Cardinals vs. Seahawks – Nachwehen vom atemberaubenden Sunday Night Game

Das Sunday Night Game Arizona Cardinals vs. Seattle Seahawks hat hohe Wellen geschlagen. Zurecht. Es war ungelogen eines der spektakulärsten Regular-Season-Spiele der letzten Jahre.

Quickie-Zusammenfassung

Die ersten 55 Minuten allein wären schwierig gewesen in einigen kurzen Absätzen zusammenzufassen, aber was danach in der Endphase und Overtime abging, war noch einmal eine Stufe drüber. Ich habe das Spiel am Montag in aller Herrgottsfrüh geschaut – und ich war spätestens in der Schlussphase hellwach!

Der Win-Probability-Graph allein zeigt uns schon, dass es kein normales Spiel war:

Die Arizona Cardinals gewannen 37-34 nach Overtime, aber das Spiel fühlte sich die ganze Zeit so an, als müssten die Seahawks eigentlich deutlich führen und das sicher nach Hause schaukeln. Arizona hing irgendwo am Eck herum, lange Zeit nicht nah genug um es wirklich spannend zu machen – aber dann schlugen die Cardinals in der Schlussphase eiskalt zu.

Letztlich hätten in einer wilden Schlussphase mit Overtime beide mehrfach den Sack zumachen können, also musste ein Fieldgoal mit 20 Sekunden auf der Uhr die Partie nach mehreren Hawks-Fehlern entscheiden.

Es war eines der Spiele, denen ich einfach gerne zuschaue: Beide Teams mit dem Fuß auf dem Gaspedal, mit hohen Early-Down-Passquoten (Seattle 68% Early-Down-Passing in neutralen Situationen, Cardinals mit 60%), beide Offenses mit ausgespielten 4th Downs. Beide Offenses, die auch stets vorbereitet wirkten, 4th Downs auszuspielen – z.B. ging Arizona mal tief bei 3rd&2, wohl weil die Cards eh vorbereitet waren, danach den vierten Versuch auszuspielen. (Ergebnis: 3rd Down TD)

Die Seahawks führten eigentlich das ganze Spiel über: Schnelles 10-0 nach zwei blitzsauberen Drives, aber Arizona hielt sich mit Kyler-Murray-Passspiel und extrem vielen QB-Runs immer im Spiel. Erst 10-7, dann 13-7, dann zwei wilde Sequenzen hintereinander: Ein Fumble von WR Nuk Hopkins, aber quasi direkt im Gegenzug Russell Wilson mit einer bitterbösen Redzone-Interception, als Budda Baker in den Pass sprang. Wie WR DK Metcalf die Verfolgung aufnahm und Baker auf dem Weg in die Endzone noch abfing, hatte was von Ben Watson 2005/06 gegen Champ Bailey. Es gehört auf jeden Fall in den Pantheon der großen „Hustle-Plays“ in der NFL-Geschichte.

Hier Metcalf:

Und hier als Vergleich die aus meiner Sicht noch absurdere Verfolgung von Watson gegen Bailey:

Arizona schlug aus dem f-e-t-t-e-n Play aber kein Kapital. Die Offense scheiterte am 4th und Goal und Seattle stellte fast postwendend mit einem brillanten 97-Yards Drive auf 20-7. Arizona verkürzte, 20-14, dann 27-14 nach einem atemberaubenden Touchdown-Catch von Tyler Lockett, aber von den Cards innerhalb von nur 43 Sekunden sofort zum 27-17 Halbzeitstand gekontert.

Im dritten Quarter flachte die Partie minimal ab. Arizona verkürzte nach zwei „Opening Punts“ mit einem 93-Yards Drive auf 27-24, ehe Wilson seine zweite Interception fabrizierte – ein merkwürdiger Pass downfield für Metcalf – oder doch für den DB? Jedenfalls war Peterson der einzige Mann in der Nähe.

Danach 27-24, aber Seattle schien mit dem 34-24 sechseinhalb Minuten vor Schluss den Sack zuzumachen.

Und dann ging es los…

3:02 vor Schluss Arizona mit einem 52-yds Fieldgoal, das Zane Gonzalez versenkt – doch mit einer hirntoten Defense-Strafe (bzw. Special-Teams-Strafe) schenken die Hawks den Cardinals ein neues 1st Down. Zwei Spielzüge später der Touchdown. 34-31. Plötzlich zittert Seattle wieder.

Seattles nächster Drive ist der, den man den Seahawks am ehesten vorwerfen könnte: Scramble Wilson, und dann viermal Carlos Hyde um Arizona seiner Timeouts zu berauben und die Uhr zu melken. Doch faktisch bringt es nicht allzu viel: Die Timeouts sind dann zwar weg, aber die Uhr nur von 2:25 Minuten auf 0:59 gekillt.

Merke: 1st Downs sind grad in der heutigen NFL wichtiger als Zeit – und eine Minute ist für die besten Quarterbacks eine Welt, und für die zweite Garde à la Kyler Murray noch immer genug um einen schnellen Fieldgoal-Drive hinzulegen.

Taten die Cards. 8 Plays später 44-yds FG zum 34-34. Overtime.

Der erste Seahawks-Drive endet in einem Sack. Wir werden gleich darauf zurückkommen. Die Cardinals antworten mit einem Quickie-Drive, der schon im 2nd Down (!) mit einem 41-yds Fieldgoal (!!!) beendet wird. Das muss man sich auf der Zunge zergehe lassen: Da kickt Kliff Kingsbury aus weiß Gott nicht „Choke Hold“-Position schon im 2nd Down!

Gonzalez versenkt, aber zurückgepfiffen, weil der eigene Coach aus Angst vor einer „Delay-Strafe“ den eigenen Kicker „ict“. Der zweite Versuch geht 2m links vorbei.

Wieder Russell Wilson am Feld – und nach Pass in die Flat vor Metcalf gibt es Touchdown! Wieder scheint das Spiel zu Ende, aber diesmal haben die Refs etwas dagegen: Holding-Strafe gegen die Offense. Im nächsten Snap die dritte Interception gegen Wilson! Der viel gescholtene Rookie Isaiah Simmons, in seinem erst fünften Snap des Tages am Feld, fängt den entscheidenden Ball ab. Und diesmal versenkt Gonzalez 20 Sekunden vor Ablauf der Overtime zum 37-34.

Die Cardinals sind damit 5-2. Seattle ist 5-1, aber es war nicht der erste Dämpfer für die hochfliegenden Seahawks.

Die Analyse zum Spiel

Ich schrieb schon oben: Großartige Partie, auch weil beide Offenses durchzogen. Es war nicht alles fehlerfrei, auch nicht bei den Coaches, aber es war fast alles beherzt.

Doch wir müssen ein wenig differenzieren. Die Seahawks-Offense lief primär über WR Tyler Lockett, weil Metcalf bei CB Patrick Peterson abgemeldet war und außer dem fetten Touchdown-saving-Tackle gegen Budda Baker wenige Schlüsselmomente hatte.

Zu Wilson. Es war eine insgesamt starke Partie von Wilson – aber mit vier letztlich entscheidenden Sternchen. Wilson hatte die drei Interceptions, kassierte aber auch den bitterbösen Sack im ersten Overtime-Drive, der schon dann fast das Spiel gekostet hätte.

Die erste Wilson-Interception (die mit dem langen Return): Kann irgendwo passieren. Pass in die Flat, Defensive Back springt dazwischen. Katastrophenpotenzial durch den möglichen Pick-Six, aber sowas passierte zuletzt auch Brady oder Rodgers.

Die zweite INT wirkte wie ein Missverständnis zwischen Wilson und Metcalf. Wilsons Pass war einfach deutlich zu weit geworfen – Peterson hatte keine Mühe den Ball in der Endzone abzufangen.

Die beiden Overtime-Fehler waren letztlich am bittersten. QB-School J.T. O’Sullivan hat es hier noch einmal brillant aufgedröselt: Es war im Prinzip zweimal der gleiche Defensive-Look, der Wilson aus dem Konzept brachte. Die Cards brachten acht Mann an die Line of Scrimmage, schickten aber nur jeweils vier Mann (inklusive dem Cornerback-Blitz) Richtung Wilson.

Beim Sack waren sieben Blocker nicht imstande, vier Leute zu blocken, und CB #33 Murphy hatte freie Bahn. Doch ein erfahrener QB wie Wilson musste das kommen sehen und schneller reagieren. Tat Wilson nicht. Der Sack beendete den Drive.

Im nächsten Drive erneut gleiches Spiel. Diesmal pickten die Hawks den Corner-Blitz, aber Wilson wirft aus Shotgun einen total unmotivierten Pass ins Nirvana, und Simmons mit der einfachen INT. Die ganze Defense-Coverage stinkt dabei fünf Meter gegen den Wind – und ein Routinier wie Wilson wirft direkt ins Herz der Defense. O’Sullivan kommentierte: „Ein Problem war Shotgun. Da nimmt der QB die Augen von der Defense, weil der sich aufs Ballfangen konzentrieren muss. Wäre er direkt am Center gestartet, das wäre ihm nie passiert“.

Hier das ganze Lehrstück:

Wilson war trotzdem positiv nach EPA/Play. Wie übrigens auch Kyler Murray:

Murray überzeugt mich weiter nicht. Es mag sein, dass ich überzogene Erwartungen an Murray hatte, weil ich ihn als Prospect so liebte. Aber Murray ist bei allem optischen Genuss mit seiner so leichten Wurfbewegung kein grenzgenial präziser Werfer. Murray hat die Pocket-Präsenz eines aufgescheuchten Huhns und kassiert viel zu viel eigenverschuldete Pressure und Sacks.

Und Murray ist zwar ein explosiver Scrambler, aber seine „East/West“-Ausrichtung gefällt mir nicht. Murray scrambelt zu viel nach links und rechts, zu wenig downfield. Nicht bloß ist ein Lamar Jackson der noch bessere Athlet als Murray; Jackson ist auch ein rationalerer Scrambler als Murray, der viel übers Feld läuft für vergleichsweise wenig Ertrag. Jackson ist mehr wie Messi. Murray mehr für die Galerie.

In dem Spiel verschenkte Murray zu viele Yards. Seine Rushes waren nicht so erfolgreich. Wie gesagt: Vielleicht habe ich zu viel von Kyler und der Kingsbury-Offense erwartet. Aber das ist mir zu horizontal, zu unrhythmisch. Es funktioniert trotzdem, weil es einen sensationellen Playmaker wie Nuk Hopkins gibt, der vieles rausreißt.

Ausblick

Dass die Cardinals diese Partie gewonnen haben, spottet eigentlich jeder Beschreibung, denn Seattle fühlte sich wie die überlegene Mannschaft an. Hätte Seattle das sagen wir 41-27 gewonnen, es hätte sich nicht „falsch“ angefühlt. Aber die Seahawks waren wieder da mit einer alten Schwäche: Gegner zu lange irgendwo im Spiel lassen, und am Ende wird es ein Close-Game. Und das gewinnst du eben nicht immer.

Seahawks-Defense ist ein Problem. Mit dieser Front-Seven wirst du gegen jede bessere Offense unter Druck kommen, weil der gegnerische QB machen kann was er will. Murray schlug gutes Kapital raus, aber es wäre sogar noch mehr drin gewesen.

Jetzt haben wir die NFC West wie folgt sortiert (Achtung Spoiler Monday Night Game):

Seahawks (5-1), +31
Cardinals (5-2), +57
Rams (5-2), +52
49ers (4-3), +45

Seahawks mit dem besten Record, aber auch dem schwächsten Punktverhältnis. Die NFC West wirkt auf dem Papier potent, aber ich bin mir noch nicht sicher ob diese Mannschaften nicht noch als Papiertiger entlarvt werden, denn wirklich stabil wirkt keine der Mannschaften.

Seattle hat keine Defense. Die Cardinals-Offense ist nicht so gut wie sie wirkt, und in der Defense fehlt es an Pass-Rush und hochklassiger Coverage. Die Rams dominieren den Liga-Bodensatz, aber sobald Jared Goff Druck bekommt, knickt die Offense ein. Am Ende also doch die superb gecoachten 49ers? Momentan würde ich denken, „nur wenn die Verletzten dort bald wieder fit werden“. Aber schon in Kürze kriegen wir Seahawks gegen 49ers – und zwar schon am Sonntag, 1. November um 22h25.

5 Kommentare zu “Cardinals vs. Seahawks – Nachwehen vom atemberaubenden Sunday Night Game

  1. Superbe Analyse. Tolles Spiel das ich mir gestern nach deinem Hinweis komplett angeschaut habe. Aber das gerade in so einem Spiel die Coaches in entscheidenden Situationen (FG Arizona, „Uhr melken“ Seattle) konservativ werden hat einen faden Beigeschmack. Was hätte es denn Arizona „gekostet“ noch ein weiteres Down zu spielen, und was wenn SEA die Plays anders designt hätte statt in die Mauer zu laufen? Was die Division betrifft hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen, aber mal ganz ehrlich: wenn man alle Teams einer DIV berücksichtigt, ist es schon die beste und ausgeglichenste. Glaube aber auch nicht dass alle 4 in die PO’s kommen werden.

  2. Das „Problem“ mit dem nächsten Down ausspielen ist die Angst vor einem Fumble oder einer Holding-Strafe. Coaches argumentieren dann meistens damit, dass der potenzielle Gewinn von 2-3 weiteren Yards das Risiko einer immer möglichen Holding-Strafe nicht aufwiegt.

    Unter dem Gesichtspunkt ist die Angst sogar verständlich. Aber die Prämisse ist falsch. Wenn die Offense um die 23 Yards Line herum agiert, sollte sie weiter „normal“ spielen, nicht mehr nur laufen. Sie sollte weiter werfen um an die 15 Yards, 10 Yards Line zu kommen. Dann macht es irgendwann wirklich Sinn, einfach zu kicken.

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