NFL Play-Calling Report: Tampa Bay Buccaneers – konservativ, gut, glücklich?

Kurzer Play-Calling Artikel heute (kein Spoiler vom Thursday Night Game). Wir haben sieben NFL-Spieltage 2020 hinter uns. Lass uns mal auf einige Tendenzen schauen.

Early-Down Passing

Lass uns auf die gewohnte Grafik von rbsdm.com schauen: Welche Teams haben in spielneutralen Situationen am häufigsten Passspiel angesagt?

Die Seahawks bleiben im „Russ-Cook“-Modus und sind das passlastigste NFL-Team in 1st und 2nd Down! Es ist zwar enttäuschend, dass für diese „Krone“ nur 63% Early-Down Pässe reichen, doch immerhin scheinen Pete Carroll und Brian Schottenheimer auch nach der Bye-Week bei ihrer neuen Linie zu bleiben.

Die Hawks sind vor allem in 2nd Downs mit langen Distanzen bombastisch: Fast keine 2nd&long-Runs mehr!

Interessant in diesem Zusammenhang war Kevin Coles Anmerkung im jüngsten Unexpected Points-Podcast mit Ben Baldwin (einem der Schöpfer obiger Grafiken): Der Irrglaube, dass Twitter in einer Blase agiere, sei längst nicht mehr haltbar. Team-Verantwortliche wie Beat-Writer lesen sehr wohl auf Twitter mit und je mehr Analytics-Tweets in der Bubble, desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass Coaches in Pressekonferenzen zu Analytics-Themen befragt werden, desto wahrscheinlicher, dass Coaches mit dem Thema aktiv konfrontiert werden.

Cole & Baldwin sind beide überzeugt davon, dass die massive „Let Russ Cook“-Bewegung der letzten 2-3 Jahre mit eintausend Fragen in Richtung Carroll/Schottenheimer wesentlich dazu beigetragen haben, dass Carroll auf seine alten Tage dann doch noch auf das längst Offensichtliche umgeschwenkt ist.

Also Rat an alle Fangruppierungen: Fleißig Analysen auf Twitter posten. Beat-Writer werden schnell aufmerksam und beginnen unangenehme Fragen zu stellen!

Die Bills sind noch immer #2, Green Bay #4. Die Chiefs sind mittlerweile nur mehr auf #6, weil die letzten beiden Gegner Buffalo und Denver sie förmlich zum Laufspiel eingeladen haben, und Andy Reid deren Einladung angenommen hat.

Die Colts sind nur im Mittelfeld, waren in den letzten beiden Spielen aber jeweils extrem passlastig. Gegen die Bengals könnte das aber auch nur dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass man schnell in Rückstand lag und öfters werfen musste (bei 21% Wahrscheinlichkeit wirft man eben doch eher als bei 79%).

Ärgerliche Mannschaften sind Detroit oder Tennessee, die grundlos hohe Early-Down Laufquoten aufrechterhalten um das Mantra vom „Play-Action-vorbereiten“ aufrechtzuerhalten. Das ist bekanntlich ein Trugschluss. Gerade die Titans wären mit 0.41 EPA/Pass in Early-Downs das gefährlichste Passing-Team. Diese Waffe in weniger als 50% der Plays einzusetzen, ist sträflich.

Play-Action

Die ganz krassen Play-Action-Zahlen mit fast 50% Play-Action wie noch zu Saisonbeginn gibt es jetzt nicht mehr. Im Schnitt callen NFL-Teams heuer in 26% der Dropbacks Play-Action (Quelle: PFF).

Die höchsten Play-Action Zahlen haben:

  • Rams 43%
  • Patriots 37%
  • Titans 35%
  • 49ers, Bills 34%
  • Chargers, Browns, Ravens 33%
  • Cardinals 30%
  • Packers, Washington 28%
  • Chiefs , Eagles 27%

Die niedrigsten Quoten:

  • Steelers 12%
  • Jets, Texans 18%
  • Buccaneers, Jaguars 19%
  • Saints 20%
  • Dolphins, Broncos 21%
  • Colts, Lions (!) 22%

Im Schnitt bringt ein Play-Action Pass 7.3 NY/A. Ein Versuch ohne den Fake bringt 6.4 NY/A.

Die meisten NY/A im Passspiel machen die Buccaneers mit Tom Brady: 10.2 NY/A. Die Titans sind mit 9.9 NY/A nicht weit dahinter.

Diese beiden Teams sind dann auch jene mit dem größten Gap zwischen Play-Action Pässen und jenen ohne den Fake: Buccs machen mit Play-Action 4.2 NY/A mehr als ohne. Titans sind da nur unwesentlich dahinter.

Es gibt übrigens nur acht Mannschaften, die bei straightem Drop-back Spiel ohne Fake mehr Yards/Pass machen als mit Play-Action. Die Packers sind da überraschenderweise mit drunter. Die anderen Teams:

  • Seahawks
  • Panthers
  • Chargers
  • Raiders
  • Eagles
  • Steelers
  • Colts

Snap-Motion

ESPN trackt die Snap-Motion mit, welche für gewöhnlich als recht billiger kleiner Gewinn für die Offense gilt: Mehr Motion zum Snap verursacht Bewegung in der Defense, was dem Quarterback Informationen gibt und in der Defense Konfusion stiftet. Es ist umstritten, ob Snap-Motion in dieser Saison bisher wirklich einen Impact auf EPA/Play hatte. In den letzten Jahren war es jedenfalls so.

Shanahan/McVay-Offenses gehören bekanntlich zu den Offenses mit der meisten Bewegung. Die statischen sieht man ganz unten – der „Koetter-Tree“: Atlanta und Tampa Bay:

4th Down Aggressivität

Es gibt Situationen, in denen die gängigen 4th-Down-Modelle raten, die Versuche auszuspielen (z.B. viele 4th&1 und 4th&2 Situationen sowie rauf bis 4th&5 in der Zone kurz hinter der Mittellinie).

Aber Teams sind bis heute zögerlich, solche 4th Downs wirklich über ihre Offense auszuspielen. Sie tun es vielmehr erst, wenn sie schon nahe der Verzweiflung sind.

Hier eine Übersicht, zu wie vielen Prozent die einzelnen Teams solche „empfohlenen 4th Downs“ ausgespielt haben, als sie noch mindestens 20% Siegchance hatten:

Die Packers sind mega-aggressiv! Die Ravens, Lieblinge des letzten Jahres, dagegen finden wir erst im unteren NFL-Mittelfeld. Ganz unten Panthers, Buccaneers, Bears und Saints.

Tampa Bay Buccaneers

Wir haben diese Mannschaft jetzt oft gehört.

Schon erstaunlich, dass die Buccs sowohl bei Play-Action Usage wie auch bei Snap-Motion und 4th Down Aggressivität sehr weit unten zu finden sind, und auch beim Early-Down Passing nur im Mittelfeld. Dabei hätten sie es ja alles drauf! Tom Brady war 20 Jahre lang ein Play-Action Halbgott in New England.

So gut die Buccs mit 5-2 in die Saison gekommen sind, so sehr wirkt die Offense in vielen Momenten noch ausbaufähig. Und jetzt wissen wir auch woran das liegt: Sie nutzen schlicht ein paar wichtige Stellhebel nicht.

Warum ist Tampa dann trotzdem so erfolgreich mit seiner Offense? Einmal natürlich Brady und ein bockstarker Receiving-Corps. Aber dann ist schlicht auch etwas Glück im Spiel:

  • Die Offense hat zwei Drittel der Fumbles erobert (#4 der NFL)
  • Die Offense hat gemessen an der Distanz „Yards to go“ 9% mehr 3rd Downs verwertet als man es von ihr erwartet hätte (#6 der NFL). 3rd Downs sind viel weniger stabil als man denken würde!
  • Die Red-Zone-Offense macht 0.42 EPA/Play (#4 der NFL). Auch hier: Instabiler Wert. Weil in der Redzone aber die meisten Touchdowns und somit Punkte erzielt werden, ist das ein mega-wichtiger Grund für den Erfolg.
  • 79% Red-Zone-Touchdowns (#4 der NFL)

Man könnte nun sagen: Die Buccs sind „clutch“. Die Historie zeigt, dass „Clutchiness“ sehr oft einfach mit „Glückskind“ übersetzt werden kann. Auch wenn die Buccs mit Brady einen Quarterback haben, der in den USA förmlich für seine Eiswasser-in-Venen-Mentalität berühmt ist: Die Wetten, dass die Buccs in diesen instabilen Metriken weiter so herausragend sind, stehen schlecht.

4 Kommentare zu “NFL Play-Calling Report: Tampa Bay Buccaneers – konservativ, gut, glücklich?

  1. Pingback: Montagsvorschauer – Woche 8 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Pingback: NFL Power Ranking 2020 – Woche 8 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  3. Pingback: NFL Power Ranking 2020 – Woche 9 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  4. Pingback: Sideline Reporter – NFL Coach des Jahres 2020/21 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.