Baltimore Ravens vs. Kansas City Chiefs 2020 Nachklapp

Nachklapp zum Monday Night Game Baltimore Ravens vs. Kansas City Chiefs.

Die Chiefs gewinnen 34-20. Ein relativ „langweiliger“ Score für eine in vielen Facetten spektakuläre Partie. Die Chiefs dominierten die erste Halbzeit nach Strich und Faden und legten eine 27-10 Führung über den vermeintlichen Titelfavoriten Baltimore!

Die Ravens konterten in der zweiten Halbzeit und kamen zwar zwischendurch auf einen Score heran, doch am Ende war die Patrick-Mahomes-Offense ganz einfach zu effizient und spielte das Ding sicher nach Hause.

Es bleiben ratlose Ravens zurück, die sich nicht bloß fragen, warum man im Passing-Game so kapital abschmierte, sondern vor allem verunsichert ist, weil ihre hochgelobte Defense gegen Mahomes nix ausrichten konnte. Und „nix“ ist keine Übertreibung!

Wenn die Chiefs den Ball hatten

Brutale Performance von Mahomes:

  • 48 Plays
  • 0.75 EPA/Play
  • 36.2 EPA (!!!)
  • +10.2% CPOE

Und diese Zahlen sind noch um einen Tacken geschönt, weil die Chiefs am Ende des Spiels bei einem längst wertlosen 4th Down scheiterten.

Mahomes war vor allem gegen den Blitz absolut perfekt: 17/20 für 240 Passing-Yards, 3 TD. Fast 50% Blitz-Quote für die Ravens-Defense, aber DefCoord Wink Martindale hatte keine Chance. Mahomes verbrannt einen Blitz nach dem anderen – in Erinnerung bleibt vor allem der tiefe Touchdown-Pass für Mecole Hardman, aber auch die vielen Screens gehören zum Repertoire der Chiefs-Offense, gegen die hier kein Kraut gewachsen war.

Die erste Halbzeit war einfach atemberaubend. Das Andy-Reid-Skript war makellos und brachte die Ravens zur Verzweiflung – und es hätten am Ende mehr als die 27 Punkte sein können (man verschoss z.B. ein Fieldgoal).

„Nur“ 7 Punkte in der zweiten Halbzeit lesen sich „schöngerechnet“. Es gab nur vier Drives. Ein Fumble vom Backup-Runningback, ein Defensive-Stop gegen den Fullback bei 4th&1 an der Mittellinie, ein Touchdown direkt im Anschluss an den Anschluss-TD der Ravens, noch ein Turnover on Downs nach gescheitertem 4th&1 tief in der Ravens-Hälfte in der letzten Spielminute.

Hier Adrian Frankes Twitter-Analyse zur Chiefs-Offense.

Es wirkte fast so als hätte Andy Reid in den ersten zwei Wochen Mindgames gespielt. Gegner in Sicherheit lullen, während man sich in der Preseason wähnend gegen Durchschnittstrupps wie Houston und Chargers durchsetzt ohne zu glänzen um dann Woche 3 wie das erste echte Playoff-Spiel zu betrachten und Vollgas zu spielen.

Viel besser als diese Offense geht wie gesagt gar nicht mehr. Ich weiß, ich schreibe das bei den Chiefs oft – aber es ist einfach bezeichnend, wie achselzuckend man mittlerweile solche Mahomes-Performances hinnimmt. Spoiler: Sie sind grenzgenial, und wie annodazumal bei Aaron Rodgers ist jede Hymne darauf berechtigt, ja notwendig!

Schon unter der Woche war diskutiert worden, dass der Defense-Weg der Ravens der beste sei, wenn man gegen die Chiefs spielt: Viele Mann hinten in der Coverage, viel Manndeckung, hohe Blitz-Quoten um vorne für Druck zu sorgen.

Nun hatte Mahomes allerdings nicht zum ersten Mal ein Monsterspiel gegen diese Ravens-Defense, und die Fraktion, die den „Chargers-Weg“ mit mächtigem individuellem Passrush und viel Zone-Defense dahinter präferiert, hat sowas wie einen „Punktsieg“ errungen. Letztlich läuft alles darauf hinaus, dass gegen einen Mahomes mit diesen Waffen an einem guten Tag schlicht kein Kraut gewachsen ist – außer eine eigene Offense, die jeden Drive kontert.

Wenn die Ravens den Ball hatten

Und diese Offense war am Montag ein Totalausfall. Der eine Touchdown in der ersten Halbzeit kam durch einen der selten gewordenen Kickreturn-TDs zustande. Der andere eingangs des Schlussviertels, als man auf 7 Punkte Rückstand verkürzte. Ansonsten mehrere Drops in kritischen Momenten, und zwei Jackson-Fumbles (ein Turnover).

Lamar Jackson als Passer mit 15/28 für 97 Yards, das meiste davon in der zweiten Halbzeit. Jackson glänzte zwar mit seinen Scrambles (9 für 83 Yards), aber das reguläre Laufspiel war nach dem Opening-Drive recht wirkungslos, endete mit 12 Carries für 75 Yards. Das ist natürlich in Summe nicht „schlecht“. Aber die NFL ist eine Pass-Liga, und wenn du über die Luft nix zustande bringst, bist du quasi aufgeschmissen.

Und so bestätigte sich wieder einmal, dass die Baltimore-Offense nicht unbedingt dafür gebaut ist, Rückstände aufzuholen, weil man ihr mit vielseitiger Pass-Coverage den Zahn ziehen kann – viel laufen geht dann nicht mehr, und im Passspiel fehlt der Zunder.

Ich hatte in der Offseason in der Murmeltierschleife darüber geschrieben: Die Ravens haben nicht genug gemacht um ihre Passing-Offense zu diversifizieren (außer Dobbins zu draften, der vier Kurzpässe für 1 First Down fing). Woche 1 hatte noch angedeutet, welche Fortschritte Jackson als Passer gemacht hat und dass der Support-Cast vielleicht doch ncht mehr zu grün hinter den Ohren ist.

Gegen die Chiefs war davon nicht viel zu sehen. Fast ein Viertel der Snaps kam Jackson schnell unter Druck – Resultat: 4 Sacks. Immer wieder schien Jackson gedanklich förmlich einzufrieren. Dann hält er den Ball, dann rauscht der Druck von innen oder außen heran.

Die Receiver waren auch nicht viel besser. Der hochgelobte TE Andrews hatte 3 Drops, Hollywood Brown deren zwei. Jacksons tiefe Pässe mögen einen Tacken zu hoch geworfen gewesen sein und die Brillanz der letzten Wochen vermisst haben, aber die meisten Bälle wären trotzdem fangbar gewesen. Das tut dann an solchen Tagen besonders weh – und bedeutet ca. dreineinhalb Yards pro Pass (Sacks nicht eingerechnet).

Das Element, in dem die Chiefs so grandios sind und was an solchen Tagen für Abhilfe schaffen würde – Screen Game – fehlt bei den Ravens nach wie vor:

Ich bin gespannt, wie es an der Front weitergehen wird.

Zur Chiefs-Defense lasse ich mal Matt Bowen sprechen:

Sonst so

Baltimores Coaches für ihre Verhältnisse merkwürdig konservativ:

  • Fieldgoal-Versuch im ersten Drive bei 4th&3 von der 8-Yards-Line
  • Fieldgoal-Versuch bei 10-27 Rückstand im dritten Viertel: 4th&7 von der 24 Yards Line
  • Keine 2pts-Conversion nach dem Anschluss-TD auf 19-27 (wo der 2pts-Try der richtige Call wäre)

Dafür ging man wie schon im Jänner in den Playoffs gegen Tennessee ziemlich schnell vom gewohnten Gameplan (Laufspiel, Laufspiel, Laufspiel) weg. Es zeigte einfach, dass die Coaches anders tickten als gewohnt.

Early-Down Performance:

  • Chiefs: 36x Pass (0.47 EPA/Pass), 24x Lauf (-0.29 EPA/Run)
  • Ravens: 29x Pass (-0.06 EPA/Pass), 16x Lauf (0.06 EPA/Run)

Baltimore hatte also eines der wenigen Spiele, in denen Early-Down Rushing produktiver war als Early-Down Passing. Die Chiefs rücken mit dem Spiel übrigens auch wieder auf #1 der Early-Down-Aggressor-Liste:

Chiefs auch in 3rd Down überirdisch: 0.97 EPA/Play. Da schreit alle Welt seit Monaten nach 3rd-Down-Regression. Mahomes so: Juckt mich nicht. Mahomes in 3rd Downs absolut herausragend:

QB-Performance vom Tag

Zum Sack-Problem bei Lamar Jackson: Er kassiert in dieser Saison nicht auffällig viele Sacks, sondern auch „Big Sacks“: 24.7 Punkte hat die Ravens-Offense allein bei den Sacks gegen Jackson verloren:

Sollte man Jackson und die Ravens jetzt, wo es wieder mal in einem Big-Game nicht gereicht hat, zerreden? Natürlich nicht. Die Ravens bleiben die NFL #2 in meiner Hitliste.

Die Defense mag kein ideales Matchup für Mahomes zu sein, ist aber gegen 30 andere NFL-Mannschaften ein gutes Modell. Damit ergeht es ihr nicht viel anders als allen anderen Defenses.

Und die Ravens-Offense? Gemessen am Gegner vom Montag natürlich eine Enttäuschung. Aber der der selbst gesetzte Standard, an der wie die Ravens-Offense messen, ist extrem hoch – und, Mahomes einmal ausgeklammert, jede Offense hat einmal einen schlechten Tag. Bei den Ravens war es in den letzten 12 Monaten erst das zweite Mal der Fall. Dummerweise halt immer zu einem Zeitpunkt, zu dem wir uns alle einreden, dass „es nur jetzt zählt“. Die auch in den USA wieder sehr laut diskutierten Kritiken an Lamar Jackson sehe ich vorerst als übertrieben an.

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