run zum Auslaufen der Zeit gönnte er sich noch. Das reichte… fast.

Denn eine letzte Hail Mary war für Romo noch drin – doch sie wurde zu Boden geschlagen, von erneut Hunter, dessen paar kritische Plays in der Crunch-Time mal wieder zeigten, welche scheinbaren Randfiguren in den NFL-Playoffs so oft mithelfen, den Unterschied zu machen.

Nach dem Spiel trat Parcells zurück und machte Platz für seinen Nachfolger Wade Phillips. Der stets grimmig dreinschauende Seahawks-Coach Mike Holmgren machte weiter – obwohl auch seinen trüben Augen die Amtsmüde untrüglich abzulesen war. Zwei mehr oder minder durchwachsene Jahre blieb Holmgren noch, ehe er abdankte – und Seattle nach dem Übergangsjahr mit Jim Mora jr. 2010 in die neue Ära mit Pete Carroll ging.

Der Pechvogel Romo dagegen hielt sich auf seinem Platz als neuer Stamm-QB in Dallas. Für ihn hatte die Karriere gerade erst begonnen – und er wurde über die Jahre zu einem sehr guten Quarterback, der hie und da Top-10 Hype rechtfertigte und immer wieder mit famosen Shootouts glänzte. Doch erst als Romo vor ein paar Jahren in die Kommentatorenkabine wechselte, konnte er das Stigma seines Fieldgoal-Holds endgültig ablegen – als Spieler war er bis zu seinem letzten Einsatz davon verfolgt worden.

Die Erzählung ist manchmal nicht ganz gerecht. Aber hey: Ohne den einen Moment wäre jenes Spiel auch längst vergessen und Romo womöglich für immer eine blasse Randfigur in den Geschichtsbüchern der NFL geblieben.

3 Kommentare zu “Der Moment, der Tony Romo berühmt machte

  1. „Doch ich schwenke ab.“ – Keine Ursache, eine wieder mal wunderbare Geschichte aus der NFL. Vielen Dank dafür! 🙂

  2. Passt eventuell auch noch dazu: Romos letztes „NFL Spiel“ war dann ja auch noch mal in Seattle in der Preseason. Und die dort erlittene Verletzung hat dann leider seine Karriere beendet.

  3. Auch ein „stilgebendes“ Spiel von Tony Romo war ein Regular Season Spiel gegen die Manning-Broncos 2013. Das nach Yards beste Spiel in Romos Karriere ging verloren, weil Tony in diesem wilden Shootout kurz vor Schluss beim Stand von 48-48 eine Interception warf.

    Espn schrieb:
    „Matt Prater kicked a 28-yard field goal as time expired after an interception by Romo spoiled the first 500-yard game in Dallas history.“
    Romo Stats: 25/36, 506 YDS, 5 TD, 1 INT
    https://www.espn.com/nfl/game/_/gameId/331006006

    Passt dann auch ins Bild, wenn Du das beste Spiel Deiner Karriere und ein historisches Spiel der Franchise-Geschichte trotzdem verlierst, noch dazu weil Du es „verbockt“ hast…

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