Philadelphia Eagles entlassen Doug Pederson – Das Nachbeben

Die Philadelphia Eagles haben gestern Abend dann doch noch Headcoach Doug Pederson entlassen. Es ist kein überraschender Move mehr.

Das Big-Picture

Die Gesamt-Situation in Philadelphia ist ziemliches „mess“ und nicht alle der zahlreichen Philly-Beatreporter erzählen die Geschichte gleich, aber wenn es sowas wie einen Konsens gibt, dann ist er von Benjamin Solak in diesem starken Artikel wirklich gut zusammengefasst worden:

Also:

  • Pederson hatte keine Kontrolle über den Spielerkader und nicht das letzte Wort über die Zusammenstellung des Trainerstabs; beides lag bei GM Howie Roseman.
  • Aber auch Roseman ist kein Alleinherrscher. Owner Jeff Lurie favorisiert einen „collaborative approach”, bei dem miteinander geredet wird und möglichst alle dieselbe Vision teilen.
  • Doch das mit der Vision bröckelte schon länger. Es gab schon letztes Jahr Unstimmigkeiten über die Besetzung des Trainerstabs und die Einberufung von WR Jalen Reagor im Draft. QB Carson Wentz wollte eine andere Art Offense spielen als die Coaches. Irgendwann im Lauf der Saison hat Wentz dann mit Pederson gebrochen.
  • Lurie war nicht von den Plänen Pedersons, den Trainerstab für 2021 mit internen Beförderungen zu besetzen (OffCoord und DefCoord), einverstanden. Er wollte größere Lösungen, Pederson nicht.

Letztlich war es wohl weniger eine Entlassung von Pederson als eine von Pederson erzwungene Entlassung. Pederson wollte endlich frei sein in dem was er tut, ohne dass ihm links und rechts ständig Leute dreinquatschen.

Wir sind also alle Doug Pederson!

Die andere Interpretation ist: Wentz hat den internen Machtkampf mit Pederson gewonnen und geht nun gestärkt als Eagles-Quarterback in die Zukunft. Die Verantwortlichen in Philly – Roseman und Lurie – glauben noch immer, dass man Wentz biegen kann.

Was wohl mehr oder weniger keine Rolle spielte: Pedersons Tank-Job im letzten Saisonspiel gegen Washington.

Doug Pederson

Pederson war fünf Jahre lang Headcoach in Philadelphia. Er gewann 2017/18 die Superbowl und qualifizierte sich zwei weitere Male für die Playoffs, und doch wird diese kleine „Ära“ als eine „unvollständige“ in die Annalen eingehen, denn Philly hatte einen Dynasty-würdigen Kader beisammen.

Das heißt nicht, dass Pederson zwingend „underachievt“ hätte; der Titel-Run 2017/18 war vor allem exzellentem Coaching zu verdanken – Umstellung auf Backup-QB Nick Foles zu den Playoffs, aggressives Early-Down-Passing, hohe 4th-Down-Quoten.

In den beiden Jahren danach schliff Pederson zahlreiche Verletzungen durch, 2019 hatte seine Offense keine Receiver mehr – und trotzdem gab es zwei Playoffqualifikationen. 2020 implodierte das Gebilde mit dem Leistungseinbruch von Wentz, und so haben auch die internen Machtverhältnisse plötzlich eine ganz neue Dynamik bekommen.

Ich halte Pederson für einen nach wie vor sehr guten Coach und einen der wenigen „retreads“, die ich nochmal als Headcoach einstellen würde. Pederson hat gute Menschenführung, Adaptivität und sehr gutes strategisches Game-Management bewiesen – und niemals nach Ausreden gesucht, noch nichtmal als Wentz über Wochen katastrophal spielte.

Was auch immer von Pederson noch kommen wird – ob gut oder schlecht: Seine Legacy ist schon geschrieben – und sie ist eine positive. Die imposante Superbowl gegen die Patriots war eine der NFL-Sternstunden des letzten Jahrzehnts, sei es aus dramaturgischer Sicht, seit es als Initialzündung für einen massenwirksameren Analytics-Diskurs, sei es schlicht auch als politisches Statement gewesen. „Philly Special“ war nicht bloß ein Spielzug – es war Lifestyle.

Howie Roseman

In den Eagles-Fanforen kriegt jetzt vor allem Roseman auf die Fresse, aber ich bin mir nicht sicher ob das gerecht ist. Kevin Cole hat meine Gedanken in diesem Twitter-Thread zum Thema eigentlich schon exzellent zusammengefasst:

Roseman hatte eine Serie an schlechten Draftpicks – doch Draft ist Stochern im Dunkeln, und ich habe lieber einen GM mit sehr gutem Prozess als einen, dessen ganzes Standing auf ein paar lucky breaks im Draft beruht.

Roseman war ein Innovator im Cap-Management und hat die Compensatory-Picks als einer der ersten (neben Belichick und den Ravens) ausgeschlachtet. Die Cap-Hölle, auf die sich die Eagles hinbewegen, ist auch dem Umstand geschuldet, dass man das „Fenster“ nach dem Titel-Run ausschöpfen wollte.

Roseman und Co. haben die richtigen Schwachstellen analysiert und adressiert (Receiver, Cornerback) und auf Offense Line und Defense Line stets 1-2 Jahre vorausgedacht. Es hat halt nicht sein wollen – nur wenige der bisherigen Draftpicks schlugen ein, ein paar kleine Fehlevaluationen z.B. bei WR Jeffery und ziemlich krasses Verletzungspech auf Receiver und später auch in der Offensive Line haben die resultate zerschossen.

Der Jalen-Hurts-Pick im letzten Draft zeigte einmal mehr: Die Eagles denken „sharp“ und „outside of box“. Erkannt, dass Wentz kein absoluter Top-QB ist und noch dazu oft verletzt – und dann den „Value-Pick“ abgestaubt, der nun zusätzliche Versicherung für die Zukunft abgibt.

Roseman darf bleiben – er gilt als Liebling von Owner Lurie und genießt als einziger Welpenschutz. Roseman durfte schon nach dem verlorenen Machtkampf mit Chip Kelly in der Philly-Organisation bleiben. Er wurde einfach in einem anderen Büro für zwei Jahre „geparkt“ und als das Kelly-Experiment vorzeitig abgebrochen wurde, wieder in prominenter Rolle platziert.

Lurie ist keiner der an Football desinteressierten Owner wie z.B. die McNair-Familie in Houston, die die NFL vor allem als Status-Symbol betrachten. Lurie gilt als Owner, der in Footballdingen mit kühlem Kopf denkt, sich einbringt, informiert, und erst dann Entscheidungen trifft.

Dass er Pederson ziehen lassen musste, tut Lurie bestimmt weh. Aber die Risse in der Organisation waren wohl nicht mehr zu kitten – und lieber lässt man den Headcoach über die Klippe springen als Quarterback oder GM. Dass daraus noch eine Schlammschlacht werden könnte – geschenkt. Jedenfalls wird die Trennung bereits aggressiv als „Riss Wentz – Pederson“ verkauft und Pederson zum Sündenbock für die Fehlzündung bei Wentz gemacht.

Quo vadis, Eagles?

Auch wenn man im ersten Moment diese Gedanken hegt:

Wenn die Statements auf der Pressekonferenz gestern auf eines schließen lassen, dann dass Philly mit dem aktuellen Kader weitermachen möchte – und mit Wentz. Wentz ist in der ganzen Konstellation nun auch die Schlüsselfigur schlechthin: Welcher Coach möchte zu einer Mannschaft mit limitiertem personellen Handlungsspielraum und eingelockt mit einem zu reparierenden QB, für den bereits ein Superbowl-Coach gefeuert wurde?

Philly dürfte nicht der attraktivste offene Headcoach-Posten sein. PFFs Eric Eager sieht ihn sogar als den unattraktivsten. Es muss aber wohl auf jeden Fall ein offensiv denkender Coach sein – vielleicht kommt ja Eric Bienemy aus Kansas City. Der war wie Vorgänger Pederson Assistent unter Andy Reid, auch neun Jahre nach der Trennung die Überfigur der Iggles-Organisation.

14 Kommentare zu “Philadelphia Eagles entlassen Doug Pederson – Das Nachbeben

  1. Wie wollen sie diese Baustelle befriedigend lösen?
    QB Carson Wentz drinn
    QB Jalen Hurts draussen.
    Da ist doch Konfliktpotenzial noch und noch.

  2. Wentz nach wie vor der QB mit dem größeren Standing. 2020 kann auch einfach der negative Ausreißer gewesen sein – auch wenn es riskant ist darauf zu setzen.

    Wenn Wentz *jetzt* nicht performt, ist es mit ihm eh vorbei – Hurts hin oder her.

  3. Wenn der locker room wirklich Pederson geliebt hat, was die übereinstimmende Meinung ist, weiß ich nicht wie der jetzt als „Königsmörder“ und Egozentriker gebrandmarkte Wentz den Rückhalt seines Teams zurückgewinnen soll. Das wird sehr spannend in Philly!

  4. Ich weiß nicht ob Pederson „beliebt“ war. Es sind über die Jahre halt zwei Dinge aufgefallen:

    1. Die Stimmung 2017 in Philly war extrem gut (aber das kann auch an der besten Kur für die Stimmung liegen: viele Siege)
    2. Das Team ist 2018 & 2019 nicht auseinandergebrochen, trotz zahlreicher Verletzungen und Enttäuschungen

    Das spricht dafür, dass Pederson trotz seines früher mal kolportierten Off-Field Stuffs den Kader im Griff hat.

  5. Was ja lustig ist: Chip Kelly hat eine bessere Win% als Pederson:

    Ich verstehe den Move, aber daß jetzt alle auf Doug zeigen als sei er der Alleinschuldige in Phily ist doch einigermaßen verdächtig. Da wollen wohl einige von Verfehlungen ablenken

  6. Was in der ganzen Diskussion ja völlig untergeht, ist die Tatsache, dass die Eagles auch noch ohne DC dastehen 🙂

  7. Ich bin Pederson für den SB Sieg dankbar und finde die Trennung schade, aber ich sehe auch die Gründe für diesen Schritt.
    Der Pederson von 2017 war mMn nicht der von 2020. In den letzten Jahren wirkte Pederson auf mich viel konservativer als zuvor. Mutlos in gewisser Art. Auch in der Causa Wentz wirkte es irgendwie so, als habe er selbst keinen Ansatz gefunden, obwohl man versucht hat um Wentz Probleme herumzuarbeiten. Jetzt steht man eh vor einem sehr großen Rebuild, hatte bereits eine offene DC Stelle,…

    Allerdings bleibt Roseman und das macht mich nicht sehr glücklich. Er ist sicher ein Zahlenmagier und hat es lange geschafft, dass der ein oder andere Leistungsträger nicht gehen musste. Aber er hat eine Mitverantwortung für viele Probleme. Gerade das Draft-Scouting ist horrend, die Trefferquote der Eagles so schlecht wie bei kaum einem anderen Team (meinem Gefühl nach). Bust über Bust, dazwischen mal einzelne Ausreißer oder späte Glückstreffer. Mit dieser Trefferquote muss man nun in einen Rebuild, der vor allem auf beiden Seiten der Line nötig ist, wobei aber auch andere Positionen Bedarf haben. Da hätte ich mir eine externe Person gewünscht.

  8. Ich bin Doug Pederson für den Super Bowl Sieg sehr dankbar und bin über das Jahr noch immer sehr begeistert. Aber ich verstehe den Schritt der Trennung.
    Sportlich kam bei Doug in den letzten Jahren wenig kreatives, das wirkte nach dem Super Bowl ein wenig nach Verwaltungsarbeit. Klar, Pederson hatte auch Pech mit Verletzungen. Dennoch hatte ich immer wieder ein wenig das Problem, dass da was fehlte. Der Verlust von Frank Reich wurde meiner Meinung nach nie ansatzweise kompensiert. Da finde ich das „Hereinquatschen“ auch etwas komisch, immerhin hatte Pederson einige Freiheiten, da es ja bewusst keinen echten OC gab, sondern nur ein Committee aus seinen Vertrauen als eine Art OC-Light.
    Jetzt hat man eine sehr alte Mannschaft, der Umbruch lässt sich nicht mehr aufschieben. Wenn man eine HC-Veränderung will, dann ist das der Zeitpunkt.

    Bisschen komisch finde ich nur, dass Roseman das Vertrauen hat. Finanziell ist er ein Top-Mann, aber in den letzten Jahren gab es allerhand Fehler was die Kaderplanung angeht, vor allem das Rookies-Scouting. Die Bilanz dürfte eine der schlechtesten der ganzen Liga sein, da waren reichlich Flops dabei und nur wenige gute Griffe und späte Glückstreffer à la Mailata. Mit diesen Problemen steht nun der große Umbruch an, bei dem mehr oder weniger beide Lines runderneuert werden müssen. Kurzfristig, aber auch langfristig. Kelce könnte die Karriere beenden, Cox braucht einen Rotationsspieler, der ihm viele Pausen gibt, Johnson & Brooks haben eine horrende Verletzungshistorie und auch schön über der 30…

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