NFL Wildcard-Sonntag 2020/21 – Preview

Der gestrige NFL Wildcard-Auftakt war vielversprechend (Vorsicht Spoiler).

Die Colts waren gegen die Bills bis ganz zum Schluss „dran“ – es fehlten letztlich Kleinigkeiten. Ein bisschen zu viel Verfall in Offensiv-Trott im dritten Viertel (Laufspiel, Drops), ein bisschen zu wenig Explosivität, ein bisschen zu vorsichtiges Coaching. Die Bills ließen sich lange Zeit einlullen, brauchten am Ende eine starke Performance von QB Josh Allen – und bekam diese auch.

Indy war trotzdem bis zu einer Hail Mary mit auslaufender Uhr dran – natürlich nicht ohne vorher von einer der bizarrsten Schiedsrichterfehlentscheidungen zu schmarotzen, die ich in der NFL bis jetzt gesehen habe.

Der Sieg der Rams bei den Seahawks war ungleich überraschender: Ohne die Möglichkeiten mit einem vernünftigen QB zu spielen und fast eine Halbzeit lang ohne Aaron Donald, würgten die Rams Seattle komplett ab. Der Pick Six von Darious Williams steht eigentlich symptomatisch für dieses Spiel, in dem L.A. auf alles eine Antwort hatte was die Seahawks machten – bzw.: Die Antwort schon hatten bevor die Frage gestellt wurde. Eine solch krasse Dominanz gegen eine Offense mit einem so guten Quarterback wie Russell Wilson sieht man selten.

Quo vadis, Seattle – ist jetzt die Frage. Die Rams können sich dick auf die Schulter klopfen. Für den toughen und oft kritisierten QB Jared Goff muss das eine der befriedigendsten Momente als NFL-Spieler gewesen sein. Auch für Sean McVay, dessen Scheme trotz der QB-Frage griff und genug Yards machte (u.a. mit 20 Early-Down-Pässen!) – und dessen eigenhändig ausgewählter DefCoord Brandon Staley der Held der Partie war. Gut, dass sich Risikofreude und Mut zur Jugend manchmal auszahlen!

Spiel 3 sah ein ähnlich überlegenes Team in den Buccs – aber einen relativ knappen Endstand: Tampa gewann „nur“ 31-23 in Washington, trotz ziemlich deutlicher Feldüberlegenheit. Ein Fumble und Redzone-Probleme kaschierten den spielerischen Blowout.

Tampas Offense war nicht perfekt, machte aber trotz fünf Drops und Schlendrian im ganzen dritten Viertel über 500 Yards. Washingtons Backup-QB Taylor Heinicke, der vierte Starter diese Saison, performte beherzt, aber im Score immer mit Respektabstand. Richtig eng fühlte sich die Partie nie an.

Viel über den Spielplan von nächster Woche ist noch nicht bekannt. In der NFC wissen wir immerhin:

  • Es wird Packers – Bears, wenn Chicago heute in New Orleans gewinnt. Das zweite Spiel ist dann Buccaneers – Rams
  • Es wird Packers – Rams, wenn New Orleans gegen Chicago gewinnt. Das zweite Spiel wäre dann Saints – Buccaneers

Also auf jeden Fall ein „drittes Match“ im Viertelfinale. In der AFC ist noch viel mehr offen. #1 Chiefs und #2 Bills sind durch, aber die Nummer 3 bis 6 spielen erst heute.

Und damit zum Wildcard-Programm von heute:

  • 19h Tennessee Titans (11-5) – Baltimore Ravens (11-5)
  • 22h40 New Orleans Saints (12-4) – Chicago Bears (8-8)
  • 02h15 Pittsburgh Steelers (12-4) – Cleveland Browns (11-5)

Die meisten Geschichten um diese Spiele herum sind längst bekannt. Wer sie nicht mitbekommen hat, dem empfehle ich einen kurzen Blick rüber zum Lead-Blogger, wo Fabian Sommer und ich zu jedem Spiel eine kurze Einschätzung abgegeben haben.

Hier noch ein paar Nuggets von meiner Seite

Titans – Ravens

Drittes Aufeinandertreffen dieser beiden Mannschaften innerhalb eines Jahres. Die letzten beiden Spiele hat jeweils Tennessee gewonnen – u.a. eben letztes Jahr, als Tennessee die damals extrem hoch gehandelten 14-2 Ravens sang- und klanglos aus den Playoffs eliminiert haben. Die Schmach ist nicht vergessen.

Tennessee ist das Team mit der besseren Offense (#2 der NFL nach EPA/Play), hat aber auch eine absurde Defense (nur #29 nach EPA/Play). Allerdings schnurrt die Titans-Offense nicht immer. Sie ist etwas Matchup-abhängig, auch wenn sich QB Ryan Tannehill in allen Facetten des Spiels verbessert hat.

Die Titans-Offense ist im Grundkonzept nach wie vor gleich wie schon während des Erfolgslaufs letzte Saison: Am besten ist die Offense in trockenem Laufspiel über RB Derrick Henry und bei Play-Action Passing auf den famosen WR A.J. Brown. Aber in Details unterscheidet sie sich dann doch ziemlich – gerade im Passspiel (hier Zahlen nach Woche 15):

Ryan Tannehill ist ein ganz guter Case-Study, wenn man 2019 und 2020 vergleicht. Die große erwartete Regression ist ausgeblieben, aber der Spielstil ist diese Saison ein völlig anderer.

Tannehill macht zwar mit 7.4 NY/A Passing weniger Yards/Dropback als letzte Saison (7.9 NY/A). Aber er ist nach EPA/Play sogar besser: 0.25 EPA/Play letztes Jahr, heuer sagenhafte 0.36 EPA/Play.

Einer der wichtigsten Gründe: Tannehill nimmt kaum mehr Sacks – das ist völlig untypisch für seine Karriere. Tannehill war immer ein QB, der mit die höchsten Sack-Raten der NFL hatte, so auch 2019 mit 9.8%. Sacks sind in Summe schädlicher als Interceptions, weil sie 2-3x häufiger vorkommen.

Tannehill 2020? Hat nur 4.4% Sack-Quote, was zu den besten Raten der Liga gehört.

Das ist verblüffend, denn die Titans-OL ist deutlich schwächer im Pass-Blocking: Nach PFF Grade 2019 die #11, 2020 die #28. Pressure-Rate war 2019 31%, 2020 nur mehr 29%, aber das ist ein relativ marginaler Unterschied.

Das Geheimnis liegt in „Time to Throw“: Tannehill wirft die Bälle sehr viel schneller als letztes Jahr:
2019: 2.76 sek bis zum Wurf, zweitlangsamster QB der NFL
2020: 2.52 sek, Liga-Mittelfeld

2019 kamen nur 37% seiner Würfe in weniger als 2.5 Sekunden, 2020 sind es satte 53%. Das ist ein gewaltiger Unterschied!

In Summe haben die Titans ein ziemlich simples System: Haufenweise Crossing-Routen und Over-Routes, Play-Action (37%, #1 der NFL) und zwei fantastische Receiver in Hochform. Gerade ein A.J. Brown ist ein absolutes Monster, einer der besten Receiver in der NFL.

Im Laufspiel die #5 Run-Block O-Line, was sich für Henrys Laufstil hervorragend macht: Mit Anlauf ist der Mann einfach schwierig zu stoppen. Titans-Laufspiel ist jetzt auch schon wieder die #3 in der NFL mit 0.05 EPA/Run.

Das alles natürlich gegen einen der einfachsten Defense-Schedules in der NFL.

Ich weiß nicht wie replizierbar dieses Offense-Scheme ist, wenn es keinen A.J. Brown gibt, aber in der aktuellen Verfassung ist das schon eine schwierig zu stoppende und überraschend gute Offense. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihren Level so gut halten können.

Trotz der 2000 Rushing-Yards für Henry ist A.J. Brown der wichtigste Trigger der Offense; im Regular-Season-Spiel gegen die Ravens hat Brown z.B. mit vier gebrochenen Tackles überhaupt erst die Overtime erzwungen.

Vorteil Tennessee: Ihr zweiter Receiver Corey Davis hat sich im vierten NFL-Jahr endlich auch exzellent entwickelt. Nachteil Tennessee: Die Ravens haben die mutmaßlich am tiefsten besetzte Secondary der NFL.

Baltimore muss v.a. Big-Plays der Titans-Offense verhindern. Viele Rushing-Yards für Henry wären ein geringerer Schaden als zwei schnelle Big-Play-Touchdowns wie in den letzten Playoffs. Baltimore wird wohl seine Standard-Defense spielen: Vorne mit zwei Bolzen auf Defensive Tackle den Run abwürgen, hinten viele Mann in Deckung, dazwischen den Quarterback ausblitzen.

Gerade das Thema mit den zwei DT-Bolzen wird wichtig – und es bringt mich nochmal kurz zu einem brandaktuellen Analytics-Thema, das Eric Eager letzte Woche auf die Agenda gebracht hat: Defensive Personnel. Richtig gute Run-Defender in der Mitte der D-Line haben in der NFL besonderen Wert deshalb, weil sie der Defense erlauben, mit weniger Ressourcen den Run zu verteidigen – und diese freigewordenen Ressourcen in die Passing-Defense zu stecken (siehe hier Originalartikel).

Ich habe schon Fehlinterpretationen von wegen „siehste, Run-Defense ist doch so wichtig – also immer diese unreflektierten neumodischen NFL-Passing-only-Takes hinterfragen!“ gesehen. Das ist aber weniger Eagers Punkt. Vielmehr: Pass-Defense ist Trumpf – also schau zu, dass du den Schaden des Run-Games mit möglichst wenigen Mann einigermaßen deckelst. Das ist der richtige Take zum Thema und nicht „Run Defense first“. Mittelmäßige Run-Defense ist viel kleinerer Schaden als mittelmäßige Passing-Defense.

Warum das heute so wichtig ist? Nun – die Titans sind Lauf-Fetischisten. Und Baltimore hat seit Jahren eine Defense, die extrem viele Ressourcen in die Passing-Defense steckt (Stichwort „positionslose Defense“), aber vorne mit zwei „Cloggern“ die D-Line zumachen. Im „Hinspiel“ in der Regular Season fehlten sowohl DL Calais Campbell als auch DT Brandon Williams. Beide sind heute wieder mit von der Partie. Das könnte entscheidend in diesem Grabenkampf sein, denn Baltimore hat in Rookie-LB Patrick Queen einen echten Schwachpunkt in Run-Defense dahinter herumlaufen, den man nicht in den Brennpunkt bringen möchte.

Und den einen Schritt weitergedacht: Dass die Ravens mit allen erdenklichen Ressourcen den Schaden der Passing-Offense limitieren ist deshalb wichtig, weil Baltimores eigene Offense nicht wirklich dafür gebaut ist um Rückstände aufzuholen.

Der verzweifelte Kampf dieser Offense um Anschluss an die goldene Vorjahreszeit hielt uns wochenlang in Atem, aber zuletzt hat sich die Offense stabilisiert. Die Umstellung war konzeptionell simpel: Mehr Power-Rushing und Gap-Schemens; kaum mehr Zone-Schemes. Damit hat man auf die mangelhafte Athletik der O-Line nach mehreren Rücktritten und Ausfällen reagiert.

QB Lamar Jackson ist jetzt verletzungsfrei und explosiver. Allerdings ist die Frage wie viel von der „Offense-Renaissance“ der letzten Wochen schlicht dran hing, dass man physisch unterlegene Defenses spielte. Wie das aussieht, wenn die Ravens wieder werfen müssen? Antwort offen.

Doch bis dahin muss erstmal die Titans-Defense dieses vielfältige Laufspiel stoppen. Das wird nicht einfach. In DT Jeffrey Simmons und DT Da’quan Jones gibt es nur zwei vernünftige Verteidiger in der Front – der ganze Rest ist ein Hühnerhaufen. Wie das wohl gegen das mental anspruchsvolle Option-Running über Jackson, JK Dobbins und Gus Edwards aussieht?

Verdict: Ich glaube an Baltimore. Ich habe diese Saison immer an Baltimore geglaubt, auch in den finsteren Stunden.

Möglich zwar, dass gerade Jackson langsam Schiss vor dem Ruf des Playoff-Losers bekommt, aber inhaltlich sind die Ravens das komplettere Team – solange Tennessee keine 2-3 schnellen Big-Plays gelingen. Baltimore hat diesmal die Mittel um Henrys Rushing vier und nicht bloß drei Viertel (wie in Woche 11) zu stoppen. Darüber hinaus sehe ich nicht wie Tennessees kaputte Defense die notwendige Physis und Disziplin aufzubringt um die Ravens unter 27-30 Punkten zu halten.

Saints – Bears

Siehe Lead-Blogger. Die Saints haben eine unglückliche Playoff-Historie in den letzten Jahren, aber hier sehe ich beim besten Willen nicht, wie Chicago mit seiner tristen Offense die imposante Saints-Defense für mehr als ca. 14 Punkte knacken will. Zu viel wird von einer starken Trubisky-Performance abhängen, und NFL-Regel #1 lautet: Traue niemals Mitchell Trubisky.

Die Saints-Offense hat ihrerseits Fragezeichen, gerade wenn WR Michael Thomas noch immer nicht spielt (Thomas hat immerhin unter der Woche wieder trainiert). QB Drew Brees ist auf seine alten Tage mit nachlassendem Arm immer wieder für einen verhungerten Ball gut – aber solange er wegen gegnerischer Punktearmut nix riskieren muss, können die Bears nur darauf vertrauen, dass ihr Superstar-Passrusher Khalil Mack die Pocket terrorisiert. Das Ungünstige? Die Saints haben zwei herausragend gute Offensive Tackles.

Die Saints sind mit 10 Punkten favorisiert. Ich glaube an einen souveränen Durchmarsch.

Steelers – Browns

Die Covid-Probleme in Cleveland sind längst bekannt – und weil die NFL auch in Corona-Zeiten das Naheliegende verbietet und kein Coachen von außerhalb erlaubt, wird Browns-HC Kevin Stefanski auch nicht remote von der Partie sein (höchstens ein bisschen hintenrum aus dem Wäschekorb heraus).

Das Play-Calling übernimmt Alex Van Pelt. Ich mache mir weniger um das Opening-Skript Sorgen, mehr darum was passiert, wenn Van Pelt dann in den Game-Flow hineincoachen muss? Stefanski war dabei immer hervorragend und hat viele Probleme der Browns-Offense kaschiert. Van Pelt ist bei aller Erfahrung dagegen eine ziemliche Unbekannte. Browns-Backup-Coaching sollte besser sein als vor ein paar Wochen Lions-Backup-Coaching, aber by how much?

Obwohl Pittsburghs Offense seinerseits keine gute Saison spielt und im Dezember wochenlang komplett von der Bildfläche verschwand und wohl kein Punktfeuerwerk vorlegt, hängt das Schicksal der Browns in der Partie letztlich an zwei Dingen:

  • Ihre eigene Offensive Line muss dominieren und das Laufspiel als Basis der Offense durchdrücken
  • QB Baker Mayfield muss das mit einem extrem sauberen Spiel vervollständigen.

Beiden Punkten kann man nicht trauen. Browns-OL wäre theoretisch grandios, aber OG Bitonio fällt mit Covid aus; sein Ersatz ist ein third stringer. Zwei andere Liner plagen sich mit Zipperlein (OG Teller, OT Conklin). Gegen Pittsburghs extrem druckvolle, oft durch Blitzes verstärkte Defensive Line kann das schnell bitter werden.

Stockt das Laufspiel der Browns, gibt es längere 3rd Downs, und dann steht QB Mayfield blank gegen einen ultradruckvollen Passrush. Im ersten Spiel der Regular Season (38-7 Sieg der Steelers) sah die Browns-Offense total verloren aus. Letzte Woche, als Cleveland knapp gewann, wurden mehrere Defensive Liner der Steelers geschont.

In short: Pittsburgh ist für mich aus mehreren Gründen der Favorit:

  1. Stefanski-Ausfall und Personalsorgen in der Browns-OL
  2. Browns-Defense ist ein Trümmerhaufen, selbst wenn CB Ward und S Harrison spielen können
  3. Pittsburgh-Offense hat gezeigt, dass sie bei allen Problemen für 3-4 tiefere Pässe gut ist; das kann schnell zu 7-10 Punkten führen, gerade gegen diese Secondary
  4. Roethlisberger kaschiert den möglichen Matchup-Nachteil gegen EDGE Myles Garrett mit extrem schnellen Passspiel (2.1 sek pro Wurf im Schnitt)

Und am wichtigsten: Die Browns haben ihren Superbowlsieg schon gefeiert – letzte Woche mit der Playoffqualifikation gegen Pittsburgh. Emotionaler Letdown gerade in Verbindung mit dem Ausfall des Headcoaches absolut nicht ausgeschlossen.

5 Kommentare zu “NFL Wildcard-Sonntag 2020/21 – Preview

  1. Pingback: AFC Wildcard Playoffs 2020/21 im Liveblog: Tennessee Titans – Baltimore Ravens | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Ich drücke auch den Ravens die Daumen, weil sie die letzten Jahre nicht den verdienten Playoff-Erfolg hatten. Trotzdem muss man sich fragen, ob Baltimores Setzen auf Pass-Defense und möglichst wenig Run-D gegen Henry eine gute Idee ist.
    Wenn Henry mit jedem Run 10 Yards macht, bringt die beste Pass-D nichts.
    Aber mit ein bisschen Glück ist das einer dieser pessimistischen Takes, die ich im Nachhinein lieber löschen würde… 😀

  3. TD Titans. Henry abgemeldet. AJ Brown mit drei Super-catches. Wo ist der „lösch“-Button für meinen vorigen Kommentar? 😉

  4. Pingback: NFC Wildcard Playoffs 2020/21 im Liveblog: New Orleans Saints – Chicago Bears | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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