Samstagsvorschauer – Über den Absturz eines Giganten

In der NFL nehmen wir neue Corona-Fälle mittlerweile mit einem Schulterzucken wahr („werden schon trotzdem spielen“). Im College Football sind die Dimensionen mit immer neuen Ausbrüchen noch einmal eine Eskalationsstufe höher. Weiter ist nicht sicher ob die Saison wie geplant zu Ende gespielt werden kann – es gibt wie berichtet schon jetzt nicht mehr ausreichend Ausweichtermine für die ausgefallenen Spiele bis zum Jahresende.

Für dieses Wochenende zähle ich 13 ausgefallene oder verschobene Spiele, darunter #5 Texas A&M – Ole Miss, #12 Miami – Georgia Tech und #15 Marshall – Charlotte und Colorado – Arizona State.

Auf dem Feld

Schon zum Auftakt von Woche 12 gab es am Donnerstag ein spektakuläres Mid-Major Duell zwischen #25 Tulsa (Oklahoma) und Tulane (Louisiana). Außenseiter Tulane führte 11 Minuten vor Schluss noch 14-0, aber dann galt „hell broke loose“. Eine Orgie an langen 4th Downs, Returns über das halbe oder ganze Spielfeld, eine Hail Mary vom 3rd-String QB zur Overtime und ein spektakuläres Play zum Sieg: College Football ist nicht immer so perfekt wie die NFL, die Wurfbewegungen der QBs sind manchmal strange und die Tackles nicht immer sauber – aber gleiche Unterhaltung in ein paar wenige Minuten gepackt:

Paar Spiele von heute

#3 Ohio State – #9 Indiana / 18h. Indiana spielt die beste Saison seit Äonen, ist aber bei Ohio State trotzdem Außenseiter mit 20.5 Punkten. Das letzte Mal als Indiana gegen Ohio State gewann, hatte ich noch nichtmal nen Schnuller.

Jeder kennt mittlerweile die monumentale Ohio-State-Offense um QB Justin Fields und WR Chris Olave. Aber die Jungs von Indiana sind die hippen Neuen: QB Michael Penix hat sich mit einer ganzen Latte an spektakulären Big-Plays in die Herzen der Fans gespielt. Penix scheut keinen riskanten Pass, was aber auch zu Turnovers führen kann – ein No Go gegen Ohio State. Will Indiana, das schon jetzt ein bissl glücklich mit seiner 4-0 Bilanz ist, bestehen, dann muss Penix seine Big-Throws ausnahmlos in Big-Gains und ja keine Turnover verwerten.


Florida State – #4 Clemson / 18h. Ze Return of Trevor Lawrence. Man kann von einem Kantersieg ausgehen, nachdem FSU weder eine akzeptable Defense (#88 nach SP+) noch ein gelöstes QB-Problem aufs Feld schickt.

Clemson ist heute das, was FSU auch sein könnte: Das ACC-Powerhouse #1. FSU hatte von 2012-2017 auch eine sechsjährige kleine „Mini-Dnyasty“ mit National Title und zahlreichen Top-10 Finishes. Doch dann folgte der Absturz ins Nirvana. FSU ist heuer 2-6 und wird die dritte Losing-Season in Folge erleben.

Just diese Woche hat ESPN ein sehr detailliertes Bild von diesem Absturz des einstigen Giganten gemalt. Es ist eine Story über fehlende Geldquellen, interne Machtkämpfe, die schon am Ende der 34-jährigen Ära von Coaching-Legende Bobby Bowden begannen, zu lange Leine für Problem-Stars wie Jameis Winston, die zu noch mehr Undiszipliniertheiten und schließlich offener Konfrontation mit Jimbo Fishers Nachfolger Willie Taggert führte – und zum kompletten Kollaps.

Der Absturz begann schon kurz nach dem National Title im Jänner 2014. Das von Fisher zusammengestellte, ultradominante Team war noch einige Jahre lang talentiert genug um oben mitzuhalten, aber mit permanenten Suspendierungen und Fehlgriffen auf Quarterback implodierte das Gebilde schließlich – und als Fisher vom Konkurrenten Texas A&M einen ungeheuerlichen Gehaltsscheck und freie Hand in der Auswahl seiner Assistenzcoaches ließ, war die zentrale Figur des FSU-Erfolgs quasi über Nacht weg.

Die FSU-Marke hat weiterhin genug Strahlkraft um im Recruiting mit den größten Unis im US-Süden mitzuhalten, aber man kämpft noch mit den Big-3 Problemen eines jeden College-Football-Programms auf der Suche nach dem Glanz der Vergangenheit:

  1. Kein 100%iges Committment zum Footballprogramm
  2. 15 Jahre zurückgebliebene Facilities
  3. Weniger Geld als die Konkurrenz

Beziehungsweise: Man zahlt das wenige verfügbare Geld momentan eher in Abfindungen von Coaches wie Taggert als in Investitionen für die Zukunft. Die Insider sind sich sicher, dass FSU, wenn man einmal das permanente interne Zusammenschlagen abgestellt hat, recht schnell wieder in die Erfolgsspur zurückfindet. Der neue Headcoach Mike Norvell gilt als der richtige Mann um die zerstrittenen Parteien zu einen. Alle Scheiße kann nicht in einem Jahr aufgeräumt werden – aber in zwei oder drei könnte FSU „back“ sein.


Vanderbilt – #6 Florida / 18h. Möglicherweise gibt es zwischen Clemson und Florida eine Art Scheibenschießen – „wer scort mehr?“. Denn die Gators kriegen in Vandy eine noch schwächere Defense (#104 nach SP+). Floridas Offense zündet in diesen Tagen nicht bloß aus allen Rohren; Florida muss auch Voter beeindrucken, falls es zu einem Patt um den vierten Playoff-Platz mit z.B. Clemson kommen sollte. 60 oder 70 Punkte für die Gators nicht ausgeschlossen.

#8 BYU – North Alabama / 21h. Scheibenschießen steht auch hier an. BYU hat trotz Perfect-Record fast keine Chance auf die Playoffs, weil das System deren Schedule nicht ernst nimmt. Aber QB Zachary Wilson und seine Armada haben schon gegen Boise State 51 Punkte aufgelegt – und heute könnten es mehr werden.

#11 Oregon – UCLA / 21h30. Kurzer QB-Watch hier: Bei Oregon hat mir Debütant Tyler Shough in den ersten Wochen noch nicht wirklich gefallen. Man sieht, dass da Talent ist und die Wurfbewegung sieht schon reif aus – aber Shough weiß oft genug noch nicht wohin mit dem Ball. Vielleicht kommt das mit der Spielpraxis.

Chip Kelly hat bei UCLA in Dorian Thompson-Robinson ein Juwel unter seinen Fittichen, der bei aller Athletik besser wirft als Lamar Jackson… sagt zumindest JC Cornell. Cornell steht da mit seiner Analyse ziemlich allein da. Bei PFF ist er einer der schwächsten Starting-QBs der Saison – aber hey: Bislang hat UCLA ja auch erst zweimal gespielt. Die restliche Zeit hat man wegen Covid zuschauen müssen.

UCF – #7 Cincinnati / 21h30. Wie BYU hat Cincinnati das Problem, sehr dominant gegen einen Mid-Major-Schedule zu sein: Die Bearcats sind ungeschlagen, haben das viertbeste Point-Differential pro Spiel und sind die #4 nach Simple-Ranking-System (SRS). Aber keine redet über sie als Playoffteam.

UCF ist vielleicht der einzige Gegner, gegen den man noch Eindruck schinden kann. UCF hat um QB Dillon Gabriel herum eine mächtige Offense mit vielen Deep-Passes. Diese Offense ist auch optisch absolut attraktiv! Aber Cincinnatis Cover-1 Defense ist ebenso ein Hingucker – und um den famosen CB Ahmad Gardner wie gemacht um die wichtigste gegnerische Waffe im 1-vs-1 aus dem Spiel zu nehmen.

#19 Northwestern – #10 Wisconsin / 21h30. Northwestern ist eine der positiven Überraschungen der Saison. QB Peyton Ramsey kam ohne viel Aufsehen zu dieser Elite-Uni, aber gegen die bisherigen, eher schwachen, Gegner hat die Offense gezündet. Wisconsin ist aber eine andere Nummer. Die Badgers haben nun wochenlang pausieren müssen, weil es zahlreiche Covid-Fälle gab. Aber in den beiden einzigen Spielen hat der vom Notnagel hoch zum Starter beförderte QB Graham Mertz sensationell gespielt.

#1 Alabama – Kentucky / 22h. Kein „Verne Game“ für die SEC heute. Kentucky ist besser als befürchtet, aber Alabama sollte in jedem Fall eine Nummer zu groß sein.

#13 Georgia – Mississippi State. Das Debüt von JT Daniels als Georgia-QB! Es hat dafür eine Verletzung bei Stetson Bennett und eine abstrus schwache Performance von D’Wan Mathis als Backup gebraucht, aber heute soll der von USC gekommene Daniels erstmals für Georgia spielen.

Daniels erlitt Anfang 2019 einen Kreuzbandriss und hat seither nicht mehr gespielt, u.a. weil bei USC QB Kedon Slovis zu gut für eine Rückkehr von Daniels war. Ohnehin galt Daniels‘ 2018-Saison als Freshman für ein Talent von seinem Rang (5-star) als enttäuschend. Jetzt also die Aufgabe, alle Schwachstellen der vielkritisierten Georgia-Offense fixen. Kein Druck!

(Immerhin kann man sich wohl drauf verlassen, dass wenige Punkte reichen werden, weil die Mike-Leach-Offense abseits vom fantastischen Auftaktsieg gegen LSU unterirdisch spielt)

#18 Oklahoma – #14 Oklahoma State / 1h30. Das Bedlam-Derby: Oft spektakulär, aber meistens von Oklahoma gewonnen. Oklahoma halte ich trotz des Fehlstarts in 2020 für die weiterhin bessere Mannschaft, aber Okie State hat eine knackige Defense, die vielleicht den QB-Jungspund Spencer Rattler in die Schranken weisen kann.

Utah – #20 USC / 4h30. *Maybe* heute das Saison-Debüt von Utah. Die Utes hatten bisher nur Covid-Ausfälle, sind eine der letzten Mannschaften noch ohne Einsatz. Bei USC ist immer Kedon-Slovis-Watch: Ein supertalentierter QB, feiner Techniker, präziser Werfer – aber immer mit dem Hand für die eine Bullshit-Entscheidung, die ein Spiel wieder knapp macht.

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