NFL-Rühreier nach Woche 9

Lass uns mal einen bunten Freitagsmix zur NFL versuchen und ein paar Blicke auf Early-Down-Offense, 4th Down Offense, Drive Success Rate, die Offensivprobleme der Baltimore Ravens und das Playcalling der Indianapolis Colts letzte Nacht werfen.

Early-Down Offense

Weil gestern im Power-Ranking der Punkt aufkam: Ich bleibe bei der Einteilung „neutraler Football zwischen 20% und 80% Siegwahrscheinlichkeit“. Auch wenn damit in einigen Spielen etliche Plays ausgeschlossen werden, so will dieses Ranking weniger die „Qualität“ einer Offense messen, sondern einfach nur die Tendenzen im Playcalling.

Mannschaften mit höherem Rückstand tendieren qua Skript, passlastiger zu werden. Mannschaften mit klarer Führung tendieren qua Skript, lauflastiger zu werden. Wir wollen hier aber die Herangehensweise des Coaches in den Momenten analysieren, in denen noch *nicht* der Spielstand das Playcalling diktiert.

Seahawks und Chiefs bleiben weiterhin die beiden passlastigsten Mannschaften in 1st und 2nd Down. Rein zufällig sind das dann auch die besten Offenses nach EPA/Play in der NFL.

Mich überrascht in diesem Ranking, dass die Cardinals in etwa auf gleicher Höhe mit den Tampa Bay Buccaneers und Panthers sind. Tampa ist mit OffCoord Byron Leftwich ein Team, das immer wieder zu „Establish the Run“ tendiert; Arizona hat Kliff Kingsbury als Air-Raid-Playcaller.

Lass uns für einmal auch kurz abschätzen, wie die Mannschaften sich nach Effizienz in diesen obigen Plays machen. Teams über dem Querstrich sind effizienter im Passspiel, Teams darunter sind effizienter im Laufspiel:

Fazit: Wir haben zwei Mannschaften in der NFL, die in neutralen Spielsituationen mehr EPA/Play in Early-Down Rushing erzielen. Zwei weitere sind in etwa bei gleicher Effizienz. Die anderen 28 sollten noch häufiger werdenviel häufiger. Gerade bei den Texans gibt es keine Rechtfertigung dafür für weniger als 75% oder 80% Early-Down-Passing.

Sind die Texans nach Bill O’Briens Entlassung passlastiger geworden? Gar nicht mal so sehr:

  • Mit BOB: 58%
  • Ohne BOB: 62%

Das liegt bei nur je vier Spielen noch im Bereich der Unschärfe.

4th Down Aggressiveness

Ich habe es in unserem Coaches-Corner von dieser Woche schon geschrieben: Kliff Kingsbury ist eigentlich ein aggressiver Coach in 4th Downs – bloß verlässt ihn in der Crunch-Time hie und da der Mut, und dann kommen solche bitteren Entscheidungen wie der Fieldgoal-Kick beim 31-34 gegen Miami zustande.

Man sollte sich davon aber nicht unbedingt täuschen lassen, denn Kingsbury ist weiterhin einer der besten Coaches in 4th Downs. Hier nachfolgend die Aufstellung der Raten an ausgespielten 4th Downs in den Situationen, in denen der New York Times 4th-Down-Bot das Ausspielen aus mathematischer Sicht empfiehlt (immer zwischen 20% und 80% Wahrscheinlichkeit).

Neben den Cards fällt vor allem die eher passive Haltung der Ravens 2020 auf:

Series Conversion Rate

Moo hat den Graphen vor ein paar Tagen schon gepostet. Ich erlaube mir aus Gründen der Lesbarkeit das Bild einfach mal hier zu übernehmen (Quelle PFF / Timo Riske).

  • Die Top-5 werden gebildet von Buffalo, Green Bay, Kansas City – und aufgepasst – New Orleans und Arizona!
  • Minnesota ist noch immer die beste 1st Down Offense!
  • Die Seahawks sind immer noch die beste Early-Down Offense in dieser Metrik, sollten also zu den stabilsten Offenses gehören.
  • Pittsburgh und Tampa Bay stechen weiterhin heraus als Problem-Offenses von vermeintlichen Spitzenteams. Die Steelers leben vor allem von 3rd Downs, die Buccs sind nur noch die #21 nach dieser Metrik.
  • Baltimore, 2018 und 2019 mit Lamar Jackson unter den Favoriten in dieser Metrik, ist gar nur die #25.
  • Miami, wo ja einiges nach Regression schreit, hat immerhin die #9 Offense nach Early-Downs. Doch mit schwachen 3rd Downs fallen die Dolphins offensiv auf #26. Theoretisch sollte das ein versteckter Gewinn für die Offense sein.

Was stimmt nicht mit der Ravens-Offense?

Dass Baltimore Probleme mit seiner Offense hat, ist längst nicht mehr wegzudiskutieren – und kommt auch nicht sonderlich überraschend. Überraschend ist höchstens, dass nun schon die Spieler aus ihren Löchern kriechen und offen darüber reden. So war zum Beispiel Lamar Jackson diese Woche bei Rich Eisen zu Gast und sagte unter anderem „die Defenses kennen unsere Plays“ (siehe hier, ca. bei 0:55 Minuten):

Die Aussage ist aber weniger Diss gegen OffCoord Greg Roman als man meinen würde. Benjamin Solak hat beim Draft-Network einen ausführlichen Artikel darüber und die Probleme der Ravens-Offense geschrieben. Es ist eine gute Auseinandersetzung mit den aktuellen Schwierigkeiten der Ravens-Offense, aber ich bin mir ob der Schlussfolgerungen nicht sicher.

Die Offense 2020. Das Laufspiel ist zwar nicht mehr so dominant wie 2019, aber – oh Wunder – dem Play-Action-Game hat das nicht geschadet. Vielmehr: Play-Action-Game ist sogar effizienter als 2019 geworden! Bloß: Play-Action wird auch in Baltimore, obwohl die Ravens nach wie vor die 8t-höchste Rate spielen, in nur 33.3% gespielt.

  • Laufspiel 2019: 0.13 EPA/Run, #1
  • Laufspiel 2020: 0.02 EPA/Run, #5
  • Play Action 2019: 7.5 Yards/Attempt
  • Play Action 2020: 8.0 Yards/Attempt

Das Problem liegt mehr im Standard-Dropback-Passing-Game, also jenen Pass-Plays ohne den Fake. Doch auch dort ist Jackson insgesamt nur minimal unpräziser als 2019. Statt dort 74% fangbare Pässe zu werfen sind es jetzt halt nur mehr 73%.

Das einzige, wo es wirklich einen krassen Disconnect zu 2019 gibt: Empty-Formation. Dort schrieb Seth Galina erst im Sommer jenen faszinierenden Artikel über die Revolution, die Baltimore damit bringt. Doch schon Steven Ruiz hat vor ein paar Wochen darauf hingewiesen, wie die Ravens-Offense bei diesen Plays mit 5-wide von #1 in 2019 auf #32 in 2020 abgestürzt sind.

Solak erkennt das alles so an und stellt nüchtern fest:

#1 OffCoord Roman agiert in Baltimore genau wie damals in San Francisco: In Jahr 1 funktioniert alles mit viel Power-Rushing und hohen Play-Action und Pass-Quoten aus Heavy-Personnel (22-Personnel und 13-Personnel), aber wenig 11-Personnel. In Jahr 2 shiftet er auf mehr „Balance“ in den Personalaufstellungen. In Jahr 3 wird die Offense zu einer von 11-Personnel und damit 3 Receivern dominierten Offense.

SF 2012 und BAL 2019 waren Mega-Offenses. SF 2013 und BAL 2020 kriseln. In San Francisco ist damals in Jahr 3 alles kollabiert.

#2 Das führt uns direkt zu Punkt 2: Mangelhaftes Talent. Die Ravens haben OG Yanda durch Rücktritt verloren und nicht adäquat ersetzt (ich werde mich noch lange am Dobbins-Pick aufhängen!). Die Ravens haben TE Hurst verkauft und nicht ersetzt – und nun muss ein reiner Blocking-Tight End Nick Boyle eine Rolle spielen, die er nicht gewachsen ist, und 13-Personnel ist quasi unmöglich.

Das Receiver-Talent mit dem wechselhaften Hollywood Brown, dem stagnierenden Miles Boykin und Rookie Devin Duvernay ist nicht gut genug um eine passable 3-WR Offense zu spielen. Das macht sich dann vor allem in Empty-Formation bemerkbar, wo Jackson häufiger geblitzt wird und zu wenige schnelle Anspielstationen bekommt und dem Blitz auszuweichen.

Es fällt unter diesem Gesichtspunkt auf: Die Ravens sind 2020 viel „mittiger“ geworden:

  • Target hinter LOS: 2019 55% Mitte, 2020 64%
  • Target 0-10 Yards: 2019 61%, 2020 73%
  • Target 10-20 Yards: 2019 58%, 2020 62%
  • Target deep: 2019 43%, 2020 58%

Ich bin mir nun nicht sicher, ob diese Erklärungen alle ausreichen und was das alles bedeutet. Die Ravens sind gerade im Inside-Rushing ähnlich gut wie letztes Jahr, was die Frage aufwirft ob der Yanda-Verlust so schwer wiegt. Im Outside-Rushing-Game sind bloß die Jackson-Scrambles ineffizienter geworden.

Aber im Passspiel hat man trotz ähnlicher Präzisionswerte für Jackson massiv an Impact verloren. Doch das meiste davon war Empty-Formation, wo eh die meiste Zeit viele Receiver am Feld stehen. Doch der Autor fordert mehr Heavy-Personnel!

Wir drehen uns bei der Ravens-Offense also im Kreis. Die beiden Lösungen scheinen zu sein:

  1. In 2020 weniger Empty spielen und mehr Passspiel aus „Lauf-Personal“ um die Defense auszukontern. Bloß: Dafür fehlen die Spieler.
  2. In der Zukunft entweder mehr Tight Ends zu holen um wieder zu den Wurzeln zurückzukehren oder einen dominanten Receiver einzukaufen, mit dem Jackson in 11-Personnel auch mal nach außen werfen kann und eine Sicherheits-Option in Empty hat.

Oder verstehe ich da was falsch. Hausaufgaben für die Ravens 2021 scheinen zu sein, sich erstmal zu hinterfragen was man sein will und ob man Romans Weg von San Francisco noch einmal bestreiten will ohne Sicherheit auf der WR1-Position. Und dann entsprechend investieren.

Ob man 2020 offensiv noch retten kann? Abwarten. Mit der Monster-Defense und den paar lichten Momenten in der Offense ist Baltimore für mich weiterhin AFC #2, aber gegen die Chiefs recht klarer Außenseiter.

Indys 4th Downs

Die Colts haben im Thursday Night Game letzte Nacht nur ein einziges Mal gepuntet, und zwar kurz vor Schluss als sie bereits deutlich 34-17 vorne lagen. Auf dem Weg dorthin hat Headcoach Frank Reich zahlreiche 4th Downs ausspielen lassen.

Hier mal die Aufstellung, um wie viel er „pre-snap“ damit die Siegwahrscheinlichkeit seiner Mannschaft verbessert hat:

  • 4th&1 Q1 OWN 47: +2.6% (gelungen)
  • 4th&1 Q1 OPP 29: +1.7% (gescheitert)
  • 4th&2 Q3 OPP 25: +3.5% (gelungen)
  • 4th&1 Q3 OPP 7: +6.8% (gelungen)
  • 4th&1 Q3 OPP 1: +6.3% (gescheitert)

Das interessante: Alle diese ausgespielten 4th Downs konzentrierten sich auf zwei Drives, die dann in insgesamt null Punkten resultierten. Trotzdem war es nicht nur „pre-snap“ gut, dass Reich hat ausspielen lassen, sondern auch „danach“, denn gerade das 4th&Goal von der 1 ging zwar schief, doch die Titans wurden tief in der eigenen Hälfte dann schnell zum Punten gezwungen, und daraus resultierte exzellente Feldposition für die Colts, die kurz danach zum Touchdown verwertet wurde.

Die Faustregel lautet hierbei: 1×7 > 2×3

Letztlich brauchte Indy zwar auch ein paar Special-Teams Bolzen (Fieldgoal-Fehlkick, geblockter Punt zum TD returniert) um aus dem Spiel einen Blowout zu machen. Aber es half auch mit, dass Reich dem Gegner mit seinem Playcalling das Tempo diktierte und ihn zu einem Reagierenden machte.

4 Kommentare zu “NFL-Rühreier nach Woche 9

  1. Danke für das Eingehen auf die aktuellen Probleme der Ravens.

    Persönlich denke ich auch, dass der Hurst-Trade und der Dobbins-Pick zwei zuerst unscheinbare Schachzüge waren, die aber jetzt massiv ins Gewicht fallen. Negativ.

    Harbaugh hat zudem schonmal einen OC-Wechsel Mid-Season hingelegt. Mal sehen ob er‘s wieder tut. Ich glaube nach der Saison ist tatsächlich Schluss mit Roman.

  2. Pingback: Unser weekly Ravens | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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