Der NFL Wildcard-Kracher Tennessee – Baltimore im Nachklapp

Tennessee – Baltimore war ein extrem spannendes Duell. Ich bin mir nicht sicher, ob Baltimore es mehr gewonnen oder Tennessee mehr verloren hat.

Das Wichtigste voraus: Das Spiel hat einige Narrative in ihre singulären Teile zerhackt.

  1. Du musst Derrick Henry pounden um die Defense zu zermürben
  2. Nervenbündel Lamar Jackson kann keine Playoffs
  3. Die Ravens können keine Rückstände aufholen

Sie können es eben doch.

Titans-Offense vs. Ravens-Defense

Tennessee hat nur 13 Punkte und -0.09 EPA/Play gemacht. Das ist eine extrem miese Ausbeute.

Die beiden entscheidenden Kriterien waren:

  1. Ravens haben Derrick Henry mit recht konventionellen Methoden plattgemacht.
  2. Titans haben Henry trotzdem immer weiter und weiter gefüttert anstatt seinen atemberaubenden WR A.J. Brown in Szene zu setzen.

Zu Punkt 1: Das Narrativ der Titans-Offense geht so – füttere Henry bis zum Umfallen und er wird dir auch gegen vollgestopfte Boxen irgendwann alle platt laufen. Jeder kennt diese Strategie der Titans, und sie musste irgendwann mal derbe schieflaufen.

Baltimore hat according to Next Gen Stats 72% von Henrys Rushing-Snaps 8 Mann in die Box gestellt. Henry hat dabei in 13 Versuchen ganze 24 Yards gemacht. Ich habe es selbst gechartet und komme auf 12 für 22 Yards.

Das ist für NFL-Verhältnisse eine hohe „8 Men in Box“ Quote. Doch mit einer Defense wie jener der Ravens, die exzellent in der Coverage besetzt ist, gar nicht so verkehrt, denn jeder weiß: Tennessee wird mit dem Laufen erst dann aufhören, wenn the fat lady sings oder anders: wenn’s Spiel vorbei ist.

Henry sah in der Regular Season in 28% der Snaps solche 8-Mann-Boxen, und war dabei durchaus effizient. Gegen die Ravens machte er keinen Stich. Jedesmal tight formation, jedesmal Edge-Contain der Defense. Henry bekam nie das so gefürchtete Vorwärts-„Momentum“ – und das, obwohl die nach vorne gezogenen Safetys noch nichtmal eingreifen mussten!

Es war schlicht disziplinierte Run-Defense. Gaps zugemacht, 1-vs-1 Duelle an der Line of Scrimmage gewonnen, alles in der Mitte gehalten (v.a. EDGE #90 McPhee war fantastisch!) und darauf vertraut, dass die Titans solange weiterlaufen bis Henry einen seiner Trademark-Big-Runs bekommen würde. Der kam aber nie. Es war einfach imposant.

Tennessee hatte 37 Early-Down-Play:

  • 18 waren Runs für -4.7 EP (-0.26 EPA/Run)
  • 19 waren Dropbacks für +2.7 EP (0.14 EPA/Pass)

Die Titans machten in 1st und 2nd Down nicht ein einziges Rushing-1st Down, und hielten trotzdem stur eine 50/50 Run/Pass Quote in Early Downs.

Dabei wären die Passing-Plays durchaus sexy gewesen. Sie schafften es immer wieder, die Receiver in 1-vs-1 Situationen zu bringen und hatten die gegen Baltimore so wichtigen „Man Beater“ wie Mesh und andere Crossing-Routes nur herzunehmen. Es war eigentlich ein Traum-Szenario und früh im Spiel machten Brown und TE Firkser markante Plays, doch danach hielt die Ravens-Verteidigung stand (Elliotts monströser 3rd Down Play mit 10 Minuten auf der Uhr sei besonders lobend erwähnt). Sie war hinterher froh, dass sie statt mehr solcher Routen eintausend Mal Henry verprügeln durfte.

Und etwas Glück hatten sie auch noch: Bei Tannehills entscheidender Interception im Drive der letzten Hoffnung hatte Brown – immer wieder Brown! – seine Bewacher geschlagen und freie Bahn in Richtung Endzone. Doch Tannehills Read und Wurf ging auf die gegenüberliegende Seite des Spielfelds, wo WR Raymond direkt vor CB Peters ausrutschte. Der Ball für Peters war einfache Beute – doch auf der anderen Flanke stampfte ein wütender Brown noch bevor der Pass abgefangen wurde, frustriert ob der Missachtung in den Boden. Ohne den Read der Offense genau zu kennen: Hier hatten die Ravens schlicht das Glück des Tüchtigen.

Ravens-Offense vs. Titans-Defense

Das andere Duell.

Baltimore versuchte eine Halbzeit lang krampfhaft, Dropback-Passing ohne RPO oder Play-Action aufzubauen – es ging kolossal schief. Nach der Pause machten die Ravens dann das einzig Richtige und strichen dieses Standard-Dropback-Game komplett aus dem Playbook. Es wurde fast nur mehr Play-Action und RPO gespielt – mit misdirection von Runningback und Quarterback und Dobbins als Vorblocker 20 Yards downfield.

Ich fand, dass Tennessees Defense das auch eigentlich gut gemacht hat: Eng aufgestellte Defensiv-Front vorne mit drei Defendern die Mitte zugemacht, hinten zwei Split-Safetys, ein Linebacker mit Auge auf den Runningback, einer mit Auge auf den Quarterback mit der Trumpfkarte DB/LB Desmond King, der überall war.

Baltimore brauchte am Ende einzelne fantastische individuelle Plays um das Spiel zu entzerren. Keiner war besser als der atemberaubend TD-Scramble von Lamar Jackson, der als einer der besten Playoff-Momente der letzten Jahre in die Annalen eingehen wird: 3rd&long, die beiden Safetys auf die Passrouten schauen lassen, Linebacker in die Passrouten laufen lassen und dann mit der typischen Beschleunigung losgelegt.

Bäm.

Die Ravens können konventionelles Passing in Early-Downs eigentlich weglassen und sich auf RPO und Play-Action fokussieren. Ich sehe diese Saison ohne eine veritable Receiver-Waffe keinen Grund mehr, Jackson diese Bürde aufzuerlegen.

Der Moment der Wahrheit kommt dann in der Offseason, wo sich die Ravens am besten einen der möglicherweise verfügbaren Top-Receiver am Transfermarkt abgreifen sollten.

Ze Punt

Es führt kein Weg dran vorbei: Mike Vrabels Punt kann nicht ausgeklammert werden. Ich weiß, ich prügle seit 10 Jahren auf jede dieser Entscheidungen ein (so auch gestern bei den Steelers), aber es ich versichere: Es wird nicht langweilig.

Die Titans hatten 10 Minuten vor Schluss bei 13-17 Rückstand an der gegnerischen (!) 40 Yards Line ein 4th & 2 und Vrabel schickte den Punter auf das Spielfeld und zerhackte damit in einem einzigen Moment 8% Siegchance. Es sind diese Bullshit-Momente, bei denen es mir noch immer die Haare aufstellt.

Vrabels Erklärungen hinterher waren typischer Coaching-Käse:

Played well defensively, play the field position game, fasel, laber, blablabla. Wenn du solches Vertrauen in deine Defense hast, warum vertraust du ihr nicht per Stop den Schaden kleinzuhalten, wenn deine Offense die beiden Yards wirklich nicht schafft?

Coaches und all die anderen, die Analytics ablehnen, sind immer schnell darin drauf hinzuweisen „man müsse doch die jeweils spezifische Situation anschauen und könne nicht pauschal jeden Punt verdammen.“

Bitte: 4th & 2. Du liegst im letzten Quarter hinten. Du spielst gute Defense. Und du hast die Fleisch gewordene Dampfwalze Derrick Henry, den nach Erzählung überragendsten Runningback der NFL der mit 18 Boby-Blows die Defense bereits mürbe gemacht hat.

Und trotzdem Punt.

Vier Plays später waren die Ravens waren die Ravens an der Stelle schon wieder vorbeigerauscht, schossen ein paar Minuten danach das Fieldgoal zum 20-13. Mike Vrabel wird sich keiner Schuld bewusst sein – und das sollte Titans-Fans auf die Barrikaden bringen, denn das goldene Fenster schließt sich jetzt langsam. OffCoord Arthur Smith wird nächstes Jahr woanders coachen und viel Spaß, wenn der nächsten OC keine Antwort auf den in der Mauer verendeten Rushing-Wahn hat.

Aber immerhin: Schwanz bleibt dran – und so kann tough guy Vrabel auch in Zukunft auf seine Eier verweisen.

2 Kommentare zu “Der NFL Wildcard-Kracher Tennessee – Baltimore im Nachklapp

  1. Pingback: Auf Spurensuche in Seattle und bei den Los Angeles Rams | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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