Nachwehen vom NFL-Playoffspiel Steelers – Browns

Traumhafter Tag für die Cleveland Browns. Ich habe heute mehrere PNs von glücklichen Browns-Fans bekommen. Nach so vielen Jahren schierer Inkompetenz wurde es mal Zeit, dass auch mal etwas für die Browns läuft.

Kurze Nachbetrachtung zum Spiel

Die Browns gewannen das Ding 48-37. Das liest sich wie ein krasser Shootout, aber es war’s nicht. Cleveland führte schnell 28-0, weil Pittsburgh einen epischen Kollaps zum Start hinlegte und sich mit Fumbles, Interceptions und unterirdischer Defense selbst schnell ein tiefes Loch grub.

Solche Implosionen passieren hin und wieder – und ich weiß nicht, ob es dafür eine Erklärung gibt. Die Panthers sind 2009 z.B. mal von den Cardinals zuhause bitterböse abgewatscht worden, und sogar den Patriots ist es ein Jahr später zuhause gegen Baltimore passiert. Sogar letztes Jahr legten die Chiefs mit einem Meltdown los und lagen nach wenigen Minuten 0-24 gegen die Texans zurück – darüber spricht keiner mehr, weil Kansas City damals mit seiner potenten Offense in kürzester Zeit ein Comeback hinlegte auf das Lazarus stolz gewesen wäre.

Unorigineller Gedanke: Wären gestern Nacht die Chiefs statt der Steelers der Gegner gewesen, die Browns wären trotz der 28 Punkte-Führung ausgeschieden.

Wir können also nicht wirklich gut erklären warum die Steelers so eingegangen sind. Dass sie nie so gut waren wie der 11-0 Start Ende November implizierte, ist nur ein Teil der Erklärung. Dass sie manchmal nicht gut vorbereitet in Playoffspiele, ein anderer. Aber solche Serien mit 28 Punkten unanswered sind meistens „perfect storm“.

Cleveland dominierte in diesen Minuten gegen eine emotional völlig verwirrte Steelers-Defense auch physisch und blockte Löcher frei, die man sonst in der Divison-II im College Football sieht. Es waren die Minuten, in denen wirklich mal das viel beschworene „Momentum“ da war.

Nach der brutalen Start konsolidierte sich Pittsburgh und kam in kleinen Schritten wieder heran. Ich glaube, es gab am Ende drei Dinge die verhindert haben, dass die Steelers es wirklich noch einmal spannend machten:

  • Direkt nach dem 0-28 legte die Steelers-Offense erstmals einen längeren Drive hin um die Nerven zu beruhigen. Man merkte förmlich, wie sich die Lage entspannte. Doch dann ließ Mike Tomlin von der CLE 38 den Ball wegpunten. Es war zugegeben ein 4th&9, aber in der Situation musst du dran bleiben.
  • Clevelands Offense blieb selbst auf dem Gaspedal und verfiel nie in einen reinen Verwaltungsmodus. Den kannst du dir in der heutigen NFL auch nicht mehr leisten. Trotz vier Drives mit 4 oder weniger Plays scorten die Browns auch noch zwei Touchdowns und zwei Fieldgoals.
  • Mike Tomlins zweiter brutaler Punt. Pittsburgh war auf 35-23 herangekommen und hatte ein 4th&1 an der eigenen 46. Tomlin ließ den Ball wegkicken.

Das kannst du einfach nicht bringen. Tomlins Erklärung war dann auch symptomatisch:

Provide short field for offense, keep momentum alive, blablabla. Alles hunderttausendfach gehört. Aber es war eine der Spielsituationen, an denen du erkennst, dass diese Coaches keinen kohärenten Plan haben von dem was sie da treiben. Feldpositionskampf in einem Spiel mit tausend Punkten, bei dem es keine Minute zu verlieren gibt?

Man kann auch gleich die weiße Fahne hissen.

Tat Pittsburgh dann auch, denn Cleveland strafte den hirntoten Punt mit einem 80-yds Touchdown-Drive zum 42-23 ab und blickte nie mehr zurück. Es war der eine Moment, der es noch einmal hätte spannend machen können.

Browns-Offense

Die Browns mögen ohne Headcoach gewesen sein, aber sie waren nicht ohne Plan. Nach Next Gen Stats gab es in 34 Dropbacks für QB Baker Mayfield nicht eine einzige QB-Pressure! (PFF hat zwar 5 gezählt, aber auch das ist sehr wenig)

Das lag an der einmal mehr extrem guten Offensive Line (my ass, OG Wyatt Teller räumte alles weg), aber vor allem daran, dass Mayfield viel schneller warf als in der Regular Season. 0.25 Sekunden pro Dropback sind in der NFL eine Welt! Der Gameplan wurde also explizit auf die Stärke der Steelers-Defense angepasst – und damit auch der Steelers-Blitz verbrannt.

Steelers-Offense

Wegen des schnellen großen Rückstands fokussierte sich natürlich schnell alles auf QB Ben Roethlisberger. Big Ben hatte 68 Dropbacks und erfing sich einigermaßen, trotz der 4 Interceptions. Ben kassierte nicht einen einzigen Sack! Das ist schon eine verblüffende Statistik bei so vielen Dropbacks.

Roethlisberger warf in 41 der 68 Pässe schneller als 2.5 Sekunden. In vielen dieser Pässe warf er sogar unter 2 Sekunden – einfach Snap, Wurf, dann schauen wohin man wirft. Roethlisberger ist wirklich ein kontaktscheuer QB geworden auf seine alten Tage – und das hat die Offense gefühlt in ihrem Comebackversuch behindert.

Next Up

Cleveland spielt nächste Woche in Kansas City. Wir werden in den nächsten Tagen häufig von Baker Mayfield gegen Patrick Mahomes hören – und Referenzen an das epische College-Spiel, das sich die beiden vor ein paar Jahren lieferten – mit 124 Passversuchen, 12 Pass-TD und über 1300 Passing-Yards. Es war Peak-Air-Raid. Mahomes hatte 88 Pässe plus 12 Runs – also 100 Plays.

Die Browns sind krasser Außenseiter. Sie haben nicht die Defense um die Chiefs zu stoppen – ergo liegt alle Hoffnung auf einem Shootout. Nur wenn die Offensive Line erneut dominiert und gegen die eher wackelige Run-Defense der Chiefs ihren Willen durchdrücken kann, kann die Browns-Offense genug Yards und Punkte machen um das Spiel in Regionen von 30+ Punkten für jedes Team leiten. Und dann würde auch der „margin for error“ für die Chiefs kleiner.

Die Steelers stehen vor einem gewaltigen Umbruch. Ihre Cap-Situation ist eine der vier schlechtesten, denn zusätzlich zu den 21 Mio, die man schon über dem Cap 2021 liegt, gibt es noch zahlreiche Free Agents wie EDGE Bud Dupree oder WR Juju-Smith-Schuster.

Die wichtigste Personalie ist natürlich Roethlisberger. Er hat eine Cap-Zahl von 41 Mio in der nächsten Saison. Das ist natürlich untragbar, aber eine Trennung schreibt 22 Mio gegen die Cap an. Die abgelaufene Saison hat ziemlich deutlich gezeigt, dass Pittsburgh mit einem Roethlisberger auf QB wohl kein richtiger Superbowl-Contender mehr sein kann – also wird sich einiges in Richtung „neuer QB“ bewegen.

Was man tun wird, ist natürlich unklar. Die Optionen sind vielfältig – aber die wirklich guten Optionen sind rar. Ein Trade für ein Talent à la Sam Darnold dürfte eher schwierig sein, weil es seinerseits recht hohe Cap-Zahlen mit sich bringt. Im Draft hat man mit dem Pick in den frühen „Zwanzigern“ nur die Chance auf einen der „zweite-Reihe-QBs“ wie Alabamas Mac Jones. Also Trade-Up in die Top-10? Oder schielt man auf eine eher billige Free-Agent-Lösung wie Jameis Winston?

Viele offene Fragen. Aber wenig Zeit zu verlieren. Die AFC North entwickelt sich rasant und Pittsburghs Defense hat vielleicht noch ein, maximal zwei, Jahre ehe sie auseinanderfliegt.

9 Kommentare zu “Nachwehen vom NFL-Playoffspiel Steelers – Browns

  1. Deshalb hatte ich es erwähnt; hatte ihn selber auch eher auf dem Level eines Jalen Hurts abgespeichert aber tatsächlich sind die pff grades besser als die von burrow.!

  2. Man stecke ich in der Zwickmühle.
    Ich mag Baker Mayfield einfach nicht.
    Sorry, aber ich finde ihn einfach unsympathisch, nervig und zum Teil auch großkotzig. Wer Fan von ihm ist, alles ok, es ist einfach eine persönlich Abneigung von mir. Bitte versteht es nicht als Angriff euch gegenüber.

    Aber…ich mag es wenn so ein Team das jahrelang der Witz war, nicht Ernst genommen wurde, ja auch von mir, plötzlich als Sieger vom Platz geht.
    Und irgendwie fände ich es cool wenn die Browns tatsächlich weiterkommen.

    Deshalb weiß ich einfach nicht ob ich nun die Browns anfeuern will oder hoffe das Baker Mayfield wieder in die Off-Season geht.

    Hoffe einfach es wird ein tolles und spannendes Spiel.

  3. Tja, das „Typen-Problem“ 🙂

    Servieren sie ein gestriegeltes Statement nach dem nächsten, lärmen alle wie feingeschliffen heute doch alle sind. Sind sie Baker Mayfield, spalten sie die Lager

  4. Bin bei Baker Mayfield auch gespalten, mal find ich ihn klasse, mal eher nervig.

    Was bei Chase Claypool abgeht, spaltet aber mal gar nicht. Das ist einfach nur großkotzig und zeigt, dass er ein schlechter Verlierer ist. JuJu hat im vierten Viertel auf dem Feld Pre-Snap auch noch getanzt. Da weiß ich nicht genau, was da alles falsch läuft bei den Jungs…

    @Realrclark25 yo Ryan get ur manz lol y he putting that target on @PatrickMahomes @ShannonSharpe pic.twitter.com/JMrN2Gb265— justin price (@justinpricex) January 11, 2021

    https://platform.twitter.com/widgets.js

  5. Pingback: Der NFL Wildcard-Kracher Tennessee – Baltimore im Nachklapp | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Wegen so einem Spruch von Claypool muss man doch nicht überreagieren. Browns sind nun mal klarer Außenseiter und sind der Erzfeind. Halb so wild. Viel interessanter von Claypools Stream auf Tiktok war, dass er für die Zuschauer Game Tape analysiert hat vom Spiel gegen die Browns. Seine routes, was gut lief, was nicht, was eigentlich geplant war etc. Keine Ahnung ob das tiktok auf Abruf noch hat, aber live war es durchaus mal interessant zu sehen. Saß in seinem Zimmer und hat auf einem Tablet film geschaut, dass er den Zuschauer ab und zu mal gezeigt hat.

  7. Bzgl. Mac Jones: Das wird noch lustig. Mag sein, dass er nicht das Megapotential hat, aber die Performance gegen Ohio State wird ihn bei einigen Teams die Draftboards raufgeschoben haben. Es soll ja Owner geben, die nur ein bisschen Bowl gucken um ihre Firstrounder auszusuchen…

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