Auf Spurensuche in Seattle und bei den Los Angeles Rams

Der 30-20 Sieg der Los Angeles Rams am letzten Samstag in Seattle fühlte sich wie ein Kantersieg an. Ein Blick auf die Nachwirkungen in beiden NFL-Teams.

Seattle Seahawks

Same procedure as every year in Seattle: Auf gute bis sehr gute Regular Season folgt ein frustrierender Playoff-Auftritt mit einer Niederlage, die Coaches und Fans auf den Plan ruft um alles über den Haufen zu schmeißen.

Die Seahawks gingen in der Regular Season 12-4. Sie waren in der ersten Saisonhälfte der heißeste Scheiß der NFL, mit der höchsten Early-Down-Pass-Rate und Let Russ Cook war prädestiniert um als prägendes Thema der NFL-Saison durchzugehen.

Doch darauf folgte eine immer mäßiger werdende zweite Saisonhälfte, mit weniger Early-Down-Passing, immer weniger deep shots und immer stärker aufkommendem Gefühl, dass diese Passing-Offense keine vernünftigen Antworten auf two high Defenses mit einem Auge aufs Verhindern von Big-Plays hat.

Tiefpunkt war natürlich die unterirdische Offense-Vorstellung gegen die Rams. QB Russell Wilson ging 11-von-27 für 174 Yards, mit 2 TD und einem Pick-Six. Aber das sind geschönte Stats, denn sie beinhalten einen wertlosen Garbage-Time-Drive zum Touchdown, als das Spiel längst gegessen war.

Die Statements von Wilson oder WR Tyler Lockett nach dem Spiel gingen alle in die Richtung – „Defenses spielen gegen uns immer anders als erwartet und wir finden keine oder nur sehr langsam Antworten“… „Teams spielen mit 8 in Coverage gegen uns, und wir adjusten, aber dann sind sie und trotzdem schon wieder einen Schritt voraus“.


Was folgte, war eh klar: Die Entlassung von OffCoord Brian Schottenheimer am Dienstag.

Die größte Frage der Offseason ist nun, welche Lehren die Seahawks aus diesem Debakel ziehen. Ich schrieb am Samstag halb im Scherz noch im Liveblog:

Ich hoffe für Seattle, dass die Folge aus diesem Desaster nicht sein wird „wir müssen einen Runningback wie Cam Akers mit unserem 1st Rounder draften“.

Aber tatsächlich schlug Carroll dann nicht unerwartet schon Anfang der Woche in diese Kerbe:

“We have to run the ball better. Not even better — we have to run it more. We have to dictate what’s going on with the people that we’re playing, and that’s one of the ways to do that. And I know the fans aren’t really jacked about hearing that, but Russ knows it, too. We need to be able to knock those guys into the scheme that we want to throw at.

Frankly, I’d like to not play against 2-deep looks all season long next year.

That doesn’t mean we’re going to run the ball 50 times a game. It means we need to run the ball with direction and focus and style that allows us to dictate the game.”

Da gehen natürlich sofort die Bullshit-Detektoren hoch.

Vermutlich klingen die Statements dramatischer als sie gemeint sind – eine Rückkehr zur absurden Run/Pass Ratio von 2018 ist schier ausgeschlossen, und Carroll unterscheidet sich gar nicht so sehr von Artgenossen, wenn er auf zwei deep safetys mit Run & Kurzpass reagieren will.


Bloß: Die Seahawks sind personell ein Team, das für Passspiel aufgestellt ist. WR DK Metcalf ist ein Monster von Mann, WR Tyler Lockett wäre eine exzellente #2, wenn er öfters fit wär – so ist er idealerweise die beste #3 der NFL.

Und natürlich Wilson auf QB. Wilsons Schwachstellen werden immer mal wieder blank gelegt – so auch diese Saison, aber im Kern ist er ein sehr präziser Werfer, und vielleicht der beste Deep-Passer in der NFL.

Seth Galina hat bei PFF.com einen aufschlussreichen Artikel über Wilson geschrieben, der neben Deep-Passing und Scrambling einen mir bis jetzt gar nicht so bewussten, aber sehr interessanten Punkt anspricht: Wilson klammert Passspiel über die Mitte fast vollständig aus – möglicherweise bedingt durch seine geringe Größe. Das vereinfacht die Aufgabe ihn zu verteidigen natürlich enorm.

Die Hawks wären gut beraten, wenn sie ihre neue Offense-Philosophie darum bauen, dieses Problem nicht nur zu umgehen, sondern zu lösen. Zum Beispiel durch die von Robert Mays vorgeschlagene Implementierung von Wide-Zone-Prinzipien. Ich weiß: Jeder schreit nach hohe Play-Action Raten (die bei schier jedem QB helfen), aber ein anderer cooler Punkt dieser Offenses ist die horizontale Verschiebung der Pocket, die mit eben Play-Action und Nakeds oder Boots dem QB ein viel klareres Sichtfeld bietet.

Wilsons Mobilität könnte auch mit Boots aus Play-Action besser fokussiert werden. Es würde der Offense Line helfen. Es würde sogar Pete Carrolls so geliebtem Laufspiel helfen! Also allen geholfen.

Die Lösungen wären da. Aber gestern habe ich eher Namen wie Anthony Lynn gehört – das ginge dann in eine etwas andere Richtung, obwohl Lynn vor 20 Jahren auch mal in Denver unter Mike Shanahan gecoacht hat.

Carroll wird noch ein paar Jahre in Seattle bleiben. Auch GM John Schneider wurde nach angeblichen Avancen aus Detroit verlängert. Die Hawks müssen sich im Klaren werden was sie offensiv wollen – idealerweise ist es keine Rückkehr zum alten Carroll’schen Mantra „bloß nicht den Ball hergeben, bloß kein Risiko, play field position and keep it close“. Aber wer will schon noch drauf wetten.

Los Angeles Rams

Die Rams-Performance war großartig. Lass uns die QBs mal ausklammern. Die Story des Tages war die Defense, die schon das ganze Jahr über ihren Hype abkriegt – aber diese Performance war das richtige Coming Out für DefCoord Brandon Staley.

Das was die Rams mit den Seahawks gemacht haben, war noch eindrucksvoller als die ähnlich starke Ravens-Abwehrschlacht gegen die Tennessee Titans.

Es war eine Symphonie an Defense – jeder im Akkord mit dem Nebenmann. Alle denken das gleiche, jeder erledigt seine Aufgabe:

Diese Match-Coverage allein ist schon exzellent – aber die Defense hat auch kaum auf die Play-Action-Fakes gegen die laufbetonten Seahawks angebissen. Und sie ist im Prinzip die Routen „vorgelaufen“. Mehr Lehrbruch geht nicht. Und mehr Demontage auch nicht.

Ich hatte gestern schon ein bisschen über Defense geschrieben, und dass die Rams gar nicht so einfach einzuordnen sind, weil sie ihre Coverages so krass mit dem Snap verschieben. Da stehen hinten mal zwei tiefe Safetys mit einem Corner in Press-Coverage, aber mit dem Snap rotiert der Corner plötzlich nach hinten, einer der Safetys geht nach vorne underneath, und wir haben in nullkommanichts Cover-3 mit 3-deep, 3-underneath Verteidigung Zone, und vorne blitz ein zusätzlicher Mann den Quarterback aus.


Die Superstars sind natürlich DT Aaron Donald und CB Jalen Ramsey. Donald ist als Passrusher so dominant, dass er ganze Matchups in der Defensive Line verschieben kann; Ramsey ist vielleicht der beste Cornerback-Athlet in der NFL und kann mit den meisten WR1 der Liga mitgehen um zumindest Schaden zu verhindern.

Gegen Seattle pulverisierte die Defense aber in der zweiten Halbzeit sogar ohne Donald die O-Line. Donald ist am Sonntag in Green Bay wohl wieder dabei. Ob Ramsey dann gegen WR Davante Adams spielen wird oder ob die Rams den „Belichick-Weg“ mit CB2 + Safety gegen Adams und Ramsey als STAR-Cornerback ins Rennen gehen, müssen wir abwarten.

Ramsey ist nicht der geduldigste unter den Cornerbacks. Gegen Adams könnte das gefährlich sein. Adams war vor ein paar Wochen im Podcast mit Cris Collinsworth und Richard Sherman und er sagte dort was interessantes:

„Here’s a little secret some people don’t know about me: just so you know my mentality about route-running and how I attack everything. I don’t want people anywhere near me when I catch the ball. Let’s say I have a 15-yard stop route or a comeback or something.

If Rich was to undercut that thing, and A-Rod is not throwing it, what I do is loop straight up the field every time almost in the same motion to make you feel every time that this was the route. I know you covered it well, but I don’t want you to know that you covered it well.”

Adams kann quasi ansatzlos eine Route in eine andere mutieren, ohne dass der Corner es merkt. Ohne Hilfe „on top“ eines Safetys kann das bei einem ungeduldigen Corner brandgefährlich werden – selbst für einen Super-Athleten wie Ramsey.

Wichtig: Ramsey (oder der andere Cornerback) wird gegen Adams recht nahe an Press-Coverage spielen müssen – denn sonst verbrennen die Packers die Defense mit einer Orgie an schnellen Slants. Aber zu aggressiv bedeutet auch Spiel mit dem Feuer.


Der „andere“ Cornerback wäre Darious Williams. Der lieferte am Sonntag mit seinem atemberaubenden Pick Six vielleicht das Defense-Play der Saison. Der Spielzug war einfach unglaublich:

Rams spielen Cover-6, d.h. ein half field safety (oben), der eine Hälfte des Spielfelds deckt (Cover-2), und zwei ¼ safeties, die beide jeweils ein Viertel decken (das untere / in dem Fall ist CB #20 Ramsey der zweite ¼ DB).

Seattle steht in Bunch-Formation links draußen mit einem Back auf der gleichen Flanke. Die Seahawks spielen RPO mit Bubble-Screen, volle Pulle in die Cover-2 Seite hinein. Aber anstatt wie erwartet abzuwarten, schießt Williams ohne Zögern in den Pass und returniert am verdutzten Receiver-Trio vorbei zum TD.

Ob die Hawks mit dem Pass nur den kurz zuvor noch an der Seitenlinie tobenden Metcalf beruhigen und ins Spiel bringen wollten? Egal. Williams wusste haarklein, was da kommt. Sherman sagte in obigem Podcast, es sei kein Fehler von Wilson gewesen – bei diesen Plays macht der QB gar keinen richtigen „Read“, er wirft einfach schnell. Es war einfach ein fassungslos gutes, sehr entschlossenes Play von Williams, einem der „secret superstars“ dieser Defense.


Und dann ist da noch S #43 John Johnson. Der ist trotz starker Spielzeiten weiterhin nur in Fachkreisen bekannt, aber dem Vernehmen nach ist er der Defensive-Playcaller. Es ist eigentlich unerhört, dass Defensive Backs das übernehmen – aber Johnson als tiefe Patrouille gilt als das Hirn dieser Unit, die quasi nix „over the top“ zulässt.

Johnson hatte auch so ein Monster-Play, das einfach zeigt, wie gut koordiniert, aber auch wie reaktionsschnell diese Defense bei allem Denksport ist:

Auch wenn sie gegen die der Packers-Offense sehr ähnlichen Kyle-Shanahan-49ers-Offense heuer zweimal nicht wirklich gut ausgesehen haben: Die Rams haben die Waffen und das Scheme um am Samstag auch die Packers ins Schwitzen zu bringen. Ob das reicht um im eiskalten Norden den Upset zu schaffen, hängt wahrscheinlich dann an der Rams-Offense. Aber das soll uns nicht davon abhalten, Anerkennung für eine der fortschrittlichsten Defenses in der NFL zu zeigen.

Sie könnte bei allen famosen Individualtalenten eine Blaupause sein, wie man heute schematisch Offenses angreifen und jeden Einzelspieler in bestmögliche Position bringen kann.

11 Kommentare zu “Auf Spurensuche in Seattle und bei den Los Angeles Rams

  1. Das Wilson sagt, dass die Defenses Unerwartete Dinge machen klingt beängstigend. Da kann Scouting und Coaching nicht wirklich funktionieren.
    Und auch Carolls Aussage gibt zu denken; letztlich geht er immer noch davon aus, dass nur aus einer Single high coverage der run vernünftig zu verteidigen ist; man also die Defense Formation in early downs bestimmen kann indem man nur oft genug läuft.
    Und das ist genau die Hypothese die gar nicht mehr so gültig ist (ich meine Seth Galina hatte einen Artikel das generell die run Verteidigung aus 2high ganz gut funktioniert)

  2. „Das Wilson sagt, dass die Defenses Unerwartete Dinge machen klingt beängstigend. Da kann Scouting und Coaching nicht wirklich funktionieren.“
    Naja, das hängt ja schon am Scouting/Coaching oder nicht? Also die Analyse was Defenses machen und das dann zu vermitteln, damit man darauf reagieren kann.

  3. @alexanderbrink: In dem gestern noch einmal angesprochenen Buch „Cautious Aggression“ bringt Cody Alexander auch zahlreiche Wege, aus Quarters-Coverage den Run gut zu verteidigen, weil es mehr Möglichkeiten für numerische Überlegenheit bietet.

    Aber das ist natürlich College Football.

  4. @midrantos: Es besteht kein Zweifel, dass Brian Schottenheimer nicht zu obersten Garde der Offensive Coordinators gehört, insofern überrascht mich mangelhafte Adaptivitä eher wenig 😉

    Ich glaub das Problem in Seattle war aber darüber hinaus, dass Schottenheimer vom Headcoach herunter in seinen Optionen eingeschränkt wurde. Carroll lebt in Punkto Play-Calling einfach nicht im Jahr 2021.

    Logisch müsste von einem Trainerstab mehr kommen, aber wenn der HC massiv den Run fordert, ist der Schaden schon vor Arbeitsbeginn passiert.

  5. @korsakoff::
    Ja cody Alexander ist da wirklich maßgeblich- schade das inzwischen viel hinter der paywall ist.
    Das ist genau der Punkt: im college wurden da viele Lösungen entwickelt und ich befürchte Caroll ist bei allem Verdienst zu konservativ um sich damit auseinanderzusetzen.

  6. Bzgl. Rams CBs: Ganz offensichtlich sind sowohl Ramsey als auch Williams aggressive Ballhawks. Ich hoffe, die Packers zeigen einige doublemoves oder Spielzüge/Routen, die genauso beginnen, wie die bisherigen Plays auf Tape, aber anders verlaufen. Ein wenig Bait…

  7. Die Seahawks sind die Steelers 2.0

    Mit einem jungen Höhenflieger-QB (Wilson/Roethlisberger) und einer grandiosen Defense (Wagner, Bennett, Thomas, Sherman, Chancellor / Harrison, Woodley, Keisel, Polamalu, Clark) Titel gewonnen und immer weit gekommen.

    Dann haben die Defense Stars aufgehört, Coaching wurde teils konfus und man scheiterte Jahr für Jahr auf teils peinliche Art und Weise in den Playoffs, obwohl die QBs eigentlich statistisch besser wurden.

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