College Football zwischen Genie, Wahnsinn und Chaos

Die College-Football-Saison droht im Chaos zu versinken! Hier mal ein kleines Update der letzten Tage.

Spiel des Jahres: Notre Dame – Clemson

Ich hab es schon ein paarmal geschrieben: Ganz merkwürdige College-Football-Saison. Die NFL ist eine der Ligen, bei der ich die Zuschauer mit am wenigsten vermisse. Beim College Football ist genau umgekehrt: Ich vermisse sie am meisten. Vielleicht hat Kollege Christian Schimmel ja recht: Das Produkt im College Football ist im Gegensatz zur NFL ohne die Atmosphäre nicht gut genug.

Jedenfalls gab es am Samstag das bisherige Spitzenspiel #4 Notre Dame – #1 Clemson, und es hat eigentlich wie die Faust aufs Auge zu dieser Saison gepasst:

  • Der wichtigste Spieler in QB Trevor Lawrence musste wegen Corona-Infektion aussitzen
  • Ausgerechnet jener Lawrence, der als eine Art „Gewerkschaftsführer ohne Titel“ im Sommer trotz gesichertem #1 Draftpick-Status als lauteste Stimme der Spieler für eine Abhaltung der Herbstsaison unter bestimmten Sicherheitsmaßnahmen gerufen hatte
  • Die beiden Mannschaften lieferten sich trotzdem vor lichten Rängen einen spektakulären Schlagabtausch
  • Nach dem Spiel stürmten euphorisierte Notre-Dame-Fans das Spielfeld für ein nach acht Monaten Pandemie ganz fremd gewordenes Bild:

Diese Fans bekamen hernach einen schriftlichen Rüffel vom Uni-Präsidenten Notre Dames – ausgerechnet jenem Mann, der vor kurzem noch ohne Maske bei einem Trump-Event im Weißen Haus gesichtet worden ist. Glaubwürdigkeit ist ein wandelbares Konzept.

Das Spiel selbst war spektakulär, ist in den USA am Samstag aber untergegangen: Der übertragende Sender NBC wechselte mitten im zweiten Viertel raus um die Rede von Wahlsieger Joe Biden zu übertragen. Als NBC wieder live drauf war, kämpften sich beide Mannschaften in die Overtime.

Notre Dame schaffte, nachdem es lange geführt hatte, erst per Comeback im Schlussviertel die Verlängerung. Dort legten die Irish zwei Touchdowns auf ehe der von Blitzes geblendete Clemson-Backup QB D.J. Uiagalelei mehrere Sacks zum endgültigen Ende kassierte. 47-40 nach Overtime für Notre Dame (hier die Highlights vom Spiel).

Sportlich war es ein massiver Win für Notre Dame, aber kein Rettungsring im Playoffrennen: Ein Re-Match im ACC-Finale um den 19. Dezember herum ist wahrscheinlich, sofern sich nicht zu viele Irish-Spieler vom Hormonrausch der feldflutenden Studenten haben anstecken lassen.

Für Clemson war es eine verschmerzbare Pleite. Ein ACC-Finalsieg über Notre Dame (dann mit Trevor Lawrence) wird reichen, weil diese knappe Niederlage vom Playoff-Komitee u.a. durch Lawrences Ausfall entschuldigt werden wird. Ein 9-1 Clemson mit ACC-Titel ist Playoff-Lock. Spannender ist, ob ein 9-1 Notre Dame ohne ACC-Titel in „contention“ ist.

Zum Spiel selbst noch kurz: Ungewöhnlich souveräne Vorstellung von Irish-QB Ian Book, aber halt auch gegen eine dezimierte Clemson-Defense. 47 Dropbacks, 39 Pässe, 6 Scrambles, 2 Sacks. Book war brillant ohne Druck und fast fehlerlos mit Druck.

Auf Clemson-Seite ging im Laufspiel weniger als nix (RB Etienne mit 28 Yards in 18 Carries), aber dafür spielte der bullige Uiagaleleli groß auf. Ugalelei hat einen fetten Wurfarm und ist mit der Kombination aus Antritt und Körpermasse auch ein brandgefährlicher Scrambler. Schon jetzt hat der Mann alle Zutaten für einen Kultspieler, wenn er erst einmal Vollzeit für den in die NFL abgewanderten Lawrence übernommen hat. Clemsons Gegenwart auf QB mag am Samstag zugesehen haben; Clemsons Zukunft haben wir die letzten beiden Spiele gesehen, und die Eindrücke waren vielversprechend.

Die Konkurrenz

#2 Alabama hatte spielfrei.

#3 Ohio State 49, Rutgers 27. Astreine Performance von QB Justin Fields.

#8 Florida 44, #5 Georgia 28. Einbahnstraßen-Football. Es war brutal, wie die Florida-Offense um QB Trask, WR Toney und TE Pitts die so hochgelobte Georgia-Defense an die Wand spielte. Klar: Georgia fehlten einige Schlüsselspieler. Aber es dürfte Kirby Smart mehr und mehr wie Schuppen von den Augen fallen, dass er mit seinem „Quarterback-ich-klammere-dich-aus“-Offense-Stil links und rechts überholt wird. Es ist nicht mehr genug, nur 5-Stars in O-Line und Defense zu haben. Es braucht auch einen QB.

Ist durch diesen Kantersieg die Offense-Vorstellung von Alabama gegen Georgia vor ein paar Wochen jetzt in diskredit zu ziehen? Ich glaube eher nicht. Außerdem sieht der deutliche Bama-Sieg über 1-loss Texas A&M Woche für Woche besser aus. Jenes #7 Texas A&M demolierte South Carolina 48-3.

Bei Florida bin ich wirklich gespannt ob diese Offense im SEC-Finale mit Alabama mithalten kann.

#6 Cincinnati 38-10 gegen Houston.

#21 Boise State 17, #9 BYU 51. Nächste Monster-Vorstellung vom famosen BYU-QB Zach Wilson. Selten ist Boise State so an die Wand gespielt worden. Die Mormonen-Uni BYU macht sich jetzt schon Playoff-Hoffnungen, aber da bin ich noch skeptisch.

AP-Ranking

AP-Ranking und Playoff-Ranking sind zwei Paar Schuhe, aber wir sehen nach dem letzten Spieltag: Die Big-Four sind bei den Journalisten der AP nach wie vor unter sich. Clemson ist nur auf #4 abgerutscht.

#1 Alabama (6-0)
#2 Notre Dame (7-0)
#3 Notre Dame (3-0)
#4 Clemson (7-1)

#5 Texas A&M (5-1)
#6 Florida (4-1)
#7 Cincinnati (6-0)
#8 BYU (8-0)
#9 Miami/FL (6-1)
#10 Indiana (3-0)
#11 Oregon (1-0)
#12 Georgia (4-2)
#13 Wisconsin (1-0)
#14 Oklahoma State (5-1)
#15 Coastal Carolina (7-0)
#16 Marshall (6-0)
#17 ****gäääähnnn****

Clemsons Fall war also nicht tief. Gut möglich, dass die momentanen Top-4 auch schon die Semifinalisten sind. Notre Dame würde eine einigermaßen knappe Pleite gegen Clemson im ACC-Finale wohl verschmerzen. Die Big 12 hat dieses Jahr keinen validen Contender, bei der Pac-12 muss man abwarten und bei deren nur 7 Spielen bräuchte es schon spezielle Dominanz.

Und die beiden Top-Mid Majors BYU und Cincinnati kriegen das Schedule-Problem angekreidet. Qualitativ wären sie schon einigermaßen legit. Vielleicht nicht Top-4, aber definitiv qualitativ Top-10 und im Leistungsnachweis auch irgendwo da oben dabei. Hier mal die Einordnung:

BYU ist #6 in SP+ und #8 in SOR
Cincinnati #10 in SP+ und #13 in SOR

(“SOR“ = Strength of Record; wie gut ist der Record der Mannschaft gegen den gespielten Schedule verglichen mit der Konkurrenz)

Florida z.B. ist an Cincinnati trotz deren 28-Punkte-Sieg über Houston vorbeigezogen! Boise State war BYUs wohl mit Abstand bester Gegner und Cincinnati spielt eben auch nur einen „Group-of-5“ Spielplan. Da müsste oben schon Chaos passieren, dass die beiden einen legitimen Shot kriegen.

Und Chaos droht jetzt!

Corona sei „Dank“. Gestern sind zwei weitere SEC-Spiele abgesagt worden, darunter der Kracher LSU-Alabama, der am Wochenende stattgefunden hätte, und Tennessee-Texas A&M. Die SEC kommt damit in ein Scheduling-Problem, denn es gibt nur mehr eine Bye-Week (am 12. Dezember) und wie Kollege Jan Weckwerth richtig anmerkt: Für diesem Tag ist bei LSU bereits ein anderes Nachholspiel (LSU gegen Florida) angesetzt.

Die SEC will ihr Championship-Game am 19. Dezember spielen. Sollten die Playofftermine mit Halbfinale um Neujahr und National Championship Game am 11. Jänner bestehen bleiben, so gibt es eigentlich keinen Spielraum mehr für Verschiebungen. Trotzdem klingen die SEC-Statements schwammig und deuten an, dass der 19.12. kein „heiliges Datum“ ist:

Die beiden Spiele sind übrigens nicht die einzigen, die verschoben werden. Mit Mississippi State – Auburn ist ein drittes SEC-Spiel schon länger abgesagt, und auch Wyoming-Air Force sowie Navy-Memphis finden nicht statt. Allein im November sind damit schon 15 Spiele dem Coronavirus zum Opfer gefallen, und nicht für jedes gibt es einen Ausweichtermin.

Noch immer (oder sogar „mehr und mehr“) fühlt sich die Bredouille, in der sich der College Football befindet, kniffliger an. In manchen Momenten denke ich bereits, mit solchen Verschiebungen wird vor allem das Unausweichliche hinausgeschoben. Aber es könnte auch sein, dass die Conferences den Schedule einfach abkürzen und ohne Rücksicht auf Verluste durchpeitschen. In jenem Fall könnte das aber auch dezimierte Teams bedeuten – und dann winkt das notwendige Chaos.

Ob man sich dann daran erfreuen kann, steht natürlich auf einem komplett anderen Blatt Papier.

Ein Kommentar zu “College Football zwischen Genie, Wahnsinn und Chaos

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