Corona-Pandemie und US-Football im Sommer 2020: Ein Überblick

Die Corona-Pandemie gefährdet mehr und mehr einen regulären Footballherbst in den Vereinigten Staaten. Ein kurzer Überblick.

NFL

Offiziell plant die NFL einen regulären Saisonstart Anfang September, doch im Hintergrund wird bereits mit Hochdruck an den eventuellen Notfallplänen gearbeitet. Bislang bekannt ist:

  1. Das Hall of Fame Game Anfang August sowie die ersten beiden Wochen der Preseason wurden bereits abgesagt.
  2. Die Trainingslager müssen in den Team-Facilities und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, mit Zugangsbeschränkungen für verschiedene Personengruppen und strengen Auflagen beim Mindestabstand. So viele Team-Meetings wie möglich sollen online stattfinden. Maximal zwei Einheiten dürfen im Stadion und vor Leuten stattfinden – sofern es die lokale Gesetzgebung erlaubt.
  3. Die NFL soll anders als eine NBA oder NHL nicht in einer Blase stattfinden. Das heißt: Teams können in Hotels einquartiert werden, müssen aber nicht. Spieler dürfen am Abend nach Hause.
  4. Im Fall einer Infektion ist ein striktes Protokoll zur Isolierung Die Einhaltung aller Maßnahmen soll durch unangekündigtes Auditing überprüft werden.
  5. Die Trainingslager sollen zwar nach momentanem Plan noch zeitgerecht ab ca. Ende Juli beginnen, jedoch mit einer längeren „Aufbauperiode“, in der Spieler nach einer Offseason mit recht wenig Kontakt langsam akklimatisiert werden.
  6. Über die Länge der Preseason wird noch verhandelt. Der Plan der NFL sieht momentan für die Wochenenden vom 23. und 30. August Spiele vor. Die NFLPA will die Preseason komplett streichen.
  7. Für alle Spieltage von Preseason und Regular Season gilt folgende Vorgehensweise: Alle Umkleidekabinen und anderen notwendigen Räumlichkeiten in den Stadien müssen die Einhaltung des Mindestabstands von ca. 1.80m garantieren. Auswärtsteams reisen erst am Tag vor dem Spiel an. Handschlag und Trikot-Tausch werden untersagt, aber es gibt keine Maskenpflicht an der Seitenlinie – nur eine Masken-„Empfehlung“. Interviews nach dem Spiel finden online statt.

Gut zwei Monate vor dem geplanten Saisonstart ist die weitere Entwicklung des Coronavirus in den Staaten nur schwer zu prognostizieren, da die US-Regierung und zahlreiche von Republikanern regierte Bundesstaaten weiterhin das Offensichtliche leugnen und nur widerwillig Maskenpflicht und Kontaktsperren implementieren.

Stand jetzt würde mich auch ein verschobener Saisonstart bis hin zu einem Komplettausfall der NFL-Saison nicht mehr überraschen – und dann sind zahlreiche essenzielle Fragen ungeklärt:

  1. Wie geht man in den nächsten Jahren mit der Salary-Cap um, die an den Umsatz der NFL gekoppelt ist? Was, wenn die Stadien leer sind und es keine Ticket-Einnahmen gibt? Was, wenn es weniger Spiele gibt? Wie schlimm wird die Wirtschaftskrise die NFL in den nächsten Jahren treffen, wenn TV-Anstalten weniger Werbeeinnahmen generieren können?
  2. Wie geht man mit Spielern um, die aus Angst vor der Infektionsgefahr die Saison aussitzen wollen: Entlassen, suspendieren, voll bezahlen, oder Mittelding?
  3. Sofern mindestens ein Teil der Saison stattfindet: Wie füllt man die Roster bei eventuellen Ausfällen durch Infektionen nach?
  4. Wie viele Fans will man ins Stadion lassen: Gar keine, oder wie z.B. Jacksonville im geplagten Florida vorschlägt, rauf bis zu 20% Kapazität?

Die NFL-Spielergewerkschaft scheint in den Verhandlungen momentan durchaus mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Spieler wie Buccs-LT Donovan Smith stehen einer regulären Saison sehr skeptisch gegenüber, aber im gleichen Team gibt es mit LB Devin White einen Spieler, der dieser Tage eine Mega-Party für weit über tausend Leute schmeißt, auf alle Bedenken scheißend. Bei solchen Nachrichten brauchst du dich dann auch über bissige Verhandlungstaktik seitens der NFL-Owner nicht zu wundern.

College Football

Wo es in der NFL eine zentrale Instanz gibt, die alle Pläne steuert, ist das im College Football bekanntlich anders. Die NCAA hat als oberste Instanz längst nicht so viel Macht um in die Spielplangestaltung, geschweige denn den Tagesablauf, der einzelnen Universitäten oder Conferences einzugreifen (ihre Macht beschränkt sich primär auf dem Erhalt des Amateurstatus).

In den letzten Tagen haben die Big Ten Conference und die Pac-12 Conference bekannt gegeben, dass sie keine volle Saison spielen werden und sich dafür auf die Conference-Spiele beschränken. Die ACC scheint das ebenso bereits entschieden zu haben, klärt gegenwärtig noch ab, wie man mit dem Partner Notre Dame (ein Independent) umgehen sollte, mit dem man vertraglich 5 Spiele pro Saison als „halbes“ Conference-Mitglied vereinbart hat.

Es gilt als Frage der Zeit, bis SEC und Big 12 nachziehen. Diese beiden Conferences spielen primär in Staaten, die von Trump-Spezis regiert werden, doch der Zeitpunkt, an dem sich selbst der glühendste Anhänger des Präsidenten nicht mehr der Realität verschließen kann, ist nahe.

Eine verkürzte College-Saison ist also unausweichlich. Vielleicht wird sie sogar komplett verschoben oder abgesagt.

Die reiche Ivy-League hat diesen Weg bereits eingeschlagen und die Herbst-Footballsaison bereits abgesagt. Eventuell könnten die Spiele im Frühjahr nachgeholt werden. Ob das auch für die großen FBS-Conferences möglich ist, muss man abwarten.

Theoretisch sollte es ein Klacks sein, den Ende April/Anfang Mai 2021 stattfindenden NFL-Draft zu verschieben um die College-Footballsaison ab Februar oder März zu ermöglichen. Doch praktisch gibt es dazu noch so gut wie keine Infos.

Was mittlerweile dem Letzten klar ist: Ein Ausfall der College-Footballsaison wäre ein finanzielles Desaster für so gut wie jede Universität und käme einem Dolchstoß für zahlreiche Athletic-Departments in den USA gleich. Das wirft einmal mehr nicht bloß eine wirtschaftliche, sondern auch eine ethische Frage nach der Berechtigung von College-Sport (vor allem Football) auf, der auf dem Pfeiler des Amateurstatus fußt – ein Amateurstatus, der heute so überholt wie nie aussieht.

Rodger Sherman hat in einem brillanten Artikel beim Ringer dieses Teufelsdreieck zwischen…

  1. Geld
  2. Hautfarbe
  3. Sicherheit

…im College-Football beschrieben, in dem ein vor allem von Schwarzen gespielter Sport ausgeschlachtet wird um vor allem von Weißen gespielte Sportarten zu finanzieren, in dem vor allem weiße Coaches die hohen Gehälter einstreichen, die die ungeschützten Spieler nicht kassieren – jene ungeschützten Spieler, die nach Plänen der Verantwortlichen auch in diesem Herbst ihre Knochen (und Lungen) hinhalten sollen, damit ein auf Unrecht fußendes System auch künftig am Leben erhalten werden kann.

Zahlreiche vor allem schwarze Football-Prospects wollen dennoch spielen – schließlich ist der Football ihr einziger Ausweg aus einem Leben am Abgrund. Ihre Logik ist simpel: Kommst du jetzt über das Virus hinweg, bist du im Herbst einsatzfähig. Eine bizarre, aber bisweilen auch nachvollziehbare Idee, die viele Probleme nicht nur gut zusammenfasst, sondern auch aufs Neue wieder befeuert.

Die nächsten Wochen werden entscheidend.

7 Kommentare zu “Corona-Pandemie und US-Football im Sommer 2020: Ein Überblick

  1. Danke für den Überblick. Ringer Artikel ist wirklich gut.

    Kommt noch was zu Mahomes irgendwann? Aber kein Stress. Sportlich dürfte in naher Zukunft ja leider nicht allzu viel passieren…. Dein Blog fehlt mir jetzt schon manchmal wenn es nix Neues gibt haha.

  2. Soll ich noch was machen? Ich hab mir den Mahomes-Vertrag noch gar nicht angesehen…

    Sieht interessant, aber auf jeden Fall weniger revolutionär als gedacht aus.

  3. Sieht aus meiner Sicht vor allem sehr teamfreundlich aus, wenn nicht die Regeln rund um garantiertes Gehalt es unmöglich machen Mahomes im Zweifel auch nach Jahr 5 oder so zu entlassen. Planungssicherheit, abgesehen von Leistungsschwankungen hat KC die Kontrolle auf der wichtigsten Position im Team und auf lange Sicht vermutlich günstiger als in 4 Jahren mit gestiegener Cap neu zu verhandeln. Als GM wäre ich zufrieden.

    Mahomes hat hoffentlich im Gegenzug gute Garantie für den Verletzungsfall ausgehandelt und bekommt natürlich das ganz klare Zeichen dass er in Kansas „the guy“ ist. Spannend wird der Vergleich mit Dallas, wo Dak Prescott ja scheinbar lieber den gegenteiligen Weg mit kurzem Vertrag und Chance auf neue Verhandlungen mit gestiegener Cap will.

  4. Gerne! Revolutionär ist der Vertrag sicher nicht, aber die Vertragslänge ist doch eher ungewöhnlich, oder?

  5. Einige QB hatten solange Laufzeiten McNabb, Bledsoe, Favre, Culpepper und Vick.
    Keiner hat den Vertrag bei dem Club zu Ende gebracht und das Ende kam meistens deutlich früher.

  6. @sidelinereporter Klar, ich bitte darum!

    Nun wenn Mahomes halbwegs sportlich auf diesem Level bleibt halte ich es für unwahrscheinlich das KC ihn ziehen lässt. Verletzungen scheinen mir da realistischer als Trennungsgrund.

  7. Aus meiner Sicht ist der Mahomes Vertrag schon etwas Besonderes. Die hohen Garantien greifen selbst in den letzten Jahren bereits am 3. Spieltag der Vorsaison und nicht in der Offseason. Die Chiefs müssten über die kompletten 10 Jahre bei einer Entlassung um die 45 bis 50 Mio. USD Cap Hit hinnehmen. Das ist mit den sonst üblichen Langzeitverträgen kaum vergleichbar.

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