Als die Vuvuzelas verstummten

Lass uns mal auf den Tag zehn Jahre zurückblicken, als die Stadionatmosphäre an Stelle von Geistern von etwas dominiert wurde, das viele noch schlimmer fanden: Die Vuvuzela.

Südafrika 2010 war die „Vuvuzela-WM“. Ich fand die Tröten bei weitem nie so schlimm wie sie in vielen Kreisen gemacht wurden. Im Vergleich zu der Totengräberstimmung beim Sport in 2020 waren sie sogar ein Segen.

Südafrika 2010 war dank Jabulani-Effekt auch das Turnier der vielen Weitschusstore. Es war das Turnier, in dem die Franzosen sich und ihren Coach in einem geradezu abstrusen Akt der Selbstzerstörung in den Abgrund rissen. In dem TV-Liveübertragung in Nordkorea mit einem 0:7 debütierte. In dem die Azzurri in einer Gruppe mit Paraguay, der Slowakei und Neuseeland Letzte wurden!

In dem eine völlig trostlose spanische Mannschaft einen ebenso erwarteten wie öden Titel gewann. In dem eine holländische Mannschaft es glanzlos ins Finale brachte um sich als Treter und Kratzer zu verabschieden. Aber auch, in dem die deutsche Mannschaft ihr wahres Coming-Out als angehende Weltmacht hatte.

Die Vorrunde von Südafrika war geprägt von gruseligem Fußball, und wenn wir ehrlich sind, dann war die Ausscheidungsrunde nicht wesentlich besser – abgesehen von den beiden sensationellen Auftritten der deutschen Mannschaft gegen England und Argentinien.

Mit einer weiteren Ausnahme.

Am 2. Juli 2010 trafen Uruguay und Ghana im Soccer-City Stadion aufeinander. Ghana hatte sich als Gruppenzweiter hinter Deutschland für die Playoffs qualifiziert und im Achtelfinale die USA nach Verlängerung geschlagen. Die Urus hatten die Staffel mit Frankreich, Südafrika und Mexiko gewonnen und im Achtelfinale Südkorea geschlagen.

Uruguay trat mit dem dominantesten Offensivspieler des Turniers, Diego Forlan, an. Ghana hegte Hoffnungen, sich als erste afrikanische Mannschaft für das WM-Halbfinale zu qualifizieren. Am Nachmittag hatten die Niederlande ein okayes Spiel gegen Topfavorit Brasilien mit zwei Sneijder-Toren Brasilien gedreht. Ich erinnere mich genau an den Tag. Ein sehr heißer Tag. Ich schrieb meine allerletzte Prüfung an der Uni – das plötzliche Raunen vor dem offenen Fenster markierte die schnelle brasilianische Führung – was für eine Motivation, den Test so schnell es geht zu beenden!

Beim holländischen Comeback in der zweiten Halbzeit saß ich dann schon mit kühlem Blonden und kühler Blonder unter einem Schirm, vor einem Schirm in der Altstadt. Sehen konnte man nicht viel. Zu grell blendete die Sonne.

Das Spiel musste als einer der bis dahin wenigen sportlichen Aufreger jener schwachen WM durchgehen – doch es war nix gegen das, was am Abend folgte.

Ghana war kurz vor der Pause durch einen bizarren Fernschuss von Problem-Kid Sulley Muntari in Führung gegangen. Forlan hatte durch einen ebenso bizarren, nicht unhaltbar scheinenden Freistoß von der Strafraumecke ausgeglichen. Die Partie selbst bot danach vor allem Fight – bis zur letzten Minute.

Diese letzte Minute ist mit das prägendste Fußballerlebnis, an das ich mich erinnern kann. Sie steht auf einer Linie mit der Nachspielzeit in Barcelona 99, Dennis Bergkamp, dem Grosso-Tor im Halbfinale 2006 oder dem 7:1.

Spielstand 1:1, Freistoßflanke von rechts, 2x Kopfball Ghana, Abwehr vom Torwart, Nachschuss Appiah auf der Linie per Fuß abgewehrt, Kopfball Adiyiah, wieder Abwehr auf der Linie, ein Haufen Hände in die Höhe, Schiri spaziert rein und zeigt die rote Karte für den späteren „Beißer“ Luis Suarez, damals gerade an der Schwelle zum Weltklassestürmer.

Beziehungsweise zum Weltklasseblocker: Wiederholung, Kopfball Adiyiah, und Suarez wehrt den Ball auf der Linie mit beiden Händen wie ein einen Volleyball-Block ab. Erst jetzt wird klar: Es gibt Elfmeter für Ghana, in der letzten Minute der Verlängerung, der 120ten.

Der einstige Udinese-Stürmer Asamoah Gyan schnappt sich den Ball, Suarez trabt unter Tränen vom Platz und wir murmeln noch „wenn er jetzt nicht trifft, dann war die rote Karte zu wenig Bestrafung“. Doch Ghana steht gleich im Halbfinale! Eine afrikanische Mannschaft – mein Man Crush seit ich ein kleines Kind bin. Deutschland, Irland… und dann Afrika.

Gyan tritt unter trötendem Vuzu-Lärm an, und als der Ball an die Latte kracht, geht ein Raunen durch das riesige Stadion, und für einen Moment ist alles stumm.

Auch mein Herz steht. Kein Fußballmoment außer Solskjaer und Grosso hat mich vergleichsweise zerstört. Doch bei ersterem war ich noch ein Kind, und zweiteren habe ich mittlerweile verdaut. Gyan ist right next to it im Pantheon meiner bittersten Sportmomente ever.

Meine Liebe für den Fußball ist in den letzten Jahren deutlich abgekühlt. Gyans Lattenknaller aber regt in mir noch immer diesen Stoß in die Magengrube. Es hätte sein können! Ich weiß nicht, was ich an dem Moment rückwirkend am stärksten fand: Gyan Surrender-Cobra? Oder den einen Moment der Stille? Oder den Fakt, dass Gyan nur wenige Minuten danach als erster Schütze im Elferschießen den Ball ins rechte Kreuzeck zimmerte? Welche Eier muss man bitte dafür haben?

Uruguay gewann das Elferschießen mit 4:2, nachdem der verrückte Abreu den Ball in die Mitte gelupft hatte, doch überraschend war das nicht mehr. Wir können Win-Probability heranziehen und errechnen, dass Suarez‘ Abwehr nur maximal 15% Siegchance wert war – Gyans Fehlschuss dagegen über 35% (wenn wir konservativ annehmen, dass rund 70% der Elfmeter versenkt werden).

Gefühlt war das ganz anders. Gefühlt war das Spiel entschieden, es ganz still wurde.

Uruguay erklärte Suarez zum Helden, doch in der restlichen Welt war er eher der Bösewicht. Suarez ist einfaches Objekt der Kritik für seinen allgemein bissigen Stil, doch ich weiß nicht ob man ihm für den einen Block einen Vorwurf machen kann. Es war eine Reaktion aus dem Affekt, ein Reflex. Die meisten hätten den Ball auf ähnliche Tour geblockt. Er stand ganz einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.

Freilich war die WM 2010 in dem Moment nicht vorbei, aber emotional war ich so geflattet, dass ich den deutschen Kantersieg gegen Argentinien am nächsten Tag eher beiläufig mitnahm. Es war cool, aber es war eben nicht perfekt. Es konnte nicht mehr perfekt sein. Dass Deutschland gegen eine insgesamt langweilige spanische Mannschaft schließlich im Semifinale rausflog, durch einen billigen Eckball noch dazu, passte irgendwie zu jenem Turnier, das nur die paar wenigen Lichtblicke bot.

Ich weiß nicht, ob sich der Gyan-Elfer auch deshalb so tief in mein Hirn gebrannt hat, weil es in dem Turnier sonst so wenig Bewegendes gab. Ich weiß nur, dass er mir heute noch weh tut. Und das können nur ganz wenige Momente von sich behaupten.

5 Kommentare zu “Als die Vuvuzelas verstummten

  1. Wirklich unverschämt fand ich Suarez‘ Reaktionen danach. Zunächst das totale Unverständnis über die rote Karte, dann die Schadenfreude.

  2. Würde ich nicht so streng sehen. Die Reaktion im Spiel war, wie korsakoff schreibt, ziemlich sicher aus dem Effekt heraus. Und wenn dein Torwart das DIng hält, hätte sich wohl jeder gefreut.

  3. vor diesem Eintrag hätte ich mich an das Drama nicht so konkret erinnern können, aber krass wie jetzt die Erinnerung zurückkehrt. Ich habe es nachgeschaut: Gyan hatte in der Vorrunde zwei Elfer verwandelt und im Achtelfinale das Siegtor gegen die USA erzielt. Umso bitterer dass er dann die Entscheidung gegen Uruguay vergibt. Sehr schade.

  4. Ja das war schon krass. Gyan hat bei der WM auch ne Menge Elfmeter verwandelt. aber ja das war die dicksten Eier an die ich mich erinnern kann.

    Ich war dieses Jahr schon wehmütig das im Moment keine Europameisterschaft ist. und dann hab ich mich dran erinnert wie da meist Fußball gespielt wird.

  5. Suarez hat sich wohl gefreut weil das Spiel noch nicht verloren war.
    Wie man im Video auch sieht probiert sein Mitspieler das gleiche, aber trifft den Ball halt nicht.
    Irgendwie fühlt es sich für Ghana immer noch ungerecht an.

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