Kylers Hail-Mary

Cardinals – Bills war auf mehreren Levels ein spezielles Spiel. Zum einen war es lange nicht fehlerfrei von beiden Seiten, und lange Zeit nicht konsequent zu Touchdowns ausgespielt. In der ersten Halbzeit gab es acht Drives – und dabei zwar nur einen Punt, aber auch nur einen Touchdown; der Rest waren Fieldgoals.

Zur Pause führte Buffalo 13-9 und erhöhte später den Vorsprung auf 23-9. Aber Arizona schien zwar ratlos, aber nie ganz geschlagen, denn mit einem Kyler Murray, der als Scrambler im Alleingang so viele Schwächen der Offense überdecken kann, ist man so schnell nicht aus der Diskussion.

Die zweite Halbzeit war ein Festival an Freak-Plays. Was alleine Arizona an Ballverlusten zu beklagen hatte, war bemerkenswert: Kenyan Drakes Fumble war schon bitter, aber was war dann dagegen die Interception gegen Murray, der für seinen leicht nach hinten geworfenen Ball viel zu böse abgestraft wurde, weil WR Larry Fitzgerald im Versuch des Catches den Ball genau in die Hände des verblüfften S Jordan Poyer weiterleitete?

Buffalos Offense beging ihrerseits üble Fehler. Gleich beide INTs gegen Josh Allen waren Reminiszenz an den 2018-Allen, und das waren vielleicht noch gar nicht seine schlechtesten Pässe. Doch als Allen mit 34 Sekunden auf der Uhr einen großartigen TD-Pass zu Führung, der eines Game-Winners mehr als würdig gewesen wäre, auflegte, schien die Partie gegessen.

Bis Murray mit der epischen Hail Mary kam: Links raus laufend gegen die Laufrichtung 50m downfield geworfen, und dort pflückt WR Nuk Hopkins, den Houston aus unerfindlichen Gründen nicht mehr haben wollte, den Ball eng gedeckt zwischen drei Leuten runter: Atemberaubend. Einer der spektakulärsten Plays der NFL-Saison.

Eine gelungene Hail-Mary ist immer grandios, aber hinterher wurden die Hymnen dann doch ein bissl zu bizarr. Weder sollte sich Kyler Murray für meinen Begriff momentan in der MVP-Diskussion befinden, noch war die Formation in diesem Play „incredible“, wie ESPN-Pundit Dan Orlovsky raustwitterte:

Es war ganz einfach eine Trips-Formation mit X-Receiver isoliert auf der einen Flanke und dem Halfback als Blitz-Pickup an der Weakside im Backfield. 3×1 back weak ist so ziemlich die standardisiertest mögliche NFL-Aufstellung im Jahr 2020.

Im Frühling fragte Chris Brown auf Twitter mal danach, welche Formation man denn am liebsten spielen würde, wenn man nur eine einzige für die ganze Saison spielen dürfte – und ich denke mir sofort 3×1 back weak, und ehe ich zur Tastatur gegriffen habe, ist die Antwort-Spalte voll mit genau dieser Aufstellung.

Kurzum: Da war nix Magisches an der Aufstellung. Höchstens am Wurf – und natürlich am Catch. Es war ein wundervoller Moment, ein krönender Abschluss für einen auch ansonsten starken Spieltag.

Und er hat das Playoff-Rennen in der NFC noch enger gemacht. Wir werden wohl noch ein paar Wochen lang nicht gut greifen können, welches der NFC-Teams denn jetzt am besten dasteht – denn jede Woche ist es ein anderes. Die Dichte dort oben ist extrem, ohne dass es eine herausragende NFC-Mannschaft gäbe.

Murray und die MVP-Ambitionen

Kyler Murray bekommt nach der Hail-Mary großen MVP-Hype – nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande. Ist der Hype gerechtfertigt? Nun, sehen wir uns mal Kylers Platzierungen in einigen wichtigen Effizienz-Metriken an:

  • EPA/Play: #11
  • CPOE: #11
  • PFF Grading: #10
  • QBR: #10

Murray ist also selbst im ESPN QBR, das laufstarke Quarterbacks tendenziell leicht überbewertet, nur am unteren Ende der Top-10 klassiert. Schauen wir uns die MVPs der letzten Jahre an, so sehen wir, dass sie ganz andere Kaliber waren (2012 hat ein Runningback gewonnen):

Prinzipiell stechen zwei Dinge heraus: Du musst Top-2 in EPA/Play sein oder wie Cam Newton 2015 der Quarterback des Teams mit den meisten Siegen sein. Am besten beides. So nebenbei fällt auf, dass ein hoher CPOE nicht unbedingt notwendig ist – aber diese Metrik ist auch immer wieder umstritten in ihrem Wert.

Ich bin seit Stunde null großer Kyler-Fan, aber ihn nach einer Handvoll starken Performances und dem Freak-Play einer Hail-Mary zum MVP-Favoriten hochzujazzen? Nein. Weder Murrays Effizienz noch der Record der Cardinals sind herausragend genug.

Wir sollten anerkennen, dass Kyler Murray Fortschritte als Passer gemacht hat, dass er mittlerweile nicht nur spektakulär, sondern auch rationaler scrambelt und damit seiner Offense diejenige Dimension gibt, die sie zum Kaschieren der nach wie vor vorhandenen Probleme braucht. Kliff Kingsburys Air-Raid Offense ist bis jetzt gewiss kein Flop, doch sie zündet im Wesenskern (Passspiel) noch immer nicht voll. Murray hält im Verbund mit dem unglaublichen Receiver Hopkins dort vieles am Laufen.

„Beachtliche Entwicklung“ und „MVP-Kaliber“ sind aber zwei paar Schuhe, und wie wir sehen, reicht das Narrativ des Neuen im Regelfall nicht aus um den Preis der wertvollsten NFL-Spielers zu bekommen. Da müssen noch einige Hail-Marys kommen.

5 Kommentare zu “Kylers Hail-Mary

  1. Korsakoff, du hast die Liste mit den einzelnen MVPs für die letzten Jahre aufgelistet. Wie sieht es denn dieses Jahr für die MVP-Kandidaten mit EPA/Play aus?

    Neben noch: Vielen Dank von meiner Seite aus für den hervorragenden Blog 🙂

  2. Hier mal die Aufstellung der möglicherweise aussichtsreichsten Kandidaten:

    Mahomes und Rodgers sind Stand jetzt die mit Abstand plausibelsten Kandidaten: Ihre Teams gewinnen viel und sie sind in EPA/Play die #1 und #2.

    Russell Wilson hat IMHO nur mehr Außenseiterchancen – wie *möglicherweise* auch noch Josh Allen.

    Kyler Murray bräuchte schon eine Siegesserie der Cards und einige weitere Big Plays um sich ein Narrativ zu schaffen mit dem er an Mahomes & Rodgers vorbeiziehen kann. Ich denke er müsste deutlicher dominieren als Lamar Jackson letztes Jahr in der zweiten Saisonhälfte.

    Ryan Tannehill und Derek Carr hab ich mal mit reingenommen, aber ich glaube nicht, dass sie ernsthafte Chancen haben oder haben sollten.

    Roethlisberger ist vor allem deshalb spannend, weil die Steelers mittlerweile eine 10-15%ige Chance auf eine Perfect-Season haben. Ihre schwierigsten verbleibenden Gegner im Schedule sind Ravens (Week 10), @Bills (Week 14) und Colts (Week 16), ansonsten nur mehr @Jags, Washington, @Bengals und @Browns. Wenn Roethlisberger an die jüngste Performance gegen Cincinnati anknüpft *und* 16-0 gehen sollte, dann *könnte* er noch ein Argument bei den Votern haben.

  3. Pingback: NFL Power Ranking 2020 – Woche 10 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.