2020/21 Wild Card Playoffs

Frohes Neues Wild Card Weekend! 

Die Wild Card Playoffs wurden ausgeweitet. Statt acht Teams spielen nun deren zwölf am ersten Playoff-Wochenende. Wer braucht das? Wer soll denn in nur zwei Tagen zwanzig Stunden Football gucken? Wie oft werde ich versuchen, einen Ford F150 über’s Internet zu bestellen? Oder wenigstens sowas Überbackenes bei Applebee’s…

Naja, man will das neue Jahr nicht gleich beginnen wie meckernder Rentner auf Balkon. 

Also embrace the change!

Erste Neuerung: Der Starttermin. In den letzten Jahren begannen die Playoffs immer um 22.40Uhr am Samstag. Nun müssen alle Kinder fast vier Stunden früher mit Toben aufhören und sich artig auf die Couch setzen: 19.05Uhr geht’s los, Indy @ Buffalo. 

Neues

Es könnten je Conference bis zu drei Nicht-Divisionsgewinner in die Divisional Playoffs kommen. Kurz gelunscht, und es wären dieses Jahr in der NFC: Bears, Rams, Buccaneers. Die Bears machen es schwierig, aber die Headline wäre grandios: „Mitchell Trubisky becomes first QB to lead a 7-seed to a playoff victory! Pay this man!“. 

In der AFC wären es Ravens, Browns, Colts. Nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen. Es könnte dann in Folge des neuen Formats theoretisch sogar zu einem Championship Game im Heimstadion der No.6 kommen. Das wäre in diesem Jahr, äh, ja: die Indianapolis Colts besuchen den Dawg Pound zu Cleveland! Lol. Das wäre ja was. 

Und es könnte auch das erste Jahr sein, in dem ein 2-seed nicht in den Divisional Playoffs spielt. Das ist eigentlich der größte Verlust in diesem neuen Format: eine Spitzenmannschaft pro Conference mit einer Woche Pause.

Und ein ganz praktischer Nachteil der Veränderung ist natürlich die Verlängerung hinten raus. Statt das klassische Late Window ab 22.30Uhr für den Abschluß zu nutzen wie in der vergangenen Jahren, muß dieses Jahr noch ein Spiel hinten rangehängt werden. Also in dem Sunday Night Football-Slot 02.15Uhr. Doof für Europäer, deren Arbeitswoche Montag morgens beginnt.

Das Debüt in diesem neuen Slot geben die Browns und die Steelers. Es ist glücklicherweise auch die am wenigsten aufregende Ansetzung. Bei allen anderen Ansetzungen freut man sich auf viel Aufregendes: Kann Josh Allen weiterhin so spielen wie Flacco 2012? Sind die Rams das Dark Horse mit ihrer ungewöhnlichen Defense? Kann Washingtons D-Line Tompa Bays schlimmste Erinnerungen wecken? Wer hält bei Tennessee – Baltimore länger der gegnerischen Auf’s-Maul-Offense stand? Muß in New Orleans wieder Taysom Hill die Kohlen aus dem Feuer holen?

Bei Steelers – Browns? Puh…Vielleicht: Kann Roethlisberger nochmal einen Ball über 20 Yards werfen? Macht Baker mehr als 20 Rollouts in diesem Spiel? Sollte Nick Chubb mehr verdienen als Zeke Elliott? Sorry. Jedenfalls spielerisch freut man sich hier nicht auf viel.

Dieses Spiel muß von der Geschichte drumherum leben: können die Browns, die so schwer gebeutelten Browns, nicht wenigstens einmal eine positive —–arghhhh, da geht’s schon los. Nicht mal positive Meldungen sind bei den Browns etwas Gutes.

Können sie gewinnen? Können sie endlich mal wieder ein Playoffspiel gewinnen? Der erste Playoff-Sieg seit der 94er Saison. Damals besiegte die Mannschaft von Head Coach Bill Belichick die New England Patriots. Ja, wirklich so herum. Der Abschluß die Wild Card Weekends lebt also von der fast schon mythischen Stimmung um die ewig unglücklichen Browns. Aber das hat ja auch was.

Die Eröffnung 

Für gewöhnlich hat man die Langweiler in die Eröffnung gesteckt. Ein Abo hatten die Houston Texans. In sechs der letzten zehn Jahren haben die Texaner die Playoffs eröffnet. Darunter unvergessene Klassiker wie das Duell Connor Cook gegen Brock Osweiler (2016) oder die Legende von T.J. Yates, der 2011 als Rookie für den verletzten Matt Schaub einspringen mußte und die Bengals um QB Andy Dalton 31-10 besiegte. Erinnert wird dieses Spiel aber vor allem als die große Coming Out Party von J.J. Watt, der den Rookie Dalton malträtierte ohne Ende und dann mit einem Pick-Six das erste Signature Play seiner Karriere hatte.

Überhaupt Mannschaften mit Back-up QB: die konnte immer sicher sein, das Eröffnungsspiel zu bekommen. Brian Hoyers Vier-Interception-Fiasko gegen die Chiefs (2015) gehört ebenso dazu wie ein von Bruce Arians vercoachtes Spiel mit nur acht First Downs mit Ryan Lindley gegen die 7-8-1 Carolina Panthers (2014); ganz bitter nach einer Saison, die 9-1 begann bevor sich Carson Palmer verletzte. 

In Woche 1 wurde Hoyer wohl zu schnell runtergenommen, aber ich sehe nicht, wie O’Brien hier rechtfertigen kann, ihn im Spiel zu lassen. Das Publikum war am Anfang extrem euphorisch. Es ist mittlerweile zu 100% contra Texans.

Kansas City machte aus diesen vier Turnovers… 6 Punkte. WTF? Ohne den Kickreturn-TD wäre das weiterhin ein One-Score Spiel. Das ist auch von den Chiefs mehr als mau. Die beiden Fieldgoals waren auch keine kurzen Dinger, sondern aus 49yds, beide nach 4th/1 Entscheidungen, die nicht ausgespielt wurden.

Hoyer-Texans-Fiasko: korsakoff im Liveblog zur Halbzeit

Korsakoff damals zu dem Lindley-Spiel:

Zu den Cardinals: Historisch schlechte Performance von Quarterback und Special-Teams. 77yds Total-Offense sind der schlechteste Playoff-Wert ever, und das in einer Ära, die von Yards und Punkten noch so strotzt. QB Lindley tut mir aber angesichts der Hoffnungslosigkeit fast leid. Dass Arians es nicht einmal im Schlussviertel – als theoretisch noch Hoffnung bestanden hätte – mit dem Rookie QB Thomas versuchte, sagt vermutlich mehr über Thomas aus als über Lindley.

(Der angesprochene Thomas, Logan Thomas, spielt übrigens am Sonntag morgen in Washington. Er ist mittlerweile Tight End. Aber mit Totalsausfall Alex Smith und Wackelkandidat Heinicke, hmm…..)

Upsets

Nur zwei richtige Kracher waren unter den Playoff-Eröffnungen der letzten zehn Jahre– und bei beiden deutete vorher nichts darauf hin.

2010 mußte der amtierende Super Bowl Champions New Orleans Saints völlig unter seiner Würde als 11-5-Team zu einer 7-9-Lachnummer an die Westküste fliegen. Diese 7-9-Seahawks haben unter ihrem neuen Coach Pete Carroll die NFC West nur gewonnen, weil die anderen drei Mannschaften im Nirvana sind. Die 49ers gurken mit HC Mike Singletary und QB Alex Smith (ja, der mit dem Bein) zu einem 5-11 Record und zu einem neuen HC-QB-Duo in Harbaugh/Kaepernick.  In Arizona teilen sich nach dem Rücktritt von Kurt Warner drei Blinde die QB-Position: Derek Anderson, Max Hall und John Skelton komplettieren über die Saison ganze 51 % ihrer Pässe, werfen 10 Touchdowns und 19 Interceptions. Tja und die Rams waren natürlich 7-9! Auch wenn das noch vor Jeff Fisher war. Die Mannschaft von Steve Spagnuolo und Rookie Sam Bradford verlor in Woche 17 das direkte Duell mit Seattle um den Playoff-Einzug in einem erbärmlichen Spiel 6-16.

So. Jedenfalls nahm ob dieser peinlichen Konkurrenz niemand das Team aus Seattle ernst. Die Offense war grottig im Jahr 1 vor DangeRuss; und in der Defense spielten Opas wie Lawyer Milloy (Stammspieler mit 37 Jahren!) und Hawks-Legende Lofa Tatupu neben blutjungen Rookies mit damals noch unbekannten Namen: Earl Thomas und Kam Chancellor

Überraschenderweise können die Saints mit schlimmer Passverteidigung die Hawks und Matthew Hasselbeck nie stoppen. Und als sie dann schließlich auf 30-34 verkürzt haben, bricht dreieinhalb Minuten vor Schluß der Vulkan Marshawn Lynch aus und bricht per Beastquake den Saints das Genick. 

Defensive Coordinator damals in NO? 

[01h29] DefCoordinator Gregg Williams schätzt anscheinend das Cajun-Futter. Knapp 20 Kilo mehr auf den Rippen als zu seinen Washingtoner Zeiten. 

Der damals noch livebloggende Kai Pahl.

Der zweite Kracher war 2013 das 28-Punkte-Comeback der Colts mit ihrem jungen QB Andrew Luck gegen die Chiefs unter ihrem neuen Head Coach Andy Reid und mit QB Alex Smith (ja, der mit dem Bein). Es war natürlich eine überragende Leistung von Luck, aber auch eines der Spiele, die Reid seinen Ruf als Playoff-Trottel eingebracht hatten. 

Schließlich Andy Reid. Wie oft schreibe ich darüber, dass man von der 1yds-Line FieldGoals vermeiden sollte und ausspielen muss. Das ist einer der Hidden-Factors in diesem Spiel. Das Auszeiten-Management im vierten Viertel war auch unter aller Sau. Vercoacht, Coach. 

korsakoff im Liveblog

Der Playoff-Opener war bisher meistens also Langeweile; viele Back-up Quarterbacks und nur sehr selten richtige Kracher. Potentiell ändert sich das jetzt. Denn nicht nur kommt eine schlechtere Mannschaft neu hinzu (der 7-seed), sondern eben auch eine bessere: der 2-seed hatte bisher diese Woche frei. 

Prädestiniert für diesen Slot wäre heuer natürlich Tampa Bay gegen Washington gewesen. Das Football Team hat mit Alex Smith, ja schon wieder er, einen fürchterlichen Quarterback, der sich nicht bewegen kann – aber dafür die schönste Story dieses Jahr hatte. Und mit Taylor Heinicke hat Washington einen QB, der wie gemacht ist für die Wild-Card-Opener-Ahnengalerie. Yates, Cook, Hoyer, Lindley, Osweiler, Heinicke. Aber Herr Brady hat da wohl Einspruch eingelegt und beharrt auf einem besseren Sendeplatz.

Morgen beginnen die neu formatierten Wild Card Playoffs mit der spielerischen Überraschung der Saison: Josh Allen. Allen und die Bills haben auch letztes Jahr die Wild Cards eröffnet: mit einem irren Yolo-Solo. Hier zum Abschluß nochmal die Highlights dieses wilden Ritts des jungen Cowboys aus Wyoming und später die Previews.

[Aus dem Notizblock des letztjährigen Yolo-Bowls]:

Josh “YOLO” Allen. Was ist denn bei ihm kaputt?! Der reine Wahnsinn, was die Loose Cannon aus Buffalo zum Playoff-Auftakt abgeliefert hat. Jeder hatte den traditionellen Playoff-Auftakt in Houston vorher als Langweiler abgeschrieben, bis Allen so steil aus der Kurve geschossen kam, daß es zu spät zum Anschnallen war.

Die wilde Fahrt ging los mit einem wundervollen designten Drive, den Allen erst als Bulldozer vorantrug, bevor er spektakulär einen Touchdown fängt. Insgesamt rumpelte er sich für 92 Yards durch die Gegend und hatte das Glück der Kinder und Betrunkenen, daß ihm ein Fumble und zwei Interceptions um Millimeter erspart blieben.

Aufgeputscht durch dieses Glück spielte er dann erst so richtig vogelwild, daß es zu viele Plays waren, als daß man sie hier aufzählen könnte. Hier nur die Top-3:

3. Allen versucht bei einem Lauf, über einen Verteidiger zu springen – als 110kg schwerer Quarterback. Man findet dafür auf die Schnelle leider keine Videos, weil es in den Replays nur um den Blindside Block ging. Dafür hier eine frühere Version:

2. Allen mit der Mutter aller Laterals:

1. Allen wirft in der Verlängerung einen 50-Yard-Paß auf einen Fullback in Doppeldeckung. Mehr YOLO geht nicht:

Die wildesten Plays von Allen hier im Bewegtbild [LINK].  (Hurdle-Play da übrigens als Header Image.)

8 Kommentare zu “2020/21 Wild Card Playoffs

  1. Weil er im Text erwähnt wird, was ist eigentlich aus Earl Thomas geworden? Weiß da jemand mehr?

  2. @500: Ich habs noch nicht gelesen, aber hier ein taufrischer Artikel, bei dem einige Journalisten der Earl-Thomas-Geschichte nachgegangen sind:

  3. die beiden vermeintlich interessantesten Spiele im frühen Slot….und für ein Upset ist die Wild-Card-Runde doch immer gut….ich freu mich auf jeden Fall. Und schön nochmal die „alten“ Namen zu hören. Erinnerungen werden wach.

  4. Man sollte in der NFL also lieber ne Frau schlagen als nen Mitspieler, wenn man weiter spielen will….

  5. Pingback: 2020 Wild Card Preview: Colts @ Bills | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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