Philip Rivers – Der Kugelstoßer tritt ab

Gestern hat Philip Rivers mit 39 Jahren nach 17 Jahren NFL seinen Rücktritt erklärt. Mit ihm geht ein gewichtiger Teil ästhetischen Footballgenusses der letzten Jahre. Mit ihm geht auch einer der letzten Vertreter einer zu Ende gehenden Ära.

Nachdem auch sein Wechsel für eine Saison zu den Colts nicht den gewünschten Ring brachte, geht Philip Rivers als „Dan Marino unserer Zeit“ in die Annalen ein: Der beste Quarterback der letzten 20 Jahre, der nie die Superbowl gewann. Dieser Makel wird Rivers für immer eine Stufe unterhalb der größten Quarterbacks halten.

Dafür hat Rivers auf anderen Ebenen geglänzt. Er war einer der furchtlosesten „Competitors“ in der NFL. Seine einem Kugelstoßer ähnelnde Wurfbewegung war legendär und einzigartig. Seine spektakuläre Spielweise ebenso. Wenige QBs waren so immobil wie Rivers. Aber wenige haben mit so grandioser Antizipation gespielt und ganze Fenster erst mit seinen Granaten geöffnet.

Rivers war der #4 Draftpick 2004. Einberufen wurde er ursprünglich von den New York Giants im Zuge des berüchtigten Eli-Manning-Streiks – schon am Draft-Tag wurde er zu den San Diego Chargers transferiert, man möge es kaum glauben: Als Ersatz für den enttäuschenden Starter Drew Brees!

Weil sich Brees dann aber im vierten Profijahr am Riemen riss, musste Jungspund Rivers zum Karrierestart erstmal zwei Jahre hinter Brees auf der Bank sitzen. Erst als Brees nach schwerer Schulterverletzung fortgeschickt wurde, kam im Herbst 2006 die Zeit des Philip Rivers.

Rivers übernahm, damals noch mit durchsichtigem Visor spielend – und legte los wie die Feuerwehr. Die Chargers stellten ab 2006 eine atemberaubend gute Mannschaft, die mehrere Jahre lang in der NFL-Spitze mitspielte und immer wieder knapp vor dem Ziel aller Träume scheiterte.

Grausig waren die Niederlagen wie in den Playoffs 2006/07, als Rivers‘ 14-2 Chargers zuhause trotz klarer Dominanz an den Patriots scheiterten, weil Safety Marlon McCree die entscheidende Interception wegfumbelte. Oder die irre Pleite 2009/10 gegen die Jets, als ein 13-3 Team der Chargers nach drei verschossenen Fieldgoals an den Jets scheiterte.

Doch keine Niederlage brannte sich mehr in die Hirne ein als die AFC-Championship-Pleite 2007/08 bei den ungeschlagenen Patriots, als Rivers eine Woche nach einem Kreuzbandriss alle Snaps spielte (!) und mit San Diego nur knapp ausschied. Die ganze Woche hatte Rivers damals am Boden geschlafen, mit einer mechanischen Einrichtung, die sein Knie stabilisierte. Jenes Spiel begründete die Legende vom unerschütterlichen Recken.

Rivers war in den letzten 10 Jahren häufig ein Quarterback, der hie und da mal ein bissl überzog und die eine oder andere Interception zu viel servierte. Doch das lag auch daran, dass der Chargers-Kader über die Jahre ausblutete, und dass die verfügbaren Mannschaften ein Talent entwickelten, Spiele auf bizarrste Art und Weise zu verlieren. Doch Rivers trug San Diego über Jahre nicht nur im Herzen, sondern auch auf dem Buckel.

Und sieht man sich an, welche Erfolge der fortgeschickte Brees in New Orleans feierte, so war es nur der fantastischen Führungsqualität des „King of Qualcomm“ Rivers zu verdanken, dass die Fans dem Chargers-Owner nicht mit Mistgabel die Hütte einrannten und den Laden abfackelten. Mit Rivers hatten sie immer eine Chance.

Die Elite-Spielzeiten auf konstant extrem hohem Niveau wurden in den letzten Jahren rar. 2013 und 2018 spielte er die beiden besten Jahre – vor drei Jahren u.a. mit einer wirklich bemerkenswerten Partie bei den Kansas City Chiefs, als Rivers zu Weihnachten ein gewaltiges 4th-Quarter-Comeback hinlegte und mit seinen patentierten Bomben in engste Fenster die Playoffteilnahme der Bolts fixierte.

Zu Philip Rivers‘ Kultstatus gehörte auch sein überschäumendes, aber nie aufbrausendes Gemüt. Rivers war der Trash-Talker unter den Quarterbacks. Kaum eine misslungene Aktion eines Gegners blieb unkommentiert – aber immer flachsig, nie böse. Rivers‘ Status als neunfacher (!) Familienvater und seine Social Media Memes (Bsp. 1, Bsp. 2, Bsp. 3) übertünchten gar seine Bewunderung für den sogar in konservativen Kreisen umstrittenen US-Politiker Rick Santorum.

In Erinnerung bleiben wird er als Unvollendeter – und das wird seiner Hall-of-Fame-Kandidatur im Gegensatz zu seinen sportlich schwächeren, aber eben mit jeweils zwei Superbowl-Ringen dekorierten „NFL Draft 2004“-Kollegen Eli Manning (damals #1 Pick) und Ben Roethlisberger (damals #11 Pick) ein paar Stirnrunzler mehr einbringen.

Mir ist das egal.

Bei mir stand der Quarterback Rivers immer hoch im Kurs. Weil er so furchtlos spielte. Weil er so einzigartig warf. Und weil er einer der letzten Vertreter der aussterbenden unbeweglichen Pocket-Passer war. So aufregend die neue Generation Quarterbacks auch ist: Die Generation Peyton Manning, Tom Brady, Drew Brees, Rivers – sie hatte was. Sie waren alles QBs, die sich fast vollständig auf ihren Arm und ihre Mitspieler verlassen mussten.

Sie waren zwar der Dreh- und Angelpunkt ihrer Offenses. Aber eben keine Playmaker. Und trotzdem nicht weniger bedeutsam als die heutigen dual threats.

Rivers hat in 15 Jahren als Starter nicht ein einziges Spiel verpasst. Er hat einem Kreuzbandriss gleich getrotzt wie all den Hits, die er über die Jahre hinter einer immer schlechter werdenden Offensive Line kassierte, weil er als sensationellster Deep-Passer in der NFL nicht auf „seine“ tiefe Bombe verzichten wollte. Ohne diese geht ein Stück NFL-Erlebnis verloren.

Mach’s gut.

5 Kommentare zu “Philip Rivers – Der Kugelstoßer tritt ab

  1. Ein schöner Text! Die Saison 2009/2010 haben wir in San Diego studiert. Was für eine bittere Niederlage gegen die Jets bei extrem miesen Wetter für Cali Verhältnisse. Schade, dass es nie zum Ring gereicht hat.

  2. Phil Rivers Spiele am Stück Lauf wird nur von Brett Favre übertroffen. Wahrscheinlich hätte er auch noch Luft für ein Jahr gehabt. Aber er hat wohl auch erkannt, dass es nicht mehr für seine eigenen Ansprüche reicht und dann lieber am Ende einer guten Saison abtreten als am Ende einer schlechten.

    Durchaus möglich, dass Big Ben noch nachfolgt in dieser Offseason.

    Mit 144 Regular Season Spielen (exakt 9 Jahre) ist Russell Wilson nun der QB mit der längsten aktiven Serie an Spielen.

  3. Saucooler Tribute. Hab aber den Eindruck, dass der Rivers Hype gerade in den letzten Jahren nich mehr ganz seine On Field Performance gematcht hat, ja war ein starker QB aber mit den Big 4 Brady, Manning, Rodgers, Brees hat er mindestens bei der Konstanz nicht mithalten können, egal wie gut oder schlecht seine Roster waren.

    Schade daß es nie für den Super Bowl gereicht. Eigentlich müsste er anstatt Eli die beiden Ringe haben 😀

  4. Pingback: 2020 NFC Championship Game Preview: Buccaneers @ Packers | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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