Washington Harassers

Die seit Tagen angekündigte Bombe in Washington ist gestern am späten Abend geplatzt. Die Washington Post hat in einem mittlerweile frei zugänglichen Artikel („From Dreamjob to nightmare – 15 women accuse then-Redskins employees of sexual harassment“) detailliert die Kultur der sexuellen Belästigung in der Footballfranchise, die ehemals als Redskins bekannt war, aufgezeichnet.

Es ist eine ziemlich unappetitliche Geschichte: 15 Frauen schildern das Klima innerhalb der Redskins-Organisation, in der sexistische Spitzen von hochrangigen Managern bis runter zum Fußvolk in Richtung der angestellten Frauen offenbar an der Tagesordnung standen und sogar die Architektur des Headquarters mit ihren durchsichtigen Glastreppen für ungenierte Blicke entfremdet wurde.

Vorwürfe dieser Art an die Organisation sind nicht neu: Schon vor ein paar Jahren kam eine Geschichte um das Cheerleading-Team auf, das mehr oder minder zu einem Nacktfoto-Shooting in die Karibik gezwungen wurde.

In dem jetzigen Artikel bleiben 14 der Frauen anonym – sie alle hatten bereits NDAs mit dem Team unterzeichnet. Das wirft natürlich die Frage nach der Mitwisserschaft vom in den USA seit langem verhassten Owner Dan Snyder auf. Der Artikel gibt keine expliziten Hinweise darauf, dass Snyder aktiv in die Belästigungsgeschichte involviert war. Doch die verwendete Formulierung…

No woman accused Snyder or former longtime team president Bruce Allen of inappropriate behavior with women, but they expressed skepticism the men were unaware of the behavior they allege.”

…legt natürlich wie die vielen Schweigegelder nahe, dass sich Snyder irgendwo zwischen Wegschauen und Tolerieren bewegte. Ob Snyder wie vor ein paar Jahren beim deutlich „aktiver involvierten“ ex-Panthers-Owner Jerry Richardson zum Verkauf der Franchise gezwungen wird, bleibt abzuwarten.

Über die Tragweite der Geschichte

Dass die Geschichte ausgerechnet jetzt recht zeitnahe mit dem Namenswechsel der Franchise zusammenfällt, wirkt nicht wie ein Zufall. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Sponsoren, die Snyder vor ein paar Wochen zum Namenswechsel gedrängt haben, den Zeitpunkt ausgerechnet so wählten, dass er in etwa mit der Veröffentlichung dieser skandalösen Geschichte übereintrifft um noch größeren Imageschaden zu verhindern?

Eine weitere Facette der Geschichte betrifft die sozialen Medien, die die anstehende geheimnisvolle Veröffentlichung der Washington-Post-Geschichte in den letzten Tagen hochschaukelten zu einer Kombination aus Sexorgien, Weinstein/Epstein-Verstrickungen und Schiedsrichterbestechung, die über Washington hinaus gingen. Gemessen an dieser abstrusen Erwartung an die Geschichte wirkt sexuelle Belästigung von weiblichen Angestellten fast „harmlos“.

Doch genau das macht diese Story so linkisch. Man sollte sich nicht blenden lassen vom Ausmaß. Die Geschichte ist hässlich und hat große Tragweite, die Leaks im Vorfeld wirken konstruiert, und die Tatsache, dass niemand, wirklich niemand, überrascht zu sein scheint sagt einiges aus über den generellen Umgang mit Frauen im Sport, und wie man sie sieht, und wohl auch darüber hinaus.

Die Tatsache, dass Top-Manager über fast 15 Jahre nachgewiesen und ohne Scham Angestellte bedrängen konnten ohne auch nur eine Abmahnung zu befürchten während gleichzeitig zahlreiche Frauen zum Verstummen gebracht wurden, muss eigentlich weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen.

Wie diese aussehen werden? Abwarten und Tee trinken. Die NFL hat sich in den Stunden seither auffällig ruhig verhalten. In Washington ist die Rede von einem Kulturwandel – der neue Head Coach Ron Rivera, der schon beim Richardson-Desaster in Carolina als Cheftrainer fungierte, soll als Gesicht des Wandels operieren.

Doch gleichzeitig besteht die Gefahr, dass dieser „Wandel“ hinter einem neuen Logo und einem neuen Spitznamen versteckt wird, während echte personelle Konsequenzen mal wieder verschleppt werden.

6 Kommentare zu “Washington Harassers

  1. Absolut widerliche Geschichte. Zur Zeit lese ich immer wieder solche Artikel über US Sport, die mich an der Menschheit zweifeln lassen. Dass es um Business und Geld geht, ist eh klar. Aber die Würde des Menschen ist unantastbar…
    Die Story über Elena Delle Donne fällt in dieselbe Kategorie. Die Spielerin – WNBA MVP 2019 – soll diese Saison trotz einer Art Borreliose Erkrankung spielen. Auch wenn ihr behandelnder Arzt und auch der Washinton Mystics Teamarzt sagen, sie sollte nicht spielen. Sie gehört zur Covid-19-Risikogruppe aufgrund einer ihrer Erkrankung geschuldeten Immunschwäche. Hier der Artikel vom Players Tribune:

    https://www.theplayerstribune.com/en-us/articles/elena-delle-donne-wnba-season-lyme-disease

  2. Ich glaub‘ immer noch, dass es Washington Custers wird. Riverboat Ron sprach von Bezug zum Militär und Würdigung der Natives. Das Logo könnte dann sogar bleiben.

  3. Nach diesen Veröffentlichungen sollte und dürfte der neue Teamname nur untergeordnete Bedeutung haben. Das die breite Masse dies evtl. anders sieht, ist eines der Probleme, denn so sind die Anschuldigungen nicht im Fokus. Und natürlich ist es kein Zufall, dass die Geschichten jetzt öffentlich werden (Ist Bezos wirklich an der Franchise interessiert?). Konsequenzen? Können nur von der NFL kommen, die wird sich, wie geschrieben, abwartend zeigen. Aussitzen ist doch das Mantra der alten, reichen und weißen Seilschaft.

  4. Bitter aber nicht überraschend. Und das ist das eigentlich üble an der ganzen Geschichte.

    Daß Snyder 14 Frauen nicht erlaubte aus dem NDA auszusteigen und jetzt seine eigene Untersuchung einleiten will, passt da gut ins Bild.

  5. Pingback: All-32: Washington 2020 Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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