NFL Sonntagsvorschauer 2020 – Woche 16

Die letzte Nacht hat ein paar Emotionen tief in mir drin geweckt, die geteilt werden wollen.

Ich habe als Detroit-Lions-Fan eine 3-13, 0-16, 2-14, 4-12 und 3-12-1 Saison erlebt, aber nie sind die Lions so abgeschlachtet worden wie gestern von Tom Brady und den Tampa Bay Buccaneers. Das war ein bis jetzt unerreichbarer Tiefpunkt. Ein Teil wird durch Coaching erklärbar sein – schließlich haben dort Play-Caller mit weniger als einer Minute Job-Erfahrung ihr Werk verrichtet. Irgendwie auch beruhigend, dass ein Otto-Normalverbraucher unter dem Headset so hilflos aussieht und ein Reminder, dass nicht alles, was unsere Standard-NFL-Playcaller verzapfen, kompletter Bullshit ist.

Von den eklatanten Lücken in Detroit sollte das nicht ablenken. Die immediate Franchise-Aussicht ist eher düster. Das von Matt Patricia und Bob Quinn verrichtete Werk des Schreckens wird ihr Gesicht in der Offseason noch einmal in allem Grauen zeigen. Ein radikaler Umbruch käme teuer zu stehen und bringt wohl keinen Top-Coach nach Detroit. Aber Wischiwaschi-Gebastel nach Schema F hatten wir auch zu oft. Ein solcher Beat-Down wie gestern hat wie Anno 2008 was Gutes, wenn es ein Umdenken provoziert. Aber diese Aussicht kann 2020 bzw. 2021 nicht bieten.


Im zweiten Spiel wurden die Probleme der Cardinals-Offense offensichtlich. Meine These steht seit längerer Zeit und wurde gestern erneut bestätigt: Kliff Kingsbury wäre ohne das Trade-Geschenk „Nuk Hopkins“ ein Kaiser ohne Kleider. Es ist zu früh das Experiment Kingsbury nach nur zwei Jahren zu beenden, aber Kliff sollte angezählt werden. Die Zeit läuft – erst war’s die fehlende #1, jetzt ist es die fehlende #2, was kommt als nächstes?


Das Nachtspiel Dolphins @ Raiders hatte die „Quadruple Crown“ an Bullshit zu bieten:

  • Erst Slapstick-Offense
  • Dann Slapstick-Defense
  • Dann Slapstick-Special Teams
  • Dann Slapstick-Coaching

Ich könnte noch ergänzen: Slapstick-Übertragung:

Ich komme noch immer nicht klar drauf, dass Jon Gruden mit über 20 Sekunden zu spielen freiwillig auf einen TD verzichtete anstatt zumindest den TD-Run zu verzichten. Die Intention hinter dem Kneel-down ist mir klar – aber sie ist nur vertretbar, wenn man das Fieldgoal mit auslaufender Uhr kicken kann.

So hat dieses Spiel, das 56 Minuten lang tiefe, aggressive Emotion in mir geweckt, letztlich ein so bescheuertes Ende bekommen wie es verdiente.

Frühschicht um 19h

  • Pittsburgh Steelers (11-3) – Indianapolis Colts (10-4)

Das unumstrittene nominelle Spitzenspiel der 19h-Schicht. Es ist auch das Duell der beiden Star-QBs aus dem NFL Draft 2004, Ben Roethlisberger gegen Philip Rivers. Roethlisberger hat die beiden Superbowl-Ringe, die Rivers bis heute fehlen; aber für viele hat Rivers die bessere individuelle Karriere hingelegt.

Die Steelers können mit einem Heimsieg den Gewinn der AFC North fixieren, die Colts so gut wie das Playoffticket lösen. Aber: Verlieren die Steelers, so können die Browns mit einem gleichzeitigen Sieg bei den Jets ein Endspiel in Woche 17 erzwingen.

Es ist mittlerweile allen bekannt: Die Steelers-Offense steckt in einer schweren Krise. Pittsburgh hat seit Wochen keine 20 Punkte mehr erzielt und rangiert in EPA/Play unter den schwächsten Team der zweiten Saisonhälfte.

Die Probleme gingen dabei in den letzten zwei Spielen weit über das Drop-Problem von November/Anfang Dezember hinaus. Roethlisberger wirft den Ball nicht mehr gut. Es gibt kein Intermediate-Game und null Vertikalität. Roethlisbergers Präzision bei tiefen Bällen rangiert in den letzten Wochen ganz nah am Ligabodensatz. Diese sehr komprimierte Offense ist recht einfach zu verteidigen, gerade auch, weil die Steelers-O-Line keine Power mehr ausstrahlt und die Gegner mit recht wenigen Box-Verteidigern arbeiten können.

Die Colts sind zwar konzeptionell mit ihrer „bend but don’t break“ Defense eine Abwehr, die ganz gerne kurze Raumverluste aufgibt, solange es nur die Big Plays verhindert, aber die wuchtige Front Four um DT Buckner herum gibt den Colts die Möglichkeit, besonders viele Deckungsspieler auf die Steelers-Receiver abzustellen und damit eine weitere harzige Partie für die Offense zu erzwingen.

Und dann muss die Steelers-Defense wieder einen Wahnsinnstag erwischen um Rivers und die Colts zu stoppen. Die haben in den letzten Wochen gegen zugegeben miese Defenes groß aufgespielt. Rivers hat dort allerdings kaum Pressure gesehen (nur um die 6-7 Pressure-Dropbacks pro Spiel) – mit solchen Zahlen lebt es sich als passabler NFL-QB natürlich fantastisch.

Zu erwarten ist, dass Pittsburgh um EDGE T.J. Watt herum wieder a bissi mehr Druck ausüben kann und dass die Steelers das Colts-Laufspiel ziemlich gut kontrollieren können. Es kommt dann drauf an, wie viele Yards die schön designte Colts-Passing-Offense mit einem wiedererstarkten WR T.Y. Hilton und den Crossing-Routen von Michael Pittman der eher durchschnittlichen Steelers-Coverage abringen kann.

Auf jeden Fall ist das ein tolles, knappes Duell! Eigentlich weigere ich mich nach wie vor, die Steelers so komplett abzuschreiben wie es andere Analysten machen, aber die Performance gegen Cincinnati am Montag war schon ein schwer zu ignorierender Tiefschlag. Wird auf jeden Fall spannend und wohl nicht allzu punktreich.

  • Baltimore Ravens (9-5) – New York Giants (5-9)
  • Kansas City Chiefs (13-1) – Atlanta Falcons (4-10)
  • Jacksonville Jaguars (1-13) – Chicago Bears (7-7)
  • New York Jets (1-13) – Cleveland Browns (10-4)

In diesen vier Spielen trifft jeweils ein Playoff-Anwärter auf einen Nachzügler. Bei Ravens – Giants sind es natürlich theoretisch zwei Teams, aber das auch nur wegen der Anomalie „NFC East 2020“. Die Ravens sind deutlich zu favorisieren, aber das Spiel ist trotzdem aus konzeptioneller Sicht interessant. Denn: So gut die Ravens-Offense die letzten drei Spiele ausgesehen hat, es war alles gegen übermannte Defensive-Fronts (DAL, CLE, JAX). Die Giants haben in Form von DT Dexter Lawrence und Co. zumindest physisch ausreichend Beef an der Line of Scrimmage um die Ravens schematisch ein wenig zu fordern.

QB Daniel Jones wird spielen. Ich glaube aber nicht, dass Jones mit der extrem blitzlastigen Ravens-Defense zu fahren kommen wird. Ich zweifle noch immer an Jones‘ Spielverständnis, und wenn du sowas nicht hast, bist du für Baltimores Defense gefundenes Fressen.

Die Chiefs sollten gegen Atlanta deutlich favorisiert sein. Atlanta hat sich zwar in den letzten Wochen defensiv vor allem in der Spielfeldmitte stabilisiert und könnte eines der Teams sein, das TE Travis Kelce einigermaßen kontrollieren kann. Aber Junge, Junge: Die Falcons-Cornerbacks gegen die Chiefs-Armada wird ein Schlachtfest!

Dass Atlanta unbedingt genug Punkte zum Konter auflegen kann, ist eher unwahrscheinlich. Zwar sah das letzte Woche eine Halbzeit lang gegen Tampa ganz gut aus, aber dann zeigte sich doch, dass man ohne Julio Jones nicht die Variabilität hat um vier Viertel lang konstant hochklassige Offense zu spielen.

Bei Jacksonville gegen Chicago geht es für die Bears darum, die Steilvorlage der Cardinals von letzter Nacht zu nutzen.

Als Bears-Fan muss ich aber zugeben, hätte ich mittlerweile tief gespaltene Gefühle beim Thema „Playoffs“, denn zu deutlich schwebt das Schreckgespenst einer fetten Trubisky-Vertragsverlängerung über der Stadt. Trubisky hat in den letzten Wochen gezeigt: Selbst ein mieser QB kann gegen den einfachsten Slate an Defenses passabel spielen, wenn alle Rahmenbedingungen inklusive Scheme passen. Aber wenn das Ryan Pace jetzt in allerletzter Sekunde doch noch zum Ausstellen des fetten Schecks motiviert, dann gute Nacht. Dann würde ich jede 40-Punkte-Pleite und Hausreinemachen gegen das zweitschwächste Team der NFL bevorzugen.

Jacksonville muss schauen, ja bloß nicht im Draft-Rennen seinen letzte Woche in der Lotterie gewonnenen Vorsprung im Trevor-Lawrence-Rennen wieder herzuschenken.

Okay, es war weniger „Lotterie“ als Pyrrhus-Sieg der Jets. Die treffen heute auf Cleveland – und wegen Corona droht uns ein weiteres Freak-Spiel, denn die Browns reisen ohne Receiving-Corps an:

Da werden eine Serie an Practice-Squaddern auflaufen. Für Browns-Coach Kevin Stefanski ist das die Chance, weitere Punkte im „Coach des Jahres“-Rennen zu sammeln. Wo ein simpler Kantersieg über die Jets außerhalb von Los Angeles mit einem simplen Schulterzucken wahrgenommen wird, kann man einen Sieg „ohne Receiver“ immerhin als etwas Besonderes verkaufen.

Werden die Browns Passspiel auf ein Minimum beschränken und sich darauf verlassen, dass ihre wuchtige Offensive Line die physisch durchaus passable Jets-Line um den aufgewachten DT Quinnen Williams im Griff hält? Oder kommt man nicht herum, die Sparringspartner hie und da in Szene zu setzen?

  • Houston Texans (4-10) – Cincinnati Bengals (3-10-1)

Hier haben wir null direkten Playoff-Impact. Houston hat noch nichtmal ein wesentliches Interesse an der Draftreihenfolge, weil die Texans ihren Pick längst an die Dolphins verschachert haben, damit Laremy Tunsil den Blindside-Blocker geben kann. Theoretisch sollte das ein deutlicher Texans-Sieg werden.

Spätschicht ab 22h

  • 22h05: Los Angeles Chargers (4-10) – Denver Broncos (5-9)

Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

  • 22h05: Washington (6-8) – Carolina Panthers (4-10)
  • 22h25: Dallas Cowboys (5-9) – Philadelphia Eagles (4-9-1)

NFC East-Craze. Die Rechnung ist simpel:

  • Washington kann mit eigenem Sieg sowie Niederlage der Giants die NFC East gewinnen.
  • Bei Washington-Niederlage und vorangegangener Giants-Pleite können die Eagles mit einem Sieg in Dallas ein Endspiel um den Divisionssieg in Woche 17 erzwingen.
  • Dallas muss beide Spiele gewinnen und Washington beide verlieren, damit es für die Playoffs reicht.  

Washington tritt sich WR Terry McLaurin und wohl auch ohne QB Alex Smith an. Der Quarterback ist wohl auch sechs Tage nach seinem „Strip-Trip“ wieder Dwayne Haskins. Das ist ziemlich deprimierend, denn Haskins hat in seinem zweiten Jahr nix angedeutet was NFL-Tauglichkeit beweist. Einer Offense mit Haskins kann man nicht trauen.

Carolina, Ron Riveras Ex-Team, dagegen ist deutlich besser als der 4-10 Record impliziert. Ich denke, da ist durchaus ein Auswärtssieg denkbar.

Und das shiftet den Fokus nach Dallas. Letztes Jahr haben die Eagles in Woche 16 mit einem schwer erkämpften, hässlichen Sieg über Dallas ihre Playoff-Chance in letzter Sekunde gerettet – heute könnte sich Geschichte wiederholen.

Die Eagles haben nach der Einwechslung von QB Jalen Hurts Hoffnung geschöpft, dass man ja doch so etwas wie „Offense“ spielen kann. Hurts strahlt einfach eine Selbstverständlichkeit aus, die mit dem mal hektischen, mal extrem zögerlichen Carson Wentz unmöglich war. Die Eagles haben jetzt zwar eine QB-Controversy an der Backe (Wentz will offenbar getradet werden), aber das ist besser als eine QB-Niete.

Ich weiß nicht mehr wo ich es aufgeschnappt habe, aber die Eagles haben in den beiden Spielen mit Hurts fast völlig die Spielfeldmitte gemieden und spielen fast alles über die Außen. Hurts ist als Passer zwar nicht sonderlich raffiniert, aber seine Mobilität eröffnet Räume und damit auch „margin for error“.

Greg Cosell sagte im Ross-Tucker-Podcast: Hurts war in den beiden Einsätzen ein akkuraterer Werfer als am College und ähnelt damit in gewisser Weise dem nominellen Cowboys-Starter Dak Prescott. Viele Würfe seien zwar „timing / spot throws“, also eher einfach in eine gewisse Zone des Feldes geworfen anstatt wirklich auf einen Receiver (das macht man per Design so), aber das alles sei trotzdem überraschend präzise gewesen.

Mal schauen ob die Cowboys da schon ein Gegenmittel haben – also Seitenränder zumachen und die Spots am Feld abdecken, wo der Pass hingehen soll. Oder ob Hurts in Spiel 3 einen weiteren Schritt macht, nachdem er letzte Woche in Arizona bewiesen hat, dass er mehr sein kann als ein „one read QB“.

Die Cowboys-Offense ist in den letzten Wochen auch besser in Schwung gekommen, weil sich QB Andy Dalton sichtlich wohler fühlt, aber heute kehrt das Schreckgespenst zurück: Zeke Elliott ist wieder einsatzbereit. Over/Under für Fumbles damit 1.5.

  • 22h25: Seattle Seahawks (10-4) – Los Angeles Rams (9-5)

Der Kracher der Spätschicht. Bei Seattle – L.A. Rams geht es um den Divisionssieg in der NFC West: Gewinnen die Seahawks, haben sie die Division in der Tasche; gewinnen aber die Rams, holen sie den Tie-Breaker und haben ihr Schicksal in eigener Tasche. Für die Seahawks ist bei einem Sieg sogar noch eine kleine Restchance auf den #1 Seed möglich.

Die Rams haben fünf der letzten sechs direkten Aufeinandertreffen gewonnen – aber es waren fast alles knappe Dinger! Hier kann alles passieren.

Die Rams-Offense ist im Kern so designt um das alte Seattle-Cover-3 zu knacken: Viel Wide-Zone, eingestreut tiefe Play-Action Bomben in die Seam-Routen aus condensed formations. Von innen nach außen, quasi.

Aber Achtung: Dieser Offense wurde letzte Woche so richtig der Hintern versohlt – von den Jets! Auf Center und Guard wurde die bis dahin hochgelobte Rams-Line komplett an die Wand genagelt – und wir wissen längst, dass QB Jared Goff dann in solchen Momenten zusammenbricht. Dominiere die O-Line, stoppe den Lauf und bringe Goff in klare Pass-Situationen und du hast die Rams immer am Rand einer Niederlage. Es ist auch diese Saison schon einige Male passiert.

Die Seahawks haben allerdings nicht so recht die Waffen dafür. Es gibt wenig Muskelmasse in der D-Line (außer Snacks Harrison findet heute zu alter Form), und in Coverage hat die Defense weiterhin nicht viel zu bieten. Die auffälligste Waffe ist Safety Jamal Adams als Blitzer – aber trotz einiger Sacks ist die Gesamt-Ausbeute bei Adams-Blitzes horrend schlecht (viel mehr aufgegebene EPA/Play, wenn Adams blitzt als wenn er nicht blitzt).

Auf der anderen Seite des Matchups geht es für die Hawks darum, weniger Pressure zuzulassen als im „Hinspiel“ im Oktober. Damals stand Russell Wilson gut die Hälfte der Zeit unter Druck. Einige der Probleme sind auch entstanden, weil sich Wilson immer wieder verarschen ließ durch die ständig „post snap“ rotierenden Coverages. Wilson kam damit das ganze Spiel nicht zurecht.

Werden die Hawks daraus schließen, dass man heute besser viel laufen sollte? Oder schafft man es, die zuletzt verwaiste Passing-Offense mit ein paar schnellen Screens und eingestreuten tiefen Bomben auf WR Metcalf wieder ins Rollen zu bringen?

Nachtschicht ab 02h20

  • Green Bay Packers (11-3) – Tennessee Titans (10-4)

Ein spielerisch attraktives Sunday Night Game – und es ist sicher, dass es sportlich für beide um etwas geht. Green Bay kann nur dann mit Sieg den NFC #1 Seed fixieren, wenn die Seahawks um 22h30 gegen Los Angeles verlieren. Tennessee kann nur dann den Divisionssieg fixieren, wenn die Colts gegen Pittsburgh verlieren.

Beide Offenses spielen einen ähnlichen Stiefel Football – es ist der „Shanahan-Tree“ mit Wide-Zone-Running, viel Play-Action Passing und vielen Pre-Snaps Motions. Packers-Headcoach Matt LaFleur kam vor zwei Jahren direkt aus Tennessee, wo sein Nachfolger Arthur Smith die Offense auf den Level gehoben hat, die sie unter LaFleur nicht ansatzweise erreicht hat.

Das klingt vielleicht sehr negativ – aber bis zu dieser Saison hatte LaFleur noch keine Offense wirklich „besser“ gemacht. Erst seit Aaron Rodgers die Entwicklung mit zu mehr Play-Action und weniger statischen „Looks“ mitgegangen ist, zünden die Packers.

In Details unterscheiden sich die beiden Offenses natürlich: Die Packers spielen mehr mit 11-Personnel, sind sehr viel passlastiger in Early-Downs und haben in Rodgers den klar besseren Quarterback – aber die Titans haben die #1 Offense nach EPA/Play.

Über Tennessees Offense bzw. über Ryan Tannehill und was die Packers heuer anders machen als letztes Jahr habe ich schon unter der Woche einen ausführlicheren Kommentar geschrieben:

Ryan Tannehill ist ein ganz guter Case-Study, wenn man 2019 und 2020 vergleicht. Die große erwartete Regression ist ausgeblieben, aber der Spielstil ist diese Saison ein völlig anderer.

Tannehill macht zwar mit 7.4 NY/A Passing weniger Yards/Dropback als letzte Saison (7.9 NY/A). Aber er ist nach EPA/Play sogar besser: 0.25 EPA/Play letztes Jahr, heuer sagenhafte 0.36 EPA/Play.

Einer der wichtigsten Gründe: Tannehill nimmt kaum mehr Sacks – das ist völlig untypisch für seine Karriere. Tannehill war immer ein QB, der mit die höchsten Sack-Raten der NFL hatte, so auch 2019 mit 9.8%. Sacks sind in Summe schädlicher als Interceptions, weil sie 2-3x häufiger vorkommen.

Tannehill 2020? Hat nur 4.4% Sack-Quote, was zu den besten Raten der Liga gehört.

Das ist verblüffend, denn die Titans-OL ist deutlich schwächer im Pass-Blocking: Nach PFF Grade 2019 die #11, 2020 die #28. Pressure-Rate war 2019 31%, 2020 nur mehr 29%, aber das ist ein relativ marginaler Unterschied.

Das Geheimnis liegt in „Time to Throw“: Tannehill wirft die Bälle sehr viel schneller als letztes Jahr:
2019: 2.76 sek bis zum Wurf, zweitlangsamster QB der NFL
2020: 2.52 sek, Liga-Mittelfeld

2019 kamen nur 37% seiner Würfe in weniger als 2.5 Sekunden, 2020 sind es satte 53%. Das ist ein gewaltiger Unterschied!

In Summe haben die Titans ein ziemlich simples System: Haufenweise Crossing-Routen und Over-Routes, Play-Action (37%, #1 der NFL) und zwei fantastische Receiver in Hochform. Gerade ein A.J. Brown ist ein absolutes Monster, einer der besten Receiver in der NFL.

Im Laufspiel die #5 Run-Block O-Line, was sich für Henrys Laufstil hervorragend macht: Mit Anlauf ist der Mann einfach schwierig zu stoppen. Titans-Laufspiel ist jetzt auch schon wieder die #3 in der NFL mit 0.05 EPA/Run.

Das alles natürlich gegen einen der einfachsten Defense-Schedules in der NFL.

Ich weiß nicht wie replizierbar dieses Offense-Scheme ist, wenn es keinen A.J. Brown gibt, aber in der aktuellen Verfassung ist das schon eine schwierig zu stoppende und überraschend gute Offense. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihren Level so gut halten können.

Heute könnte man verlockt sein, die schwache Run-Defense der Packers zu testen. Viel mehr als DT Kenny Clark hat Green Bay dort nicht zu bieten – aber in Rushing-Defense ist oft einfach die Lösung, mehr Leute in die Box zu stellen um „gap sound“ spielen zu können. Was dann wiederum hinten alles entblößen und die deep shots auf die fantastischen Receiver A.J. Brown und Corey Davis eröffnet.

Die Packers werden darauf spekulieren, dass genau ihr Offense-System gegen Tennessee besonders gut zündet. Zum Beispiel die Browns haben Tennessee komplett an die Wand gespielt. Rodgers hat nicht viel Passrush zu befürchten, und ohne Druck ist er überragend – aber vielleicht kann den Titans die Rückkehr von CB Adoree Jackson helfen? Jackson kann vielleicht einen WR Davante Adams nicht im Alleingang ausschalten – aber er kann zumindest ein 13-Catch, 185-Yards Game für Adams verhindern und Rodgers damit zwingend, zur zweiten Option zu gehen.

9 Kommentare zu “NFL Sonntagsvorschauer 2020 – Woche 16

  1. Können wir dich das ganze Jahr in Quarantäne stecken? 🙂 Der Output im Frühjahr in jetzt ist ja noch beeindruckender als sonst schon…

  2. Schreibst Du noch mal etwas zum 4. Viertel des Raiders – Miami Spiels?
    Mir stand die letzten Minuten auch nur noch der Mund offen, wie beide OFF über das Feld marschierten.
    Dann natürlich die Entscheidungen nicht in die Endzone zu gehen.
    Und dann die 19 Sekunden mit dem Pass der nie so freistehend gefangen werden darf und der dämlichen facemask.
    Browns heute mit halbierter OLine und brutal ausgedünnten WR Corps. Das wird ein freakspiel.

  3. Freakspiel war Dolphins @ Raiders auch… mal schauen. Die wesentlichste Erkenntnis aus dem Spiel ist ja, dass man die eklatanten Offensivprobleme doch sehr stark an der Figur Tua festmachen kann – mit allen Folgefragen und Lösungsansätzen.

  4. Vor allem, wie fitzmagic es geschafft hat, trotz (!!!) Facemask (!!!!) Im wurfprozess einen tiefen Ball anzubringen. Extrem krasse Körperbeherrschung!!!

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