Taysom Hill und sein Debüt als Starting-QB der Saints

Natürlich muss ich als ewiger Skeptiker nach diesem Spieltag auch über Taysom Hill schreiben.

Hills Debüt als Starter gegen die Falcons ist unbestritten als Erfolg zu werten:

  1. Die Saints haben locker 24-9 gewonnen und Hill hat kapitale Bolzen fast vollständig vermieden
  2. Mehr noch, die rohen Stats lesen sich fantastisch: 18/23 für 241 Yards, 2 Pass-TD, und 10 Rushes für 51 yards.
  3. Hätte Michael Thomas nicht einen völlig offenen Ball gedroppt, die Stats hätten sogar noch besser aussehen können.
  4. PFF Passing Grade war eine sehr gute 81.1.

Das ganze führte natürlich zu fleißigem medialen Hyperventilieren. Selbst die vernünftige Medienwelt ist angetan bis begeistert. Seth Galina hat auf Twitter in einem Thread einige der guten und schlechten Plays analysiert:

Wir sehen auch: Insbesondere Sean Payton hat sich mit dem Einstand seines Prestigeprojekts seine Lorbeeren verdient. Jahrelang war nicht klar ob seine ständig wiederkehrenden Bekenntnisse zu Hill als „Quarterback der Zukunft“ reiner Trolljob waren, oder ob sich dahinter auch Substanz versteckte. Das Spiel gegen die Falcons belegt zumindest mal: Ein Approach mit Hill kann funktionieren.

Womit wir zum kritischen Teil kommen

Doch „funktionieren“ und „zukunftsfähig“ sind keine deckungsgleichen Begriffe. Denn der Star am Sonntag war nicht Hill, sondern die Kombination aus vier Elementen:

  1. Hill himself
  2. Sean Paytons Scheme
  3. Ein günstiges Game-Skript in der zweiten Halbzeit
  4. Die Qualität der gegnerischen Defense

„Perfect Storm“. Hill musste noch nicht aus seinem Schneckenhaus heraus. Trotzdem haben wir schon einiges gelernt.

Hill als „Tight End“ zu verspotten war mir immer zu krass, auch weil es gar nicht seinem Einsatzgebiet entsprach. Hills Einsatzgebiet war bislang vielmehr die eines „Football Weapon“ gewesen: A bissi QB-Trick Play, a bissi QB-Power, dann hie und da als Pass-Catcher oder Special-Teams Ass.

Wirklich „Quarterback“ im traditionellen Sinne war das am Sonntag allerdings zum ersten Mal. Hill ging sogar sauber durch seine Reads – etwas langsam zwar hie und da, aber „der Prozess“ war da. Ob sich Hills interne Uhr mit etwas mehr Erfahrung noch beschleunigen lässt oder ob das schon alles war, wird die Zeit zeigen. Ein astreiner „one read QB“ wie befürchtet war das immerhin nicht.

Bei allen positiven Ansätzen und Resultaten gibt es doch auch einige kritische Schwachpunkte.

Da ist einmal, dass Hill fast keine Antizipation zeigt. Ist der Receiver nicht eindeutig offen, wird Hill den Ball nicht los. Damit ist er in vielen Würfen zu spät. Gegen die Falcons-Defense war das kein Problem, weil in der sauber geschemten Saints-Offense mit ihrem fantastischen Receiver-Duo Michael Thomas/Emmanuel Sanders immer ein Receiver frei ist. Doch wie sieht das gegen eine ernsthafte Verteidigung aus?

Hills tiefere Pässe waren teilweise abenteuerlich. Die 44-Yards-Completion, der fetteste Play am Spread-Sheet, war ein gut und gern 10 Meter unterworfener Ball von Hill. Es war eine derartige Bogenlampe, dass mich wunderte, dass Emmanuel Sanders keinen Fair-Catch anzeigte.

Sind wir streng, bewegte der Pass sich zwischen „Arm Punt“ und „Wurf ins Nirvana“. Dass ihn der richtige Mann fing, war eher Zufall. Sind wir zu streng? Befürchtungsweise nein, denn „zu kurz“ und Streuung à la Schrotflinte sind keine isolierten Themen. Kommen die Pässe so spät raus wie bei Hill am Sonntag, endet das früher oder später im Fiasko.

(Allerdings weist Galina auch drauf hin, dass es bei besagtem 44-Yarder eventuell einen Hit gegen Hill gab, der den Wurf beeinträchtigte.)

Siehe an der Stelle auch die Sichtweise von Adrian Franke.

Und Vorsicht, Hill war vor allem bei den instabilen Metriken gut.

Und künftig?

Taysom Hill – Bild: Wikipedia

Über etwaige langfristige Aussichten Hills als Saints-QBotF hat das Spiel primär eine Aussage gemacht, nämlich dass diese größer als erwartet (und damit größer Null) ist. Fix ist: Payton hatte mit seinem Hype um die Idee „Taysom Hill“ dann doch eine umsetzbare Vorstellung.

Die bietet sogar den einen oder anderen Vorteil – wie etwa Hills gefährliches Scrambling oder die bei mobilen Quarterbacks längst bekannte Tatsache, dass sie auch dem konventionellen Laufspiel über die Runningbacks hilft (das war selbst bei Tim Tebow so). Dass das allein im Verbund mit dem blitzsauberen Scheme reichen wird, ist unwahrscheinlich – aber nicht mehr ausgeschlossen.

Hills Starter-Debüt hat noch keine Aufschlüsse darüber gegeben, wie das in einem Dropback-Passing-Game ohne Vorteile von Play-Action oder mit Zeitdruck (2min-Offense) aussieht. Wird die mangelhafte Antizipation dann zum Problem? Oder decken Mobilität und Scheme dann vieles zu? Wir werden die Antworten irgendwann erfahren. Jetzt war das Debüt erstmal eine positive Überraschung.

Ob sie es rechtfertigt, dass New Orleans Hill über Jameis Winston einsetzt, steht auf einem anderen Blatt Papier. Dazu gab es diesen vielleicht gar nicht so verkehrten Gedanken von Joe Bussell:

Payton hat sich seinen Spaß mit Hill erstmal verdient. Die nächste Defense – Denver am Sonntag – wird das Unterfangen nun aber erschweren und wir wechseln vom Rookie-Mode in den Pro-Mode. Nicht ausgeschlossen, dass wir am Montag in der ewigen Taysom-Hill-Debatte wieder beim Ausgangspunkt zurück sind.

14 Kommentare zu “Taysom Hill und sein Debüt als Starting-QB der Saints

  1. Puh, ich kann ebenfalls nicht in die Lobeshymnen auf Taysom Hill einstimmen.
    Die erste Halbzeit fand ich sehr harzig. Mit dem Deep-Passing gebe ich dir auch Recht: Das sah mehr nach Zufall aus. Ich würde Hill niemals über Winston setzen. Als Notlösung okay, aber er ist für mich kein NFL-Starting QB.
    Mich würde es nicht wundern, wenn es gegen die Fangio-Defense wesentlich problematischer wird. Es war natürlich dankbar, dass er in Spiel eins gegen die kaputte Falcons-D ran durfte.

  2. Pingback: NFL Power Ranking 2020 – Woche 11 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  3. was ich in dem Zusammenhang interessant finde, dass NO in der letzten Saison für einige Spiele dann auf Bridgewater (als Game Manager) gesetzt hat statt mit Hill zu starten. Bedeutet dann wohl dass die Gefahr von Interceptions bei Winston dann doch noch im Hinterkopf bei den Coaches stecken.

  4. Nachdem riesigien Vertrag in der Offseason war irgendwie klar das Hill für Payton mehr als ein Gadget sein muss.
    Der richtige Test wird dann Denver.

    Zu Tua:
    Im Baseball ist völlig normal den Starting Pitcher vom Mount zu nehmen, wenn er seine Leistung nicht bringt. Also bevor der Wechsel eh geplant ist. Da redet keiner darüber ob das negativ für den Pitcher sein könnte.

  5. Der Vergleich mit Baseball hinkt gewaltig. Pitcher werden öfters in Spielen ausgetauscht, um sich zu schonen. Den Baseballwürfe sind um einiges schwieriger und heftiger als Footballwürfe. Außerdem passt die Strategie nicht zusammen.

    Zum Hauptthema: Ich war wie die Mehrheit der Meinung, dass es ein Fehler wäre, Hill über Winston zu starten. Manche Leute gingen sogar soweit, darauf zu wetten, wann Winston übernehmen würde bzw. T.Hill sei nur ein TE, der ab und zu Mal den Ball wirft. Das war effektiv nicht der Fall. Er war deutlich besser, als ich erwarte habe. Er hatte seine Schwächen drin, was irgendow klar war, aber er hat viele Kritiker Lügen gestrafft.

  6. Danke für diese sachliche Einordnung.

    Es ist zu früh um zu sagen ob Hill wirklich der Nachfolger von Brees werden kann. Um das eher einschätzen zu können muss man glaub ich mindestens ein Sample von 200 snaps (3 Spiele +x) im regulären NFL Betrieb sehen. Der Hype in den US Medien der jetzt gerade entsteht ist mir aber genauso ein Graus, wie die negative Sicht vor seinem ersten Match.

    Bis auf das vermehrte Playaction Spiel war dies aber auch noch hauptsächlich das Brees Playbook. Dies könnte ja sollte sich in den nächsten Spielen noch ein wenig ändern um seinen stärken besser gerecht zu werden. Bezüglich des nicht optimalen Deep Balls bin ich nicht so besorgt, er wirft in diesen Situationen einfach noch einen Tick zu spät. Er hat aber (OTA´s und Preseason) schon gezeigt, dass er es kann wenn er den Mut findet.

    Ich glaube an sein Skillset und hatte dazu ja nach Ende der letzten Saison schon Diskussionen hier mit Korsakoff. Angst macht mir, dass er ein verletzungsanfälliger Spieler ist und sein Spielstil Verletzungen befördert.

    Einige Beat Reporter der Saints meinen übrigens, dass Hill insbesondere deswegen Winston vorgezogen wurde, weil Hill ebenso akribisch wie Brees an sich arbeitet (Spiel Vorbereitung, Arbeit an Schwächen usw.) und Winston nicht unbedingt ein großer Fan von Videostudium usw. ist.

  7. @Clark: Wusstest Du, dass Peyton Manning bis heute den Rookie-rekord für INTs inne hat? 28 Stück. Winston hatte in seiner schlechtesten Saison 30. (Quelle: nfl.com)

    @Nil: Ja, der Hype in den Medien ist völlig überzogen. Letzte Woche haben sie Hill ausgelacht, diese Woche ziehen sie Vergleiche mit Steve Young. *smh*

  8. Auch der Vergleich hinkt. Peyton Mannings Rookie Saison war 1998. Das war noch vor der „Einführung“ der Ty-Law-Regel so gegen 2004/2005. Danach sind die Offense-Zahlen förmlich explodiert und die INT-Zahlen sind deutlich nach unten gegangen. Wenn du in den letzten Jahren mehr als 10 INTs wirfst, dannn gilst du als turnover-prone.

  9. Das ist aber doch sehr willkürlich.
    Das die offenses explodiert sind liegt ja auch daran, dass deutlich mehr gepasst wird.
    Klar ist die Regel Entwicklung nicht unwichtig, aber wie gewichtig genau ist doch die Frage. Zumal man eigentlich genauso die Qualität der Würfe mit einkalkulieren musste…
    Ich habe nur mal grob die Zahlen bei pro football reference gecheckt: Manning hatte eine Interceptionpeecentage von 4,9; Winston von 4,8; – wobei Winston etwa 1,3 adjusted net yards mehr Macht pro Versuch.
    Da kann man natürlich wieder zahlreiche Argumente anführen, warum diese oder jene Umstände alles verändern, am Ende bleibt ja die Frage welche Aussagekraft das am Ende hat; das Winston in karrierejahr x gleich gut war wie Manning im Rookiejahr und sich von nun an Parallel zu Manning entwickelt?
    Nein, es zeigt halt, dass die 30 Interceptions von Winston nicht singulär sind und vor allem eben Interceptions vielleicht nicht unbedingt die beste Methode sind um einen Qb als ganzen zu bewerten.
    die Idee von den Interceptionworthy throws von PFF macht schon irgendwie Sinn…

    Die 10+ Grenze ist allerdings einfach Unfug.

    Zum Thema Arbeitsmoral – so etwas ist natürlich von außen per se nicht zu beurteilen; im NFL Umfeld wurde es für mich jedoch gut reinpassen, wenn das tatsächlich der Grund ist. Zu bedenken mochte ich hier aber geben, dass wir hier dann aber auch schon wieder- ich weiß das ist die große Keule – mitten im Bereich des kulturellen Rassismus sind. “Der faule schwarze und der zivilisierte (/fleißige/ehrgeizige/etc) weiße” ist ein wichtiger Topos des Rassismus bis heute. Nur weil unsere Kultur eine Vorstellung hat, wie harte Arbeit aussieht, heißt das nicht unbedingt, dass das wirklich auch effizient ist.

    Was Hill angeht bleibe ich sehr skeptisch a der armpunt macht mir doch größere Sorgen.

  10. @ alexanderbrink – ist von außen wirklich schwer zu beurteilen, aber die Beatreporter wie z.B. Nick Underhill haben meist recht gute Kontakte zu Personen an/im Team. Dazu kommt, dass man bei Teddy Bridgewater nix in dieser Richtung gehört hat. Eher das Gegenteil.

    Steht zu befürchten das Winston sich doch einen Tick zu sehr auf sein phänomenales und deutlich größeres Potential als es z.B. Hill hat verlässt. Payton kommuniziert ja eh extrem positiv über Winston. Man muss einfach hoffen, dass Winston aus seiner Saints Zeit viel positives mitnimmt. Denn ein Winston der ernsthaft an seinen Schwächen arbeitet hat umgehend das Potential einer der gefährlichsten und attraktivsten QB der Liga zu sein.
    Aber die Saints gehen die letzten Jahren von der Philosophie her einen etwas anderen Weg als zuvor. Früher wurde fast zu sehr auf das Potential (z.B.Kenny Stills, Brandin Cooks und viele im erweiterten Kader) geachtet statt auf den Charakter oder die „Arbeitsethik“ zu schauen . Mittlerweile ist es eher die „earned it“ Strategy, die Payton ja auch bei Hill (z.B. im Rich Eisen Interview) ansprach.

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