NFL-Gaspedal

Guten Morgen.

Wer meinen Kommentar zur gestern spätabends erfolgten Entlassung von Texans-Headcoach Bill O’Brien lesen will, der klicke bitte hier. Heute kümmern wir uns um positivere Nachrichten.

Ich bin gestern positiv überrascht worden mit knapp mehr als 10% Klickrate für den Corona-Artikel. Ich hoffe, dass es damit wieder ein paar besser Informierte mehr gibt, und das kann in der allgemeinen Aufregung nicht schaden.

In der NFL ist das Virus derweil wieder auf dem Rückzug: In Tennessee gab es gestern keine positiven Tests mehr, weswegen das Spiel am Sonntag gegen die Bills als recht wahrscheinlich gilt. Titans-Defense gegen den 2020er Josh Allen, das klingt wie 380 Yards und 5 Touchdowns und damit wunderbar passend zum allgemeinen Offensivfeuerwerk in der Liga.

Offense galore

Zu ein paar Nuggets vom Sonntag. Ich fokussiere mich auf zwei Offense-Shootouts. Ich weiß, es gibt viele Leute, die es ob des momentanen krassen Übergewichts der Offenses anders sehen, aber ich habe aktuell großen Spaß an dieser Saison. Das liegt nicht allein daran, dass saubere Offense in meiner Welt einer sauberen Defense bevorzugt wird. Die NFL-Regeln wurden in den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt immer weiter in Richtung Offense verlagert.

Aber das allein ist es nicht. Und es sind nicht allein die besseren Quarterbacks. 2020 sieht mir bis jetzt nach der Saison aus, in der endlich auch die Coaches das Übergewicht der Offense auszuschlachten beginnen, indem sie sich endlich hinters Steuer setzen und durchdrücken. Selbst konservative Coaches halten in Early-Downs drauf und gehen nicht zu früh runter – was zu teilweise krassen Shootouts führt.

Top-QBs, Regeln und auch Regelauslegung hatten wir schon in den letzten Jahren. Aber damals haben wir laut nach einem Ende der sinnlosen 1st-Down Läufe in die Mauer geschrien. Jetzt hören die Coaches nicht bloß zu, sondern setzen mit Verve um. Es war klar, dass es irgendwann passiert. Nur nicht wann.

Jetzt spüren wir: Das Wann ist das Hier und Jetzt. Analytics gewinnt.

Und wir alle mit. Man darf gespannt sein, inwiefern die Defenses diese Saison noch einmal den Gap verkleinern können. Für gewöhnlich lässt der Offense-Wahn gegen Ende der Saison, wenn es kälter wird, immer etwas nach. Aber so überrumpelt wie 2020 wirkten die Verteidigungen eigentlich noch nie.

Tampa Bay Buccaneers 38, Los Angeles Chargers 31

Der Win-Probabilty Graph von rbsdm.com zeigt es eindeutig: Es war ein Spiel der Phasen. Die Buccs dominierten am Anfang, doch im zweiten Viertel übernahmen die Chargers, führten dann kurz vor der Pause schon 24-7, ehe ein bitterböser Fumble der Chargers tief in der eigenen Platzhälfte kurz vor der Pause das Blatt wendete.

Über die Entscheidung, in der letzten Minute vor der Halbzeit so tief in der eigenen Halbzeit zu laufen, wird nicht genug diskutiert. Es ist eine verwerfliche Entscheidung. Du hast als Coach dann zwei Optionen (Tampa hatte mit 49 Sekunden auf der Uhr nur mehr 1 Timeout):

  1. Du willst noch was tun. Dann wirf den Ball!
  2. Du willst nicht mehr. Dann knie ab!

Diese unmotivierten Ballübergaben kurz vor der Pause waren vor Jahren Woche für Woche das Thema in Bill Barnwells Grantland-Kolumnen „Thank you for not Coaching“ und bergen neben unnötigem Verletzungsrisiko (weil eben keine Upside) eben auch Fumble & Turnover-Gefahr. Sorry, wenn ich hinter meinen Stpckzähnen heraus hämisch grinse, dass das bestraft wurde!

Tom Brady, bis dahin einigermaßen unter Kontrolle, verkürzte noch vor der Pause auf 14-24, letztlich die entscheidende Wende in diesem Spiel. Die Bucs drehten im dritten Viertel auf. Die Offense wurde unkontrollierbar, Brady trieb 3 TD-Drives en suite das Feld runter, auch unterstützt von famosen Catches wie diesem von Mike Evans:

Die Chargers-Offense verschwand für wenige Momente von der Bildfläche – das war an dem Tag genug für die Niederlage.

Die Buccs gewannen, aber Rookie-QB Justin Herbert von den Chargers war die Story des Spiels. Herbert war nicht nur statistisch besser als der nicht schwache Brady:

Er war auch ästhetisch eine Wucht – hier zum Beispiel der atemberaubende 50-yds TD ganz am Anfang des Spiels, eine Bombe als Innuendo für das, was danach noch folgen sollte:

Die Chargers-Offense war zwar keine Deep-Shot Offense wie man in den vergangenen Jahren öfters gesehen hat und wie der Big-Arm von Herbert vielleicht vermuten ließe. Da war viel Kurzpassspiel dabei, aber Herbert brillierte auch darin. Fast jeder Pass schön fangbar gelegt. WR Keenan Allen war superb, aber auch unbekanntere Receiver wie Parham oder Guyton.

Herberts letztlich spielentscheidende INT war der einzige wirklich schwache Wurf. Da ließ er sich verarschen. Wenn die Chargers jetzt noch einmal zurückgehen auf Tyrod Taylor, dann weiß Taylor irgendwas Intimes über die Coaches, oder sie sind schlicht verblendet.

Oldie Brady ließ sich nach seinem schwachen Start inklusive des schon zweiten Pick-Six in dieser noch jungen Saison nicht wuppen und legte eine fassungslos gute zweite Halbzeit auf. Schon in der ersten Halbzeit hatte es berechtigte Diskussionen gegeben, dass Brady trotz der Ineffizienz seiner Offense diese eher schwierige Offense mit lange Zeit viel Early-Down Running und wenig Play-Action gar nicht so übel beherrsche wie die Stats vermuten lassen. Ich hatte Sympathie für diese These – denn zu viele QBs beißen gerade am Anfang an der Bruce-Arians-Offense.

In der zweiten Halbzeit schlug sich Bradys gute Performance dann auch in den Stats nieder. Ein scharfer tiefer Pass jagte den nächsten, und Brady legte am Ende nicht nur 5 TD auf, sondern auch zahlreiche sehenswerte Würfe. Körperlicher Verfall? Zumindest noch nicht kritisch.

Meine wesentlichsten Gedanken zum Spiel abseits der beiden starken QBs:

  • Offense >>> Defense. Buccs wie Chargers gelten als Teams mit starken Defenses. Aber wenn die gegnerischen Quarterbacks gut aufgelegt sind, dann stößt auch die beste Defense schnell an ihre Grenzen. Darin liegt letztlich auch die Gefahr, wenn man nach Defense baut.
  • Die Buccs-Offense diesmal mit starker Early-Down Performance, aber am Ende auch wieder mit fantastischer 3rd-Down Effizienz gerettet. Für wirklich nachhaltige Stabilität muss da in 1st und 2nd Down etwas mehr kommen; z.B. gab es wieder 25 Early-Down-Rushes für -0.07 EPA/Run.

Wo der Run besser funktionierte, war das nächste Spiel.

Dallas Cowboys 38, Cleveland Browns 49

Ein sensationeller Shootout – aber kein unbedingt typischer. Das lag vor allem an den Browns mit ihrer sagenhaften Early-Down Offense:

  • 36 Rushes, 0.43 EPA/Run
  • 25 Drop-Backs, 0.41 EPA/Pass

Ein solch dominantes Laufspiel ist höchst selten – natürlich bei den Browns auch unterstützt vom fantastischen Reverse über Odell Beckham jr., der allein 4.5 Punkte wert war und die Comeback-Hoffnungen der Cowboys empfindlich störte oder gar schon zerstörte.

Das dominante Browns-Laufspiel ist auch ein guter Reminder für die Runningbacks-don’t matter Debatten, denn die Browns überrannten die Cowboys auch nachdem ihr Superstar-RB Nick Chubb mit Knöchelverletzung runtermusste:

  • Chubb 6 Runs, 0.19 EPA/Run
  • Kareem Hunt 12 Rushes, 0.28 EPA/Run
  • D’Ernest Johnson 13 Rushes, 0.30 EPA/Run

Je unbekannter, desto effizienter? Nein, aber Zeichen, dass in einem klickenden Offense-System recht wurscht ist, wer den Ball trägt. Hunt sah aus wie in allerbesten Zeiten in Kansas City, doch der total unbekannte Johnson hatte am Ende sogar bessere Effizienz. Am Ende hatten die Browns 307 Rushing-Yards.

Und die Quarterbacks?

Waren beide brillant. Für den immer sicherer wirkenden Baker Mayfield war es eine nahezu fehlerlose Partie – und das musste sie auch sein, denn Dak Prescott war nicht viel schwächer:

Quelle bei allen Grafiken: rbsdm.com

Prescott mit erneut über 450 Passing-Yards, aber eben einem Fumble. Und dem einen oder anderen wilden, Interception-würdigen Pass. Das sei einem QB, der einen großen Rückstand aufholen muss, aber verziehen.

Letztlich geht es gerade für die Dallas Cowboys darum, in der Offense auf dem Gaspedal zu bleiben und fast fehlerlos zu spielen, denn die eigene Defense ist ein Schrotthaufen. Jedes einzelne Yard für die Browns war so einfach herausgespielt!

Ein paar andere Beobachtungen:

  • Myles Garrett mit einer weiteren fantastischen Partie. Gerade am Beginn der Partie mit dem forced fumble ein entscheidender Mann. Garrett hatte 2 Sacks und 8 QB-Pressures gegen die überforderten Tackles.
  • Der andere Star in der Browns-Defense ist CB Denzel Ward, der mir mit seiner giftigen Coverage immer besser gefällt. Ward diesmal mit ein paar Wacklern im Tackling, war aber sonst dafür, dass er immer wieder angespielt wurde, erstaunlich solide. Dass Prescott an ihm vorbei einen schier unmöglichen TD-Pass warf, das kann man Ward nicht anlasten.
  • Jeder Zeke-Elliott-Carry, der an Prescott geht, ist ein Gewinn für die Dallas-Offense.
  • Womöglich bestes Spiel von Odell Beckham jr. im Browns-Trikot.

Beide Offenses machen Spaß. Bei beiden muss man natürlich schauen, ob das nur gegen suspekte Defenses gilt. Gerade bei den Browns sieht das Woche für Woche mehr nach der seit Jänner erwarteten Offense aus:

  • Woche 1: 21% Play-Action
  • Woche 2: 42% Play-Action
  • Woche 3: 35% Play-Action
  • Woche 4: 42% Play-Action

I’m very amused. Browns sind 3-1 und ich möchte sie nun schnellstmöglich gegen die Colts (11.10.) und Steelers (18.10.) sehen. Erstere haben statistisch eine der besten Defenses der bisherigen Saison, aber da möchte ich mal eine Top-Offense dagegen sehen bevor ich dran glaube. Letztere sind mit ihrem aggressiven Pass-Rush nebst Blitzing ein echter Prüfstein für die These „Baker kommt in der Pocket zur Ruhe“.

Cowboys sowieso. Sie sind zwar 1-3 und natürlich oft genannte Lachnummer in der NFL, weil jeder auf die NFC East draufhaut. Aber ich kann nur davor warnen, Dallas abzuschreiben. Diese Offense ist unfassbar potent. Sie hat in den letzten 3 Spielen 40, 31 und 38 Punkte gescort obwohl sie ein paar Turnovers zuviel begangen hat, und sie hat zweimal verloren, weil auch die Gegner fast makellose Offense gespielt haben.

Die Dallas-Defense bleibt ein Problem, aber die Cowboy-Offense ist mächtig, spielt Vollgas und lässt sich von einer Handvoll Fehlern nicht aus dem Konzept bringen. Die nächsten beiden Defenses im Schedule sind Giants (11.10.) und Cardinals (20.10.). Wehe diesen beiden…

7 Kommentare zu “NFL-Gaspedal

  1. Danke für die schönen Zusammenfassungen!
    Zum Glück habe ich mich am Sonntag für Cowboys-Browns als Hauptspiel entschieden, war schon ein geiles Spiel.

    Eine Frage: Wird es heuer wieder ein wöchentliches Powerranking von dir geben? Hab das immer sehr interessant und übersichtlich gefunden!

  2. Klar, fand es nur bei dir immer sehr übersichtlich und informativ dargestellt.
    Aber ich kann natürlich verstehen, wenn es dir den Aufwand nicht wert ist.

  3. Oh noo.. ja es gibt zig powerrankings… aber deins war das einzige, auf das ich was gegeben hab.

    Kannst du eins empfehlen?

  4. Wie gesagt: Mal schauen. In der gleichen Struktur wie 2019 wäre wohl machbar, aber ich hätte wenn, dann gerne einen Schritt weiter gemacht.

    @Deeo: Gibt prinzipiell mehrere Optionen.

    ESPN FPI ist fast auf derselben Basis aufgebaut wie das meinige, aber wohl etwas raffinierter.
    https://www.espn.com/nfl/fpi

    538 ELO-Ratings
    https://projects.fivethirtyeight.com/2020-nfl-predictions/?ex_cid=rrpromo

    DVOA ist auch ok, auch wenn man nicht genau weiß, wie deren Formel läuft. Hat gute Prognosefähigkeit, besser als reine EPA-Rankings.

    PFF hat jetzt auch ein Ranking online. Basis sind ihre Ratings, ist aber hinter der Paywall:
    https://www.pff.com/betting/nfl-power-ratings

    Schnell ganz gut abschätzen kannst du die Team-Tiers mit diesen auf Twitter allgegenwärtigen Grafiken Offense/Defense EPA/Play. Offense = 1.6x wichtiger als Defense.

    Viel detaillierter als Offense x 1.6, Defense x 1, bissl Opponent-Adjustment und bissl höhere Gewichtung für Early-Downs habe ich auch nicht gemacht. Hätte gerne geschaut was man in Punkto Garbage-Time noch machen kann.

    Offseason wäre viel Zeit da gewesen. Aber Wetter war zu schön 🙂

  5. Ist auch dein Gutes Recht! 🙂

    mit den rbsdm.com – Abfragen hab ich eh schon ein bissl rumgespielt. Ich denke zum einsortieren in die Tiers ist es schon ganz cool. Mochte aber vor allem deine Einschätzung. Vor allem von Teams die einfach an anderen Plätzen lagen, als man es erwarten würde.

    Vielen Dank für 538 und ESPN 🙂

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