Montagsvorschauer – Woche 16, 2020

Die Buffalo Bills (11-3) sind in den Playoffs, die New England Patriots (6-8) können es nach zwei touchdownlosen Niederlagen (LAR, MIA) in Folge nicht mehr schaffen. Ein guter Zeitpunkt, mich schonmal für die Playoffs warm zu schreiben – mit Fokus auf die Verlierer. 

Nach dem Abgang von Tom Brady wurde allerorten über die Frage diskutiert: Tanken oder nicht tanken? Das Konzept „Tanking“ wurde journalistisch aus der NBA übernommen. Diese Übernahme ist sehr schief, weil eine Basketballmannschaft konzeptionell völlig anders zusammengestellt wird als ein Football Team. Aber zwei Elemente des „Tankings“ sind auch in der NFL erfolgversprechend.  

Eins: Alte Spieler loswerden, die mehr verdienen als ihre Leistung rechtfertigt. Zwei: Junge Veterans gegen hohe Draft Picks traden. Für einen Patriots-Fan, der der über viele Jahre von Bill Belichick erzogen wurde, ist das aber kein Tanking, sondern Best Practice. Das macht Belichick jedes Jahr. Das ist vorausschauende Kaderplanung. So war es letztes Jahr und so wird es auch in dieser Offseason wieder sein.  

In der zweiten Kategorie haben wir nur zwei Kandidaten: Guard Shaq Mason und Cornerback Stephon Gilmore. Durch die gute Salary Cap-Situation könnte man aber beide auch guten Gewissens behalten, wenn die Trade-Angebote nicht gut genug sind.  

In der ersten Kategorie haben wir einige Kandidaten. Das sind zuvörderst die diesjährigen Opt-outs LB Hightower, LB/Safety Chung und RT Marcus Cannon. Weitere Kandidaten sind die menschgewordenen „Patriots Way“-Ikonen WR Edelman, Safety Devin McCourty und Special Teams-Legende Matthew Slater. Nicht alle sechs werden sich in Richtung Ruhestand oder Abschiedstour bei einer anderen Franchise verabschieden, aber wohl doch die Mehrzahl.  

Wen die Pats darüber hinaus verlieren werden: Left Guard Joe Thuney und Defensive Tackle Adam Butler. Beide haben ihre Rookieverträge ausgespielt (Thuney plus Bonus Franchise-Tag-Jahr) und werden in der Offseason ordentlich abcashen. Thuney ist der wertvollste Guard der Liga, auch weil er solide Offensive Tackle spielen kann; DT Butler ist ein guter Interior Pass Rusher. Beide werden auf dem freien Markt überbezahlt werden – zumindest in den Augen Belichicks.  

Das sind relativ viele Spieler vor dem Abgang, aber es ist business as usual

Draft Class 2020

Auf der anderen Seite steht dem eine recht große Draft Class 2020 gegenüber, die schon großes Potential angedeutet hat. Offensive Lineman Michael Onwenu ist schon jetzt ein Liebling der Football Nerds, Pats-Fans und Belchicks. Er kann Guard und Tackle spielen, rechts wie links, und sah als 5th-rd pick niemals überfordert aus. Gutes Potential hat auch OL Justin Herron gezeigt. Der 6th-rd pick war zwar zeitweise überfordert, hat aber auch oft gezeigt, daß er durchaus Starter werden kann.  

Auf der defensiven Seite stechen vor allem Safety/Linebacker Kyle Dugger (2nd-rd pick) und CB Myles Bryant (UDFA) heraus. Bryant spielt im Slot in den häufigen Dime Packages. Dugger ist ein ungemein aggressiver Box Safety, der auch tiefer spielen kann. Stilistisch wirkt er wie eine Mischung aus Ex-Cardinals Linebacker-Torpedo Daryl Washington und Steelers-Überallspieler Troy Polamalu. Er ist selbst für NFL-Verhältnisse wahnsinnig explosiv und athletisch; und er ist sehr instinktgetrieben. Als Rookie derart instinktiv-explosiv zu spielen, ohne allzu oft in die falsche Lücke zu stürzen, ist selten.  

Von den anderen Rookies hat man verletzungsbedingt leider nur wenig gesehen. Zumindest die beiden 2nd- und 3rd-rd picks Linebackers Josh Uche und Anfernee Jennings haben in den letzten Wochen in die Mannschaft gefunden und zeitweise „geflashed“, wie man so sagt.  

Völlige No-shows waren bisher die beiden Tight Ends Devin Asiasi und Dalton „Rambo“ Keane. Beide waren mehrfach verletzt und haben es noch nichtmal geschafft, am mäßigen Tight End Ryan Izzo vorbeizukommen.  

Der Umbruch ist also – mal wieder – da. Mit Onwenu, Herron, RB Harris, Dugger, Bryant, Uche, Jennnings  werden sieben Stammspieler 2021 aus der 2020er-Klasse kommen. Da der Salary Cap auch sehr gesund ist, können die ganz großen Baustellen Edge und Defensive Tackle in der Free Agency angegangen werden und man hat auch noch Geld für Paßempfänger auf WR und TE. 

Cam 😦

Sieht also alles ganz gut aus für nächste Saison. Wenn da nur nicht das größte Fragezeichen von allen wäre: Quarterback.  

Cam Newton hat sich nie im Passing Game zurechtgefunden. Er ist zögerlich, unsicher und vertraut weder seinen Receivers noch sich selbst. Das war sehr frustrierend. „He can make any throw“, wie es in der Scouting Season immer so schön heißt. Allein: er macht sie einfach nicht. Und zwar „macht sie nicht“ im Sinne von: er versucht sie erst gar nicht. Es hat bis Woche 14 gedauert, bis Newton das erste Mal einen 3-step Slant geworfen hat. Er hat in der gesamten Saison einen hohen Ball zu Harry geworfen für einen 50/50-Luftkampf – den Harry dann gewonnen hat. Byrd ist häufig auf intermediate dig routes offen – und wartet vergeblich auf den Ball.

Alles Brot und Butter, mit dem Brady jahrelang jeden Sonntag den Tisch gedeckt hat, blieb diese Saison in der Abstellkammer: Quick Game, Bang Play Action, Screen Game, Game Management. Game Management: in Two Minute Drives wirkt Newton wie ein Opa an der Supermarktkasse, der Kleingeld aus seinem Portemonnaie klaubt. Und auch bei Slants und Bang Play Action wundert er ewig rum wie ein Teenager, der endlich das Mädchen an der Bar ansprechen will, anstatt einfach zu machen. Im Englischen gibt es das schöne Wort „decisive“ – Newton war fast durchgängig das Gegenteil davon. Unabhängig von dem mittelmäßigen Supporting Cast (#16 Jakobi Meyers und #10 Damiere Byrd sind beide gute No.2-Receiver; der bullige N’Keal Harry ist wie gemacht für den Josh-Gordon-Route-Tree: Go, Slant und Comeback Routes), sehe ich hier wenig Hoffnung für Cam. Was schade ist.  

Denn was er unbestritten ist: ein unglaublich beliebter und mitreißender Leader im Teamgefüge. Von Mitspielern über Coaches bis hin zu sogar Journalisten haben alle nur überschäumendes Lob für ihn. Er wird nächstes Jahr auf unzählige Geburtstagsfeiern und Hochzeiten eingeladen werden, weil er sich so viele Freunde gemacht hat. Leider ist QB1 keine Position, auf der man sich einen Lukas-Podolski-Typ leisten kann. Jeder Fan hat mit ihm gelitten, wenn er mal wieder nach einem spielentscheidenden Turnover wie ein Häufchen Elend auf der Bank saß und sich selbst danach in der Pressekonferenz alle Schuld an der Niederlage gegeben hat. Aber hier geht’s um’s Gewinnen und Mitleid hilft dabei nicht weiter.  

Planung Nächste Saison

Alles andere als ein Start von Jarrett Stidham heute wäre unsinnig. Daß er die gesamte Saison nicht an Newton vorbeigekommen ist, sagt schon viel aus. Aber je mehr man in den letzten zwei Spielen noch von ihm sehen kann, desto besser kann man für die nächste Saison planen.  

Zum Planen für nächstes Jahr sollte man auch sofort EDGE #55 John Simon auf die Bank setzen und die Uche, Jennings und #90 Shilique Calhoun mehr spielen lassen. Simon wird der erste Cut nach der Saison sein. Nur wenige Dinge sind für Belichick wichtiger als „setting the edge„, und nur wenige Dinge waren diese Saison schlechter bei den Pats; Schwachpunkt Nummer eins war dabei immer wieder Simon. Was auch schade ist. Simon ist einer dieser Veterans, die als Free Agent für relativ wenig Geld kommen und dann unauffällig, aber sehr beständig ihren Job machen. Solche Typen spielen für das Teamgefüge eine große Rolle. Danny Shelton war auch so einer, ebenso wie Lawrence Guy und Jason McCourty.

Gegnerische Offenses können so widerstandslos über die Außen laufen wie noch nie unter Belly. Da hilft bei allem jungen Talent wohl nur noch ein Free Agent vom Typ, wie Simon es selber war. In diesem Sinne auch sehr enttäuschend war Chase Winovich. Er durfte nur in obvious passing situations als Pass Rusher spielen (das aber recht gut). Zeitweise wurde er sogar als als Off-ball Linebacker aufgestellt, weil er nicht kräftig genug ist, um sich einem Offensive Tackle im Laufspiel in den Weg zu stellen.  

Die Defense ist sehr modern zusammengestellt: Fokus liegt auf der Secondary, um gefährliche Paßangriffe zu stoppen (mit einem besseren QB als Brian Hoyer hätte man sogar die Chiefs schlagen können in Woche 4). Die Secondary ist erstklassig. Der Pass Rush dagegen ist dünn und die Laufverteidigung ist ein einziger Offenbarungseid. Neben EDGE ist der größte need ein run stuffing Defensive Tackle. Die bekommt man aber zum Glück auch in den mittleren Runden in der Draft oder für einen schmalen Taler in der Free Agency. Mit Beau Allen hatte man ja auch einen, der Danny Shelton ersetzen sollte, nur hat dieser sich leider zwei Mal verletzt, bevor er auch nur einen Snap spielen konnte.  

Der berühmte Patriots Way wird New England auch nächstes Jahr wieder um den Divisionstitel mitspielen lassen. Aber die Konkurrenz wird nicht schwächer. Auf die Dolphins schauen wir Pats-Fans nicht nur wegen der dicken Edge Guys Lawson und Ogbah neidisch. Und in Buffalo wurde über vier Jahre ein „Bills Way“ geteert, der vor allem durch seine Kontinuität besticht. Aus dem Stand fällt mir keine Franchise sein, die seit vier Jahren den selben GM, Head Coach, Defensive Coordinator, Offensive Coordinator und Quarterback hat. Kontinuität an den zentralen Stellen zahlt sich aus.  

So gut QB Josh Allen dieses Jahr auch zeitweise ausgesehen hat, hier und heute ist eines der wenigen Spiele, in denen „Establish the Run“ im Game Plan stehen sollte. Das ist gegen NE sehr einfach. Und wenn nicht Stiddy seinen Matt-Flynn-Moment hat, braucht man eh nicht viele Punkte.   

Das Laufspiel der Pats ist personell bombig mit der Interior Line um Thuney, Mason und Center Big Bear Andrews und das vielseitige Backfield um Damien Harris, Sony Michel, James White und dem eventuellen Nachfolger von James White in J.J. Taylor, welches hinter dem starken Vorblocker „Yah-Kobb“ Johnson läuft. Und es ist schematisch bombig: man blocking schemeszone blocking schemes und viele designed QB runs.   

Aber so schön und erfolgreich das Laufspiel auch ist: ich erzähle hier niemandem etwas neues mit der Feststellung, daß man ohne gutes Paßspiel im NFL-Januar keine gefährliche Rolle spielt. Nicht mal die Patriots unter Bill Belichick.  

12 Kommentare zu “Montagsvorschauer – Woche 16, 2020

  1. Willkommen zurück Hermann!

    Gibt’s denn Gründe, warum die Bills nicht schon ihre Starter schonen sollten und wir heute zwei 1B-Mannschaften sehen könnten?

    Das Seeding ergibt für die Bills entweder 2, 3 oder 4 und zu versuchen zu planen, um den Ravens zu entgehen und die Chiefs erst im Conference Final zu sehen wird auch schwer.

  2. @Torki
    Wichtig ist das seeding für das Heimrecht in Divisional Playoffs und eventuell Championship Game. Heimspiele zwar generell weniger wichtig dieses Jahr, aber nicht reisen zu müssen, bleibt als Vorteil.

  3. Da denkt man es gibt eine Spiel Vorschau, und dann nur ein Patriots Artikel, hätte man ruhig mal in der Überschrift ankündigen können, dann hätte ich mir das lesen gespart.

  4. Schön, dass du mal wieder hier bist. Schöne Feiertage.

    Bei Meyers als #2 gehe ich mit, Byrd ist für mich maximal ne Nr. 3. Wüsste nicht was der groß besser kann als bspw. ein Kirk in Arizona. Bei Harry kann man jegliche Hoffnung mittlerweile glaube aufgeben. Bust. Da passt viel zu wenig.

    Die Patriots haben die schlechtesten WR Room der Liga und das nicht zu knapp und es lag auch nicht am Großteil wegen einer schwachen Saison von Cam. Viel zu wenig individuelles Talent, auf allen offensiven skill positions. Außer Meyers kannste eigentlich jeden austauschen, fast schön müssen.

    Zu den anderen Rookies, insbesondere Defense kann ich nix sagen. Das die Pats in einer der schlechtesten TE-Klasse seit Jahren gleich 2x auf TE gehen, hat mich damals schon überrascht. Vielleicht wird aus denen noch was. Vermutlich nicht. Bei Hockenson bspw. in Detroit wusste man immer, dass der Durchbruch noch kommt.

    Die Offense der Patriots ist halt 90% Grütze, da RBs zweitrangig sind. Harris hat mir echt gut gefallen. Könnte langfristig der starting RB sein, aber es ist Bill, also weiß man nie. Der Michel Pick war immer Mist. White kann immerhin Bälle fangen. Taylor hat man kaum gesehen.

  5. Glaube auch eher nicht, dass die Bills etwas anderes versuchen werden, als aus eigener Kraft noch Seed-2 zu erreichen…

  6. „Noch“ ist ja leicht übertrieben – sie haben das Heft des Handelns dazu selbst in der Hand!

    (direktes Duell gegen Pittsburgh gewonnen)

    Rein auf die Matchups schauend ist ab dem #4 Seed aber noch zu vieles möglich (und wahrscheinlich) als dass man sich groß auf Matchups für die erste Playoffrunde einschießen könnte.

  7. Wieso haben die Ravens denn nur 49%? Wenn sie mit einem Sieg gegen die Bengals durch sind, müsste die Chance doch höher liegen?

  8. Achso, ich hab mich von den „5 Teams for 4 Spots“ ablenken lassen und die PO-Grenze nach dem 5. Platz gezogen.

  9. Sorry für das Highchecken von Hermanns Artikel aber die Seeds #2 und #3 bedeuten die Chiefs frühestens im Conference Final zu sehen und den Ravens, wenn sie an #5 sind ebenso bis dorthin aus dem Weg zu gehen.

    Ich kann für heute Abend noch nicht wirklich greifen, was uns erwartet.

  10. Nachtrag mit der Annahme zu den Ravens habe ich mich vertan, wenn sie an #5 sind
    Und es #6 oder #7 in die Divisional Runde schafft.

    Ich sehe den Heimvorteil dieses Jahr als nicht signifikant an und halte auch die Reisestrapazen als vertretbar an, da kein zusätzliches Team aus der AFC West in den Playoffs ist.

  11. Den Bills zusehen macht einfach Fun, noch vor der Halbzeit.
    Was das Dreiergespann mit Headcoach Sean McDermott, OC Brian Daboll und DC Lesle Frazier in 3 Jahren zusammen aufgebaut haben, verdient höchsten Respekt.
    Die Chemie zwischen der Führung und innerhalb der Spieler scheint zu stimmen. QB Allen wurde darin ein angesehener Leader mit einem inzwischen guten Auge und einem fantastischen Arm.
    Für mich das Team der Saison, egal wie weit sie in der PO kommen.

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