Date am Donnerstag – NFL Woche 9

Die US-Wahl hat selbst für unsere überjazzte Zeit bemerkenswertes mediales Hyperventilieren hervorgerufen. Nicht nur die Berichterstattung war absolut crazy, sondern auch die Wettmärkte. Bei keinem anderen Event jemals ist so viel Geld verwettet worden. Und es ging hin und her:

An einer Stelle in der Nacht auf den Mittwoch weckte mich um ca. halb vier eine lästige Mücke, und als ich sie gefasst hatte, war ich wach genug um nicht sofort wieder die Augen zuzumachen. Ich machte das i-Pad an, und das erste was mich ansprang: Donald Trump 81% Siegwahrscheinlichkeit!

Ich wette fast nie, aber der Value von Biden +440 war zu gut für mich um ihn ungenutzt zu lassen. Wenn in den USA fertig ausgezählt werden darf (wovon auszugehen ist), bringt mir der Move einige Hunderter an ROI.

Seit gestern späten Nachmittag sieht es nach einem deutlichen Biden-Sieg (kann über 290, vielleicht über 300 Wahlmänner geben) aus; Twitter war den TV-Stationen z.B. in Deutschland jeweils um locker zwei Stunden voraus, denn um 19h war noch keine Rede von der schiefen Ebene, auf die die Auszählungen in den Swing-States zusteuerten.

Ich frage mich aber noch heute: Was haben sich die Leute in den Minuten meiner Wette am Mittwochmorgen 4h gedacht? Dass die Republikaner bei den vielen Briefwahlstimmen erst einmal vorne liegen würden, war doch allen klar – aber dass der Florida-Upset die Leute Banana gehen ließen? Bislang ungesehen. Und ein Reminder: Splits happen.

Anyhow: Es war meine beste Wette seit meinem „Double-Down“ auf die Patriots in der Halbzeit von Superbowl „28-3“.

Thursday Night Game – NFL Woche 9

Wir überschreiten mit dem anstehenden Spieltag die Saisonhalbzeit 2020/21. Es steht Green Bay Packers (5-2) @ San Francisco 49ers (4-4) an. Das Spiel stand wegen Corona-Ausbrüchen in beiden Teams bis zuletzt auf der Kippe, soll nun aber doch abgehalten werden. Aber es werden einige Spieler fehlen – gerade bei den 49ers:

Die Storys, mit denen man diese beiden Mannschaften miteinander verknüpfen könnte, sind unendlich, und dafür brauchen wir noch nichtmal Aaron Rodgers, der einst im NFL Draft 2005 als „Kind der Bay-Area“ nicht von den 49ers an #1 einberufen wurde, sondern stundenlang im Green-Room sitzen musste ehe die Packers ihn gegen Ende der 1ten Runde raus erlösten.

Die wichtigere aktuelle Verbindung besteht zwischen den beiden Headcoaches: Green Bays Matt LaFleur war einst Schüler von Niners-Coach Kyle Shanahan. Letztes Jahr schoss Shanahan mit seinen 49ers die Packers zweimal bitterböse ab:

  • 37:8 in der Regular Season
  • Und dann noch einmal 34:20 im NFC-Finale

Die Packers hatten beide Male keine Chance, und San Francisco musste gerade in den Playoffs noch nicht einmal sein Passspiel auspacken um Green Bay in Grund und Boden zu spielen.

Auf diese beiden Machtdemonstrationen folgte eine Packers-Offseason, die man mit Höhepunkt (Tiefpunkt?) Draft nur noch als „bizarr“ demarkieren kann. Green Bay zog im Draft unter anderem einen bruisenden Runningback in A.J. Dillon und einen H-Back in Josiah Deguara anstatt sich die unbedingt notwendige Hilfe auf Wide Receiver anzuschaffen. Das weckte Befürchtungen, LaFleur könnte sich die unvergleichliche 49ers-Offense als Vorbild abgeschaut haben (und damit krachend scheitern).

Diese Befürchtungen wurden bis jetzt zumindest nicht bestätigt. Die Packers spielen eine ziemlich passlastige Offense mit vielen modernen Elementen wie Snap-Motions, Crossing-Routen oder mehr Play-Action. QB Aaron Rodgers war in den ersten Wochen ein valider MVP-Kandidat, ehe er von einem schwachen Spiel in Tampa zurück auf den Boden der Tatsachen geholt wurde. Er ist noch immer einer der besten QBs in den Advanced-Metrics:

  • EPA/Play: #4
  • CPOE: #11
  • QBR: #2
  • PFF Passing Grade: #2

Der überschäumende Optimismus im Fan-Lager der Packers aus den ersten Wochen ist jetzt allerdings erstmal gebremst. Man hat auch zur Dead-Line keinen Receiver geholt, obwohl ein Will Fuller zu haben gewesen wäre. Und die Protagonisten aus dem Draft sind längst nur noch Randnotizen; Dillon z.B. fehlt heute Covid-bedingt.

Die 49ers dagegen spielen ihren immergleichen Stiefel runter, und man kann angesichts des extremen Verletzungspechs dieser Mannschaft argumentieren, dass Shanahans Coaching-Job diese Saison mindestens gleich beeindruckend ist als jener der letzten: Die 49ers sind 4-4, obwohl die Mannschaft zeitweise oder permanent auf so gut wie jeden hochklassigen Superbowl-Starter verzichten mussten.

QB Jimmy Garoppolo, TE George Kittle, WR Deebo Samuel, WR Brandon Aiyuk, LT Trent Williams, EDGE Nick Bosa, CB Richard Sherman – sie fehlen den Niners auch heute, um nicht die Abgänge wie DT Buckner oder WR Sanders oder Role-Player á la RB Mostert aufzuzählen. Wie krass die Sache ist? Heute wird keiner der Spieler, der im Conference-Finale im Jänner den Ball in der Hand hatte, spielfähig sein:

Garoppolo ist für ca. 6 Wochen raus, Kittle für zwei (eigene Aussage) bis acht (Teamarzt). QB Nick Mullens soll heute starten. Der ist alles zusammen betrachtet zwar kein gleichwertiger Ersatz für Garoppolo, aber er kriegt von Shanahan mit 40% Play-Action Quote exzellente Hilfe im Playcalling, und kann heute wohl auch wieder auf ein gutes Laufspiel bauen.

Beziehungsweise: Darauf, dass der Gegner ganz einfach massive Probleme haben wird, das Laufspiel zu verteidigen. Letzte Woche wurde die Packers-Verteidigung von RB Dalvin Cook und den Vikings deklassiert – und es war mindestens gleich viel Defense-Hühnerhaufen wie es Stärke der Vikes war. Was sich vor allem die Safetys wie Darnell Savage oder Adrian Amos leisteten, spottete jeder Beschreibung.

Trotzdem sind die Packers wohl mittlerweile deutlich zu favorisieren, weil San Francisco einfach fast ohne NFL-taugliche Waffen spielen muss:

Shanahans Play-Designs sind auch im Laufspiel dann am effizientesten, wenn ernsthafte Bedrohung durch das horizontale Passing-Game besteht. Inwiefern die Packers da heute viel verteidigen müssen, ist offen. Es könnte sein, dass es noch nichtmal eine dominante Rodgers-Performance für einen Packers-Sieg braucht.

5 Kommentare zu “Date am Donnerstag – NFL Woche 9

  1. „… bringt mir der Move einige Hunderter an ROI“
    Kreigst du dein Geld auch dann wenn der SC Donald zum König auf Lebenszeit krönt?

  2. Selbst die Senats Republikaner wollen zu Ende auszählen. Das lässt hoffen, dass der sc NICHT entscheidend ist.

  3. „out of the box“ +1

    Bzgl 49ers: Ein einziger WR auf dem active roster? Warum holt man niemand aus dem practice squad? Oder signed ein-zwei FA für minimum wage? Tradedeadline ist auch gerade erst durch. Auch da hätte man… aber NFL Front Offices muss man nicht verstehen.
    (ein Rosterspot ist immer irgendwie freizumachen; aber mit einem einzigen WR und Backup-QB gegen Packers mit AR? Quote hin oder her, da würde ich keinen Cent auf die 49ers setzen.)
    *Korsakoff wartet die Halbzeit ab, setzt beim Stand von 3:42 1.000€ auf SF und muss nie wieder arbeiten gehen*

  4. Sign von FA ist schwierig, da neue Leute erstmal 5 Tage in Quarantäne müssen, bevor sie zum Team dürfen.
    Heute Verpflichten, morgen spielem geht also nicht.

    Dann eher nen Cornerback umschulen

  5. Nesro, danke für den Hinweis, Corona hatte ich gerade nicht bedacht. Wobei die WR-Kanppheit sich wahrscheinlich schon länger angebahnt hat.

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