2020 Wild Card Preview: Rams @ Seahawks

[6] LA Rams (10-6) @ [3] Seattle Seahawks (12-4) 

Die Story der 2020-Seahawks Offense bis hierhin ist schnell erzählt: OC Brian Schottenheimer hört auf Twitter und „lets Russ cook„. Dieser Russ zaubert Sternemenüs sondergleichen: in sieben der ersten acht Spiele mindestens 31 Punkte! Lecker! 

Und dann kommt plötzlich Rams-DC Brandon Staley in in Woche 10 und schlägt Wilson den Kochlöffel aus der Hand. Das schöne Menü auf dem Küchenboden verteilt, was für eine Sauerei!

Und seit dieser Woche 10 mischt sich Restaurantchef Pete Carroll ein und schlägt Gerichte aus dem Kochbuch seiner Oma vor. Statt modernem Kochen auf der Höhe der Zeit versenken die Hawks nun jedes Mal ihre guten Zutaten unter Unmengen von Butter und Mehl. Sad!

Aber was hat DC Staley da eigentlich gemacht in Woche 10? Er hat die eigentlich logische Antwort auf modernen Angriffsfootball gegeben: wenn für Dich, liebe Offense, 1st Downs passing downs sind – na, dann sind sie das für uns eben auch! Also haben die Rams in 1st Downs ihre etatmäßigen 3rd-Down Defenses gespielt. Da wird Nickel und Dime gespielt, da wird geblitzt, da stehen nur fünf Verteidiger in der Box. Eigentlich total naheliegend.

Early Down Passing

„Analytics“ sagt immer: early down passing ist viel effizienter als Laufspiel. Ja, das ist so. Aber nur so lange der Gegner early downs wie traditionelle early downs verteidigt. Wenn der Gegner early downs einfach wie passing downs, wie typische 3rd down plays verteidigt, sinkt der Effizienzvorteil natürlich. (Er sinkt, ja. Aber das heißt nicht, daß es nicht trotzdem einen Effizienzvorteil geben würde.) 

Die Antwort der Offense darauf wiederum ist ebenso naheliegend. Die Antwort haben wir alle von Peyton Manning gelernt und jahrelang studiert: wenn nur fünf oder sechs Verteidiger in der Box stehen, dann gibt es einen Audible zu einem Laufspielzug oder einem kurzen Paß hinter die Line of Scrimmage. Aber aus irgendeinem Grund hat Seattle große Schwierigkeiten damit, kurzfristig vor dem Snap umzustellen. Das liegt sicherlich auch am Kochbuch von Carroll und Schottenheimer, aber es geht vor allem gegen den Quarterback. Kein Quarterback sieht besonders gut aus, wenn er mit Peyton Manning verglichen wird, aber wie wenig Russel Wilson aus den leichten Boxes über Audibles und Spielzuganpassungen gemacht hat, ist schon ein relativ großer Minuspunkt für ihn. 

Schon seit mindestens letzter Saison hat Russel Wilson für mich in eine Kategorie mit Rodgers und Mahomes gehört. Jetzt bin ich da wieder etwas skeptisch. Er tut sich seit Woche 10 sehr schwer, alle Spiele seitdem mit maximal 236 Passing Yards. Es wirkt, als würde er Zucker mit Salz verwechseln. Es sieht alles schwerfällig aus, ideenlos teilweise, Rumpel-Football wie aus alten Schottenheimer-Sanchez-Tagen.

Seahawks on a roll! Oder von der Rolle?

Aber wenn man dann einen Schritt zurückmacht und mal von etwas weiter oben raufschaut: die Hawks haben sechs der sieben Spiele seit dem ersten Rams-Duell gewonnen. Normalerweise würden man jede Mannschaften, die mit sechs Siegen aus den letzten sieben Spielen in die Playoffs reinmarschiert hochschreiben. On a roll! Heiß wie Frittenfett! 

Bei den Hawks dagegen denkt man: hmm, DK Metcalf seit Wochen kein Big Play. Tyler Lockett: nicht so gut wie seine Zahlen ihn aussehen lassen. DangeRuss: sieht oft verwirrt aus. Laufspiel: zu viel, zu schlecht… Was soll ich denn jetzt erwarten für die Playoffs?! 

Wer sind diese Seahawks? Ich habe gar kein Gefühl dafür. Ich würde mich über eine Niederlage gegen die Rams nicht wundern; aber ich würde mich auch nicht wundern über ein 5-Gänge-Menü von Chef Russ, das in den Podcasts ab Montag die Seahawks zum größten Herausforderer der Packers macht. 

Rams 

Das größte Fragezeichen bei den Rams ist der Quarterback. Wenn Jared Goff mit gebrochenem und operierten Finger nicht spielen kann, dann muß John Wolford ran. Der hat das quasi Playoffspiel gegen die Cardinals in Woche 17 gestartet und dabei einen NFL-Rekord aufgestellt: erstes QB-Debüt mit mindestens 200 Passing Yards und 50 Rushing Yards. Nicht schlecht für einen Neuling in einer Liga, in der schon Lamar Jackson und Kyler Murray spielen.

Wolford wirkt auch etwas wie Kyler Murray (er ist angeblich 1,85m groß, wirkt aber kleiner) und scramblet oft aufgeregt durch die Gegend. Und nach der Interception zu Beginn hat er das halbwegs ordentlich zu Ende gespielt. Vielleicht ist Goff gar kein so großer Verlust, weil Wolford die läuferischen Fähigkeiten für beispielsweise Read Options mitbringt und Goff einfach auch zu oft zu schlecht gespielt hat.

McVay läßt jetzt ebenso oft 12- wie 11-personnel spielen, auch weil er mit den Tight Ends #89 Higbee und #81 Everett zwei sehr solider Fänger auf TE hat. Es sind gleichzeitig weniger „condensed formations“ und mehr „shotgunt spread“-Aufstellungen, die es seinem limtierten QB Goff einfacher machen, das Spiel zu lesen. Er hat Goff beigebracht, aus No-Huddle zu spielen und selber mehr Verantwortung zu übernehmen. Diese Entwicklungen sollten auch für Wolford die Aufgabe nicht unüberwindbar machen (wenn er auch wohl nicht die No-Huddle Dimension mitbringt). Das sind alles Verbesserungen und Entwicklungen, die jede für sich kein Quantensprung sind, aber in Summe immer noch dazu führen, daß die Rams-O in allen Spielen zumindest mithalten kann: es gab nur zwei Niederlagen mit mehr als einem Touchdown.

Seahawks-D 

Eine dieser beiden Niederlagen setzte es allerdings vor zwei Wochen eben gegen die Seahawks. Die Hawks sind in dem Spiel auch mit einem der großen NFL-weiten Trends der diesjährigen Saison aufgefallen: Bear Fronts. Ich habe noch nie so viele Bear Fronts gesehen wie 2020. Und die Hawks haben das für sich als Lieblings-Verteidigung entdeckt gegen die Outside Zone-basierte Offense von McVay.

In der Bear Front stellen sich drei Interior Linemen vor dem Snap innerhalb der gegnerischen Offensives Tackles auf. Gepaart wird das dann mit zwei Edge Defenders, so daß fünf Spieler direkt an der Line Scrimmage stehen. #50 K.J. Wright hat sich als einer dieser Edge Defender neu erfunden und spielt das grandios. Dahinter spielt intelligent wie eh und je #54 Bobby Wagner. Und dazu kommen in der Front Seven zwei explosive Torpedos in #33 Jamal Adams und Rookie #56 Jordyn Brooks.

Die Defense Seattles ist in der zweiten Saisonhälfte deutlich stabiler geworden und das hat viel mit Wright, Adams und Brooks zu tun. Wright brauchte einige Zeit, um sich in der neuen Rolle zurechtzufinden; Adams hat sich lange mit Verletzungen rumgeschlagen und Rookie Brooks mußte sich seine Einsätze erst verdienen. Das ist eine sehr attraktive Abräumerfraktion um die drei dicken Brocken #97 Ford, #90 Reed und #95 Mayowa herum. Dahinter patroulliert #37 Safety Quandre Diggs mit großem Radius.

Es wird hier sehr schwierig werden für die Rams. Die Edges, über die das Laufspiel konzipiert ist, verteidigt Seattle gut durch das Scheme. Und im Paßspiel hat Seattle gutes individuelles Talent in der Mitte des Feldes, um das sich McVays Angriff konzentriert mit vielen Crossing und Dig Routes: Wagner, Brooks, Diggs. 

Brandon Staley & die Rams-D 

Die Defense der Rams ist dagegen nicht so einfach zu kapieren. Obwohl die Film-Gucker-Experten Robert Mays und Adrian Franke das gut erklärt haben, habe ich immer noch nicht so richtig verstanden, wie Staley spielen läßt. [Artikel von Mays bei The Athletic] [Podcast Playoff-Vorschau mit Adrian Franke]

Der Einstieg immerhin ist simpel: sie spielen mit leichten Boxes, weil Paßspiel zu verteidigen wichtiger ist, als Laufspiel zu verteidigen. Sie haben im Grunde gar keine klassische Base Defense mehr, sondern nur noch Nickel und Dime. Die fünf etatmäßigen Defensive Backs #43 John Johnson, #32 Jordan Fuller (die beiden Safeties) und #22 Troy Hill, #20 Jalen Ramsey und Zauberzwerg #31 Darious Williams haben alle jeweils mehr als 700 Snaps gespielt (also ca 70 %). 

Sie spielen in der Paßverteidigung relativ aggressiv, die Cornerbacks und vor allem Safety #43 Johnson „gamblen“ recht viel – und sollen das anscheinend auch! Das scheint zu funktionieren, weil für die Offense nicht ganz klar ist, welcher Defensive Back welche Verantwortlichkeiten hat

Staley war vorher Assistenztrainer von Vic Fangio. Bei dem war und ist das ja auch so. Greg Cosell hat zu der Bears-D unter Fangio mal gemeint: „it creates a blurry picture for the offense„. Das hat Staley übernommen. 

So, Paßverteidiung, soweit halbwegs verständlich. Das große Fragezeichen ist für mich aber die Laufverteidigung. Die ist eine der besten der NFL – obwohl sie mit so vielen leichten Boxes, also relativ weniger Spielern auskommt. Sie schaffen es, alle Gaps zu „bespielen“, obwohl eigentlich ein Mann fehlt, weil jeder Spieler „einskommafünf gaps“ spielt. Also weder klassisch-attackierendes 1-gap-scheme, noch haltend-blockierendes 2-gap-scheme – sondern irgendwie etwas dazwischen. Wir können uns das ja heute nochmal in aller Ausführlichkeit anschauen gegen Seattles Fragezeichenangriff.

Same Procedure 

Es läuft alles auf ein typisch verrücktes Seahawks-Spiel hinaus. Alles würgt sich über drei Viertel so vor sich hin bis im vierten Viertel, bei knappem Spielstand, plötzlich die Ereignisse überschlagen. Wilde Interceptions und wilde Scrambles von Wolford; krasse Mondbälle von Russell Wilson; irgendwas Wahnsinniges von DK Metcalf; mindestens ein verschossenes Field Goal und eine strittige Challenge. 

Also für den Zuschauer: in der ersten Halbzeit aufmerksam die beiden Verteidigungsstrategien studieren, dann kurz durchatmen und für’s vierte Viertel gut anschnallen!

3 Kommentare zu “2020 Wild Card Preview: Rams @ Seahawks

  1. Wirklich wunderbar erfrischend und elegant geschriebene Prieviews hier wieder. Vielen Dank dafür!

  2. Pingback: NFC Wildcard Playoffs 2020/21 im Liveblog: Seattle Seahawks – Los Angeles Rams | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  3. Pingback: 2020 Divisional Playoffs Preview: Rams @ Packers | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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