Quinnen Williams: Was ist ein junger Defensive Tackle von seinem Schlage wert?

Die New York Jets sind mit 0-6 in die Saison gestartet. Mit einem Headcoach auf dem Abstellgleis und der Aussicht, nächstes Jahr einen der Top-Quarterbacks wie Trevor Lawrence, Justin Fields oder möglicherweise auch Trey Lance zu draften, begannen in den letzten Tagen die Gerüchte von wegen Ausverkauf vor der Trade-Deadline (3. November, zufällig auch der Tag der US-Präsidentschaftswahl).

Quinnen Williams

Alle Jets-Spieler außer OT Mekhi Becton sollen demnach zumindest als mögliche Trade-Objekte gehandelt werden. Gestern ging z.B. die Nachricht rum, dass Jets-DT Quinnen Williams möglicherweise zum Verkauf steht – für einen 2nd Rounder:

Ich fand das deswegen interessant, weil Williams erst vor eineinhalb Jahren, im Draft 2019, von den Jets als #3 Overall Pick gezogen wurde. Williams war nach seiner phänomenalen College-Saison 2018 mit extremem Hype in den Draft gekommen – tipo „bester Interior-DL Prospect seit Äonen“.

Ich war schon damals skeptisch, gerade nachdem ich Greg Cosells Vergleich von Quinnen Williams mit Leonard Williams gehört hatte:

Doch: So richtig „explosiv“ ist Williams nicht. Seine überragende Stärke liegt in der Feintechnik, nicht im überwältigenden Antritt, der alles überpowert. Das reichte natürlich um am College alles plattzumachen. Doch Draft ist der Übergang zur NFL, einer neuen Welt…

[…]

Nicht nur das: Beide Expertenteams sehen unabhängig voneinander Leonard Williams als den etwas besseren NFL-Prospect. Wo täuschen mich meine Augen?

[…]

Williams mag kein Athlet vom Schlage eines Ed Oliver sein. Er mag auch trotz seiner fantastischen Technik kein absoluter Superstar, im Sinne eines mehrfachen All-Pro werden. Aber wenn Quinnen Williams den Level eines Leonard Williams erreicht, gehört er bereits zur erweiterten NFL-Klasse. Ob man damit nach Investition eines Top-5 Picks enttäuscht wäre, wenn schon ein Suh nicht alle Versprechen einlösen konnte, steht natürlich auf einem anderen Blatt Papier.

Eineinhalb Jahre später geht Williams bereits als ziemlicher Flop durch. Er hat bis jetzt nur 27 QB-Pressures und 5 Sacks zustande gebracht. Nach PFF-Rating-System ist er ein guter Run-Defender, aber bestenfalls durchschnittlicher Pass-Rusher als Starter.

Dass Williams‘ Wert innerhalb von nur 19 NFL-Einsätzen von einem #3 Overall Pick zu einem 2nd Round Pick verfallen sein soll, wirkt auf den ersten Blick überraschend. Aber sehen wir es mal etwas anders:

  • Williams hatte in eineinhalb Jahren als College-Verteidiger 798 Snaps auf teilweise überragendem Niveau.
  • Doch in der NFL sind wir mittlerweile eben auch schon bei 762 Snaps auf einem Niveau, das wir bestenfalls als „meh“ beschreiben können.

Wir haben fast so viele mäßige Williams-Snaps gesehen wie wir starke gesehen haben – und die mäßigen sind die zeitlich jüngeren! Klar ist: Williams hat bei Alabama gegen SEC-Talente gespielt – also gegen die Königsklasse. Ein gewisser Talent-Level ist also da.

Doch seine Performance als Pass-Rusher lag 2019 nach PFF-Grading in etwa auf Platz 80 unter den Defensive Tackles mit genug Snaps (mindestens 20% der Total Snaps). Diese Saison ist er bislang um #35 klassiert. In Run-Defense war das Grading etwas besser: #35 als Rookie, heuer bis jetzt #8. Doch einen hohen 1st Rounder verwendest du nicht mit dem Ziel, einen Run-Clogger zu bekommen! Dafür hast du dir Mid-Late Round Picks!

Unsere Erwartungen an junge Spieler

Timo Riske hat im März eine bemerkenswerte Studie gebracht, die Position für Position unsere Erwartungen an junge Draftpicks in ihren ersten vier NFL-Jahren (grob also Rookie-Vertragslaufzeit) setzt – und wir sehen für Defensive Tackles: Ihre Rookie-Spielzeiten sind für gewöhnlich etwas harzig, doch hin zum zweiten Jahr können wir einen großen Sprung erwarten. In den Jahren 3 und 4 bauen sie im Schnitt darauf auf.

Das sind natürlich Durchschnittswerte – aber eben auch Erwartungswerte. Jede Karriere verläuft individuell anders – doch die Studie ist ein Meilenstein in unserem Verständnis darüber, auf welchen Positionen tendenziell mehr, und auf welchen tendenziell weniger Geduld in der Entwicklung zu gestatten ist.

Defensive Tackle ist eher eine Position für weniger Geduld. Williams hat einem schwachen Rookie-Jahr eine nur undeutliche Leistungssteigerung folgen lassen, und auch wenn wir grad ein Drittel der Saison absolviert haben, so ist sein kolportierter Preisverfall unter all diesen Prämissen nicht weiter verwunderlich.

My 2 cents

Mein Take zu dem Thema mit momentanem Wissensstand ist:

  • Defensive Tackle ist als Position nicht wichtig genug um sie auf den allerersten Positionen im NFL Draft zu ziehen.
  • Quinnen Williams hinkt seiner erwarteten Lernkurve deutlich hinterher.
  • Sein Beitrag als Pass-Rusher ist fast vernachlässigbar, und Run-Defense ist der wertlose Teil von NFL-Defense.
  • Ein 2nd Rounder für Williams ist Stand jetzt schon Obergrenze des Preises, gemessen an Position und Entwicklungsstand der Karriere.
  • Der gehandelte Preisverfall ist plausibel und nicht überraschend.

Warum bin ich so negativ? Die besten Interior-Passrusher der heutigen NFL – Güteklasse Chris Jones, Grady Jarrett, DeForest Buckner und natürlich Aaron Donald, also die Leute für deren Portfolio es sich wirklich lohnen würde, die hohen Picks zu investieren – haben alle sehr schnell in ihrer NFL-Karriere Exzellenz im Pass-Rush angedeutet. Es gibt natürlich die Leute wie einen Fletcher Cox oder Cameron Heyward, die 2-3 Jahre brauchten um sich als Pass-Rusher in der NFL zu entfalten. Aber sie sind unter den Top-Tackles eher die Ausnahme als die Regel.

Hatte Williams bei den Jets als Alleinunterhalter in einer Defensive Line ohne gescheiten Nebenmann und ohne Edge-Rusher einfach eine beschissene Situation und könnte er sich in einer neuen Mannschaft mit vielleicht besseren Mitspielern doch noch zu jenem „Seifenmonster“ entwickeln, das sich wie einst in Alabama scheinbar mühelos durch die Offensive Liner flutscht?

Natürlich ist das noch möglich! Aber im Gesamtpaket schwindet die Hoffnung.

6 Kommentare zu “Quinnen Williams: Was ist ein junger Defensive Tackle von seinem Schlage wert?

  1. Hatte zuerst die gleiche Reaktion. So ein Talent 1,5 Jahre nachdem er an #3 gepickt wurde, für einen 2nd Rounder zu bekommen. Da muss man ja zuschlagen! Allerdings hatte ich kein Gefühl dafür, wie gut/ schlecht Quinnen Williams seither bei den Jets gespielt hat. Wenn nun tatsächlich ein 2nd Rounder Obergrenze ist, kann man ja mal mit nem 3rd Rounder zu bieten anfangen und darauf gamblen, dass er sich in einem anderen Umfeld noch in die richtige Richtung entwickelt…

    Auch bemerkenswert, dass von den aufgezählten „elitären“ 6 Interior D-Linemen 3 hohe First Rounder waren (Donald #13, Buckner #7, Cox #12) und 3 erst ab Ende der ersten Runde gezogen wurden (Heyward #31, Jones #37, Jarrett sogar erst in Runde 5 an #137).

  2. Die Liste der besten Passrusher auf DT ist natürlich nicht allein auf diese sechs begrenzt. Es sind halt ein paar Beispiele. Ein J.J. Watt hat gerade zu Beginn seiner Karriere ja auch innen gespielt – auch er war schon Ende Rookie-Saison wirklich hervorragend im Passrush, in Jahr 2 Defense-MVP.

    Beim Preis 2nd/3rd Rounder muss man dazu sagen, dass Leute wie Ross Blacklock oder Raekwon Davis, die am College nicht so gut wie Williams waren, heuer auch als 2nd Rounder gezogen wurden.

    Ich glaube, bei Williams ist primär sein Draft-Status das Problem. Einen DT, der nicht Elite im Passrush ist und auch nicht als solcher projected, zieht man nicht an #3.

  3. Wilde Idee, die ich auf Twitter gesehen haben: Chiefs holen Williams, verkaufen Jones für einen high pick (2022 nur 750k dead cap), Chiefs würden extrem viel Cap sparen, der evtl ja eh runtergeht. Klar ist ein großes Downgrade, aber die Position ist halt auch ziemlich unwichtig. Sehr unrealistisch, ich weiß, aber nettes Gedankenspiel. Es ist halt nur D-Line. Und ja, sie könnten Jones auch traden ohne Williams zu holen und anderweitig sich um Ersatz bemühen. Mit Mahomes als QB würde ich wohl fast jedes Jahr irgendeinen WR draften, egal ob late oder early.

  4. @moris: Ja, die Idee habe ich auch gesehen, bei Ethan Douglas.

    Ich kann die Intention dahinter verstehen, weil der Chiefs-Kader bald zu teuer sein wird. Wenn man es schafft für Jones einen Abnehmer mit vielen Picks zu finden, dann könnte man das machen. Aber Quinnen Williams ist IMHO ein anderer Spielertyp wie Jones. Jones ist explosiver.

  5. Pingback: Offensiv-Personal gegen Defensiv-Personal | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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