Offensiv-Personal gegen Defensiv-Personal

Die letzten Tage haben wieder zwei interessante neue Nuggets zum Thema „Wie geht NFL-Football“ geliefert.

Josh Hermsmeyer hat schon vor Jahren nachgewiesen, dass der Erfolg vom Laufspiel fast perfekt mit der Anzahl der Box-Defender (Defense Line, Linebacker, evtl. Safety) korreliert – stell die Front mit genug Leuten zu, dann kannst du das Laufspiel abwürgen.

Gleichzeitig hatten wir in der noch nicht perfekt ausgereiften, aber schon ziemlich aussagekräftigen PFF WAR Metrik (Wins above Replacement, wie viel trägt ein Spieler zum Teamerfolg bei) die Besonderheit, dass Leute wie DT Snacks Harrison, ein anerkannt fantastischer Run-Defender ohne großen Beitrag zum Pass-Rush, als überraschend wertvoll eingestuft wurden.

Eric Eager hat unter der Woche eine Erklärung dafür geliefert, warum: Starke Run-Stuffer auf Defensive Tackle sind deswegen so wertvoll, weil sie dem Defensive Coordinator erlauben, mit weniger Leuten die Box zuzustellen und verstärkt „leichteres“ Personal wie Nickel oder Dime (also Pass-Defense Personal) aufzustellen ohne vom Gegner überlaufen zu werden.

Zwei Run-Stuffer in der Mitte als Versicherung dafür, hinten mit vielen Defensive Backs Speed aufzustellen? Klingt ziemlich plausibel – und damit bekommen solche Leute plötzlich wieder den Mehrwert zugeschrieben, den wir ihnen qua Einsatzgebiet schon wieder abgeschrieben hatten.

Ich hatte erst im Oktober über Quinnen Williams geschrieben, Defensive Interior bräuchten v.a. Pass-Rush Fähigkeit. Dieser Take steht zwar nach wie vor. Doch in Kombination mit vernünftigem Personal (Nickel/Dime Defense) haben diese „Clogger“ (also DT, die double teams aufnehmen können ohne sich verschieben zu lassen) plötzlich ihren Platz in der NFL!

Gerade in dieser Saison haben wir immer mal wieder die „Buffalo-Bills-vs-Patrick-Mahomes“-Defense gesehen – eine Abwehr, die auf Run-Defense schiss und alles nach hinten beorderte um bloß keine Big-Passing-Plays zuzulassen. Die Bills riefen damals im Oktober gespaltene Reaktionen nach sich – die einen lobten sie für die spannende Idee, die anderen kritisierten sie, weil es trotzdem nicht für den Sieg reichte.

Punkt ist: Die Defensive Tackles der Bills machten kein gutes Spiel gegen den Run, womit die Chiefs immer und immer wieder über die seichte Interior-Front drüberliefen. Trotzdem war das Spiel bis kurz vor Schluss ein One-Score-Game. Mit besserer Run-Defense der Tackles wäre die Taktik aufgegangen.


Hermsmeyer hat letzte Woche nachgewiesen, dass „Defensive Personnel“ wohl nicht allein als Konter zum Offense-Personal zu sehen ist – sondern dass Defensive Coordinators wohl „immanente“ Tendenzen zeigen.

Der Defensive Coordinator der Rams, Brandon Staley, stellt z.B. fast einen „halben“ Box-Defender pro Spielzug weniger auf als man als Reaktion auf die Offense erwarten würde. Dagegen sind die DefCoords von Buccs, Washington und Jacksonville welche, die lieber auf Nummer sicher gegen den Run gehen und häufer die Box zustellen als man gegen Receiver-lastiges Personal glauben würde.


Welchen Einfluss Box Count auf die Qualität der Passing-Offense hat, ist noch umstritten [1][2]. Es ist eindeutig, dass man viele Receiver besser mit vielen Defensive Backs verteidigt als mit vielen Linebackern. Aber Erfolg und Misserfolg von Passing-Offense scheinen auf jeden Fall deutlich „breiter“ gestreut zu sein als Defense-Personal – was auch logisch klingt:

Auf jeden Fall scheint es eine Ineffizienz zu geben, die noch nicht genug ausgeschlachtet ist: Leichteres Personal hinten kombiniert mit starken Run-Stuffern vorne in der Mitte um eine Offense zwar zum Laufen einzuladen – aber sie dann nicht weit kommen zu lassen. Starke Run-Defender auf Defensive Tackle haben damit direkten Einfluss auf das Laufspiel – und gleichzeitig indirekten auf das Passspiel.

6 Kommentare zu “Offensiv-Personal gegen Defensiv-Personal

  1. Super Artikel! Deine Schlussfolgerung scheint Sinn zu machen und ich glaube auch, dass die in Zukunft deutlich mehr angewandt wird, vor allem von fortschrittlichen Teams. Da gilt es eindeutig ein Auge drauf zu haben. Andererseits: Ist man mit zwei Run Stuffern auf ILB nicht besonders anfällig für Würfe in die Mitte des Feldes? Der Z Receiver wird sich doch darüber freuen, oder?

  2. Der Artikel ist v.a. den Defensive Interior Spielern (DT und 3-4 DE) gewidmet. Wer vorne im „1st level“ den Lauf im Griff hat, kann das Risiko im „second level“ besser abwägen.

    Bei Linebackern ist schon länger relativ klar, dass sie Pass-Deckung können müssen – oder wenn nicht, dann zumindest ausreichend Speed haben müssen um „sideline to sideline“ und blitzen zu können.

    Ich glaube eh, dass nach dem dritten bald auch der zweite Linebacker zu einer Art „Rollenspieler“ verkommen wird. Nickel ist schon länger die Standard-Defense der NFL geworden, aber auch Dime ist über die Jahre häufiger geworden.

  3. Kann mich nur anschließen, sehr interessanter Artikel.

    Im Zusammenhang mit deiner Vermutung, dass bald vielleicht nur noch ein nomineller Linebacker auf dem Feld steht: Könnte sowas nicht das Feld für LB/Safety-Schweizermessern wie Isiah Simmons ebnen? So ein Spielertypus als 6. Box-Defender aufstellen, gegen den Lauf nicht zu viel aufgeben und trotzdem flexibel in der Coverage bleiben. Oder denke ich hier zu durchsichtig?

  4. Das ganze beruht rein auf Boxcount, richtig?
    Dann wäre doch der nächste Schritt einmal abzugleichen, wie das mit player personnel aussieht – macht es einen Unterschied ob ich in einer 7Mann Box 3 Lb oder 3 Safetys habe.

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