Der Patrick-Mahomes-Vertrag unter der Lupe

Guten Morgen. Glauben wir den Gerüchten, so wird der heutige Montag in die NFL-Annalen eingehen als der Tag, an dem die Washington Redskins ihr Logo und ihren Namen abgeben werden.

Wie genau es an der Front dann weitergeht, ist noch nicht klar, aber es mehren sich die Gerüchte, dass ein Namenswechsel nicht die einzige Änderung in der Franchise bleibt. Die Gerüchteküche wird von Tweets wie dem folgenden von Scott Abraham befeuert. Gestern wurden z.B. mehrere hochrangige Angestellte gefeuert. Etwas weiter gedacht: Könnte es sogar darauf hinauslaufen, dass Dan Snyder den Laden zum Verkauf anbietet?

Viel ist noch nicht klar, daher lass uns für heute erstmal zu einem Thema wechseln, bei dem wir bereits wissen wo wir stehen… Ich weiß, ich bin sehr spät dran, aber auf Nachfrage hier noch ein Überblick zum neuen Vertrag von Chiefs-Superstar QB Patrick Mahomes.

Die meisten werden die Zahlen mittlerweile grob kennen: 477 Mio. USD „guaranteed“ über 12 Jahre, mit Option auf bis zu 503 Millionen Dollar – der dickste Sportlervertrag der Sportgeschichte. Und trotzdem wird er von vielen als teamfreundlich gefeiert.

Rahmendaten

First things first: Der Vertrag ist in Wirklichkeit eher ein 10-Jahresvertrag über ungefähr 450 Mio; er läuft zwar bis maximal 2031, doch bis 2022 wäre Mahomes sowieso an die Chiefs gebunden gewesen, und nehmen wir diesen Breakdown als Grundlage, so hat sich an den Zahlen für diese beiden ersten Jahre relativ wenig geändert:

Kurz ein paar Auffälligkeiten zu den Zahlen selbst (siehe hier den ganzen Vertrag):

  • 503 Mio ist das „Max-Value“. Doch 25 Mio. davon sind Cash-Ausschüttung in den nächsten zwei Jahren und 25 Mio. sind Prämien für hoch gesteckte Ziele (MVP und Super Bowl – ich liebe den Fakt, dass sich Mahomes keine Pro Bowls und All Pros diktieren ließ, sondern nur die am höchsten hängenden Trauben!)
  • Macht 12 Jahre, 477 Mio. „guaranteed“ mit maximal 503 Mio. oder eben Extension um 10 Jahre für etwa 450 Mio. mit Option auf roughly 475 Mio.
  • 10 Jahre Dauer. Das ist ungewöhnlich; ich schreibe unten noch mehr dazu.
  • Niedriger Signing-Bonus von 10 Mio: Das gibt den Chiefs Cap-Flexibilität in den nächsten Jahren. Sie können kurzfristig durch Umwandlung von Fixgehalt in Handgeld Cap-Raum schaffen – verzögert aber den Cash-Flow für Mahomes.
  • Der Cash-Flow in den ersten Jahren erschreckt mich nicht: Ca. 60 Mio. in den ersten drei Jahren, das ist eher unterhalb als oberhalb von Kollegen wie Tannehill oder Matt Ryan.
  • Der Vertrag hat dem Vernehmen nach 140 Mio. Injury-Guarantee.

Die Guarantee-Geschichte muss kurz erklärt werden: Die kolportierten Zahlen sind keine „fully guarantees“, d.h. Mahomes kann Stand heute nicht zu 100% mit der Auszahlung der 477 Mio. rechnen. Doch durch die Struktur des Vertrags mit sogenannten „rolling guarantees“ kann er zumindest mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit dem Geld rechnen.

Genauer: Nur die Gehälter bis 2022 sind mit dem Trocknen der Tinte von Mahomes‘ Unterschrift fully guaranteed – er bekommt sie also auf jeden Fall. Danach aber handelt es sich jeweils um so genannte Roster-Boni.

Bei denen müssen die Chiefs anfangs zwei Jahre im Voraus entscheiden ob sie Mahomes‘ Vertrag um ein weiteres Jahr verlängern: Im März 2021 müssen sie entscheiden, ob sie Mahomes für das Jahr 2023 behalten wollen; wollen sie, so wird zu Beginn des Liga-Jahres 2021 der Vertrag für 2023 guaranteed. Ab 2025 müssen sie immer ein Jahr im Voraus entscheiden, ob sie mit Mahomes ein weiteres Jahr verlängern wollen. Diese Roster-Bonus Geschichte haben wir in ähnlicher Form auch beim Tannehill-Vertrag in Tennessee gesehen, nur bei ungleich kürzerer Laufzeit (und für einen ungleich unsichereren Quarterback).

Im schlimmsten Fall wedeln die Chiefs also irgendwann in ein paar Jahren für ein Jahr die weiße Fahne und gehen mit Mahomes‘ Entlassung in ein Jahr des Rebuilds. Doch so weit kommt es nur, wenn Mahomes entweder eine katastrophale Verletzung (Ausmaße in etwa Teddy Bridgewater oder Alex Smith) erleidet, oder sportlich gegen jede Erwartung total abschmiert. Denn normalerweise werden Quarterbacks in der NFL nur dann entlassen, wenn sie entweder sportlich auf Replacement-Level spielen oder mehr als ein Jahr mit Verletzung ausfallen.

Mahomes kann sich seiner Sache also ziemlich sicher sein – und sollte es zu einer Freak-Verletzung kommen, reitet er mit 140 Mio. Injury-Versicherung in den Sonnenuntergang und wird Amerikas beliebtester TV-Analyst.

Ein bisschen Kontext

Der Mahomes-Vertrag ist am Ende nicht so revolutionär geworden wie man vielleicht gedacht hätte. Es ist keine prozentuale Bindung an die Salary-Cap geworden. Vielmehr ist der Vertrag fast so etwas wie zurück in die Vergangenheit: Die Zeiten dieser ewig lang laufenden Verträge schienen eigentlich längst vorbei – sie waren vor 15 Jahren gang und gebe, mit Favre, Culpepper oder McNabb auf diesen NHL-artigen Langzeitverträgen.

Das Problem an diesen langen Verträgen betraf die Spieler: Weil die Salary-Cap stetig anstieg und die Quarterback-Gehälter sogar überproportional dazu anstiegen, waren diese Spieler alsbald unterbezahlt und hatten kaum Verhandlungsmacht um etwas an ihrem Status zu ändern – daher sind sie in den letzten Jahren so gut wie ausgestorben. In der Causa Dak Prescott zum Beispiel ist aktuell die Dauer ein Streitpunkt: Das Team will fünf Jahre, der Spieler nur vier. In vier Jahren mit höherer Salary-Cap lässt sich schneller nachverhandeln als erst in fünf.

Nun hat ausgerechnet Mahomes so einen langen Vertrag unterschrieben – der Spieler mit der eigentlich größten Verhandlungsmacht in der ganzen NFL.

Wenn man die Mahomes-Zahlen anschaut, so schreiben die Jahre 2022-2026, also die ersten Jahre der „Extension“, im Schnitt mit 39 Mio./Saison in der Salary-Cap an. Das wäre ein Anstieg von rund 4 Mio. über den momentan teuersten APY (average per year) QB-Vertrag von Russell Wilson (35 Mio/Jahr) – also nix total Wesentliches.

In der zweiten Hälfte ist der Vertrag dann ziemlich genau 50 Mio/Saison wert (das Jahr 2027 ist dabei mit satten 59 Mio. Cap-Zahl prädestiniert für eine Umstrukturierung). Klingt heute nach extremst viel Geld, doch die Quarterback-Verträge sind in den letzten 15 Jahren deutlicher gestiegen – über einen Sechsjahreszeitraum meistens um die 35-50%.

Nehmen wir 35 Mio. (Wilson) oder 39 Mio. (Mahomes) als Grundlage für das Heute, so sprechen wir in den Jahren 2026 oder 2027 bei in etwa gleichbleibendem Anstieg der Salary-Cap und gleich bleibendem Anstieg der Quarterback-Inflation in etwa von einer Range von 47-59 Mio. für das Quarterback-Topgehalt – mit klarer Tendenz zu den höheren Werten:

  • 35 Mio x 135% = 47 Mio.
  • 39 Mio x 135% = 53 Mio.
  • 35 Mio x 150% = 53 Mio.
  • 39 Mio x 150% = 59 Mio.

Wir sehen: Im Best-Case ist der Mahomes-Vertrag im Jahr 2027 „in line“ mit den anderen Top-QB Verträgen, im Worst-Case (aus Spielersicht) ist er ein durchaus „billiger“ Vertrag aus Sicht der Chiefs. Daher „teamfreundlich“ trotz fast einer halben Milliarde Dollar Gesamtvolumen.

Natürlich gibt es momentan Unsicherheit ob der Entwicklung des Salary-Caps, der an den NFL-Umsatz gebunden ist: Weniger Zuschauer im Stadion macht weniger Einnahmen für die Liga. Natürlich ist die NFL ein TV-Sport, und wie hoch ist die Sicherheit, dass die großen Networks in den nächsten Jahren in Zeiten einer möglichen Wirtschaftskrise in den USA die erwarteten Werbeeinnahmen für eine Revenue-Explosion anbieten können? Durchaus möglich, dass die Salary-Cap erstmal stagniert oder eine Entwicklung unter der Erwartung nimmt.

Bloß: Das hatten wir alles schon. In den Jahren 2010-2013 ist die Salary-Cap für einige Jahre durch das neue CBA stecken geblieben – ein Problem, das die Spieler bis heute spüren. Oder besser: Die non-QBs. Quarterbacks haben von der Entwicklung relativ wenig mitbekommen – ihre Gehälter sind immer weiter gewachsen, analog ihrer Bedeutung für den Sport.

Und wenn wir Analytics genauer verfolgen, dann sehen wir schon jetzt, dass die besten Quarterbacks in der NFL mit 20% des Caps (40 Mio von 200 Mio) gemessen an ihrer Bedeutung eher unter- als überbezahlt sind. Wird Analytics wichtiger, könnte auch das Ansehen der Quarterback-Position in den nächsten Jahren weiter zunehmen.

Quarterbacks sind der Dreh- und Angelpunkt der Offense. Nicht bloß machen sie die Würfe. Sie sind entscheidend für den Gameplan. Wir haben in den letzten Jahren sogar gelernt, dass sie einstige Bastionen der Offense Line (wann kommt der Pass-Rush) besser kontrollieren als ihre Protection – und dass sie verantwortlich sind dafür, dass Offense so viel stabiler zu bauen ist als Defense.

Und so ist ein 60 Mio. QB im Jahr 2027 gar nicht mehr so undenkbar – und Mahomes, der momentan beste von allen – plötzlich ein echtes Schnäppchen.

Warum hat Mahomes den Deal also gemacht?

Nehmen wir mal an, dass Mahomes kein reiner Wohltäter ist und durchaus rational gehandelt hat, dann klingen mir prinzipiell drei Ideen durchaus plausibel.

#1 Slashy-Move: Vielleicht, um die Zahl von 500 Mio. kommunizieren zu können?

#2 Sicherheit: Diese lange Laufzeit ist natürlich etwas verwirrend, gibt Mahomes aber mit den Zahlen immerhin große finanzielle Sicherheit in einer unsicheren Zeit.

#3 Werbeikone: Der Quarterback eines alljährlichen Titelkandidaten lässt sich teurer vermarkten als ein All-Pro, der zwei Jahre en suite wegen absurder Defense die Playoffs verpasst hat. Paar Millionen fürs Team übrig lassen um sie hintenrum durch lukrative private Werbeverträge wieder reinzuholen klingt ungelogen nach einer rational guten Entscheidung aus finanzieller Sicht.

Bewertung

Mahomes hat auf alle Fälle schon jetzt ausgesorgt. Er pulverisiert erstmal den Quarterback-Markt, wenn auch nicht in dem Ausmaß, in dem man es erwartet hatte. Die Tatsache, dass er an der 40-Mio./Jahr Marke kratzt, könnte erstmal eine Deckelung der Quarterback-Gehälter bewirken („Kyler, du bist eine coole Socke, aber du willst ernsthaft MEHR ALS MAHOMES???“). Doch irgendwann in den nächsten 2-4 Jahren wird die Marke geknackt und ein neuer Anker aufgemacht.

Und dann spielen die Chiefs mit dem mutmaßlich noch immer besten Quarterback der NFL unter einem Discout-Vertrag mit der Chance, eine echte Dynastie am Leben zu halten. Superbowls kommen nie einfach, auch nicht für den besten von allen. Aber ein nicht-blockierender Quarterback-Vertrag macht dieses Ziel viel greifbarer.

Deshalb halte ich die Bewertung „Win / Win“ für eine angemessene: Es profitieren beide. Die Chiefs, weil sie das größte Juwel der NFL auf viele Jahre zu guten Konditionen halten. Und Mahomes, weil er ohne alle Register zu ziehen abcasht ohne seine eigenen sportlichen Aussichten frühzeitig aus eigenen Stücken zu torpedieren.

2 Kommentare zu “Der Patrick-Mahomes-Vertrag unter der Lupe

  1. Hat was von Brady. Der war auch unterbezahlt, hat stattdessen Ringe gesammelt. Gute Sache. Ich freu mich für die Chiefs und Mahomes. Und uns natürlich, die Jungs in rot werden eine Augenweide bleiben. 🙂

  2. Pingback: Washington Harassers | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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