College Football Playoff Diskussion: SOR gegen CFP

So schwierig die Umstände in der Saison 2020 sind: Die Rankings des College Football Playoffs Komitees sind ein Desaster. Vor dem heute beginnenden Championship-Weekend sieht es so aus:

#1 Alabama (10-0)
#2 Notre Dame (10-0)
#3 Clemson (9-1)
#4 Ohio State (5-0)

#5 Texas A&M (7-1)
#6 Iowa State (8-2)
#7 Florida (8-2)
#8 Georgia (7-2)
#9 Cincinnati (8-0)
#10 Oklahoma (7-2)
#11 Miami/FL (6-1)
#12 Coastal Carolina (11-0)
#13 USC (5-0)
#14 Northwestern (6-1)
#15 UNC (8-3)

Wenn das Ziel ist, die Vorherrschaft der Power-5 zu fixieren und die kleineren Unis um jeden Preis zu verarschen, dann hat das Playoff-Komitee ganze Arbeit geleistet.

Dass Ohio State mit seinem Fünf-Spiel-Schedule gegenüber sämtlichen Alternativen in die Playoffs gepresst werden will, ist längst klar. Aber dass das Komitee mit diesem Ranking sogar alle notwendigen Absicherungen getroffen hat, damit bloß kein „kleines“ Team am Ende von einigen Freak-Resultaten am letzten Spieltag profitieren kann, ging selbst besonnenen Journalisten in den USA zu weit.

Iowa State an #6, obwohl die Cyclones am ersten Spieltag von #19 Louisiana mit 17 Punkten abgeschlachtet wurden? „Haben gegen #10 Oklahoma und #20 Texas gewonnen“

Dass Coastal Carolina ebenso zwei top-20 Wins hat (#17 BYU und #19 Louisiana)? “Sie haben gegen 5-6 Troy gestruggelt”

Dass Florida zwei Pleiten mehr als Coastal hat und gegen 3-5 LSU verloren hat? „Das war einfach Pech, weil TE Kyle Pitts hat dort nicht gespielt, und solche Spieler sind wichtig!“

Dass das spielfreie Cincinnati von #8 auf #9 fiel? „Um hoch gerankt zu sein, musst du öfters spielen und die Teams über Cincinnati haben das gemacht. Wir haben Cincinnati seit 21.11. nicht mehr auf dem Platz gesehen“

Dass Ohio State mit drei Spielen weniger und nur einem Spiel mehr seit dem 21.11. immun gegen solche Ausschlusskriterien ist? No comment.

Das ganze hab ich mich übrigens nicht erfunden – das hat der Chef des Playoff-Komitees alles so gesagt. Nicole Auerbach hat das in ihrem Stück süffisant zusammengefasst („These ranking make no sense“):

Maybe that’s true, but only for certain teams in certain situations. Which is fine, I guess. But if that’s the case, don’t say this system will allow the best team in the country to prove it on the field. Don’t call it a playoff. Call it what it really is: an invitational.

And drop every pretense of fairness.

Nicole Auerbach / The Athletic

Auch die kleinen Conferences verlieren langsam die Geduld. AAC-Commissioner Mike Areso lederte unter der Woche frustriert gegen „das System“ los und wünschte sich bereits die einst verdammten BCS-Computer zurück.

Das Problem an diesem Komitee ist eindeutig: Es verschiebt die Kriterien von Saison zu Saison, von Woche zu Woche, gerade wie es nötig ist um die „richtigen“ Vier einladen zu können. CFP Komitee als Interessensvertretung der Power 5. Keine neue Erkenntnis, aber sie muss endlich auch so benannt werden.

Doch wer sollte in einer Saison wie der heurigen, in der es versetzte Schedules, zahllose Opt-Outs, kaum Non-Conference-Spiele und unterschiedliche Anzahl an Spielen gibt, überhaupt in die Playoffs gewählt werden?

SOR – Die Jagd nach dem stärksten Record

ESPN hat darauf vor Jahren eine Kennzahl erfunden, die gute Antworten auf diese Frage liefert: Den Strength of Record (SOR). Der misst nicht, welche die stärksten Teams sind, sondern welche Teams den stärksten Record haben. Der SOR misst die Wahrscheinlichkeit, mit der ein durchschnittliches Top-25 Team denselben Record eingefahren hätte, den die jeweilige Mannschaft hält.

Das Ergebnis ist auf den ersten Blick verblüffend – aber nicht unplausibel:

Alabama und Notre Dame sind die Top-2. Doch die beiden anderen fast für die Playoffs gelockten Mannschaften, Ohio State und Clemson, werden für ihre Spielpläne abgestraft. Clemson hat den Wischiwaschi-ACC-Schedule gespielt und gegen den einzigen Gegner verloren. Ohio State hatte das okaye Indiana im Spielplan – und sonst nur vier Schlachtopfer.

Freilich haben Clemson und Ohio State morgen noch die Chance, ihren SOR zu boosten: Clemson spielt gegen Notre Dame und Ohio State gegen Northwestern. Gut möglich, dass die beiden Teams mit Siegen noch deutlich klettern.

Aber Ohio States aktueller Record ist weniger wert als USCs identische 5-0 Bilanz, und in etwa gleich viel wie Coastal Carolinas 11-0 und Cincinnatis 8-0 (ich hatte darüber bereits geschrieben).

Spannend: Indianas 6-1 ist stärker als Ohio States 5-0, obwohl OSU die Hoosiers im direkten Duell knapp geschlagen hatte, und das auch von mir oft gerügte Texas A&M, das so chancenlos gegen Alabama war, hat mit seinem 7-1 hat den drittstärksten Record.

Die Erklärung für Indiana > Ohio State: Die Hoosiers mögen keine top-25 Teams geschlagen haben, aber dafür viele Teams in der Range von 20-40, und das bei aller Fokussierung auf den letztlich ebenso willkürlichen Schnitt bei „25“ eindrucksvoller als das 60t-beste Team zu schlagen.

Nun ist es natürlich auch schwierig, Ohio State zu hart abzustrafen für die Covid-bedingte Absage von mehreren Spielen. Die Buckeyes konnten nicht viel dafür, dass ihre letzten Gegner mit Ausbrüchen zu kämpfen hatten, die Wettbewerb unmöglich machten. Doch ähnliches gilt auch für USC, deren Saison zwei Wochen später begann und deren identischer Record im CFP-Ranking in einem völlig anderen Licht (#13 statt #4 wie bei OSU) erscheint.

Eine Lösung ist nicht in Sicht

Das ganze Fiasko wird sich diese Saison nicht mehr lösen lassen. Die Saison ist quasi gelaufen und der Postenschacher wurde längst in den Hinterzimmern entschieden. 2020 ist nicht für ein Playoff gemacht – aber es hat die unvermeidliche Öffnung des Playoff-Felds auf 6 oder gar 8 Mannschaften beschleunigt. Ich weiß nicht ob ich damit so glücklich bin – ich fand ein Viererfeld eigentlich ideal, sehe aber, dass die Umsetzung absolut mies ist.

Die ganzen Probleme drumherum – Verfall der Institution „Conference“ in die Bedeutungslosigkeit, totale Fokussierung allein auf das Playoffrennen, Machtkonzentration auf einige wenige Top-Programme – werden weder durch einen Erhalt des Status quo, noch durch eine Erweiterung, noch durch eine Rückkehr in die alte Zeit verschwinden. Der Schaden ist längst angerichtet und ich fürchte, er ist irreversibel. Der ungezügelte Kapitalismus hat Raubbau an dieser einst so herrlich unübersichtlichen Sportart betrieben. Ich wende mich langsam mit Grauen ab.

8 Kommentare zu “College Football Playoff Diskussion: SOR gegen CFP

  1. Eine Frage zum SOR:
    Besteht da nicht auch die Gefahr den Status quo zu zementieren? Die Mannschaften aus den Power 5 haben es sicherlich einfacher einen starken schedule zu spielen als ein Vertreter einer kleineren conference…

    (Das soll kein Argument gegen SOR sein, das aktuelle System schützt die Macht der Power 5 sicherlich noch stärker.)

  2. @milaidin: Sie haben es einfacher einen starken Schedule zu spielen, aber sie müssen die Spiele auch erstmal gewinnen – und sie sind mit dem SOR angehalten gute Out-of-Conference Gegner zu schedulen.

    Niemand bezweifelt, dass in den Power-5 Conferences der stärkere Football gespielt wird, aber wo das Komitee diesen Punkt als gottgegeben betrachtet und gar keine *Möglichkeit* aufkommen lässt, muss sich im SOR jedes Team erstmal seinen Status erarbeiten.

    Ich sage auch nicht, dass der SOR das Ende aller Diskussionen ist. Wie der SOR den Strength of Schedule (also wieder Stärke von Teams) rechnet, ist natürlich auch nur eine mögliche Methode unter vielen (FPI = EPA/Play).

    Aber ich finde, er ist eine wesentlich stärkere Basis um sich von vordefinierten Positionen zu lösen und freier zu denken. Ich fand es bei Texas A&M z.B. völlig sinnlos über Playoffs nachzudenken, weil sie schon von Bama abgeschlachtet wurden, aber das SOR Ranking lässt mich meine Position noch einmal überdenken: TAMU hat einfach der „Pech“ gehabt, Bama schon in der Regular Season zu sehen. Ob man nun im Oktober niedergemetzelt wird oder im Semifinale, ist letztlich für eine Bewertung egal, denn College Football ist ja theoretisch so aufgebaut, dass jedes einzelne Spiele wie ein kleines „Semifinale“ zählen soll.

  3. Und RE: Mid Majors. Prinzipiell bräuchte es eine Instanz, die den allzu freien Markt ein wenig reguliert. Die Großen schöpfen alles ab, die Kleinen schauen durch die Röhre. Damit stärkt man die Position der Power-5 viel stärker als mit der Art wie das Playoff ausgewählt wird.

    Es wäre für den ganzen Wettbewerb gut, wenn die totale Fokussierung auf einige wenige Universitäten (auch in den Power-5 ist die Schere riesig) etwas aufgebrochen wird, z.B. durch bessere Geldverteilung. Aber dafür fehlt eine regulierende Instanz.

    So ist auch eine formelle Aufspaltung der FBS in Power-5 eigentlich unvermeidlich. Was schade ist, aber wir leben ja jetzt schon in zwei verschiedenen Welten.

  4. Gibt übrigens ein neues Tool, um die Resümees/SOSs der einzelnen Teams miteinander zu vergleichen. Also kann man sich quasi selber angucken, wie ein möglicher SOR im Vergleich zu einem anderen Team aussehen könnte, gemessen anhand mehrerer wählbarer „Messinstrumente“ wie bspw. Massey Composite, Sagarin, FPI, aber auch AP Poll, Coaches Poll oder CFP Rankings. Durchaus interessant zu sehen, wie die einzelnen Spiele zweier Teams jeweils eingeschätzt werden:

    https://www.aintplayednobody.com/

  5. Danke, sehr cooles Tool!

    Vergleichen wir Ohio State und Coastal Carolina nach Massey, sehen wir: Coastal Carolina hatte den schwierigeren Schedule, wenn wir nur die besten fünf Spiele heranziehen (Ohio State hat nicht mehr).

    Prinzipiell hat Coastal demnach einen schwierigeren Schedule als Schedule als Ohio State gespielt, bloß hintendran noch sechs Schlachtopfer angeflanscht.

  6. Pingback: Samstagsvorschauer – Championship Weekend 2020 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  7. Verstehe das wirklich nicht – meiner Meinung nach ist es dieses Jahr unglaublich einfach einen Midmajor in die Playoffs zu schicken – 2020 ist ja eine Saison mit Asterix- “es war ja nur das crazy COVID Jahr, in einer normalen Saison hatte es nie ein midmajor geschafft”
    Keiner muss sich wirklich Sorgen machen und man hatte gegenüber den midmajors auf Jahre ein Argument, dass sie eine faire Chance haben.

    Ohio finde ich falsch – bei 5 oder 6 Spielen ist mir einfach die sample size zu gering.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.