Sideline Reporter – NFL Coach des Jahres 2020/21

Ich habe schon letzte Woche angekündigt, dass ich einen eindeutigen Favoriten in meinem NFL Coach-des-Jahres Ranking habe.

Zuerst zu denen, die ich nicht in meine Top-5 des Jahres aufgenommen habe. Da war einmal Kyle Shanahan von den 49ers. Shanahan ist unbestritten einer der Top-Playcaller in der NFL, aber er ist dieses Jahr kaum zu bewerten, weil die 49ers-Saison so schnell mit zahllosen Verletzungen den Bach runtergegangen ist. Selbst wenn ich ihm zugestehe, das Maximum aus dem Personal herausgeholt zu haben: Mit einer 6-10 Bilanz kann ich keinen COTY vergeben.

Sean McVay hat mit den Rams den Bounceback geschafft, und sein riskanter Move die DefCoord-Legende Wade Phillips in Rente zu schicken und durch den 37-jährigen Grünschnabel Brandon Staley zu ersetzen, ging voll auf. Einige Wochen lang sah es sogar so aus als würde auch McVays Offense wieder den Weg in die Erfolgsspur finden. Doch letztlich hakte es dann doch zu oft – die Rams sind im Big-Picture zu sowas wie den „NFC-Steelers“ geworden. Trotzdem hat haben die Rams mit 10-6 Bilanz meine Preseason-Erwartung um zwei Siege geschlagen.

Sean Payton. Ein Dauergast unter den Top-Coaches. Payton hat trotz Nudelarm und Verletzungsausfall bei Drew Brees wieder eine 12-4 Bilanz ercoacht. Die Siege mit Taysom Hill waren ein Plus – allerdings gegen ziemlich indisponierte Gegner. Wunderdinge hat man mit Hill nicht aufgestellt – dafür hat sich Paytons Geduld mit seiner Defense ausgezahlt, die erstmals dem enormen Hype gerecht wurde.

Ron Rivera. Ich weiß: Sentimentaler Favorit vieler, weil er mit Krebserkrankung und einem auf dem Knochenfleisch gehenden QB die Playoffs erreicht hat und den Mut hatte, einen indisponierten QB-Jungspund in Dwayne Haskins schnell abzusägen. Aber ein glückliches 7-9 Team in einer unterirdischen Division zu sein, das reicht mir dann nicht – Offense bleibt weiter ein gigantisches Fragezeichen, nicht nur wegen dem QB. Zum Beispiel verstehe ich auch nicht warum Washington, wenn es schon so viele Bälle auf Runningbacks wirft, dann McKissic und nicht dem deutlich agileren Antonio Gibson in Szene setzt.

Mike Tomlin und Pete Carroll. Zwei oft kritisierte Erfolgscoaches. Tomlin ist vielleicht der Coach, der den wenigsten „Credit“ für seine Arbeit bekommt, weil die Steelers seit 15 Jahren einfach immer irgendwo vorne mitspielen. Bei Carroll ist es noch extremer. Obwohl die Seahawks sogar Top-5 in neutral situation Early-Down-Passrate gegangen sind, nörgeln die Fans immer gleich weiter.

Carroll hat über die Saison viel probiert die verwaiste Defense in Gang zu kriegen – in den letzten Wochen war’s etwas besser, aber ich traue dem Braten nicht so recht, der Schedule war zu schwach. Dafür hat man plötzlich in der Offense Schwierigkeiten, denen man seit Wochen untätig zuschaut.

Mike Vrabel. OffCoord Arthur Smith macht einen coolen Job mit seiner Wide-Zone Play-Action Offense, allerdings ist das ganze Gebilde in Tennessee instabil, weil Vrabel die Defense nicht in den Griff bekommt und die Offense trotz Derrick Henry zu lauflastig (#1 in Run-Rat in neutral game early downs) ist. Da liegt noch einiges Potenzial brach.

Colts. Headcoach Frank Reich gehört für mich zu den strategisch guten Coaches. Er begeht kaum in-Game Fehler, hat die 4th Downs meistens im Griff. Aber dieses Jahr war Reich insgesamt weniger aggressiv als gewohnt. So fühlt sich die 11-5 Bilanz mit einem anspruchsvollen Kader seltsam hohl an. Ich fürchte ein schnelles Playoffaus.

Und damit zu den Big Five dieses Jahres.

#5 Andy Reid

Erwartete Siegbilanz: 12-4
Effektive Siegbilanz 14-2 (14-1 Start)

Die Chiefs waren in praktisch jedem mir bekannten Preseason-Ranking die #1, so auch in meinem. Die Chiefs haben fast im Vorbeigehen eine 14-2 Saison hingelegt und den #1 Seed in einer in der Spitze starken AFC schon eine Woche vor Saisonende fixiert.

Andy Reid hat QB Patrick Mahomes, er hat gigantische Offensiv-Waffen in WR Tyreek Hill oder TE Travis Kelce, und trotzdem fühlte sich die Offense als #3 nach EPA/Play wie eine kleine Enttäuschung an. Die 14-2 Bilanz der Chiefs stand mit sieben knappen Siegen zum Saisonausklang auch durchaus auf etwas wackeligen Beinen und die Chiefs waren nur 7-9 against the spread (ATS), haben also relativ zur Erwartung underperformt – und trotzdem war Kansas City praktisch die gesamte Saison über nie in Verlegenheit.

Zeitweise wirkte es als würde Reid seine Chiefs mit den Gegnern spielen – Robert Mays nannte es „sie langweilen sich so sehr, dass sie freaky neue Plays ausdenken“, wie zum die Pre-Snap QB-Motions oder die WR-Pässe auf Mahomes. Kurz: Man hatte nie den Eindruck, dass die Chiefs nicht doch noch bei Bedarf einen Gang hochschalten können.

Ist es zu nachsichtig dem Headcoach genau diese Laxheit nicht negativ auszulegen? Vielleicht. Doch andererseits ist eine 14-1 Bilanz in relevanten Spielen direkt nach einem Superbowl, wo immer Schlendrian droht, trotzdem eine mächtige Leistung – und die Chiefs haben schwierige Gegner en masse geschlagen, teilweise klar dominiert.

Reid spielte auch 2020 eine der passlastigsten Offenses in der NFL (#2 Passlastigkeit in neutral situation Early Downs):

Doch wenn ihm der Gegner den Lauf anbot, nahm ihn Reid ohne mit der Wimper zu zucken und fuhr drüber (Buffalo). Die Chiefs spielten Tampa Bay zwei Viertel lang an die Wand und gewannen bei den Saints und Ravens. Sie deuteten immer wieder an, warum sie auch als Titelverteidiger wieder als Topfavorit gehandelt werden – wirklich niemand wäre überrascht, wenn die Chiefs in den Playoffs den einen ganz hochschalten und die ganzen unter Verschluss gehaltenen Plays auspacken und eine dominante Titelverteidigung hinlegen.

#4 Matt LaFleur

Erwartete Siegbilanz: 9-7
Effektive Siegbilanz 13-3

Matt LaFleur hatte auf diesem Blog lange Zeit keinen guten Stand. Er war für mich immer der nette Coach von nebenan, dessen Ruf davon lebte einst unter Shanahan und MyVay assistiert zu haben. Seine Offenses vor der Saison 2020 waren grausam (Titans 2018) und grau (Packers 2019) gewesen. Nach dem NFL Draft deutete alles darauf hin, dass LaFleur die Offense in eine falsche Richtung entwickeln würde – aber nichts davon passierte.

Vielmehr hat LaFleur Green Bays Offense zur laufenden Saison extrem modernisiert. QB Aaron Rodgers hat auf seine alten Tage seine ewige Scheu vor dem Rücken zur Defense abgelegt und sich in eine echte Wide-Zone/Play-Action Offense einbauen lassen. Natürlich profitiert LaFleur von Rodgers‘ Präsenz – doch am exakt gleichen Rodgers waren Coaches und Experten zuletzt jahrelang verzweifelt, weil sie den Zauber der Vergangenheit nicht mehr wiederaufleben lassen konnten.

LaFleur kitzelte es 2020 heraus. Rodgers selbst spielte natürlich fantastisch, aber die ganze Offense war häufig eine Augenweide: Top-5 Motion-Rate, 30% Play-Action, Rodgers machte dabei 8.5 Yards/Attempt, 21 TD und null INTs. Davante Adams spielte die beste Saison seines Lebens, TE Robert Tonyan hatte einen Breakout, und das Fehlen einer vernünftigen WR2 und WR3 Option – all das, was alle immer gefordert hatten – fiel kaum ins Gewicht.

LaFleur war auch im Game-Management stark: Mit der achthöchsten Pass-Rate widerstand er der Verlockung dieses „Coaching-Trees“ zu sehr in Laufspiel zu verfallen (Rodgers auf QB hat sicher geholfen) und mit einer unfassbaren 4th-Down-Aggressivität von fast 80% gegen den NYT-Calculator stellte er John Harbaughs vielbeachtete 2019-Saison fast unbemerkt in den Schatten:

Die Packers gingen wie letztes Jahr 13-3, aber diesmal war es ein richtiges 13-3“. Die Mannschaft war es diesmal wert – und sie hat mit 10-6 gegen den Vegas-Spread auch laufend die Erwartungen übertroffen.

Vor allem aber: LaFleur hat meine innersten Ängste widerlegt und völlig überraschend das absolut Richtige gemacht. Ich habe keine Probleme anzuerkennen, wenn ich daneben lag. Bei LaFleur 2020 lag ich total daneben. Er hat eine unglaubliche Saison gecoacht – und es wäre ihm zu vergönnen, wenn es mit der Lombardi-Trophy endet.

#3 Kevin Stefanski

Erwartete Siegbilanz: 9-7
Effektive Siegbilanz 11-5

Die Cleveland Browns waren in zahlreichen Preseason-Power Rankings außerhalb der Top-20: Beim Ringer, bei Spox, bei PFF. Ich hatte entgegen all dieser Befürchtungen die Browns als meine #8, weil Stefanski für mich im letzten Trainerkarussell für mich das war was heuer Joe Brady ist: Der „can’t miss Coach“.

Stefanskis Browns haben schnell geliefert. Sie haben gleich im ersten Versuch die erste Playoffqualifikation der Browns seit 18 Jahren geschafft – und das mit 11-5 Bilanz auch nicht „nur so knapp“. Sie haben es trotz einer personell wackeligen Defense geschafft, trotz mehrerer Spiele Ausfall des als so wichtig erachteten RB Nick Chubb, trotz all dem Spott über den ach so stagnierenden QB Baker Mayfield.

Kurzum: Für viele ist Stefanski der Coach des Jahres. Warum bei mir nur die #3?

Nun: Der „Coach des Jahres“ ist eigentlich ein „unfairer“ Preis. Wie der Runningback in einer Offense kaum zu bewerten ist, weil er so krass von externen Faktoren wie Blocking, Usage und Box-Count abhängt, so sind wir auch beim Coach immer gefangen zwischen extrem viel „Noise“:

  • Die ganze Trainingsarbeit bleibt uns völlig verborgen. Wir können nur das bewerten, was wir draußen am Feld sehen – und dabei gilt aber der Grundsatz: Spielertalent ist wichtiger als Coaching. Shanahan und Belichick sind zwei der drei momentan besten Coaches. Sie haben dieses Jahr nix gerissen, weil sie keine Spieler hatten.
  • Coacht ein Trainer „Analytics-affin“ weil er dran glaubt oder weil solche Prinzipien zufällig mit seiner Weltsicht übereinstimmen (Andy Reid wirkt mir immer wieder wie so ein Beispiel)?
  • Ist derjenige ein besserer Coach, der ein dominantes Team aufbaut oder der, dessen Team die Erwartung – Preseason, Spread oder auch Pythagoreische Erwartung – am deutlichsten schlägt?

Fast immer gewinnt der Coach den COTY, der die Preseason-Erwartung am deutlichsten schlägt – wie anders ist es zu erklären, dass Bill Belichick nur 3x in seiner Karriere diesen Award gewonnen hat?

Die Erwartungen bei den Browns waren relativ niedrig – bei den meisten, aber nicht bei mir. Ich habe die Browns als ein Topteam erwartet. Ich hatte eine 9-7 Bilanz prognostiziert und geglaubt, dass Stefanski Baker Mayfields Karriere rettet.

Stefanski hat sogar diese hohe Erwartung geschlagen – aber gegen einen relativ einfachen Schedule. Die Browns hatten Anflüge von echter Dominanz, aber dann auch wieder viel Leerlauf. Mayfield hat den Schritt nur bedingt gemacht, aber Stefanski hat viele Probleme kaschiert.

Ich sehe Stefanski insgesamt sehr positiv: Die Entwicklung der Browns war eindeutig zu sehen. Stefanskis ist mit 50% Early-Down Pass-Quote zwar vergleichsweise lauflastig, aber nicht so extrem wie früher in Minnesota. Seine Offense baut wenig auf Motion, dafür stark auf Play-Action (#11 der NFL). Er ist der drittaggressivste Coach in 4th Downs, begeht wenige strategische In-Game-Fehler und ist seinem Ruf als Analytics-getriebener Coach in seinem Debütjahr gerecht geworden.

Er hat ein Pulverfass von Franchise gebogen und schon jetzt die drittmeisten Siege aller Browns-Coaches seit Neugründung der Franchise 1999 geholt (!!). Die Browns sind wieder wer – und der Aufstieg war kein Zufall. Stefanski konnte nicht wie Reid oder LaFleur auf einen Superstar-QB zählen. Er musste um einen wechselhaften QB herumdoktern, die schwere Verletzung seines besten Receivers verkraften, mehrere Spiele in strömendem Regen oder gegen die Jets ohne Receiver coachen.

All die Widrigkeiten sind überstanden. Cleveland ist die #6 der AFC. Das ist nicht ganz so gut wie erhofft – man verlor gegen die Jets und wurstelte sich gegen Mason-Rudolph-Steelers gerade so durch – aber trotzdem ist das Endergebnis kein Zufall. Wenn das über allem stehende und bereits erreichte Ziel „Playoffs“ jetzt nicht alle Emotionalität aus der Mannschaft gesaugt hat, dann kann Stefanski seinen starken Einstand jetzt mit einem Wildcard-Sieg über die verhassten Steelers krönen.

#2 Brian Flores

Erwartete Siegbilanz: 6-10
Effektive Siegbilanz 10-6

Die Miami Dolphins waren Anfang 2019 ein Totalschaden. Sie verloren nach dem Verkauf zahlreicher Starter zum Beginn des „process“ Spiele in bis dahin in der NFL ungekannter Deutlichkeit – doch Brian Flores riss schnell das Ruder herum und beendete sein Rookiejahr als Chefcoach mit 5-11 Bilanz weit besser als alle befürchtet hatten.

2020 war die Erwartung trotzdem niedrig. Zu extrem hatten die Fins ihr Leistungsvermögen 2019 outperformt, zu wenig gab der Kader für 2020 her. Ich habe die gängigen Preseason-Power-Rankings 2020 (Ringer, Spox, PFF, Athletic) studiert – und nicht eines von ihnen hatte die Dolphins außerhalb des unteren Ligaviertels gesehen. Auch ich nicht. #27 war das höchste der Gefühle.

Jetzt stehen die Dolphins mit 10-6 Bilanz da und sind nur knapp am letzten Spieltag an den Playoffs gescheitert. Das ist als uneingeschränkter Erfolg zu werden – aber Flores hat in dieser Saison noch mehr geschafft:

  • Er hat seine Preseason-Erwartung um gut 4 Spiele geschlagen
  • Er war 11-5 gegen den Vegas-Spread.
  • Er hat in kürzester Zeit eine starke Defense gebaut, obwohl das individuelle Talent als noch nicht unbedingt „bereit“ dafür galt.
  • Er hat einen insgesamt enttäuschenden QB-Rookie durchgeschliffen, ihm zahlreiche Informationen für die Zukunft entlockt und sogar den Drahtseilakt mit QB-wechsel-dich-Spielchen ohne Störgeräusche geschafft und trotzdem 10 Siege geholt.

Miami hatte lange Zeit eine der passlastigsten Offenses, ehe man mit Tua auf QB letztlich doch klein beigeben musste. Wer Tuas Einsatz letztlich diktierte, ist offen. Aber dass Miamis Coaches nicht um dieses Problem herum gedoktert hätten, kann man nicht sagen: So war die Offense deutlich Play-Action lastiger mit Tua (26% zu 18% mit Fitzpatrick), hatte viel mehr Motion (#30 mit Fitzpatrick, Top-10 mit Tua) und mehr RPO. Man hätte dem QB die Instrumente gegeben.

In Flores‘ Kerngebiet, der Defense, hat der Prozess auch entsprechende Resultate geliefert: Immer exzellent vorbereitet und letztlich schlicht verblüffend gut und konzeptionell genau richtig gebaut: Nach EPA/Play #7 overall, #4 Pass, #23 Lauf – und das, obwohl die „Summe der Teile“ z.B. nach PFF-Grading nur eine mittelmäßige Unit hergab. Turnovers halfen und werden mittelfristig zu etwas Regression führen, aber beim COTY geht es auch darum was passiert ist, und Miami erzwang auch eines der schwächsten Spiele von Superstar Patrick Mahomes.

Der schnelle Dolphins-Erfolg ist v.a. Flores‘ Erfolg. Wie bei Stefanski kann man nicht behaupten, dass dem Coach der Record qua Franchise-QB quasi „geschenkt“ wurde. Sie mussten beide dafür arbeiten, Ineffizienzen ausgraben. Flores hat noch einige Schwächen – in 4th Downs z.B. ist er irritierend konservativ.

Miami ist auch für 2020 ein Regressionskandidat, weil so vieles eben an der Defense hing. Doch für den Defense-Coach Flores ist das jetzt erstmal eher Plus als Minus. Es bleibt zu hoffen, dass die sportliche Leitung die richtigen Antworten in der QB-Frage gibt und die kommende, extrem wichtige Offseason für Miami nicht verschenkt. Das mittelfristige Ziel lautet „Superbowl“, nicht „Preseason-Erwartung schlagen“. Die Werkzeuge auf der Trainerposition hat man schonmal. Das ist viel wert.

#1 Sean McDermott

Erwartete Siegbilanz: 8-8
Effektive Siegbilanz 13-3

Ich weiß, Sean McDermott mag als überraschende Wahl als Coach des Jahres erscheinen, weil der Bills-Erfolg 2020 so stark an der phänomenalen Entwicklung von QB Josh Allen hing. Die Infrastruktur dahin kam nicht von McDermott allein. Trotzdem ist er mein deutlicher Sieger.

McDermott callt nicht die Plays in Buffalo, aber die Bills-Defense ist seit Jahren eine der besten in der NFL – und auch wenn sie 2020 als #13 nach EPA/Play einen leichten Rückschritt machte: Das ist nicht ungewöhnlich. Defenses sind tendenziell instabil – doch die Bills-Unit gehört zu den stabilsten. Doch der Fokus in dieser Defense liegt richtig – sie ist von hinten (Coverage) nach vorne gebaut, ohne individuelle Superstars, aber trotzdem effizient und komplimentiert von einem tiefen, wuchtigen Pass-Rush.

Die Bills stellten nach EPA/Play die #10 Pass-Defense und die #22 gegen den Lauf. Gemessen nur an der zweiten Saisonhälfte war es sogar die #6 Defense overall und gegen den Pass.

Und sie ist flexibel! Diese Defense kann Gegner auf verschiedenen Wegen begegnen – mit vielen DBs, aber auch mit innovativer Denke. So zum Beispiel passiert gegen die Chiefs, als man einen Gegner mit einem Quarterback Mahomes zum feuchtfröhlichen Laufen einlud und bis wenige Minuten vor Schluss an ihm dran war. Das Spiel endete in einer Niederlage – einer von nur dreien in der ganzen Saison. Die anderen beiden: Ein 16-42 in Tennessee nach dem Corona-Debakel der Titans, und die „Hail Murray“ in Arizona.

An McDermott könnte man vor allem deshalb zweifeln, weil er für den wahren Winner der Saison – die Offense – nicht direkt verantwortlich ist. Und doch muss der Rahmen stimmen um so eine verblüffend gute Entwicklung wie bei Josh Allen zu ermöglichen.

Allen sollte uns allen nach der neue Bortles oder Trubisky werden – der „toolsy“ QB, der faszinierende Team-Building- und Coaching-Arbeit versanden lässt. Doch McDermotts Trainerstab machte schon vor 2020 alles richtig um Allens Schwächen zu kaschieren und seine Stärken in Szene zu setzen – und 2020 zündete das „next level“: Allen wurde zu einem MVP-Kandidaten.

Coaching von individuelle Entwicklung zu entkoppeln ist fast unmöglich, aber wir wissen, dass die strategische Herangehensweise in Buffalo die richtige war und ist.

Die Bills machen fast alles richtig: Top-3 in Early-Down-Pass-Rate, und wenn es die Gelegenheit hergibt, 95% Passquote gegen falsch vorbereitete Seahawks und kein Abrücken von diesem Plan „der Balance wegen“. #4 in Play-Action Rate (trotz unterdurchschnittlichem Laufspiel). Top-10 in Motion, extrem viel Fokus auf die Mitteldistanz wo Allen gut ist, und fast keine Pässe in tiefe Spielfeldmitte, wo er schlecht ist. Die Bills sind in nur einer Spielsituation deutlich lauflastiger als die NFL-Konkurrenz – in 3rd&short, wo die Liga eh zu passlastig ist:

Gehört ein Teil des Coaching-Erfolgs dem OffCoord Brian Daboll? Keine Frage. Doch McDermott ist der Headcoach, und wieviele defensive Headcoaches torpedieren ihre Offense mit steinzeitlicher Weltanschauung?

McDermott tut das als Letztverantwortlicher für diesen Trainerstab nicht. Er ist der Stratege hinter dem operativen Geschäft einer extrem viele Ineffizienzen ausschlachtenden Trainermaschinerie. Die Bills sind ein exzellentes Beispiel für gelungene Zusammenarbeit von GM, Defensive Headcoach und Offensive Coordinator. Sie haben einen Startvorteil in dem Moment wenn sie den Fuß aufs Feld setzen, weil McDermott und Co. strategisch fast alles richtig machen.

Die Erwartung war, dass eine gut gecoachte Mannschaft von einem stagnierenden QB versenkt wird. Doch Allens persönlicher Sprung kombiniert mit der fantastischen Coaching-Arbeit hat zu einer völlig verdienten 13-3 Bilanz geführt, fünf Siege besser als meine Preseason-Erwartung – eine deutlichere Diskrepanz als bei jedem anderen Team. Die Bills waren 11-5 gegen den Vegas-Spread, so gut wie sonst nur die Dolphins.

Doch ein Delta „Preseason zu Post Season“ lässt sich nicht immer in absoluten Zahlen ausdrücken. Es ist schwieriger ein gutes Team zu einem Elite-Team zu machen als ein schlechtes zu einem durchschnittlichen. Die Bills sind heute neben den Packers das Team, dem man am ehesten zutraut die mächtigen Chiefs zu schlagen. Diese überragende Entwicklung lässt sich nicht kleinreden, und daher ist McDermott mit seinem Trainerstab mein Coach des Jahres.

15 Kommentare zu “Sideline Reporter – NFL Coach des Jahres 2020/21

  1. Superb herausgearbeitet und treffend analysiert. Ein HC muss in der Lage sein, zu delegieren, er ist abhängig von seinem Coaching-Staff (BTW: stellt er den nicht selbst zusammen?) und er muss eine Strategie (langfristigen Plan) besitzen und den umsetzen (zusammen mit dem GM). Das ist in Buffalo augenscheinlich der Fall, in Miami und CLE vermutlich auch. Bei Green Bay setze ich diesbezüglich ein kleines Fragezeichen, wegen dem letzten Draft (wenn der Plan war so zu agieren wie man es jetzt tut, warum ein fragwürdiges QB-Talent und einen RB draften in einer vollen WR-Klasse?). Und ja, jahrelang erfolgreiche Coaches wie Tomlin und Carroll bekommen nur dann Aufmerksamkeit wenn es nicht läuft.

  2. RE: stellt er den nicht selbst zusammen?

    Ist überall unterschiedlich. Nicht jeder HC hat das letzte Wort über seinen Trainerstab.

    Ich denke Buffalo ist ein Paradebeispiel wie eine kohärente Vision perfekt umgesetzt werden kann, wenn GM, HC und Coordinators auf einer Linie zusammenarbeiten und man die Zeit bekommt ein junges QB-Talent zu entwickeln.

    Josh Allen war ein Risiko, das ich nicht angefasst hätte und das zwei Jahre lang nicht gut aussah – aber sie haben alles getan, damit er sich entwickeln kann, und sind dann belohnt worden. Es war Glück, aber sie haben das Glück auch erzwungen.

  3. Ich hab jetzt keine besonderen Takes zum Artikelinhalt, wollte aber meine Anerkennung ausdrücken wie gut er geschrieben und argumentiert ist. So etwas gibt es auch bei Spox nicht zu lesen.

    Dieser Blog ist einfach so gnadenlos auch in der Selbstreflektion, wenn mal ein Take daneben ist, dann wird er auseinander genommen wie bei den Packers oder Josh Allen, wo die anderen Ex Kritiker jetzt alle plötzlich sehr leise geworden sind.

    Danke dafür, und immer weiter so!

  4. Sehr geil der Absatz zu Carroll, danke dafür 😀
    Mir geht das ganze Carroll Gebashe mächtig auf den Geist, diese Newbies haben einfach keine Ahnung was wichtig und was sehr wichtig ist. Besser ein Coach der inhaltlich weiß was er tut als einen mit Mathe Diplom.

    PS Ich bin erst kürzlich auf diesen Blog gestoßen, sehr lesenswert. Danke!

  5. Gibt es für Stefanski eigentlich jetzt noch nachträglich Abzüge, jetzt wo seine COVID Probleme die Wildcardrunde der Brownies gefährden?

  6. Als Steelersfan finde ich, dass man Tomlin durchaus kritisch sehen darf.

    Natürlich ist er kein schlechter Coach, seine Regular Season-Bilanzen sprechen für sich.
    Aber gerade aus diesen hat er unterm Strich zu wenig gemacht. Auch wenn er zumeist gute bis sehr gute Roster hatte, würde ich nie sagen, man muss ständig in den Super Bowl kommen. Aber das Ausscheiden gegen die Tebow-Broncos und die Bortles-Jags war schon arg unterwältigend. Zumal sich solche Stinker auch immer durch die Regular Seasons ziehen, wo man dann in seiner Ära auch häufig bessere Ausgangspositionen (Post-Season-Bye, Heimvorteil) verzockt hat.

    Gemessen an dem zur Verfügung stehenden Talent hat er mMn zu wenig in der Post Season erreicht, insbesondere mit BigBen/Bell/Brown. Da war dann zwar häufig immer mindestens einer verletzt, aber da sind wir wieder einen Absatz vorher: viel zu oft mit ein, zwei, drei absoluten Upsets die Bye verblödelt.
    Auch, dass er von Belichick regelmäßig teilweise regelrecht vorgeführt wurde, spricht in meinen Augen nicht dafür, dass er ein absoluter Top-Coach ist.

    Wie gesagt, sicher kein Schlechter, aber ich denke in seiner Ära wäre für die Steelers gemessen am vorhanden Talent im Roster eigentlich ein bisschen mehr drinnen gewesen.

  7. So wie Adrian Franke auf Twitter mit Enthusiasmus und Herzblut Arizona virtuell coacht, gehört er fast auch auf diese Liste… 😉

  8. @Santiago: Freak-Losses in Playoffspielen passieren, und gerade nach dem Jaguars-Spiel wären die Patriots auch um ein Haar rausgeflogen, wenn nicht die Jags-Coaches im letzten Viertel der Mut verlassen hätte.

    Steelers in der Ben/Bell/Brown Ära hatten keine Ressourcen in der Defense und wie gut Tomlin eigentlich mit der hohlen Hupe AB84 umgegangen ist, hat sich danach in Oakland und New England gezeigt. Bell war auch nie die Wunderwaffe, zu der er gemacht wurde – auf anderen Stationen sah Bell horrend aus.

    Es ist auch schonmal viel wert, dass Pittsburgh in all den Jahren nie wirklich schlecht war. Mit etwas Glück hätten es zwei Superbowl-Triumphe sein können, als Roethlisberger noch kein richtiger Superstar-QB war.

  9. Klar können Freak Losses passieren. Aber wenn man mal zum Vergleich die Bilanz des in gleichem Atemzuge genannten Carroll anschaut, wird es schon deutlich (10 Jahre, das laufende 2020 mal rausgerechnet): Steelers 6x Playoffs, 3x direkt raus (davon zwei Freak Losses) vs. Seahawks 8x Playoffs, davon nur ein einziges Mal direkt raus.

    Über die Ressourcen in der Defense ließe sich übrigens trefflich streiten: von den 13 1st Round Picks in der Tomlin-Ära entfielen 10 auf die Defense. Wenn da lange Zeit nix Gescheites bei rum kam, muss sich das auch der HC ankreiden lassen.
    Es geht auch nicht um die individuellen Qualitäten eines Bell, sondern um die Kombi BigBen/Bell/Brown. Ich glaube nicht, dass es zwei, drei Jahre lang viele Offenses mit auf dem Papier deutlich mehr Potential gab. Denn die O-Line war bis kurzem ja ebenfalls top, dazu immer wieder ein gutes Händchen beim draften von WR2s in späteren Runden.

    Sorry, ich bleibe dabei, gemessen an den Rostern ist unterm Strich zu wenig in der Post Season bei rum gekommen. 🙂

  10. Wie gesagt: Nicht eine einzige Losing-Season über 14 Jahre, nur zweimal nicht #1 oder #2 in einer Division, in der Ravens und viele Jahre lang auch Bengals stark mitspielten.

    Playoffs sind ziemliches Glücksspiel. Ein paar Plays hin oder her können ganze Geschichten umschreiben. Gegen Tebow war ein Freak-Loss, Jacksonville hatte wie gesagt ein sehr gutes Team und Baltimore 2014 hatte auch ein Top-5 Team gegen das man verlieren konnte (Superbowl-Champ Pats hat eine Woche später alle Register ziehen müssen um zweimal einen 14 Punkte Rückstand wettzumachen).

    Steelers waren in der Tomlin-Ära inklusive Playoffs das viertbeste Team nach EPA/Play, das ist bemerkenswert egal wie gut oder schlecht die Konkurrenz war. #8 Offense, #2 Defense.

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