2020 NFC Championship Game Preview: Buccaneers @ Packers

[5] Tampa Bay Buccaneers (13-5) @ [1] Green Bay Packers (14-3) 

Der Auftakt zum diesjährigen Championship Weekend ist am Sonntag um 21:05 Uhr der Abo-Bowl: wie immer stehen Tom Brady und/oder Aaron Rodgers in einem Championship Game. Das letzte Championship Weekend ohne Brady oder Rodgers war 2009. 2009!  Die vier Quarterbacks damals: Peyton Manning, Mark Sanchez, Drew Brees und Brett Favre. 

Tom Brady geht heute in sein vierzehntes Championship Game, Rodgers in sein fünftes. Es ist das vierte für What’s Wrong With Aaron Rodgers seit 2014.

Aber nun zum ersten Mal in seiner Starter-Karriere findet das NFC Championship Game im Lambeau Field statt. Die ersten vier waren in Chicago, Seattle, Atlanta und San Francisco.

Time is a flat circle 

Das letzte NFC Championship Game in der Frozen Tundra gab es im Anschluß an die Saison 2007. Das war das berühmte „Tom Coughlins Face Freeze Game“ bei gefühlt -30°C. Ungelogen: Es waren tatsächliche -18°C, bei einem wind chill von –30°C. 

Sports Illustrated hat vor vier Jahren eine schöne Oral History dieses Spiels produziert: 

Beim Liveblog-Urgestein dogfood waren damals wichtige Stichworte in der Nacht „Tom Nütten“ (Der „Deutsche Super-Bowl-Sieger!“) und „Sopcast“ (zum Glück kann sich daran heute niemand mehr erinnern: ruckelige 240px Streams die in kalten Winternächten von Lastern gefallen sind… ). Es ist einfach Wahnsinn, wieviel sich seither für europäische NFL-Fans zum Besseren verändert hat! Damals hielten wir noch Online-Kolumnen von Peter King und Gregg (gg!) Easterbrook für das Nonplusultra moderner Hintergrundinformationen und ein nur abgehackt zu hörendes „I’m Joe and that’s Troy“-Kommentatorenduo für die schönsten Stunden an kalten Januartagen….und heute erklären uns analytische Briten die NFL-Welt besser als die „Profis“ aus den USA selbst.

Never forget: früher war gar nichts besser, nicht nur im Football. Heute ist alles besser als früher!

Time is a flat circle. 

Jedenfalls, dieses 2007er NFC Championship Game: es war kalt, sehr kalt in Green Bay, Wisconsin.

Und es war auch das letzte Spiel von Brett Favre für die Packers. Vier Sekunden vor Schluß verschießt New Yorks Lawrence Tynes ein 36-Yard Field Goal zum Sieg; das Spiel Green Bay Packers gegen die New York Football Giants geht in die Overtime. Dort wird der erste Paß von Favre, sein letzter als Packer, direkt von Cornerback Corey Webster intercepted – und drei Spielzüge später schießt Tynes die Giants aus 47 Yards in den Super Bowl. 

In diesem Super Bowl XLII spielten die Giants gegen die New England Patriots und Tom Brady. Die Patriots hatten vorher an diesem Sonntag, 20.01.2008 das AFC Championship Game gegen die San Diego Chargers gewonnen: das berühmte Philip-Rivers-ohne-Kreuzband-Spiel, das in keinem der vielen zu recht huldigenden Beiträgen zu Rivers‘ Rücktritt diese Woche ausgelassen wird. Es war das fünfte Championship Game von Brady. 

Die 19-0-Patriots haben bekanntlich damals in der Saison 2007 die NFL mit ihrer Offense revolutioniert. Mehr Shotgun, mehr Spread, mehr Passen, mehr Integration von Slot Receiver Wes Welker: das damals 30-jährige Wunderkind Josh McDaniels als Offensive Coordinator hat 2007 zusammen mit dem damals schon legendären Bill Belichick einen Angriffsfootball etabliert, der für die NFL prägend werden sollte.

Brady throws…

Eine WR-Combo wie Randy Moss, Wes Welker, Donte‘ Stallworth und Jabar Gaffney mit jeweils mindestens 50 Targets findet man sogar heute nur selten. Der aktuelle Receiving Corps von Brady in Tampa ist einer der wenigen, der daran heranreicht. 

Aber so sehr die Patriots damals ihrer Zeit voraus waren, so sehr hinken die 2020er-Buccaneers ihrer Zeit hinterher. Mit Chris Godwin, Mike Evans, Scotty Miller und Giseles Horror-Mitbewohner AB84 (aktuell #81 und verletzt: Brown wird nicht spielen) hat Tampa Bay ein Receiving Corps, das durchaus an die 2007er-Patriots heranreichen könnte, allein: HC Bruce Arians und OC Byron Leftwich haben einen Rumpelfootball-Fetisch und in den beiden Playoff-Spielen dieser Saison Leonard Fournette 36 Carries (!) gegeben. Der kann immerhin ab und zu mal einen Ball fangen, während RB-Kollege Ronald Jones mehr Pässe fallen läßt als ein mittelmäßiger Cornerback. 

Korsakoff hat hier oftmals verwundert bis verärgert beschrieben, wie unsinnig der Ansatz der Bucs in der Offense ist. Aber immerhin reißt Tom Brady einiges raus. Immer wieder ändert er den Spielzug an der Linie. Und zumindest wenn Not am Mann und auf dem Scoreboard ist, darf er eine No-Huddle Offense laufen und seine eigenen Spielzüge ansagen. Das hilft. Ebenso, daß anscheinend auf Anraten von Brady in der zweiten Saisonhälfte vermehrt Play Action-Spielzüge integriert wurden, die er in seiner Patriots-Zeit perfektioniert hat. 

Im Grunde hatte Tampas Offense seit November nur ein richtig gutes Spiel gegen einen ernstzunehmenden Gegner: in den Wild Card Playoffs gegen Washington. Davor haben sie wochenlang gegen Verteidigungen aus der 3. Liga gespielt; und letzte Woche konnten sie sich die Turnovers der Saints auf’s Brot schmieren. Wenn man da mal genauer hinschaut, findet man wenig Erfreuliches in Tampas Offense. Das ist eher Sopcast 2007 als All-22 2020. Was funktioniert: tiefes und intermediate Paßspiel, wenn es keinen Druck auf de QB gibt. Naja, außer Chris Godwin hat immer noch die Droperitis, die er sich irgendwann im Dezember zugezogen hat.

…oder Fournette läuft?

Packers-DC Mike Pettine weiß, daß Passen wichtiger ist als Laufen. Deshalb spielt er soviel Nickel und Dime und vernachlässigt die Lauf-Verteidigung.

Das, was den Packers in ihren schlimmen Playoff-Niederlagen der letzten Jahre, vor allem im 49ers-Tryptichon 2012/13/19, zum Verhängnis geworden ist, kann ihnen jetzt ironischerweise zum Vorteil gereichen: ihre lasche Run Defense. Denn diese schwache Laufverteidigung könnte Arians/Leftwich dazu verleiten, umso mehr zu Laufen. Als Packers Fan, über was würdest du dich mehr freuen: 50 Läufe von Fournette/Jones – oder 50 Pässe von Brady? Ja, logisch.  

Brady ist auch sichtbar genervt. Brady war auch schon in New England ein relativ emotionaler Typ seinen Mitspielern und Coaches gegenüber, wenn es mal nicht so lief. Nicht nur OC Bill O’Brien (ja, der Bill O’Brien) wurde prominenter Akteur in „Heated Conversations“ mit Brady. Als Buccaneer sieht man Brady nun regelmäßiger denn je lamentieren und rumnörgeln – auch wenn es bisher noch keinen Coach getroffen hat. Aber mit seinen WRs und Offensive Linemen hat Brady viel Gespächsbedarf.

Es ruckelt noch erheblich in der Bucs Offense, auch nach mittlerweile 18 gemeinsamen Spielen. Vor allem under pressure hat Brady große Probleme. Seine Receivers und er sind zu oft nicht on the same page, wenn es um Anpassen der gelaufenen Routen und Hot Reads geht. Ohne Pressure dagegen klappen auch oft die Deep Balls.

Kann Green Bay Brady unter Druck setzen? Der Pass Rush der Packers ist gut, aber nicht großartig. #55 Za’Darius Smith ist die einzige große Nummer als Edge Rusher; #91 Preston Smith spielt eine schwache Saison; #52 Rashan Gary, letztjähriger 1st-rd pick kommt dafür immer besser in Fahrt. Das wird über Außen eine schwierige Aufgabe für Smith, Smith & Gary gegen Tampas Tackles #76 Donovan Smith und #78 Tristan Wirfs, die in den letzten Wochen überragend gespielt haben.

Die entscheidende Schwachstelle für Brady und die Bucs könnte der Right Guard sein: Aaron Stinnie, der bis zu seinem Einsatz letzte Woche nur nur 30 NFL-Snaps gespielt hatte. Stinnie muß Alex Cappa ersetzen, der sich in der Wild Card den Knöchel gebrochen hat. Green Bay hat mit #97 Kenny Clark genau den Richtigen, um diese Schwachstelle anzugreifen, wenn auch Clark im Vergleich zu den letzten beiden Jahren schwächer spielt. Besonders gefährlich können hier die Stunts werden, bei denen #52 Gary oder #55 Smith über die Mitte hereinbricht.

Rodgers im Rhythmus 

Während Brady sich über den Geschmack seiner Kollegen beschwert, haben auf der anderen Seite Aaron Rodgers und sein Playcaller Matt LaFleur wahrscheinlich sogar eine gemeinsame Spotify-Playlist, so sehr sind sie in ihrem zweiten gemeinsamen Jahr auf einer Wellenlänge.

Das Wort „eingegroovet“ hat nie besser gepaßt, als bei diesen beiden, die im ersten Jahr noch aneinander vorbeigeredet haben. Wie in einer guten Jazz-Combo paßt bei den Packers mittlerweile alles ineinander: Spielsystem, Band-Leader, Rhythmusgruppe und die verschiedenen Solisten. 

Letzte Woche war für NFL-Twitter das Spiel gegen die Rams nie in Gefahr. So habe ich das live nicht gesehen. Denn es lag aber vor allem daran, daß die Packers-O perfekt war. Wirklich wahnsinning perfekt, zumindest in der ersten Hälfte. Die ersten drei Drives gingen über 34 Plays. Wenn ich richtig aufgepaßt habe, war nur ein einziges Play für Raumverlust dabei (1 von 34!): ein Holding von TE Big Bob Tonyan. Nach diesen nur drei Drives waren nur noch 3:29 Minuten auf der Uhr. 

Im vierten Drive, der begann 29 Sekunden vor der Halbzeit, hat Rodgers dann 1,5 Interceptions geworfen, die nicht abgefangen wurden. 

Wird einer der Drives durch negative plays gestoppt und wird ein Ball abgefangen, fühlt sich das Spiel auch offen an. Die Rams-D war näher dran, als es NFL-Twitter gefühlt hat. Daß die Packers-O fast perfekt war, ist fast untergegangen, als so selbstverständlich wurde das hingenommen. 

Das erste Ziel der Rams-D ist: Big Plays verhindern. Sie versuchen den Gegner in ein Klein-Klein zu zwingen, daß jeder Drive für einen Score des Gegners mindestens über zehn kurze Plays gehen muß. Und das haben die Packers um Rodgers so gut geschafft, wie niemand vor ihnen. Wie gesagt: nur ein negative play bei 34 Snaps um das Spiel zu beginnen.

Bucs-D

Die Bucs-D ist da anders eingestellt. Die wollen selber Plays machen. Die wollen aggressiv sein. Die wollen blitzen, die wollen Action! In Woche 6 beim beeindruckenden 38-10-Sieg gegen die Packers hat das gut geklappt. Da hatten gerade die Packers O-Line große Kommunikations-Probleme, die Blitzes aufzunehmen. 

Nicht nur hat die Packers-O sich seither besser zusammengefunden, auch ohne Left Tackle Bakhtiari. Auch haben die Packers dieses Spiel aus Woche 6 nun als Coaching Tape. 

Wenn die Rodgers-LaFleur-Combo im Groove bleibt, den sie seit Woche 6 gefunden haben, wird es sehr schwierig für die Bucs-D. 

Das eine ist natürlich: Blitz pre snap erkennen und ausnutzen. Aber ein anderes taktisches Mittel, das LaFleur seit einigen Wochen nutzt, hilft sowohl dem Run Game als auch gegen aggressive Blitzes: das Pony Package.

Dabei werden die beiden Running Backs #33 Aaron Jones und #28 AJ Dillon gleichzeitig aufgestellt. Pre Snap geht #33 Jones in Motion und stellt sich als Receiver auf. Geht ein Linebacker und potentieller Blitzer mit raus hinaus aus der Box auf Jones, kann Dillon gegen eine leichte Box laufen. Bleibt die Box auch nach motion voll zum blitzen, hat Jones viel Platz als Receiver. Gegen die Rams hat das wunderbar funktioniert zum Laufen. Rams-DC Brandon Staley ist geduldig geblieben und hat immer einen Linebacker mitgehen lassen, in dem Wissen: lauf doch für fünf! Immer noch besser als #33 Jones in space für ein potentielles Big Play zu haben. Bleibt Bucs-DC Todd Bowles genauso geduldig? 

Ein anderes Mittel für die Packers-O ist WR #17 Davante Adams im Slot. Da isolieren gegnerische Offenses gerne #23 CB Sean Murphy Bunting gegen ihren besten WR. Für Adams aber eigentlich auch egal, denn er kann jedem Cornerback schon an der Line of Scrimmage die Schuhe ausziehen. 

Nachdem die Packers-O letzte Woche gegen L.A. in Halbzeit Eins so effizient gelaufen ist, hat sie in Hälfte Zwo mit mehreren Double Moves ihrer Receivers die sich steigernde Aggressivität der Rams-CBs für Big Plays ausgenutzt. Vor allem der bullige WR #13 Allen Lazard, der seine Stärken im Run Blocking hat, hat den mangelnden Respekt für seine WR-Skills ausgenutzt und konnte hinter die Defensive Backs laufen.

Rhythmusbrecher

Es ist natürlich für die Defense klüger, immer immer  wieder drei, vier, fünf Yards zuzulassen, als ein Big Play zuzulassen. Aber diese Disziplin bei den Spielern und diese Geduld im Playcalling beizubehalten, geht gegen die Natur des Menschen. Wenn sogar der Stoiker Brandon Staley die Geduld verliert, sollte Buccs-DC Bowles diese Woche einige Filmroom Sessions gegen Meditationen getauscht haben

Andererseits ist der aggressive Ansatz potentiell besser geeignet, den Rhythmus der Offense zu stören. Gerade die schnellen, kurzen Pässen können mit unübersichtlichen Aufstellungen und Zone Blitzes gut gestört werden. Besonders prominent springt #90 Jason Pierre-Paul aus seiner Rolle als Right End immer wieder nach hinten und verhindert mit seinen langen Krakenarmen den schnellen Slant.

Immer noch ein wenig Angst habe ich vor den LaFleur-Specials mit seinen Gadget Players Tavon Austin und Türsteher Dominiqe Dafney. Im Spiel letzte Woche gegen die Rams hat er sie nicht ausgepackt wie noch in den letzten beiden Regular Season Games. Aber wenn es mal harzig wird, könnte der Moment kommen. Gerade wenn die Buccaneers-D durch Blitzes den Rhythmus in Early Downs zu sehr stört und LaFleur zurückstören will, auf daß DC Bowles sich etwas mehr zurückhält.

Es könnte ein sehr interessantes Katz-und-Maus-Spiel werden: das Abwechseln von Serien der Bucs-D mit vielen Blitzes und wenigen Blitzes – und die antizipierende Reaktion darauf der Packers-O mit Blitz Beaters: Screen Passes, Shot Plays mit Max Protection, Gadget Plays mit Austin/Dafney.

Schluß 

Die Packers sind hier für mich deutlicherer Favorit als die –3,5 Punkte, die sie von den Wettbüros bekommen. 

Was die Buccaneers brauchen, sind zwei Dinge. Eins: Big Plays und schnelle Scores in der Offense. Zwei:  Geduld und Disziplin in der Defense. Was sie nicht brauchen: viele dumme 1st-Down Runs mit Ballbesitz und zu aggressive Defense gegen das kollaborative Mastermind Rodgers/LaFleur. Hab Geduld mit deiner Defense. Brady kann da auf der anderen Seite mithalten, der war schön öfter mal hier.  

Und provozier‘ Rodgers nicht zu sehr. Die Blitzes lieber punktuell einstreuen als Rhythmusbrecher. Ansonsten laß‘ die Packers lieber laufen und laufen und laufen gegen leichte Boxes, auch wenn es dein Gefühl schmerzt, 10-Play-Drives zuzulassen. So gut die Packers-O auch zusammenpaßt: dieses Sich-Einladen-Lassen zum Lauf nehmen sie noch zu gerne an. Sogar letzte Woche gegen die Rams war es letzte Woche Mitte viertes Viertel ein One Score Game.

Das ist vielleicht die nächste Evolutionsstufe der NFL-Offenses, mit der ein junges OC-Wunderkind wie damals 2007 Josh McDaniels mit einem smarten QB wie Brady die Liga überraschen kann: Paßspiel gegen leichte Boxes, die eigentlich zum Laufen einladen sollen.  

2 Kommentare zu “2020 NFC Championship Game Preview: Buccaneers @ Packers

  1. Pingback: NFL-News aus Detroit | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Pingback: NFC Championship 2020/21 im Liveblog: Green Bay Packers – Tampa Bay Buccaneers | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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