Date mit Carolina – NFL Woche 8

Zum Abschluss vom siebten NFL-Spieltag verweise ich noch einmal auf den Lead-Blogger, wo Maximilian Länge in der neuen Kolume „3 & out“ eine lockere Trivia-Rückschau auf die letzte Woche geliefert hat. Wir kriegen das Ding langsam in die Gänge!

„In die Gänge kriegen“ ist eine Gerhard-Delling-eske Überleitung zum heutigen Thursday Night Game ab 1h20, Carolina Panthers (3-4) vs. Atlanta Falcons (1-6) – zumindest, wenn wir uns auf die reizende Carolina fokussieren.

Die Carolina Panthers 2020

Die Panthers sind mit 3-4 Bilanz eine der positiven Überraschungen in dieser ersten Saisonhälfte. Bei einer Bilanz unter .500 klingt so eine Einordnung vielleicht etwas gekünstelt, aber seien wir mal ehrlich: Niemand hatte gedacht, dass die Panthers so schnell so wettbewerbsfähig sei würden.

Drei der vier Niederlagen kamen innerhalb von einem Score, und bei der vierten (Woche 2 gegen Tampa Bay) war man im Schlussviertel zwischenzeitlich auch auf 7 Punkte herangekommen. Das Punktverhältnis der Panthers ist nur minimal negativ.

Das wirft schnell ein sehr gutes Licht auf die Arbeit vom neuen Headcoach Matt Rhule. Der war ja im Jänner mit Pauken und Trompeten angetreten, aber nach der Offseason hatte es doch ein paar Fragen ob der generellen Ausrichtung der Panthers 2020 gegeben: Wie radikal sollte der Umbruch sein? Würde Carolina schnell in die „stuck in the middle“-Falle tappen?

Quicke Antwort nach sieben Spielen: Nope. Der als detailversessen geltende Rhule kriegt schon hymnische Lobgesänge als großartiger Kommunikator, der zwar seine Assistenten viel Arbeit machen lässt, aber selbst in kleinen Details mitreden kann, wenn er in Team-Meetings hineinplatzt. Rhule gilt schon jetzt als einer dieser seltenen Coaches mit „Belichick-Potenzial“: Fanatisch genug um sich für jeden noch so nützlichen Kleinscheiß zu interessieren, aber auch selbstreflektierend genug um sich immer wieder zu hinterfragen.

Rhules wichtigster Offseason-Move war die Einstellung von OffCoord Joe Brady. Der hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Früher war er Assistenzcoach in New Orleans unter Sean Payton, ehe er letztes Jahr als Mastermind hinter den Pass-Konzepten der sensationellen Joe-Burrow-Offense galt, die den LSU Tigers eine ebenso überraschende wie unumstrittene College-Football-Landesmeisterschaft einbrachte.

Brady sieht mit seinen 31 Lenzen und seiner Brille aus wie ein frisch vom College gekommener Naseweis, aber mach dir keine Illusionen: Der Typ hat es faustdick hinter den Ohren (zumindest wenn wir über Football reden). Bradys Offense klickt in den ersten Wochen erstaunlich gut. Nach EPA/Play ist sie zwar nur im Mittelfeld der NFL, aber die ganzen Schemes und Konzepte sind schon sehr sexy.

Was definiert die Panthers-Offense 2020?

Hier mal ein paar Stichpunkte, was mir zur Panthers-Offense 2020 einfällt:

  1. Sie sucht und findet den Raum. Es gibt extrem viele Spielzüge mit weit offenen Receivern – und das ohne klassische Coverage-Busts der Defense!
  2. Speed: Die Receiver wie Robby Anderson, D.J. Moore oder Curtis Samuel sind alle brutal schnell und auch explosiv.
  3. Viele verschiedene Targets: Wer auch immer in die Aufstellung geschickt wird – alle sind potenzielle Gefahren. QB Teddy Bridgewater verteilt den Ball auf seine Receiver, aber auch die Runningbacks und Tight Ends. Häufig fangen sieben, acht Spieler Bälle.
  4. Spread: Der Klassiker. Brady operiert gerne mit 11-Personnel und breiten Aufstellungen, ist aber auch ein Freund von Empty-Formations. Eine Formation, die man brutal oft sieht: Trips-Formation (3 Receiver) zur „feld-offenen“ Seite (Field), und im Backfield der Runningback a der kurzen Seite des Felds (Boundary).

Ein kurzes Lehrvideo zu den wichtigsten Konzepten gibt es auch bei Youtube. Es zeigt ganz schön wie die Panthers Konzepte wie Shallow-Crosses (also Crossing-Routen 6-8 Yards vor der Line of Scrimmage) oder Stick-Routen (geradeaus 8-10 Yards downfield laufen, umdrehen, fangen) laufen.

Viele Designs sind recht simpel, aber effektiv. Trips auf der offenen Seite des Feldes mit Runningback zur kurzen Seite zieht die Defense horizontal auseinander, vor allem wenn der Runningback dann noch eine Art Wheel-Route läuft. Ein Beispiel hier:

Robby Anderson beginnt mit ein paar Tippelschritten nach innen kurz vor dem Snap um Schwung aufzunehmen, dann der Crosser, Linebacker werden vor unlösbare Wahl im 1-vs-1 gezwungen, völlig offener Receiver, Wurf, Catch, 1st Down.

Oder hier gegen die Falcons im ersten Spiel: Crosser, dahinter Runningback, der die Linebacker aus der Spielfeldmitte herauszieht und Bridgewater zerpflückt downfield bei Moores Dig-Route die Zonen in der Mitte des Feldes in einem gar nicht so einfach zu treffenden, aber offenen Fenster zwischen gleich vier Verteidigern, die nicht nahe genug dran kommen:

Im Kern ist die Offense eine Kurzpass-Offense (Bridgewater aDOT von 7.1 Yards, #26 und #23 bei tiefen Pässen), aber Brady hat keine Scheu vor tiefen Routen, wie zum Beispiel dieser fantastisch designte 74-yds Touchdown für WR Moore gegen die Saints: Acht Mann in Coverage bei den Saints, aber #10 Samuel und #12 Moore laufen beide tiefe Routen und zwingen den Safety #43 Williams dazu eine Entscheidung zu treffen: Links oder rechts? Egal wohin der Safety läuft, es ist ein Touchdown:

Ein oft gesehenes Element in der Panthers-Defense ist auch die so genannte „Pivot Route“ – eine Art Hinterhof-Footballspielzug: Receiver täuscht einen Crosser nach innen an, bremst nach 3-4 Metern abrupt ab und zieht volle Kanne nach außen um den Cornerback zu verladen. Amerikas Footballjungs spielen solche Plays schon im Kindesalter – bei Brady sind sie integraler Bestandteil für Leute wie den agilen Moore. Und es ist total effizient: Moore hat damit gegen die Atlanta Falcons im „Hinspiel“ schon einen TD erzielt.

Die Route baut Brady häufig ein. Im Slot galt sie schon lange als total effizient, aber oben bei Moore ist sie zum Beispiel vom Outside-Receiver gelaufen.

Die Spieler

Die ganze Offense macht einfach Spaß beim Zuschauen. Robby Anderson war schon bei den Jets ein geiler Deep-Threat, aber bei den Panthers strahlt er noch einmal eine ganze Ecke größere Gefahr aus. Man sieht eindeutig, warum Rhule ihn unbedingt haben wollte – er findet bei Crossern und tiefen Route immer wieder die offenen Räume um mit Schwung da hineinzupreschen.

Moore war früher eigentlich eher ein Mann für die kurzen Routen mit viel Yards nach dem Catch. Aber jetzt wird er auch tief angespielt. Samuel sieht weit weniger Targets und wenn, dann alles kurz – aber er war auch nicht ganz fit. Dazu viele Anspiele für Runningbacks (schon deren 55).

Ein Offense Tackle wie Moton spielt in Jahr 4 seine Saison des Jahres.

Und natürlich auch Bridgewater. Teddy ist kein spektakulärer QB, aber er macht sich mit seiner Spielintelligenz exzellent. Bridgewater ist ein famoser Ballverteiler. Seine EPA/Play ist als #16 der NFL nicht extrem hoch, aber er bringt die Pässe an den Mann: #2 nach CPOE. Zwischen dink&dunk kommt immer mal wieder ein tiefer Pass. Das wirkt alles schon sehr präzise, sehr gut im Timing.

Es gab in den letzten Wochen Gerüchte darüber, dass der zuletzt länger verletzte RB Christian McCaffrey heute wieder zurückkehrt. Mittlerweile gilt ein prominenter Einsatz heute Nacht als eher unwahrscheinlich – und ich weiß auch nicht ob McCaffrey die Offense nicht wieder berechenbarer macht: Einmal, weil es dann wieder mehr Laufspiel über ihn geben wird. Und zweitens, weil McCaffrey in Vergangenheit viele „first reads“ anzog. Ergo: Defense kann sich besser drauf einstellen als jetzt, wo der Ball beim gleichen Pass-Konzept in drei Downs dreimal zu einem andere Receiver geht.

Defense

Schematisch spielt Carolina mit die höchste Zone-Coverage-Quote der NFL.

Defense ist in Carolina nicht optional, aber bis jetzt der schwächere Mannschaftsteil. Das war aber zu erwarten, so jung wie die Spieler dort sind. Es gibt aber ein paar Baller, denen zuzuschauen Spaß macht:

  • Der schlaksige EDGE Brian Burns zum Beispiel, der schon 21 Pressures gemacht hat, obwohl er immer mal wieder zurück in die Deckung beordert wird. Bei ESPN ist er die #3 nach Pass-Rush-Win-Rate unter Defensive Ends.
  • FS Jeremy Chinn ist Rookie und kam von einem winzigen College-Programm in die NFL, ist aber schon Stammspieler. Chinn ist ein Spaß-Macher: Schnell, aggressiv, hopp-oder-topp. Nicht alles geht ihm auf (11 missed tackles), aber das Näschen für die Big Plays ist da.
  • Auch der gehypte 1st Rounder DT Derrick Brown macht Laune. Im ersten Spiel gegen Atlanta war er zwar eine Lachnummer, aber z.B. gegen Chicago ein ziemlicher Terror. Brown ist kein überwältigender Pass-Rusher, aber das wussten wir. Aber ständig zwei Leute beschäftigen. NFL wirkte nur in den ersten beiden Spielen „zu groß“.

Zusammenfassend…

So. Das sollte als Einführung zu den Carolina Panthers erstmal reichen. Ich hoffe, nun ist ein bisschen besseres Verständnis da, warum so viele so positiv bei den Panthers gestimmt sind, auch wenn es die Siegbilanz noch nicht hergibt. Gut möglich, dass die Panthers heute trotzdem verlieren, weil Atlanta schlicht irgendwann sein Potenzial nutzen muss ohne sich am Ende selbst ins Knie zu schießen. Und gut möglich, dass vor allem die Panthers-Zone-Defense heute eine Lehrstunde erhält; Stabilität ist noch keins der angemessenen Attribute für dieses Team.

Dafür geht die Offense mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit ans Werk. Joe Brady strahlt absolute Souveränität aus und ist Defenses in den meisten Fällen um einen Schritt voraus. Es gibt sogar Gerüchte, dass Brady heute schon eine Art „Job-Präsentation“ macht, weil die Falcons an ihm trotz des jungen Alters heiß interessiert sein könnten. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Lass uns heute Nacht erstmal diese erfrischende Offense genießen.

6 Kommentare zu “Date mit Carolina – NFL Woche 8

  1. Toller Artikel, auch mal etwas zu Game Tape und das bei einem Team, das sonst unter dem Radar fliegt. Danke!

  2. Kann mich @FloJo nur anschliessen mit dem Lob. Macht richtig Lust dieses Game Live vorm PC anzuschauen. Sympathisiere eh auch mit den Panthers. Sind meist der positive Farbtupfer in der NFC.
    Wäre natürlich schade, wenn OffCoord Joe Brady abgeworben wird, bevor die Früchte seiner Arbeit langfristig wirken können.

  3. Eigenartiges Regenspiel bis zur Halbzeit.
    Atlanta bis zur Redzone gut unterwegs, doch davor und in
    der Zone selbst kein Mut zum TD – nur 1 TD & 3 FG. Resultat nur 2 Pt. Führung.
    Carolina erster Drive Lehrbuchmässig, profitierte später noch von eine Int. mit anschließendem TD. QB Bridewater stetig unter Druck, deshalb kam von daher nicht mehr zur Offense.
    Noch alles offen.

  4. Würde das Spiel aber eher verbuchen unter Bridgewater ist zu limitiert – zu viele Alex Smith Würfe bei 3rd down.
    Die Defense derPanthers scheint mir sehr Basic zentriert. Keine Ahnung ob das ein längerfristiger Plan ist, oder ob der Defcord einfach nicht so wirklich nfl tauglich ist.
    Einzelne Spieler zeigen immer mal wieder Talent nur läuft noch nicht wirklich alles zu sammen, was aber nicht das schlechteste sein muss, wenn man wirklich langfristig plant und dann gut draften kann.

  5. Pingback: Die Einführung zum NFL-Trainerkarussell 2021 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Pingback: All-32: Carolina Panthers 2021 Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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