All-32: New England Patriots 2020 Preview

Ungewöhnlich viel Unsicherheit um den Zustand der New England Patriots im Vorfeld der Saison 2020/21.

Natürlich markiert der Abgang von Superstar-QB Tom Brady das Ende einer Ära. Es mag in einem Peyton Manning oder Peak-Rodgers/Mahomes noch bessere zeitgenössische Quarterbacks gegeben haben, aber in Summe hat Brady wohl die beste QB-Karriere aller Zeiten hingelegt. Die Symbiose Brady/Belichick war prägend für die wahrscheinlich größte NFL-Dynastie ever.

Ich weiß nicht, wie schlimm Bradys Abgang sportlich ist. Brady hat schon die letzten beiden Jahre merklich abgebaut. Aber in Kombination mit zahlreichen Personaländerungen in der zuletzt so dominanten Defense ist praktisch fix, dass die Pats diese Saison zum ersten Mal seit ewigen Zeiten nicht mehr als einer der Top-Superbowl-Contender in die Saison gehen.

  • Bilanz 2019: 12-4
  • Pythagorean: 13.1 Siege (#2)
  • Close Games: 4-3
  • Offense EPA/Play: +0.01 (#15)
  • Defense EPA/Play: -0.22 (#1)
  • Turnovers: +21
  • Adjusted Games Lost: #22

Die Turnover-hungrige Defense war 2019 ein wohl einmaliger Ausreißer, eine Kombination aus Super-Coverage, tiefem Kader und schwachen Gegnern. -0.22 EPA/Play ist nicht wiederholbar; hier zur schnellen Einordnung einige der markantesten Defenses im letzten Jahrzehnt:

  • 2010 Steelers -0.11 EPA/Play
  • 2012 Bears -0.14 EPA/Play
  • 2013 Seahawks -0.14 EPA/Play
  • 2015 Broncos -0.13 EPA/Play
  • 2017 Jaguars -0.16 EPA/Play
  • 2018 Bears -0.12 EPA/Play
  • 2019 Patriots -0.22 EPA/Play

Wir müssen schon bis 2008 zurückgehen um eine ähnlich dominante Defense (Ravens) nach EPA/Play zu finden – und das in einer um einiges weniger offensivlastigen Ära.

Offense

Die Patriots tauschen den QB aus, aber ansonsten bleibt fast alles beim Alten. Just als man begann zu glauben, dass Belichick tatsächlich mit Jarrett Stidham eine Art „boom or bust“ Saison antreten würde, holte man Ende Juni noch den ikonischen Cam Newton vom Transfermarkt. Man darf jetzt sehr gespannt sein, wie OffCoord Josh McDaniels Newton einbaut. Alle Befürchtungen von wegen „passt nicht in die Offense“ kann man in die Tonne kloppen, denn es gibt wenige Systeme, die so wandelbar sind wie jenes der Pats. Oberste Prämisse von deren Coaches: „Bring die Spieler in die bestmögliche Position“.

Es mag noch immer Fragezeichen um den Zustand von Newtons Schulter geben, aber fix ist: Er ist ein fantastischer Athlet. Er hat ganz spezielle Fähigkeiten als Runner, um die herum man eine ganz eigene Art von Offense spielen kann.

Newton hat auch einen Ruf als exzellenter Deep-Thrower. Das kommt v.a. von seinem starken Arm. Aber ehrlicherweise hatte er abseits von 2015 nie den ganz großen Erfolg mit den tiefen Bomben. Die Pats haben auch keine Waffen, die sich tief freilaufen könnten; möglicherweise gedenkt McDaniels auch die Blaupause von 2018 in Carolina nachzuahmen: Mehr Kurzpassspiel.

Das Personal um den QB herum bleibt suspekt. Die Offense Line (schon 2019 nur mehr #18 in PBWR) verliert in Dante Scarnecchia den Line-Coach, RT Marcus Cannon setzt die Saison Corona-bedingt aus. LT Wynn ist jung und hat kaum gespielt, C David Andrews kommt von einem Jahr mit vielen Verletzungen zurück; immerhin ist man auf beiden Guard-Positionen exzellent besetzt.

Man hat auf Runningback zahlreiche Bodys und auch teils gute Pass-Catcher, aber es ist eben Runningback. Auf Tight End gibt es in Asiasi und Keene zwei unerprobte Rookies, auf Receiver hat Belichick trotz tiefer Draftklasse nix gemacht. Es bleiben ein 33-jähriger Edelman, ein letztes Jahr geholter Mo Sanu, ein als Rookie sehr enttäuschender N’Keal Harry sowie einigermaßen interessante Spieler für die Kadertiefe wie Damiere Byrd.

Defense

Die Defense muss extrem viele Abgänge und Corona-Pausen wegstecken:

  • Abgänge: DT Danny Shelton, LB Kyle Van Noy, LB Jamie Collins, FS Duron Harmon
  • Corona: LB Donta Hightower, FS Patrick Chung

Die Front-Seven ist damit so gut wie namenlos und dürfte personell eine der am schwächsten besetzten Positionen in der ganzen NFL sein – es sei denn, die beiden Mid-Round Rookies John Uche und Anfernee Jennings schlagen entgegen aller Erwartungen sofort wie Bombe ein.

Dafür hat man eine weiterhin nominell exzellente Secondary mit dem goldenen Cornerback-Quartett Stephon Gilmore, JC Jackson, Jason McCourty und Jonathan Jones. Kaum ein Team in der NFL bietet Vergleichbares auf. Auch Safety ist trotz Chungs Absenz und Harmons Abgang weiterhin gut besetzt: Devin McCourty, Adrian Phillips und Rookie Kyle Dugger.

Charakteristisch ist eine hohe Rate an Manndeckung sowie sehr viel „Sub-Package“: 42% Nickel und obendrauf 35% Dime-Defense (6 DB): Das ist ziemlich brutal. Viel wird sich daran auch nicht ändern, so ausgeblutet wie die Front-Seven mittlerweile ist.

Die Effizienz von 2019 ist trotzdem nicht zu wiederholen, schon allein wegen der 36 Turnover (nur Pittsburgh hatte mit 38 mehr). Vielleicht bleibt die Pats-Defense eine Top-10 Unit in der NFL. Aber auf Top-5 würde ich aufs Verrecken nicht wetten.

Ausblick

Für die Pats ist es ein Jahr des Umbruchs. Man hat die Blutauffrischung in der Defense eingeleitet. Es gibt natürlich noch immer Gerüchte um ein mögliches Tanking – und sollte das mit Cam Newton in den ersten Wochen überhaupt nicht klappen, kann Belichick noch immer den Switch auf QB Stidham durchziehen und einen etwas langfristigeren Fokus einlegen.

Doch sollte Newton aber zünden, sind die Pats noch immer der Favorit in der AFC East; die Division ist insgesamt durchaus schwach – ein Newton auf 80% Leistungsstärke dürfte der beste QB in der Division sein, und das dürfte gepaart mit der Defense reichen.

Viel mehr „Erwartung“ kann man an die Pats nicht stellen, weil einfach alles denkbar ist. Grundsätzlich bin ich ziemlich gespannt darauf, wie die Offense mit Newton aussieht – ich halte ihn gemessen an dem eher miesen Skill-Player Corps sogar für die bessere Lösung als eine Statue wie Brady.

Ich wäre letztlich mehr überrascht, wenn die Pats mit Stidham auf Top-10 Pick gehen als wenn sie die Division gewinnen. Um die Granden wie Baltimore oder Kansas City anzugreifen, bedarf es allerdings eines kleinen Wunders.

6 Kommentare zu “All-32: New England Patriots 2020 Preview

  1. Bei C David Andrews wurde im August 2019 eine Art Lungenembolie („blood clots in his lungs“) diagnostiziert und infolgedessen hat er die Saison verpasst/ ausgesetzt. Also nicht ganz akkurat, dass er von einem Jahr mit „vielen Verletzungen“ zurückkommt. Sein Ersatz C Ted Karras hat auch keinen so schlechten Job gemacht letztes Jahr.

    Ansonsten stimme ich großteil mit deiner Einschätzung überein, bzw. bin bezüglich Defense etwas optimistischer: DE Chase Winovich hat Potenzial angedeutet, LB Ja’Whaun Bentley in der wenigen Einsatzzeit sich wenigstens gegen den Run als einigermaßen kompetent erwiesen. S Adrian Philips wird die Hybrid Rolle von Patrick Chung ziemlich gut ersetzen können und dann ist noch der tolle Analytics Fakt, dass Coverage wichtiger ist als Passrush. Und natürlich in Bill ein Defensive Mastermind, das noch ein paar Prozentpunkte durch Coaching und Scheming rausholen kann.

    Offense wird spannend zu sehen: wie macht sich QB Newton? Hat der 2020 WR Corps mehr zu bieten wie der 2019er (Sanu zurück von Verletzung, Harry ins zweite Jahr)? Ist TE nach 2019 erneut ein schwarzes Loch oder können die Neuzugänge (zwei Midrounder im Draft namens Asiasi und Keene) etwas zeigen? Wie stark wirkt OL Coachs Scarnecchia’s (erneutes) Retirement? (beim letzten Mal war’s nach 2013er Saison stark zu spüren…)

  2. RE: Andrews. Stimmt, danke.

    RE: Defense. Du sprichst den entscheidenden Punkt aber indirekt auch schon an: Die neuen Spieler sind alles keine bekannten Größen. Sie sind alle mehr Projection als Production.

  3. Eine Sache, die mir aufgefallen: Nennst du jeden Safety Free Safety bzw FS? Weil Chung ist ganz bestimmt kein Free Safety bzw. Deep Safety.

  4. Nein, das ist ein Fehler bzw. „Macht der Gewohnheit“. Ich habe früher oft Pats-Defense gescoutet, und da war Chung meistens der Free Safety.

    Die letzten Jahre glaube ich war er eher Box Safety, hab da aber nicht mehr so penibel auf die Nummern geachtet…

    Sorry.

  5. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2020/21: Die Kronprinzen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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