All-32: Seattle Seahawks 2020 Preview

Die Seattle Seahawks waren in den letzten Jahren eines der leichtesten Ziele der Analytics-Community. Aber jetzt haben sie plötzlich mehr als Russell Wilson plus X.

Schauen wir uns zuerst kurz an, wieso Seattle eigentlich ein klarer Kandidat für Regression zur Mitte ist:

  • Bilanz 2019: 11-5
  • Pythagorean: 9.2 Siege (#14)
  • Close Games: 9-2
  • Offense EPA/Play: +0.02 (#14)
  • Defense EPA/Play: +0.02 (#19)
  • Turnovers: +12
  • Adjusted Games Lost: #6

Die Hawks haben 2019 neun von elf One-Score Games gewonnen; sie waren +12 in Turnovers. Sie sind recht gut ohne Verletzungen durchgekommen. Sie waren nach Effizienz ein nur leicht überdurchschnittliches Team, verpassten nach Siegen aber den #1 Seed der NFC am Ende bloß um wenige Zentimeter im Entscheidungsspiel gegen die 49ers.

Das Roster-Building der Hawks gilt nicht zu Unrecht als suboptimal, und das Game-Management von Pete Carroll ist mit seiner Run-First-Affinität Stoff für Analytics-Grundkurse. Aber weil sich Wilson in den letzten 1-2 Jahren wirklich zu einem Top-QB entwickelt hat, der sein Team im Alleingang auf seine Schultern nehmen kann, reden wir trotz aller gefährlichen Anzeichen für Regression weiterhin von einem möglichen NFC-West-Gewinner.

Offense

Wie schon einleitend geschrieben: Die Offense war zuletzt Wilson plus X. Ich würde nicht soweit gehen und Wilson in dasselbe „QB-Tier“ wie Mahomes stellen. Dafür trägt er einen zu kleinen Teil der Offense und dafür kassiert Wilsonzu viele Sacks.

Doch Wilson muss man zugutehalten, dass er den Seahawks-Laden gerade in den letzten zwei Jahren gegen alle Unterwanderungen aus dem eigenen Haus am Laufen halten konnte. Obwohl Carroll und Co. standhaft versuchen, Wilson zu einem kleinstmöglichen Faktor zu reduzieren, reißt Wilson die Offense mit seinen tiefen Bomben immer wieder raus.

Seine Stats gerade letztes Jahr waren total beeindruckend:

  • Zweithöchste Rate an Big-Time-Throws und zweitniedrigste Rate an Turnover-worthy Throws
  • #3 PFF Clean-Pocket Grade und #3 gegen Pressure
  • Fünftwenigste negative Würfe der Liga
  • #1 in 3rd Downs

2019 war Seattle nicht mehr so extrem lauflastig wie noch 2018. OffCoord Brian Schottenheimer scheint zumindest einen Teil der Lektion gelernt zu haben. Doch man wird den Eindruck nicht los, dass Schotty und Carroll am liebsten einfach straight jeden 1st und 2nd Down geradeaus ins Herz der Defensive Line hinein laufen würden, wenn da nicht die lästige Public-Pressure mit ihrem neumodischen Analytics-Scheiß und ihren ständigen lästigen Fragen wäre.

Man hat Zillionen Runningbacks im Kader und pfeift bei denen auch auf latente Fumble-Probleme. Offense Line ist so naja: #16 in Pass-Block Win-Rate (Pass) und #16 in Adjusted Line-Yards (Run). Viel durchschnittlicher geht nicht. Zur anstehenden Saison verschiebt man ein paar Namen (C Finney, RT Shell), aber qualitativ wird sich nicht viel ändern.

Bleibt der Receiving-Corps. Seattle spielte viel 10-Personnel, aber jetzt deutet sich auch mehr 12-Personnel an. Man hat im 35-jährigen TE Greg Olsen sowie Will Dizzly zwei „halbe Receiver“ auf Tight End. Die effektiven Receiver scheinen mir erstmal besser zu sein als ihr Ruf:

  • Tyler Lockett: Ein extrem guter deep threat. 2019 war er immer wieder verletzt. Ohne ihn fehlte merklich etwas.
  • DK Metcalf: Als Rookie war er besser als erwartet. Er ist explosiv, wurde auch ziemlich ideal eingesetzt mit immer wieder tiefen Routen. Hatte halt ein paar Drop-Probleme (11% Drops), aber das ist für gewöhnlich ein eher volatiler Stat.
  • WR David Moore oder die Neuzugänge Philip Dorsett und Paul Richardson: Alles Leute, die hohe Yards/Catch-Zahlen auflegen können (ergo tiefe Anspiele).

Interessanterweise hat Seattle keinen Receiver gedraftet. Das fügt sich in das Bild einer Hawks-Organisation: Es wirkt immer so, als würden sie den Wert von starken Receivern unterschätzen. Aber das passt ja zum Gesamtbild der Offense.

Das Gute dran: Wenn du schon hunderttausend Läufe für nix callst, dann bringe wenigstens radikal Play-Action mit tiefen Bomben. Das machen die Hawks. Wilson hat mit 28% Play-Action Quote eine der höchsten Raten, und mit 17% Pässen über 20 Yards auch eine der höchsten Raten an tiefen Pässen. Weil Wilson darin so gut ist, ist die Offense trotz aller Hand-Offs überdurchschnittlich effizient – wenn auch nicht effizient genug gemessen am Potenzial des Quarterbacks.

Defense

Die Seahawks haben einen ganz eigenen Approach Defense zu spielen: Man spielt mit weitem Abstand am meisten „Base-Defense“: 68% der Snaps in 4-3 Aufstellung, also mit drei Linebackers. Das Team mit dem zweitgrößten Anteil ist Arizona, das knapp die Hälfte davon spielt.

Die Hawks sind also extrem unorthodox – auch im Roster-Building: Sie haben im Draft in Jordyn Brooks einen Linebacker in Runde 1 gedraftet. Mit Bobby Wagner, KJ Hill Wright und nun Brooks hat man drei nominell hochpreisige (bzw. in Draftkapital wertvolle) Linebacker im Kader.

Dass man jetzt aber auch mehr Nickel/Dime-Defense spielen könnte, liegt an den beiden Top-Trades der Offseason: Man hat Superstar-Safety Jamal Adams aus New York und CB Quinton Dunbar aus Washington geholt. Die Secondary liest sich jetzt personell plötzlich ziemlich erstklassig:

  • CBs Shaquill Griffin, Dunbar, Ugo Amadi (als #3)
  • S Adams, Quandre Diggs, Marquise Blair (Hinweis Mario Kluckow: Blair könnte Slot-CB werden/Hinweis Ende)

Viel besser sind dort hinten nicht mehr viele Mannschaften besetzt! Adams‘ Einsatzgebiet wird durchaus interessant: Bringt er schematische Evolution oder wird Carroll weiterhin sein sehr straightes, auf Execution basiertes System spielen?

Größtes Problem bleibt der Edge-Rush: Der letztjährige 1st Rounder LJ Collier war als Rookie ein Vollflop, und Bruce Irvin kann Clowneys Abgang kaum kompensieren. Ein bisschen was würde man sich da schon noch wünschen…

Ausblick

Ich bin total gespalten. Die Hawks sind immer spannend, weil sie so unkonventionell an die Sache herangehen. Sie sind aber auch total frustrierend, weil man immer das Gefühl hat, dass sie sich selbst ein Handicap auferlegen.

Aber dann schnackelt Wilson ein paar tiefe Bomben aus dem Ärmel und sie gewinnen dann doch wieder ein Spiel, das sie eigentlich hätten dominieren können und dann doch fast verloren hätten, und dann ist am Ende des Tages eigentlich wieder alles gut.

Der ganze Approch schöpft das Potenzial nicht aus. Mit einem Quarterback wie Wilson und einer solchen Secondary (plus Coverage-Linebackern) sollten die Hawks eigentlich der klare Favorit in der NFC West sein – *yes, I wrote it* – aber ich ringe noch mit mir, ob ich Seattle mit diesem Coaching vorbei an drei anderen guten bis sehr guten Mannschaften auf #1 setzen kann, nachdem wir auch berücksichtigen, wie viel Glück die Hawks letztes Jahr eigentlich hatten, überhaupt 11-5 gegangen zu sein.

Ich bin trotzdem kurz davor, Seattle als Divisionssieger zu tippen, obwohl sie klare Schwächen (Play-Calling, Pass-Rush) haben und ihre Coaches diese Schwächen auch noch in den Mittelpunkt ihrer Ambitionen stellen. Ich brauche einfach noch ein paar Tage Zeit. Lass mich noch ein paar Nächte drüber schlafen.

10 Kommentare zu “All-32: Seattle Seahawks 2020 Preview

  1. Edit: Auf Hinweis von Mario Kluckow zwei kleine Updates. Es heißt KJ Wright, nicht KJ Hill. Und Blair könnte den Slot-Corner geben anstatt dritten Safety.

  2. Ich würde so gerne mal Mahomes in Seattle sehen und Wilson in Kansas. Nicht nur wegen des Supporting Casts, sondern auch wegen der Gegner. Geile Qbs. Im Super Bowl mein Wunsch-Match-Up.

  3. Ich würde gerne mal einen guten Coaching-Staff in Seattle sehen.
    Deswegen bin ich immer etwas contra Seahawks eingestellt. Jedes Jahr schlecht coachen und drauf setzen, dass Wilson Scheiße zu Gold macht reicht mir nicht und das darf eigentlich auch nicht belohnt werden.

  4. Unbekannte NAmen machen mich neugierig. In diesem Fall WR Paul Richardson. Ergebnis: NFL Verträge sind nicht vergleichbar mit z.B. europäischen Fussball-Verträgen.
    In Europa gibt es das „Aussitzen“ von Verträgen a la Bale oder Özil. Verändertes Spiel-System oder NIcht-Erfüllen von Erwartungen o.ä. führt NICHT zu einfachem Rauswerfen von Spielern.
    NFL: Richardson hat 2018 in WASH für 5 JAhre / 40 MIo $ unterschrieben. 2020 nach 2 Jahren / 16 Mio $ entlassen. Einfach so. Finde ich unglaublich einseitig zu GUnsten des Teams. Die NFLPA scheint sehr schwach zu sein. Wo mir die Haare zu Berge stehen: Verletzungen. Wenn also zum schlechten Zeitpunkt das Kreuzband reisst, stehst Du auf der Strasse. Egal ob Du noch 3 Jahre Vertrag hast oder nicht??
    NFL ist staatlich anerkanntes Monopol. Die Regelungen sind aber unverschämt Besitzer-freundlich, Lizenz zum Gelddrucken.

  5. Re: Spieler-unfreundliches System:
    Ich will jetzt nicht assi rüberkommen, aber ist doch schon länger klar bzw. offensichtlich, dass man als NFL Spieler nicht besonders viel (Job)Sicherheit besitzt. Verletzung zu einem ungünstigen Zeitpunkt und du bist raus aus dem Team und mit etwas Pech aus der Liga.
    Wenn ich mich nicht irre, haben es manche sehr gute/ prominente Spieler (QB Kirk Cousins) inzwischen geschafft, mehr und mehr Garantien in ihre Verträge zu bekommen, die im Fall einer Verletzung trotzdem ausgezahlt werden.

    Für mich persönlich sind aber nicht die Spieler, die es Jahr für Jahr in die Roster schaffen und Geld kassieren, die wirklich gebeutelten. Über diejenigen, die es nicht in die Roster schaffen, spricht kaum jemand. Das sind pro Jahr immerhin ca. 800 Stück. (Rechnung: 32 Teams mal 90 Mann Roster = 2880. Minus 53 Mann Roster und 12 Mann Practice Squad: 2880 – 2080 = 800). Diese Leute setzen auch ihren Körper in den Training Camps aufs Spiel und am Ende stehen keine Sicherheiten geschweige denn große Verträge.

  6. Josh Gordon.
    Riskant? Klar.
    Nimmt einen Rosterspot weg? Ja.
    Spielt nicht, wenns ganz dumm läuft? Nicht auszuschließen.

    Aber, damn, es ist Josh Gordon! The Flash! Ich mag den Move. Die Hawks haben Eier. (Und die brauchen wir bekanntlich)

  7. Pingback: Furchtlose NFL-Vorschau 2020/21: Die Kronprinzen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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