College Football, Corona, Chaos: Der Samstagsvorschauer zu Halloween

Guten Morgen.

Die College-Football-Saison steht am Scheideweg, nachdem bei den Wisconsin Badgers Corona-Chaos ausgebrochen ist: Unter anderem der famose QB Graham Mertz infizierte sich mit dem Virus, was eine ganze Kettenreaktion auslöste. Mittlerweile wurden mehr als 15 Wisconsin-Spieler positiv getestet – wie die Saison für die Mannschaft weitergeht ist völlig unklar, denn die Big Ten beharrt auf eine dreiwöchige Spielsperre für Infizierte.

Das heutige Spiel gegen Nebraska wurde erstmal ersatzlos gestrichen. Das findige Nebraska, das schon im Sommer auf eigene Faust loslegen wollte, organisierte kurzfristig ein Testspiel gegen eine FCS-Uni. Doch dessen Austragung scheiterte am Veto der Conference-Führung.

Wie es in der Big Ten damit weitergeht, ist noch nicht ganz klar. Acht Saisonspiele waren vor dem „Finals-Weekend“ geplant, mindestens sechs braucht es um sich für das Big-Ten-Endspiel zu qualifizieren. Fallen weite Teile der Mannschaft weiter aus, wird Wisconsin schon qua Corona-Status ausgesiebt.

Der andere große Name auf der Covid-Liste ist Clemsons QB Trevor Lawrence. Er wurde am Donnerstag positiv getestet und fällt heute gegen Boston College mit Sicherheit aus. Lawrence ist bekanntlich der am höchsten gehypte NFL-Draft-QB seit mehreren Jahren. Heute können die haushoch favorisierten Tigers seinen Ausfall wohl verkraften. Aber wie sieht das nächste Woche aus, wenn Clemson bei Notre Dame antreten muss? Lawrences Einsatz dort ist noch nicht sicher.

So oder so: Der College Football ist in etwa dort angekommen, wo man ihn vor Saisonstart erwarten konnte. Trotzdem gehen die Spiele weiter. Wenn die Conferences die Saison durchgepeitscht bekommen, dann erwarten uns noch einige Überraschungen.

Kurze Zusammenfassung Big Ten letzte Woche

Minnesota – Michigan 24:49. Extrem gute Auftaktvorstellung von Michigan. Die Wolverines hatten gar nicht so viele Offense-Snaps (ich glaube nur 55), haben aber fast 500 Yards gemacht. Laufspiel sah brutal dominant aus. QB Joe Milton gab den effizienten Verwalter, machte keine Fehler, dazu ein paar Scrambles. Frage bleibt natürlich nach der Qualität von Minnesotas Defense.

Ohio State – Nebraska 52:17. Eine merkwürdige Performance von Ohio State. Nebraska hielt das Spiel fast eine Halbzeit lang knapp, ehe OSU davonzog. QB Justin Fields war ganz nah an der perfekten Vorstellung und hatte nur eine einzige Incompletion. Bei einem so klaren Sieg sollte man eigentlich nicht zu viel aussetzen, aber irgendwie hat mich die Physis von Ohio State eher enttäuscht. D-Line ließ recht viel zu, Fields war immer mal wieder unter Druck.

Indiana – Penn State 36:35. Absoluter Freaksieg für Indiana. Penn State dominierte die Partie optisch und nach Yards/Play nach Belieben, marschierte immer wieder das Feld runter, machte mehr als doppelt so viele Yards, beging aber so ziemlich alle Fehler, die man begehen kann:

  • Interception und Fumble in der ersten Halbzeit, insgesamt 3 Turnovers
  • Drei verschossene Fieldgoals und ein gescheitertes 4th&1
  • 10 Strafen für 100 Yards
  • Ein Todd-Gurley-artiger ungewollter Touchdown einen Tag vor dem Todd-Gurley-Touchdown
  • Eine umstrittene 2pts-Conversion für Indiana zum Sieg

Michigan State – Rutgers 27:38. Große Überraschung. Greg Schianos Rückkehr gleich mit einem Stunner. Die Partie war von unterirdischer Qualität. Michigan State wirkte eigentlich besser, beging aber gleich sieben Turnover (fünf Fumbles). Rutgers hatte „nur“ 3.

AP Ranking

Acht Spieltage sind mittlerweile absolviert, aber zahlreiche Contender haben noch nicht viel gespielt. Das AP-Ranking sieht gerade so aus:

  1. Clemson (6-0)
  2. Alabama (5-0)
  3. Ohio State (1-0)
  4. Notre Dame (5-0)
  5. Georgia (3-1)
  6. Oklahoma State (4-0)
  7. Cincinnati (4-0)
  8. Texas A&M (3-1)
  9. Wisconsin (1-0)
  10. Florida (2-1)
  11. BYU (6-0)
  12. Miami/FL (5-1)
  13. Michigan (1-0)
  14. Oregon (0-0)
  15. UNC (4-1)
  16. K-State (41)
  17. Indiana (1-0)
  18. Penn State (0-1)
  19. Marshall (5-0)
  20. Coastal Carolina (5-0)
  21. USC (0-0)
  22. SMU (5-1)
  23. Iowa State (3-2)
  24. Oklahoma (3-2)
  25. Boise State (1-0)

Seien wir ehrlich: Das hätten sie auch auswürfeln können.

Da ist so viel Chaos drin, dass man mittlerweile auch einen Mid-Major in den Playoffs nicht mehr ausschließen kann. Denkbar ist mittlerweile alles.

Paar interessante Spiele von heute

Achtung: Heute beginnt alles eine Stunde früher als gewohnt, weil die USA erst in der Nacht auf morgen auf Winterzeit umstellen. Ab morgen dann wieder gewohnte Kickoff-Zeiten in der NFL.

Clemson – Boston College (17h). Anstelle von Lawrence wird QB #5 D.J. Uiagalelei starten. Der ist ein hoch gehandelter Freshman. Uiagalelei wirkt physisch imposant für einen Freshman. Er hat heuer nur in Kurzeinsätzen gespielt und nicht allzu viel Eindruck hinterlassen. Es ist zu erwarten, dass Dabo Swinney hier sehr viel laufen lässt und dem jungen QB eher einfache Pässe zwischendurch gibt.

Kentucky – Georgia (17h). Georgia spielt am Halloween-Wochenende normalerweise die Cocktail-Party gegen Florida. Heute muss man nach Kentucky – oder „darf“. Die Bulldogs haben eine spielfreie Woche nach der letztlich deutlichen Niederlage gegen Alabama hinter sich. Heute ist fast egal wie gut die Offense spielt, denn Georgias Defense sollte die mickrige Passing-Offense von Kentucky locker kontrollieren.

Cincinnati – Memphis (17h). Eine Partie zweier Mid-Majors, die einigen Hype kriegt. Cincinnati ist mittlerweile schon an #7 gerankt – aber nicht wie man als Laie vermuten würde wegen einer furiosen Offense, sondern dank ihrer knackigen Defense, die schon letzte Woche das explosive SMU komplett abwürgte.

Cincinnati ist die #4 Defense nach SP+. Diese Unit ist in allen Mannschaftsteilen hervorragend besetzt. Die Stars sind der EDGE Myjai Sanders und der hoch aufgeschossene CB Ahmad Gardner. Gardner ist ein brutal knackiger Corner. Passer-Rating ist kacke, aber ich habe irgendwo in den letzten Tagen den Fakt aufgeschnappt, dass Gardner ein Rating von roundabout 8.0 zulässt. Viel besser geht nicht.

Michigan – Michigan State (17h). Gemessen an den Eindrücken aus der letzten Woche wird das Michigan-Derby eine eindeutige Angelegenheit. Ich sehe nicht wie die Spartans die Partie mit ihrer unterirdischen Offense knapp halten wollen. Trotzdem gibt es einiges zu scouten, denn so gut Michigan zum Auftakt ausgesehen hat: So ganz weiß man bei der Offense noch nicht. Das war natürlich im zweiten Jahr von OffCoord Josh Gattis viel mehr und viel variabler als alles in den letzten Jahren. Aber heute trifft man zum ersten Mal auf eine ernstzunehmende Defense.

Georgia Tech – Notre Dame (20h30). Last stop before Clemson für das an #4 gerankte Notre Dame. Georgia Tech sollte man zum Frühstück verspeisen. Also schauen, dass man sich nicht ansteckt.

Rutgers – Indiana (20h30). Eigentlich keine so attraktive Partie, aber weil beide letzte Woche gewonnen haben, könnte es durchaus a bissl „to watch“ geben. Ich bin bei beiden aber noch skeptisch: Indiana hat eigentlich offensiv fast nix zustande gebracht. Warum die Hoosiers gegen Penn State gewonnen haben, wissen sie wohl selbst nicht. Bei Rutgers ist der neue QB Noah Vedral der spannende Mann: Fast jeder Pass war letzte Woche perfekt auf die Brust gelegt.

Oklahoma State – Texas (21h). Okie State ist das letzte ungeschlagene Team der Big 12 und das einzige, das noch Playoff-Hoffnungen hegt. Zu Texas gibt es gar nicht so viel zu sagen. Die beiden wesentlichen Erkenntnisse:

  • QB Sam Ehlinger spielt deutlich unter dem Niveau, das ich mir erwartet hatte (Heisman-Nähe). Da ist wenig Struktur im Passing-Game zu erkennen. „Pocket“ ist ein undefiniterter https://www.espn.com/college-football/game/_/gameId/401237126Begriff für Ehlinger.
  • Defense ist nur #48 nach SP+. Das ist deutlich unter dem erhofften Niveau.

Vielleicht wird es heute also gar nicht so viele Punkte geben, denn interessanterweise ist Defense heuer eine der Stärken von Oklahoma State (#12 Defense nach SP+, Offense ist nur #30). Nur eine weitere Kuriosität von 2020.

Alabama – Mississippi State (0h00). Alabama cruist bis jetzt recht ungefährdet durch die Saison, musste aber letzte Woche das Saisonaus von WR Jaylen Waddle hinnehmen. Waddle ist nicht irgendein Receiver, sondern war der explosivste, schnellste Mann im Kader. Er war sowas wie der „neue Henry Ruggs“ in Alabama, nur besser. Ohne Waddle hat Bama mit Devonta Smith und John Metchie nur mehr zwei Superstar-Receiver für Mac Jones. Erbarmen!

Mississippi State hat in Woche 1 LSU mit seiner neuen Mike-Leach-Air-Raid Offense geschlagen. Damals machte die Offense über 600 Yards. Seither?

  • 14:21 gegen Arkansas mit 4.8 Yards/Play und 4 Turnover
  • 2:24 gegen Kentucky mit 3.5 Yards/Play und 6 Turnover
  • 14:28 gegen Texas A&M mit 3.6 Yards/Play und 2 Turnover

Penn State – Ohio State (0h30). Den Rankings nach das Spiel der Woche: #18 gegen #3. Penn State ist sicher besser als Auftaktpleite gegen Indiana, und bei Ohio State gibt es eingangs beschriebene Hoffnung, in den Schützengräben mitzuhalten. Penn State hat in den Defensive Ends Jayson Oweh und Shaka Toney zwei potenziell starke Rusher und eine gute Run-Defense, aber noch besser wäre in dem Spiel ein dominanter Defensive Tackle gegen Ohio States Wackel-Guards.

Aber um mit einem Justin Fields mitzuhalten muss man auch zahlreiche eigene Punkte auflegen, und da kann sich die Offense nicht wieder 3 Turnover und x-mal verschossene Fieldgoals erlauben. Nur wenn Penn State fast alle 4th Downs ausspielt und converted, gibt es hier eine Chance.

Florida – Mizzou (0h30). Interessante Partie. Florida musste die letzten beiden Wochenenden wegen des Corona-Ausbruchs im Team aussetzen. Kann die Offense ihren hohen Level der ersten Wochen halten? Bei Mizzou: Ist QB Connor Bazelak wirklich so gut wie zuletzt angedeutet?

Texas A&M – Arkansas (0h30). Upset Alert! Ex-Florida-QB Feleipe Franks und seine Arkansas Razorbacks gehören zu den positivsten Überraschungen der Saison! Beim Over/Under von 1.5 Siegen hatten im Sommer viele auf das Under getippt, aber die Hogs haben schon zwei Siege. Franks‘ tiefe Bomben und eine fassungslose Play-Action Quote von fast 60% zeigen Wirkung.

BYU – Western Kentucky (4h15). BYU ist eine der großen positiven Erscheinungen dieser Saison und nicht nur im AP-Poll auf #11 gerankt, sondern auch an #10 bei SP+. Vor allem die Offense um QB Zachary Wilson ist fantastisch.

Ich hab in den letzten Wochen bei BYU immer wieder reingesehen und kann konstatieren: Design wie Quarterback auf dieser Schule der Pass-Gurus sind fantastisch.

BYU spielt eine ganz eigene Kreation der Outside-Zone-Offense. Laufspiel und O-Line-Play sehen sehr „Shanahanian“ aus, aber das Passspiel ist ganz anders interpretiert. Mitte des Feldes wird kaum bearbeitet, dafür gibt es zahllose Nakeds und Boots, Würfe on the run, hohe Play-Action-Raten auch aus Pistol-Formationen mit Richtungswechseln im Backfield.

BYU spielt immer wieder 0x4 Formationen mit null Receivern auf einer und vier „Receivern“ auf der anderen Seite. Die Formation ist in der NFL gar nicht erlaubt – und ich setze „Receiver“ in Anführungszeichen, weil dabei der innere der beiden Spieler an der Line of Scrimmage gar nicht Catch-berechtigt ist. Aber daraus kreiert BYU immer wieder Plays. Quick-Game, Triangle-Reads, H-Backs, die sich hinter der O-Line in die Flat schlingeln und Space kreieren – da ist einfach alles dabei.

Und Wilson selbst spielt auch in Hochform. Wilson scheint der diesjährige QB zu sein, der aus dem Gar Nichts zu großen Draft-Ehren kommt. Zumindest ist es kaum vorstellbar, dass die NFL ihn nicht in der 1ten Runde zieht, denn das Tape ist einfach atemberaubend. Wilson zeigt eine Antizipation, die man sonst nur bei NFL-Veterans sieht. Immer wieder kommen Würfe in einem Moment, in dem der Receiver noch gar nicht abgedreht hat mit einer Entschlossenheit eines abgezockten Routiniers. Dabei galt Wilson vor zwei Monaten noch als völlig unbekannt.

Würfe cross-country übers Feld auf die „Field-Seite“? No problem. Die Präzision ist spot on. Da passt meist kein Löschblatt dazwischen. Pack obendrauf Beweglichkeit und verrückte Arm Angles, die an Patrick Mahomes erinnern, und fertig hast du einen spektakulären Small-League-Prospect auf dem Weg zu NFL-Stardom. Viel bessere Wurfarme glaube ich gibt es in der momentanen NFL auch nicht – aber es kann sein, dass ich in den letzten Wochen zu sehr in blindes Fandom verfallen bin.

Freilich gibt es auch ein paar Head-Cratcher. Grad letzte oder vorletzte Woche feuerte Wilson einen brutal gefährlichen Pass in engste Coverage, so hoch geworfen, dass der Receiver wenns dumm läuft im Krankenhaus landet. Und dann sind da diese lästigen „Bail the pocket“ Momente ohne echten Druck und immer wieder das Gefühl, dass Wilson zu sehr in Schönspielerei verfällt. Ich bin wirklich gespannt, wohin die Reise mit dem Mann geht.

Erstmal stehen noch ein paar Aufgaben an – denn die Mormonen-Uni hat noch gar keinen vernünftigen Gegner gesehen. Erst nächste Woche wartet in Boise State der erste und mutmaßlich einzige ernsthafte Prüfstein bzw. Qualitätsgegner, für den Fall, dass BYU die Playoff-Party wirklich crashen will. Und vielleicht auch für Wilson, der sich sonst im Frühjahr anhören muss, seine Zauberkünste bloß gegen unqualifizierte Statisten aufgeführt zu haben.

Ein Kommentar zu “College Football, Corona, Chaos: Der Samstagsvorschauer zu Halloween

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