Establish the Review – Woche 14: Jalen Hurts, NFC East, Miami Dolphins

Spielerisch war der 14. NFL- Spieltag bis zum sensationellen Monday Night Game der unaufgeregteste seit längerer Zeit. Trotzdem gibt es einigen Stoff für eine ausgiebige Nachbesprechung.

Poop Gate

Wer die Möglichkeit hat, dem empfehle ich wärmstens sich das Monday Night Game Browns – Ravens anzuschauen. Weil Lamar Jackson sich in der Crunch-Time in die Umkleidekabine verabschiedete, ist meine Twitter-Timeline heute voll von Andeutungen, aber Jackson erklärt ich im Nachgang seine kurzzeitige Auswechslung nicht mit großem oder kleinem Stuhlgang. Also wird Poopgate nur in unseren Herzen weiterleben.

Jalen Hurts

Unspektakuläres, aber solides Debüt für Hurts. Es war so ein Spiel, an dem es nicht viel auszusetzen gibt – aber wo es auch nicht viele Gelegenheiten gab um schon jetzt „next level Schlüsse“ zu ziehen. Damit glich Hurts‘ Debüt grob jenem von Taysom Hill von vor ein paar Wochen – wenngleich gegen eine stärkere Defense.

Die Eagles spielten extrem simple Offense mit vielen Crossing-Routen und Screens und erwischten die in den letzten Wochen echt starke Saints-Defense damit erstaunlich oft auf dem falschen Fuß. Schemtaisch war das alles nicht viel anders als gewohnt in Philly.

Hurts beging als Werfer nur einen richtigen Bolzen, doch der resultierte nicht in einer INT. Er beging zwar einen Fumble-Turnover gegen Spielende, der New Orleans kurzzeitig noch einmal hoffen ließ, doch das trübte den Gesamteindruck kaum.

Seine Mobilität wirkte wie einer der großen Gewinner für die Eagles. In den zahlreichen RPOs behielt Hurts häufig selbst den Ball und lief los. Hurts machte über 100 Rushing-Yards und lief für sieben 1st Downs – und noch viel wichtiger: Er kassierte keine Sacks.

Konzeptionell haben die Eagles nicht viel anders gemacht als sonst. Trotzdem lief die Offense wesentlich runder als gewohnt. In der Ausstrahlung wirkte das alles endlich mal kohärent: Eine Offense Line, die mit Verve die Pocket sauber hält – noch dazu gegen einen zuletzt gefürchteten Passrush. Receiver, die saubere Routen laufen, keine Bälle droppen und viele Yards after Catch machen. Und ein Laufspiel, das die durch die Mobilität des Quarterbacks freigewordenen Räume (ein oft beobachtetes Phänomen) nutzt und mit Schwung anrauschend Tackles bricht und Tackler aussteigen lässt. RB Miles Sanders nutzte einen dieser Räume für einen mit entscheidenden 82-yds Touchdown-Run.

Und weil es so schön rund lief, gab es plötzlich auch keine Angst mehr vor dem Passspiel, vor dem Versagen und Sacks, Fumbles, Interceptions. Plötzlich traute sich sogar Headcoach Doug Pederson wieder, 4th downs auszuspielen (vier Stück, 3 erfolgreich).

Freilich ist es zu früh, Hurts in den Himmel zu loben. Weil die Eagles von Beginn an mit Führung spielten, musste er nichts erzwingen, konnte schön seinen Basic-Stiefel runterspielen. Prinzipiell gab es nur einen richtig guten Pass in einer kritischen Situation: Der 4th Down-Pass vor der Pause, der unter Druck in einem fetten Wurf & Catch von Alshon Jeffery zum TD resultierte. Wie das aussieht, wenn die Defense mal wirklich weiß, dass da gleich ein Pass kommt, muss man abwarten.

Hier gibt es ein paar Highlights anschauen – sie zeigen ganz gut, wie simpel das Passspiel gestrickt war, aber auch wie wichtig Hurts‘ Beweglichkeit und läuferische Klasse ist (so ganz nebenbei gibt es bei zirka 2:35 auch einen Auszug vom fast sicher gesponsorten Freak-Kommentar von Daryl Johnston zum Love-Triangle Carson Wentz / Frank Reich / Jesus Christ the Lord im Himmel).

In Summe können wir die ersten Kreuzchen nach dem Debüt schon abhaken:

  • Hurts wirkte nicht überwältigt
  • Hurts spielte das, was verlangt wurde, souverän runter
  • Hurts beging keine Bolzen und hielt die Offense-Maschinerie damit am Laufen; das konnte man von Carson Wentz heuer fast nie behaupten

Ich denke es erklärt sich von selbst, dass Philadelphia die Saison mit Hurts zu Ende spielen sollte. Ich glaube auch nicht, dass Pederson was anderes in der Umkleidekabine vermitteln kann.

Weil Taysom Hill beim Gegner zwar nicht völlig versagte, aber doch zu spät aufwachte und die sich letztlich bietenden Möglichkeiten nicht alle nutzte, war das ein dicker Sieg für die Iggles, die mit 3-8-1 Bilanz über die 10-2 Saints triumphierten und New Orleans von der Pole-Position auf den #1 Seed schubsten.

Auf den zweiten Blick

Es gibt da noch dieses 4th Down der Saints zu nennen, bei dem Hill einen völlig offenen WR Michael Thomas übersah. Seth Galina erklärt das Play auf Twitter damit, dass der für die Saints nur allzu bekannte Play-Call einen Receiver downfield völlig offen gehabt hätte, aber weil der Rookie-Linebacker Shaun Bradley ein fantastisches Play machte, fror Hill gedanklich ein.

Dass Hill, der darauf gedrillt wird, in 90% die Go-Route zu werfen, nach dem überraschenden Defense-Play gedanklich nicht schnell genug umschalten und auf die andere Seite des Spielfelds wechseln konnte, ist dem Quarterback Galinas Ermessen nach nicht zwingend anzulasten. Das alles zeigt uns: Manchmal ist alles doch nicht ganz so einfach wie es auf den ersten Blick scheint.

NFC East

Schauen wir uns das Playoffbild in der „worst division in football“ einmal genauer an

  • Washington (6-7) – Restprogramm: SEA, CAR, @PHI
  • NY Giants (5-8) – CLE, @BAL, DAL
  • Philadelphia (4-8-1) – @ARI, DAL, WAS
  • Dallas (4-9) – SF, @PHI, @NYG

538 gibt Washington eine 73%ige Playoffchance. Die Giants stehen bei 15%, die Eagles bei 11% und Dallas bei 1%.

Das heißt: Plötzlich gibt es da wieder ein Fenster für die Eagles! Den Eagles winkt dann ein Woche-17-Endspiel um die Playoffs gegen Washington, wenn sie in den nächsten beiden Spielen einen Sieg mehr holen als das Football Team.

Zugegeben: Dieses Fenster schließt sich mit jedem Bein, das Alex Smith auf das Feld setzen kann, einen Spalt breit. Washington hat zweifellos eine Playoff-würdige Defense mit dem monströsen Passrusher Chase Young, und braucht eigentlich nur vernünftiges Quarterback-Play. Smith, so grau er meistens spielt, liefert das. Dwayne Haskins eher nicht. Haskins hätte gestern nach seiner Einwechslung fast noch die Partie weggeworfen!

Gewinnt Washington gegen entweder Seattle (unwahrscheinlich) oder im Ron-Rivera-Bowl gegen Carolina (mit Smith als QB durchaus denkbar), so müsste Philly schon Arizona und Dallas schlagen. Doch schenkt Washington beide Spiele her, reicht den Iggles ein Sieg über die Cowboys für ein echtes direktes Duell am letzten Spieltag.

Freilich sind die Giants da noch im Sandwich, aber New York bräuchte neben dem obligatorischen Sieg über Dallas zumindest ein Upset gegen entweder Cleveland oder Baltimore. Das klingt schwierig bis unmöglich.

Jalen Hurts als Playoff-QB, who says no?

Miami Dolphins

Miami verlor 27-33 gegen die Chiefs. Die Niederlage war deutlicher als der Endstand impliziert. Zu einem Zeitpunkt in der zweiten Halbzeit gewann Miami das Turnover-Battle 4:1, und lag gleichzeitig 10:30 am Scoreboard zurück.

Patrick Mahomes machte eines der schwächeren Spiele seiner Karriere. Mahomes warf 3 INTs, hatte noch einen gefumbelten Snap für -9 Yards und einen legte einen rekordverdächtigen 30-yds Sack hin. Miami verpasste es, daraus Kapital zu schlagen. Erst verwertete die Offense zu Beginn drei exzellenten Feldpositionen zu nur 10 anstatt 17 oder gar 21 Punkte. Dann machte die Offense zwei Viertel lang keinen Stich, und als die Chiefs am Ende Prevent-Defense spielten, war es längst zu spät.

Klarer: Das war ein Kantersieg maskiert als One Score Game.

Für Miami ist das alles keine Schande. Die Dolphins befinden sich in einem merkwürdigen Zwischenzustand zwischen dem hübschen und über den Erwartungen befindlichen 8-5 Record und den für jeden offensichtlichen Lücken, die ganz einfach „blockierend“ für einen richtigen Durchbruch sind.

  • Tua ist ein Rookie-QB ohne Raketen-Arm, und spielt wie einer
  • Die O-Line ist horrend (#28 Pass-Block-Win-Rate, #21 PFF Pass Block Grade, #30 PFF Run Block)
  • Dem Receiver-Corps geht noch mindestens eine echte Waffe ab. WR Davante Parker und TE Mike Gesicki sind keine Graupen, aber auch keine echten #1 Waffen. Jakeem Grant ist eine gute #4, aber keine wirklich verlässliche #2.

Die Fins spielen damit unbeständige Offense. Es gibt zwar Quick-Game mit vielen Slants und Screens, aber kein vernünftiges Intermediate-Game. Tua nimmt hie und da einen tiefen Shot, aber die Receiver sind dann meistens gut gedeckt. Tua kassiert zu viele Sacks, weil die Kombination aus seinem „Processing“ und den gelaufenen Receiver-Routen zu langsam ist um die O-Line zu überdecken.

Tua ist natürlich ein intelligenter QB, aber der Zunder in seinem Wurfarm ist am unteren Ende und erlaubt nicht viele Fehler. Ungenauigkeiten in Präzision und Timing werden schnell mit Incompletions abgestraft – wenn es gut läuft. Spielerisch ist das mit dem Personal alles kaum erfolgreich umsetzbar, weil Tua oft schnell unter Druck steht und dann ist Top-Timing leichter gesagt als getan.

Wäre Ryan Fitzpatrick als erfahrener Recke die bessere Option? Kurzfristig vielleicht ja. Aber das General-Management in Miami denkt nicht kurzfristig. Das ist sonnenklar. 2020 ist nur eine Durchgangsstation. 2021, ja eigentlich ab 2022 sind die anvisierten Jahre für Superbowl-Contention.

Die Dolphins-Offense macht manchmal den Eindruck, als ob die Coaches lieber Fitzpatrick spielen lassen würden, aber die Manager von oben herab Tua diktieren. Die Offense wirkt mit Fitzpatrick organischer, auch unabhängig von Fitzpatricks Gunslinger-Mentalität mutiger. Die Tua-Offense dagegen ist manchmal doch arg behutsam.

Manager wie Coaches haben gute Argumente so zu denken und zu handeln wie sie es machen. Angesichts des möglichen Sprengstoff-Potenzials (Team wird mit dem mutmaßlich kurzfristig schwächeren QB um den Playofftraum gebracht) machen das alle Seiten aber ziemlich gut.

Wohl und Wehe im Jahr 2020 hängen in Miami also recht stark von der Defense ab. Die spielt wirklich gut, ist hervorragend geschemt und immer exzellent vorbereitet. Aber diese Defense hängt halt auch an Turnovers. Sie hat mittlerweile 19 Spiele hintereinander (!) mit mindestens einem Turnover bestritten. Das ist krass und so kaum aufrecht zu erhalten. Wenn die Fins mal keinen Ballverlust provozieren, können sie in der heurigen Zusammensetzung noch einpacken.

Aber das ist alles nicht schlimm. Der Ausblick für 2021 und darüber hinaus ist trotzdem entzückend. Die Fins halten je zwei 1st und 2nd Rounder im nächsten Draft und haben neben Quarterback-Rookievertrag kaum Dead-Money. Ich bin mir sicher, dass die sportliche Leitung oberhalb des Trainerstabs auf 2020 prinzipiell pfeift, und dass immer 2021 der Target war – aber man nimmt die beschleunigte Entwicklung gerne mit.

Tua hat als mutmaßlicher Schlüsselspieler bis jetzt wie beschrieben gemischte Signale gesendet. Richtig gut bewerten kann man ihn aber erst, wenn auch die Infrastruktur in O-Line und Waffenarsenal stimmt – und damit ist die Richtung für die Offseason 2021 schon vorgegeben.

4 Kommentare zu “Establish the Review – Woche 14: Jalen Hurts, NFC East, Miami Dolphins

  1. Dem Management in Miami ist es vermutlich egal ob es sportlich am Ende ein 10-6 oder 8-8 gibt, aber dass man auf dem Feld sieht dass der Trainerstab seine Arbeit beherrscht ist dieses Jahr wichtig… Wenn man während Tuas Rookie-Vertrag sportlich angreifen will ist es mMn sehr hilfreich nicht erst 2021/22 zu merken dass man die falschen Coaches hat.
    Insofern ist für die Dolphins der Rekord egal, alles andere dürfte das Frontoffice nervös analysieren.

  2. @milaidin: Nichts anders steht oben im Text, ich hätte ich den obigen Text genau so interpretiert. Record 2020 egal, Prozess nicht.

    BTW poopgate, sehr geil 🔥

  3. Die Entwicklung des QB ist auch vom Umfeld abhängig (hatte ich von Dir so aufgeschnappt), aber andersrum zeigt deine Analyse ist es auch wichtig, dass das Umfeld (zumindest das auf dem Feld) an seinen QB „glaubt“ oder ihm (absolut) vertraut. Deshalb scheint das mit Hurts besser zu funktionieren als mit Wentz (klar: das war jetzt nur ein Spiel, dazu kommt die Komponente von Hurts‘ Laufspiel) und deshalb scheint NO auf Hill zu setzen als auf Winston (obwohl dieser die grundsätzlich besseren Voraussetzungen mitbringen sollte). Da würde mich schon interessieren, ob das bei den Experten (Twitter, Analytics, etc.) auch ein Thema ist.

  4. Das Thema ist schwierig aus Datensicht zu betrachten, weil es viel zu wenige historische Beispiele gibt, anhand derer man vernünftig Schlüsse ziehen könnte. Ist ein ähnliches Thema wie „soll ich den Rookie-QB sitzen oder spielen lassen?“

    Letztlich sind das alles Glaubensfragen. Es gibt Beispiele für beides, und so sehr Analytics immer nach schnell spielen schreit, so haben wir doch mit Brady, Mahomes, Rodgers, Rivers und co. exzellente Beispiele dafür, dass auch in der modernen Ära ein Jahr auf der Bank kein Killer ist.

    Beim „an den QB glauben“ haben die Coaches glaube ich schon häufig ein gutes Händchen. Es gibt ein paar Freakdinger wie Tom Savage über Deshaun Watson, aber die wurden schnell korrigiert. Ich glaube auch nicht, dass Sean Payton nur aus Laune Taysom Hill über Jameis starten lassen hat, dafür steht zu viel auf dem Spiel.

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