College-Football-Alternativprogramm

Guten Morgen.

Gestern ist die ehemalige College Football und NFL-Legende Paul Hornung gestorben. Hornung war in den 50ern für Notre Dame und in den 60ern für die Packers aktiv, gewann die Heisman-Trophy und den NFL MVP und vier NFL-Titel, wenn er auch in der allerersten Superbowl gar nicht mehr spielte.

Hornung war jene Generation Footballer, die noch mehrere Positionen spielte und zeitweise von der Army für Footballspiele freigestellt werden musste. Er war Runningback, Returner, Kicker und zumindest am College auch noch Quarterback.

Er war in den 60ern im ersten Wettskandal der NFL involviert und wurde dafür auch suspendiert – doch sein reumütiges Auftreten und die Schutzhand des damaligen NFL-Commissioners Pete Rozelle retteten ihn vor größerem Image-Schaden.

Später war der weiße Mann Hornung als Pundit und Buchautor aktiv. Hornung war in meiner Anfangszeit im Football mit seiner Forderung nach „mehr schwarzen Spielern bei Notre Dame“ um konkurrenzfähig zu bleiben einer der ersten, der mein Bewusstsein für die Hautfarben-Problematik in den USA weckte. Er bekam für sein damaliges Statement querbeet auf die Rübe. In den letzten Jahren litt der Mann an Gedächtnisverlust. Er wurde 84 Jahre alt und gilt als einer der meist genannten Stars der pre-Super-Bowl-Ära.

Zum College Football

College Football steckt dieser Tage schwer in der Krise. Ich habe schon am Mittwoch über die vielen Absagen in SEC und Pac-12 geschrieben, und gestern ist auch noch Cal – Arizona State dazu gekommen. Unter anderem ASU-Coach Herm Edwards wurde bei einem Ausbruch positiv getestet.

Washington – Oregon State soll noch auf der Kippe stehen. Washington musste schon letzte Woche seinen geplanten Season-Opener absagen (Stand jetzt: Partie soll wohl stattfinden).

Die Verantwortlichen sind nur noch am Herumrudern und haben gestern spätabends kurzfristig den Schedule umgestellt – und jetzt soll Cal eben morgen, Sonntag um 9h morgens Ortszeit in Pasadena (Rose Bowl) gegen UCLA (!) spielen.

Heute gibt es schon einmal mindestens 12 ausgefallene oder verschobene Spiele, darunter jene von #1 Alabama, #3 Ohio State, #5 Texas A&M, #12 Georgia, #15 Coastal Carolina und #24 Auburn.

Nicht für alle ist unter dem aktuellen Spielplan mit Conference-Finals am 19.12. und Playoffs ab Neujahr Platz für ein Nachholspiel, weswegen ESPN und Partner nun auch über eine Verschiebung der Playoffs und Verlängerung der Saison nachdenken.

Aber momentan ist eh alles denkbar – auch ein Saisonabbruch. Wenn die Pac-12 am zweiten Spieltag schon fast so viele Absagen wie regulär gespielte Partien hat, dann stehen die Zeichen eindeutig.

Viel Freude hab ich mit dem heutigen Schedule nicht. Die wichtigsten verbliebeen Spiele sind:

  • Virginia Tech – #9 Miami/FL (18h)
  • Michigan State – #10 Indiana (18h)
  • #16 Marshall – Middle Tennessee State (18h)
  • Boston College – #2 Notre Dame (21h30).Wenige Corona-Ausfälle nach dem gestürmten Feld in South Bend letzte Woche. Jetzt geht es zu Boston College. Die Eagles haben vor ein paar Wochen den Trevor-Lawrence-losen Clemson Tigers fast die Niederlage zugefügt, die letzte Woche dann Notre Dame gelang. Boston College hat übrigens schon einmal Notre Dame aus dem Nichts vom Thron gestoßen – 1993 bei einem der berühmtesten Upsets ever. Tim Layden (Blood, Sweat and Chalk) hat darüber einen Twitter-Thread geschrieben:
  • Arizona State – #20 USC (21h30). Sie spielen!
  • #6 Florida – Arkansas (1h). Floridas starke Offense gegen ein überraschend wettbewerbsfähiges Arkansas.
  • Washington State – #11 Oregon (1h)
  • Michigan – #13 Wisconsin (1h30). Wisconsin hat erst ein Saisonspiel gespielt und kehrt heute nach wochenlanger Corona-Pause zurück in den Spielbetrieb.

Alternativprogramm: Queen’s Gambit

Weil da nicht viel los ist, lass uns kurz mit einem Off-Topic als möglichem Ersatzprogramm beginnen. Ich bin unter der Woche durch einen Tweet vom Kollegen James Wiebe auf die Netflix-Serie „Queen’s Gambit“ aufmerksam geworden – und eine Nacht später schon damit durch. Die kurze Serie hat nur sieben Folgen, aber ich kann an dieser Stelle eine absolute Empfehlung aussprechen.

(Vorsicht, vielleicht gibt es ab sofort ein paar kleine Spoiler)

Wie schon der Titel verrät, geht es in Queen’s Gambit (deutsch „Damengambit“) thematisch um Schachspiel (für die Nicht-Kundigen: Damengambit ist die Eröffnung mit Bauer c4 und dann d4 für weiß und kann dann vom Gegner angenommen oder abgelehnt werden). Die Serie erzählt die Geschichte aus dem gleichnamigen Roman aus dem Jahre 1983. Sie ist fiktiv, aber so glaubwürdig, dass man sie für reell halten könnte.

Für das Verständnis der Serie ist für mein Ermessen keinerlei Schachkenntnis erforderlich, wenn es auch mein persönliches Vergnügen deutlich gesteigert hat.

Ich weiß gar nicht was mit an dieser Serie besser gefallen hat: Das Sechziger-Jahre-Setting, die Schauspieler (v.a. die Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy ist wundervoll) oder die Storyline mit dem subtilen, aber prinzipiell sehr passiv-aggressiven Emanzipationskampf der Hauptdarstellerin Beth Harmon, die als 8-jähriges Waisenkind in einem Waisenhaus in Kentucky vom Hausmeister das Schachspiel erlernt und mit zunehmender Zeit nur mehr ein Ziel kennt: Den besten Sowjet zu schlagen und beste Spielerin der Welt zu werden.

Harmon reift in den nur sieben Folgen heran – und je mehr roter Lippenstift auf die Lippen aufgetragen wird, desto extremer wird ihr Lifestyle. Schon als Kind war sie medikamentenabhängig, aber später gesellen sich dazu noch Kiffen, Kettenrauchen und Alkoholexzesse zu einem ungesunden Cocktail gepaart mit der Adoption in eine kaputte Familie mit einer ziemlich verlorenen, aber doch nicht verabscheuenswürdigen Mutter, die ihrerseits mit der Leere einer Hausfrau zu kämpfen hat und in Beth alsbald gleichviel Tochter wie Einnahmequelle durch Preisgelder sieht.

Harmon bewegt sich ständig zwischen Genie und Wahnsinn. Sie ist meisterhaft im Blindschach und die Projektion von Schachfiguren an der Decke erinnert an die Schachnovelle. Auf der anderen Seite ist es beklemmend, wie Harmon immer wieder mit sozialen Kontakten zu kämpfen hat. Die einzigen Menschen, mit denen sie sich versteht, sind im Prinzip die Männer, die sie schlägt.

Richtig „abschalten“ kann sie nur wenn sie im Suff allein durch die Wohnung tanzt. War der ehemalige Weltmeister Bobby Fischer, auch so einer dieser Schach-/Lebens-Extremisten, eine Art „Vorbild“ für die Figur der Beth Harmon? Oder für den anderen exzentrischen Meister in dieser Serie, den selbstverliebten Benny, auch wenn es beide längst nicht so weit treiben wie der als Holocaustleugner geendete Fischer?

Die Serie macht aber nicht nur einen guten Job, die freakige Gedankenwelt der Schachspieler zu thematisieren, sondern auch die von Fischer oft angemahnte unterschiedliche Wertschätzung für das Schachspiel im Osten und im Westen: Während die Amerikaner in Turnhallen von zweitklassigen Universitäten ihre Staatsmeisterschaft abhalten, bieten die Sowjets eine ehrwürdige Halle mit Publikum zu beiden Seiten auf.

Auch die Details sind perfekt. Ich habe mir extra noch einmal die Blitzschachpartien und die 1-vs-3 Partien angeschaut: Da sind keine Zugfehler mit drin, und die Kamera hält voll drauf, wenn die Spieler in der Kantine oder Wohnung in rasantem Tempo durchspielen. Erstaunlich, dass die Schauspieler diese Züge in dem Tempo draufhatten.

Die finale Partie ist auch passend. Sie ist nach dem Vorbild einer Großmeister-Partie aus dem Jahr 1993 designt. Sie wird nicht nur mit dem Damengambit eröffnet, sondern später, und dort weicht der Film von der Originalpartie ab – auch ganz stylisch mit einem Damenopfer entschieden (der von mir geschätzte Youtuber The Big Greek hat die Partie übrigens analysiert).

Wer ein paar Stunden Zeit hat: Die Serie ist eine der sehenswertesten von 2020. Anschauen! Und bitte nicht den Fehler machen wie ich und um 23h15 reinklicken, denn dann ist die Nacht sehr schnell um ohne ein Auge zugemacht zu haben 😊

Ich habe jedenfalls gestern Abend auf die Serie hin gleich mal den Lucas Chess reaktiviert und mich ein paar Levels durchgespielt um mein Wissen aufzufrischen…

5 Kommentare zu “College-Football-Alternativprogramm

  1. Nachdem ichs jetzt endlich geschafft habe mir das Damengambit anzusehen, nochmals danke für die Empfehlung. Wirklich eine unglaublich starke Serie! Das beste was ich seit Langem gesehen habe.

  2. Ich habe sie auch in einer Nacht gesehen. 3 Infos mit „Spoilern“
    1) Die Schauspieler haben für die schnellen Züge Handdoubles. Ist bei Beth eine deutsche Schachspielerin. Die Serie wurde auch viel in Berlin gedreht.
    2) Benny wird an einer Stelle mal Bobby genannt. Dürfte Hinweis genug sein.
    3) 7 Züge braucht der Bauer um zur Dame zu werden.

  3. @Klappflügel: Cool, das mit Benny und Bobby hab ich gar nicht mitbekommen. Thx!

    Bist du dir bei den Hand-Doubles sicher? Ich mein gehört zu haben dass die Schauspielerinnen die Züge wirklich auswendig gelernt haben.

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