Baker-Watch

Die Reaktionen nach Baker Mayfields üblem Auftritt gegen die Pittsburgh Steelers letzten Sonntag waren heftig.

Mike Renner war bei PFF z.B. kurz davor, schon den Abgesang zu schreiben – aber auch an vielen anderen Stellen kreisen schon die Geier über Baker Mayfields NFL-Karriere. Um zu verstehen warum es trotz dem 4-2 Start der Cleveland Browns so viele negative Vibes um den ehemaligen #1 Pick Baker Mayfield gibt, müssen wir ganz kurz einen tieferen Blick werfen.

Mayfields Advanced-Stats lesen sich nach 6 Spielen nicht gut:

  • #26 nach EPA/Play
  • #21 nach CPOE (Completion Percentage over Expectation)
  • #17 nach ESPN QBR

Und, am schlimmsten, #32 nach PFF-Passing Grade. Diese Passing-Grade kann man natürlich immer relativieren, weil es nur das bewertet, was passiert ist – und nicht das, was nicht passiert ist (z.B. einen offenen Receiver nicht angespielt). Aber es deutet ein paar tiefer liegende Symptome an.

Eine gängige Kritik an Mayfield 2020 schon vor dem Steelers-Spiel war, dass sich gar nicht er, sondern vor allem die Browns-Offense als Schema verbessert hätten – und Cleveland deswegen bessere Zahlen auflegt. Das kann man z.B. an hohen Play-Action Werten sehen, und daran, dass Mayfield viele Rollouts für freie Pass-Bahnen, Screenpässe usw. bekommt.

Renner oben kritisiert allerdings, dass Mayfield sich in den Dropback-Situationen, in denen es keine große Hilfe wie Play-Action-Fakes oder Rollouts gibt, eher zurück- als weiterentwickelt. So oft wir alle immer nach Play-Action schreien: Der Fake ist nicht in jeder Situation einsetzbar. Beim Versuch, ein Comeback nach Rückstand zu starten, oder kurz vor der Halbzeit wirst du mit Run/Pass-Option oder angedeutetem Laufspiel nicht weit kommen. Dann ist Standard-Dropback-Passing-Game wichtig.

Mayfield ist darin weiterhin nicht gut. Am Sonntag gegen Pittsburgh gab es ein paar bitterböse Aussetzer wie den Pick-Six gegen Minkah Fitzpatrick:

Oder danach zweimal bitterböse Sacks, als Mayfields innere Uhr komplett gekillt war. PFF schreibt Mayfield bis jetzt schon 4 Sacks und 13 QB-Pressures in Eigenverschulden vor – beides „Bottom-10“ Werte.

James Wiebe analysiert beim Lead-Blogger Bakers Probleme, und bringt einen durchaus wichtigen Punkt: Mayfield ist häufig nicht in Rhythmus mit dem Dropback-Passing-Game. Das Timing stimmt nicht. Er fühlt sich sichtlich unwohl.

Beständig unbeständig

Eine fantastische in-Depth-Analyse zu Mayfield hat man wieder J.T. O’Sullivan bei Youtube geliefert – und zwar schon eine Woche vor dem Kollaps gegen die Steelers, beim Duell Baker gegen die Colts:

O’Sullivans zentrale Schlüsse:

  • Das Browns-Coaching ist wirklich gut, weil es Mayfield viele Situationen verschafft, in denen er aufblüht und seine zweifellos vorhandene Stärke (Accuracy) in Szene setzt: Sie bringen ihn raus aus der Pocket auf Rollouts, verschaffen ihm die Passing-Lanes. Die WR-Routen haben viele Crossing-Elemente und Double-Moves um Platz zu kreieren.
  • Baker ist allerdings entsetzlich wechselhaft in der Pocket selbst. Seine Fußarbeit passt nicht zum Timing des Spielzugs, der Rhythmus ist massiv gestört, Baker wird dann schnell zappelig (O’Sullivan nennt das immer „toe-sy“, unmotiviert auf den Zehen herum tippelnd), macht kontraproduktive Zwischenschritte (JT: „heel clicking) und traut seinen Augen nicht. Das mit der Footwork hatten wir ja heuer schon im April – sie mag überschätzt sein. Bei Baker stimmt aber zu vieles nicht, und dass er zu viele Ruckzuck-Bewegungen in der Wurf-Vorbereitung hat, ist selbst für einen Laien unübersehbar.
  • Die unsaubere Technik führt hie und da zu fehlerhaften Würfen aus der Pocket, wenn es keinen offensichtlichen Druck gibt. Baker hat dann auch immer mal wieder einen verpassten Read – manchmal wirft er zwar kurze Completions, hätte aber tiefer downfield Receiver für wesentlich bessere Raumgewinne offen gehabt.

(So ganz nebenbei ist das Video auch eine spannende Abhandlung über NFL-Coverage und was „gedeckt“ heißt: Ein Cornerback/Linebacker, der mit dem Rücken zum QB, Augen nur auf einen Verteidiger, dranhängt wie eine Klette, ist nach O’Sullivan nicht „enge Deckung“ weil er nur die beiden Schultern abdeckt, aber ein passabler NFL-QB kann die Situation noch immer „offen werfen“ ohne dass wir uns die Höschen nässen müssen über den geilsten Big-Time-Throw des Tages. Es gibt mehrere Beispiele davon in dem Colts-Browns Video)

O’Sullivan klang letzte Woche noch optimistischer als die Auguren nach dem Steelers-Spiel drauf sind. So oder so: Baker ist langsam angezählt, und weil es eben nicht allein seine schmerzenden Rippen zu sein scheinen, können wir ihn nicht von der „Watch-Liste“ nehmen. Dafür waren die beiden Performances gegen Ravens und Steelers zu mies – und die vier Partien dazwischen nicht gut genug.

9 Kommentare zu “Baker-Watch

  1. Weil du schreibst, PFF Grades bewerten nur das, was wirklich passiert ist.
    Ist das wirklich so? Lässt PFF einen übersehenen komplett offenen Receiver gar nicht in die Bewertung mit einfließen? Hätte mir immer gedacht, die würden sowas auch berücksichtigen.

  2. Nope. PFF versucht so objektiv wie möglich zu graden, und da ist schwierig die Reads mit reinzunehmen, weil sie in jeder Offense variieren können.

    Also nimmt man das was man „sicher“ bewerten kann. Muss man natürlich wissen, wenn man mit PFF aegumentiert 😀

  3. Danke, das war mir tatsächlich so nicht komplett bewusst!

    Daher kommen dann wohl auch zum Beispiel die relative guten PFF Grades von Rodgers aus letzten Jahr soweit ich mich erinnere 😉

  4. Ja, u.a. wobei PFF die ganzen Throwaways mittrackt und die Zahlen auffallen & Sacks als negative Plays ratet. Hatte halt auch wenige klare Fehler und miese Receiver.

  5. „(Bakers) Fußarbeit passt nicht zum Timing des Spielzugs.“ Öhm… üben?
    James Wiebe hat ein Video von Seifert und Montana gelinkt, da wird erklärt, dass es richtig Arbeit ist, die Schrittfolgen zu lernen. Aber, sorry, wenn ich Millionen verdiene um Spielmacher zu sein, dann setze ich mich hin, lern die Schrittfolgen und übe das im Training. (Hello, Johnny Manziel!)
    Man möchte doch hoffen, dass nicht nur JT O’Sullivan Gametape schaut.
    Frustrierend.

  6. Oben im Blog am Ende angesprochen, und heute Abend von JT O’Sullivan brillant analysiert: Wenn der DB mit dem Rücken zum Quarterback steht, ist der Receiver in der NFL in Wirklich nicht „gedeckt“, sondern „offen“.

    Case-Study ist der fantastische Touchdown-Pass von Carson Wentz letzte Nacht gegen die Giants:

  7. Das würde ich persönlich auch genau so unterschreiben: steht der DB mit dem Rücken zum QB, dann kann der DB maximal auf die Bewegung/ Hände/ Augen des Receivers reagieren. Stellt sich der Receiver geschickt an, wird es extrem schwer für den DB, noch den Catch zu verhindern – ergo ist der Receiver „offen“. Dies gilt besonders in der Redzone, wo Plays weniger lang dauern und daher keine Zeit für den DB bleibt, sich umzudrehen, und den Ball zu lokalisieren.
    Nehmen wir bspw. einen Redzone Fade: selbst wenn der DB perfekt dran ist, würde ich mir wünschen, dass der QB den direkt über den Hinterkopf des DBs zimmert und der Receiver dann den Ball attackiert. Hat der Receiver starke Hände und kann rechtzeitig reagieren, ist dies kaum zu verteidigen. Besonders wenn der Ball mit ordentlich Wumms kommt, wird das Zeitfenster, in dem der DB die Arme hochreißen kann, extrem klein.

  8. Wobei der Endzone-Fade ja als einer der ineffizientesten Plays im Football gilt:
    https://www.pff.com/news/pro-its-time-to-fade-the-fade

    Ich glaube, man darf bei allem „offen“ nicht vergessen, dass es sich noch immer um einen schwierigen Wurf handelt. Es ist ein Unterschied ob das WR 3m allein übers Feld läuft, oder ob das Fenster eben ein paar Zentimeter groß ist. Auch Wentz trifft das obige Fenster nicht jedesmal.

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