Dan Quinns Entlassung in Atlanta, und die Nachwehen

Ich habe schon am Vormittag kurz darüber geschrieben: Dan Quinn wurde gestern als Headcoach der Atlanta Falcons gefeuert. Die Entlassung kam mit locker zwei Jahren Ansage.

Quinn war in fünf Jahren und ein paar Zerquetschten insgesamt fast perfekt ausgeglichen 43-42 in der Regular Season, und 3-2 in den Playoffs. Seine ganze Ära als Falcons-Headcoach wird aber für immer mit der epischen Superbowl-Pleite 2016/17 gegen die New England Patriots verbunden bleiben.

Das „28-3“ war die bitterste Niederlage ever – sie hat selbst bei mir als Unbeteiligtem und eigentlichem Bewunderer der Patriots-Dynastie schwere Spuren hinterlassen. Ich konnte damals monatelang keinen Football mehr sehen, weil sich jene Superbowl 51 so abgrundtief „falsch“ anfühlte.

Es war das Football-Äquivalent zu den ganz großen Fußballpleiten:

Über das Saisonende der Atlanta Falcons muss ich nicht mehr viele Worte verlieren. Es war so tragisch, dass ich Angst um die mentale Zukunft dieses Teams habe. Die Art und Weise, wie die eigentlich souverän kontrollierte Super Bowl verspielt wurde, war Barcelona 99.

Vielleicht gewinnen die Falcons nie wieder ein Playoffspiel und wir fragen uns in einigen Jahren, ob es nicht gescheiter gewesen wäre, Headcoach Dan Quinn noch in der Umkleidekabine zu feuern und von vorne anzufangen.

Vielleicht reagieren die Falcons aber auch wie die Bayern und holen innerhalb der nächsten zwei Jahre das Verpasste nach.

Hätte Quinn länger bei exakt gleichen Resultaten überlebt, wenn die Falcons damals die Superbowl gewonnen hätten?

So wie die Entscheidungsmechanismen in der NFL sind: Wahrscheinlich ja. Aber nüchtern betrachtet hätte das kaum einen Unterschied machen dürfen – und dreieinhalb Jahre nach dem epischen Kollaps von Houston hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Löwenanteil an Credit an der damaligen Super-Saison der Falcons eh dem famosen OffCoord Kyle Shanahan zugestanden hätte.

I know: Du kannst einen Coach fast nicht in den Minuten nach einer in der Overtime verlorenen Superbowl feuern. Aber ich habe es schon vor drei Jahren geschrieben, und ich fühle mich nie richtig widerlegt: Atlanta hätte damals Shanahan zum Chefcoach befördern und Dan Quinn wegschicken sollen:

Bei den Falcons geht der „Dan Quinn Watch“ los: Kriegt er sein Team gebacken, jetzt wo der große Erfolgstrigger Shanahan weg ist? Meine Theorie steht und bleibt: Arthur Blank hätte nach dem Superbowl-Crash besser Quinn gefeuert und Shanahan ein Angebot unterbreitet das er nicht ausschlagen kann. Aber das war mit all den Prügeln für Shanny wohl zu viel verlangt.

Die Ära Dan Quinn fühlt sich damit seltsam hohl an. Er hat die Falcons nach dem mausetoten Ende der siebenjährigen, anfangs sehr guten, Amtszeit Mike Smith stabilisiert und wieder auf die Beine gestellt. Er war der Headcoach, der Shanahan einstellte und den dann auch machen ließ. Er war der Headcoach, unter dessen Verantwortung die Falcons einen epischen Superbowl-Kollaps erlebten.

Er war der Headcoach, der nach dem Abgang des großartigen Offensive Coordinators einen einigermaßen passablen Nachfolger (Steve Sarkisian) einstellte. Er war aber auch der Headcoach, dessen Spezialgebiet – die Defense – nie über ein paar Andeutungen von NFL-Kompetenz hinausgegangen ist, und der nach Sarkisian in Dirk Koetter einen nicht funktionierenden Offensive Coordinator eingestellt hat.

Die Falcons stellen in den Jahren nach der Superbowl-Pleite die fünftschlechteste Defense der NFL nach EPA/Play:

Natürlich auch geschuldet dem Fakt, dass die Falcons ständig gegen Top-Offenses wie New Orleans spielen mussten. Aber über so einen langen Zeitraum war eine üble Defense nur mit einer Offense à la 2016 kaschierbar. Dazu kam es nie.

Quinn war seit zwei Jahren lame duck. Dass er überhaupt für 2020 Headcoach bleiben durfte, glich einem Wunder, und Falcons-Fans wie „Vienna Falcons“ suchten vergeblich nach Gründen dafür.

Jetzt wird Raheem Morris Interimscoach. Der hat schon etwas Headcoach-Erfahrung aus der Vergangenheit, doch eine Langzeitlösung kann man in ihm eigentlich nicht sehen (obwohl, bei Owner Arthur Blank weiß man nie). Weil auch GM Thomas Dimitroff gefeuert wurde, deutet jetzt alles auf eine Neuausrichtung ab Winter hin.

In welche Richtung, muss man abwarten. Die Falcons dürften eigentlich ein attraktiver Ort sein um eine Franchise zu starten. Der Owner ist eher geduldig und es gibt ein paar „building blocks“ im Kader. Aber die Stars wie QB Matt Ryan oder WR Julio Jones kommen in die Jahre. Sie könnten eventuell zum Verkauf stehen, wenn Atlanta Draftpicks für den Umbruch sammeln will.

Wie krass der Umbruch wird, steht erstmal noch aus – ebenso, ob die Falcons attraktive Offensiv-Minds wie einen Eric Bienemy (Chiefs-OffCoord) an den Texans oder vielleicht auch Jets vorbei nach Atlanta locken können.

Ein Kommentar zu “Dan Quinns Entlassung in Atlanta, und die Nachwehen

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