NFL Thanksgiving Vorschau 2020

Heute ist in den USA Thanksgiving, was wie immer auch NFL-Football zu Europa-freundlicher Zeit bedeutet. Wie immer spielen um 18h30 die Detroit Lions und um 22h30 die Dallas Cowboys – aber heute gibt es entgegen der Tradition der letzten 10 Jahre kein Nachtspiel, denn Pittsburgh Steelers – Baltimore Ravens wurde wegen eines Corona-Ausbruchs in Baltimore auf Sonntag 19h verschoben.

Also nochmal: Heute nur zwei Spiele. Overall Record der vier Mannschaften heute Nacht: 13-27. Und doch gibt es im zweiten Spiel volle Pulle Playoffkampf. Ätsch.

Detroit Lions – Houston Texans

18h30

Die Partie ist sportlich ziemlich wertlos. Die Lions sind, man mag es kaum glauben, mit 4-6 das Team mit dem besten Record am heutigen Tag. Die Texans sind 3-7, weil sie es geschafft haben eine Defense aufzubieten, die selbst die Offensiv-MVP-taugliche Saison des QB Deshaun Watson zu verhunzen.

Beide Teams sind Lichtjahre von den Playoffs 2020/21 entfernt. Und beide stehen vor einem ziemlichen Umbruch. Die einen (Texans) haben ihren Headcoach längst gefeuert. Die anderen haben nur wegen der kurzen Woche seit Sonntag nicht nachgezogen und werden Verpasstes in Kürze nachholen.

Bei beiden ist der Saisonverlauf enttäuschend, aber nicht völlig überraschend. Wir wussten im Sommer, dass Detroits Offense ihren Level von Matt Staffords sensationeller letzter Saison nicht halten konnte – und waren fast sicher, dass Headcoach Matt Patricia ein Problem ist. In Houston wussten wir wie schlimm es um die Defense bestellt ist. Es war nur nicht sicher in welchem Ausmaß sie die Texans-Saison torpedieren würde.

Bei beiden ist der Worst-Case eingetroffen.

Doch gerade bei den Texans gibt Watsons hervorragende Saison immer mehr Anlass, dann doch auf einen baldigen Umschwung der Mannschaft zu hoffen. Watson spielt mit Sicherheit die beste Saison seiner eh schon starken jungen Karriere. Watson hat zumindest bis jetzt seine Schwächen wie zu hohe Sack-Rate, zu viele negative Plays und Hang zu gelegentlichen Schlafwandel-Performances abgestellt.

Am Sonntag gegen New England war Watson atemberaubend. Er war schlicht nicht zu greifen – trotz viel Playmaking und langem Ballhalten bekamen die Patriots nie die Hand an ihn. Watson war in Rhythmus unschlagbar. Doch auch unter Druck machte er kaum Fehler.

Das macht die Texans dann doch zu einem spannenden Case-Study für die Zukunft. Viele Ressourcen um den ausgebluteten Kader aufzupeppeln gibt es nicht. Also werden die Texans auf absehbare Zeit um Watson und die Offense gebaut sein.

Defensiv ist kaum Talent da – und weil man den 1st Rounder schon im Zuge des Laremy-Tunsil-Trades nach Miami verscherbelt hat, wird sich daran so schnell nichts ändern. Offensiv sind Receiver und Tight Ends trotz des Verkaufs von Nuk Hopkins passabel. Es fehlt ein vernünftiges Scheme um dieses Talent zu maximieren.

Der neue Head Coach wird entscheidend. Er bekommt die Chance mit dem vielleicht nach Mahomes zweit-begehrtesten QB-Juwel zusammenzuarbeiten. Aber er muss 1-2 Jahre miese Defense durchschleifen. Prinzipiell ist den Texans-Fans alles zu verkaufen – außer eine Weiterbeschäftigung vom 73-jährigen Romeo Crennel.


Und Detroit? Ich bin ja total besonnen, ABER DIE ÄRA PATRICIA KANN NICHT SCHNELL GENUG ENDEN. Es gibt nix mehr, mit dem man sich das Gespann Bob Quinn/Matt Patricia schönsaufen kann – womit der Rauswurf unumgänglich ist.

Die Lions haben sich in den letzten drei Jahren von einem guten Durchschnittsteam zu einem schwachen Durchschnittsteam zurückentwickelt. Zu gut um ohne Quarterback-Verletzung die Top-Picks zu bekommen, und zu schwach um gegen bessere Gegner mitzuhalten.

Offensive Entwicklung? Leere. Letztes Jahr gab es ein kurzes Aufflackern, als Matt Stafford für einige Wochen out of his mind spielte und das Play-Action-Game mit zahlreichen tiefen Bomben zündete.

Doch der Modus-Operandi der Lions Offense war in den anderen 4/5 der Patricia-Ära ein anderer: 1st Down auf 1st Down auf 1st Down auf 1st Down in eine Mauer des Schweigens gerannt und damit alle verbalen Drohungen wahrgemacht.

Es braucht nur den einen Graphen (Early Down Pass-Rate) um zu erkennen, zu welchem Zeitpunkt Patricia in Detroit Head Coach geworden ist:

rbsdm.com/stats

GM Quinn zeichnet sich verantwortlich für eine Serie an hohen Runningback-Picks in einer Ära, in der der Runningback zu einem glorifizierten Rollenspieler verkommen ist. Quinn hat mit fünf 1st Round Picks Offense Tackle, Center, Linebacker, Tight End und Cornerbacks gedraftet – und damit in drei von fünf Fällen eine „Non Premium Position“.

Die Lions sind daran gescheitert eine kohärente Defense-Strategie aufzubauen. Es gab einige lichte Momente wie den „Superbowl-Blueprint“ gegen die Rams 2018 oder das Spiel gegen Pat Mahomes 2019, aber im Dreijahres-Ranking ist man trotz zahlreichen Spielen gegen Trubisky die #30 nach EPA/Play.

Patricia und Quinn müssen gehen. Es gibt daran keinen Zweifel. Da nicht ganz klar ist wie viel Einfluss die greise Lions-Besitzerin Martha Ford, ein erklärtes Fan-Girl von Matt Patricia, noch hat, wäre am besten ein Kantersieg der Texans um die letzten Zweifel zu beseitigen.

Ich roote nicht gern gegen meine eigene Mannschaft. Aber ich roote gern für Deshaun Watson. Und ich roote für einen Kurswechsel in meiner Mannschaft. Er ist überfällig.

Dallas Cowboys – Washington Football Team

22h30

Die gute Nachricht: Die alte NFC-East-Rivalität hat im Jahr 2020 wieder Playoff-Implikationen! Die schlechte: Beide Teams sind 3-7 und damit nur ein halbes Spiel vom Divisions-Leader Philadelphia entfernt. Das Tabellenbild in dieser absurden Division ist ganz einfach faszinierend:

Egal wie die heutige Partie ausgeht: Da spielen zwei ziemlich kaputte Mannschaften gegeneinander. Das Quarterback-Matchup lautet Andy Dalton gegen Alex Smith – 2015 wäre das ziemlich geil gewesen, aber im Jahr 2020 ist das alles deprimierend (rein sportlich natürlich – die Story von Smiths Comeback ist dagegen absolut fassungslos).

Hier spielen heute die #27 Offense (Dallas) gegen die #25 Offense (Washington). Das kritische Matchup auf dieser Seite lautet natürlich Dallas O-Line gegen Washington Front-Seven. Die Dallas-Protection ist auf beiden Tackle-Positionen ein offenes Scheunentor, während Washingtons mit zahllosen 1st Roundern bestückte D-Line zu den Top-7 nach PFF Pass-Rush Grade und ESPNs Pass-Rush-Win-Rate gehört.

Gerade der zuletzt nur für „Momente“ zu habende Star-Rookie Chase Young könnte heute ein großes Spiel haben, denn der neueste Dallas-Trick (OG Zack Martin auf Right Tackle schieben) beackert Youngs komplementäre Flanke.

Die Chance für Dallas ist dann da, wenn Dalton die Bälle schnell rauskriegt und die Receiver Lamb und Cooper ihre Routen gewinnen. Doch das Cowboys-Offense-System ist eigentlich eher für längere Routen designt – das verspricht harzig zu werden.

Die Washington-Offense ist ihrerseits kein Augenschmaus, aber bei genauem Hinsehen gibt es schon ein paar Lichtblicke:

  • Die Offense Line ist auf 4 von 5 Positionen mehr als adäquat besetzt, und um den Problem-RT kann man mit Scheme herum arbeiten.
  • WR Terry McLaurin ist ein verkappter Superstar. Obwohl Washington die 5t-schlechteste Passing-Grade nach PFF hat und sich Defenses auf McLaurin als einzige veritable Receiver-Waffe einschießen können, ist McLaurin die #12 nach Yards/Route.
  • RB Antonio Gibson, der 10% seiner Snaps als Receiver spielt und Top-15 nach Yards/Route unter Runningbacks ist. Gibsons Rolle wurde in den letzten Wochen stetig ausgebaut – von Goal Line bis Receiver macht er alles.

Freilich ist nicht alles rosig: RB J.D. McKissic, ein nur halb so guter Ballfänger, hat sich in den letzten Wochen zur #1 Checkdown-Option des Alex Smith entwickelt. McKissic hat mit 64 Targets doppelt so viele wie ein Gibson.

Letztlich muss Washington für die Zukunft aber die Quarterback-Position fixen. Dwayne Haskins ist bereits verbrannt, ein 35-jähriger Smith ist nicht auf Dauer vermittelbar.

Bis dahin können wir noch ein paar Wochen rätseln ob es für diese beiden Teams – und die Konkurrenten Philadelphia und NY Giants – besser wäre, die Division zu verlieren, denn die Diskrepanz vom 1. und 2. Platz in der Division ist eine zwischen Playoff-Heimspiel und Top-10 Pick.

Gemessen an meinen Metriken hat Dallas den mit Abstand einfachsten Restspielplan und könnte damit sogar an Philadelphia vorbeigezogen sein als Favorit auf den Staffelsieg:

  • Dallas (#30 Schedule): WAS, @BAL, @CIN, SF, PHI, @NYG
  • Washington (#15): @CIN, @SEA, ARI, CLE, @BAL, DAL
  • Philly (#6): SEA, @GB, NO, @ARI, @DAL, WAS
  • NY Giants (#16): @CIN, @SEA, ARI, CLE, @BAL, DAL

Es gibt nur eine Sache, mit der die Alex-Smith-Story noch besser vollendet wäre als mit einem Alex-Smith-Start. Nämlich mit einem Alex-Smith-Playoff-Start. Aber das ist auch der sicherste Weg um weiter im Quarterback-Fegfeuer zu schmoren.

12 Kommentare zu “NFL Thanksgiving Vorschau 2020

  1. ja dieser Corona mist ist schon nervig und total Wettbewerbs verzerrend . baltimore fehlen jetzt zwei top Spieler um gegen die steelers am Sonntag zu gewinnen.

  2. Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt gesteinigt werde:

    Zur „Early Down Pass-Rate“: von 55% auf 47%. Das sind 8%, (aufgerundet 10% um es anschaulicher zu machen).

    Nur dass ich es richtig verstehe: Patricias Vorgänger hat von 20 Firstdowns 9 Runs gecalled (was die Analytics-community zum Singen und Tanzen bringt). Patricia rennt nun 11 von 20 Versuchen und gehört geteert und gefedert?

    Ich verstehe die Argumentation schon, aber ob 9/20 oder 11/20…? Ich stell mir vor, dass diese Grafik von 0-100% geht, dann sieht es doch gar nicht so schlimm aus, oder?

  3. Ich würde das ganze so verstehen: 55% an sich sind ja nach allen Erkenntnissen schon (deutlich) zu wenig. Und dass man in der heutigen NFL als Head Coach die Tendenz hat, die Early Down Passrate noch zu verringern, ist halt schon ein ziemliches Armutszeugnis.
    Ich finde es zeigt einfach die antiquitierte Grundhaltung Patricias.
    Und, auch wenn es vielleicht übertrieben klingt, auch die 2 Passversuche mehr pro 20 Early Downs können glaube ich schon einen Unterschied machen.

  4. Wieso tust du mir das an? Als Cowboys-Fan und knapp im Tippspiel Führender war mir WAS@DAL knapp genug, um Fantum und Heimvorteil als Anlass für einen DAL-Tipp zu nehmen. Lese ich deine Vorschau, sehe ich mich gesenkten Haupts nochmal an den Tippspiel-Regler schreiten…

    😉

  5. Letztendlich geht es um Entwicklung und da hat Patricia versagt, anders kann ich es nicht formulieren. Und Caldwell ist oft genug kritisiert worden, auch hier auf diesem Blog. Manchmal sieht es bei Patricia wie böser Wille aus nur warum sollte es das sein? Bei dem Talent des in dem Team vorhanden ist muss das Coaching und die Spielphilosophie eine andere sein.

  6. Golladay ist ligaweit ein Top 10 WR was individual talent angeht und Hockenson hat sich auch sehr verbessert. Marvin Jones ist eine sehr gute Nr. 2. So furchtbar ist die Offense nun wirklich nicht besetzt. Swift kann immerhin auch Balle fangen, im Gegensatz zu Johnson und Peterson.

  7. #runrate: 9 oder 11 von 20 sind statistisch bei genügend großer Stichprobe schon ein Unterschied. Vor allem, wenn die EPA bei PAss besser sind als bei Run. Dann macht es halt bei 20 Downs schon im Schnitt mehrere Punkte aus. Siehe die diversen Grafiken des HAusherrn mit x-Achse/y-Achse EPA Run/Pass.
    #MAtt Patricia: Thema dürfte sich erledigt haben. Nach 3 Jahren so klar gegen ein 3-6 Team zu verlieren, ist gaaanz schlecht.

  8. Die Cowboys sind wirklich untergegangen. So ganz scheint McCarthy das Team nicht unter Kontrolle zu haben.

  9. Blowout und HC-entlassung. Offenbar haben sich noch mehr Leute drüber gefreut:
    „It’s happening again: This time, it’s #Lions fans donating to @deshaunwatson’s charity to thank him for his play on Thursday night that led to the housecleaning.“ (Ian Rapoport)

    @thompson und Ahmser: Danke für Eure Einschätzung!

  10. Pingback: Establish the Review #12 – Denver ohne QB, Detroit ohne Coach | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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