Die neue erste NFL-Wettregel

„Setze nicht gegen Patrick Mahomes und Andy Reid.“

Ich hatte das Thema diese Saison immer mal wieder: Viele analytische Modelle, wie PFF, 538 oder der ESPN FPI, hatten die Chiefs trotz ihrer zahlreichen knappen Siege über Wochen deutlich auf #1, obwohl das frei verfügbare nflfastR-Package mit seiner sehr ähnlichen Datengrundlage auf EPA/Play gegen Saisonende raus die Chiefs immer weiter „downgradete“.

Kollege Herrmann hat es am Samstag in seiner Preview so zusammengefasst:

Die Storyline hier ist schnell erzählt. Die Kansas City Chiefs werden weithin für unschlagbar gehalten, weil sie Patrick Mahomes haben. Dieser ist so eine Art Terminator: feuerfest und kugelsicher. Unbesiegbar. Vereinzelt halten sich in der NFL Community auf Twitter & Co kleine Ecken, in denen auf Advanced Stats verwiesen wird, welche den Chiefs die Unbesiegbarkeit absprechen. Die Reaktionen darauf beschränken sich komischerweise oftmals auf Gefühle, als wären die Beobachter plötzlich genervt von ihrer ansonsten analytischen Betrachtungsweise.

Zu diesem Absatz muss allerdings ergänzt werden: So ganz „beschränkt auf Gefühle“ sind und waren die ganzen Argumentationen nicht. Denn Mahomes in der Chiefs-Offense ist ein ziemlich einzigartiger Sonderfall, den zu modellieren gar nicht so einfach – ja, eine ziemliche Herausforderung! – ist.

Das liegt vor allem daran, dass Mahomes in seinen bisherigen drei Jahren als Starter völlig anders tickt als alle seiner Elite-QB-Kollegen:

  1. Mahomes ist am besten, wenn er mit dem Rücken zu Wand steht. Je größer der Rückstand und je geringer die Siegchance seiner Chiefs, desto effizienter ist Mahomes.
  2. Punkt 1 ist krass genug, aber nix gegen Punkt 2. Denn: Je eher die Defense Passspiel erwartet und sich dafür aufstellt, desto besser ist Mahomes!
  3. Mahomes ist fassungslos gut in 3rd Downs – und fassungslos stabil.

Ethan Douglas hat die Punkte über die letzten Monate immer wieder herausgearbeitet – und es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass Mahomes in diesen drei Bereichen „Regressions-resistent“ ist.

King of Comebacks

Hier Punkt 1: Mahomes ist am besten dann, wenn die Siegchance der Chiefs am geringsten ist. Alle, wirklich alle Star-Quarterbacks der letzten 20 Jahre, sind dann effizienter, wenn sie nicht aufholen müssen.

Und das ist eigentlich auch logisch: Einmal deutet ein Rückstand eh schon darauf hin, dass an dem Tag was schiefgelaufen ist / schiefläuft. Und zweimal bedeutet einem Rückstand nachzujagen für gewöhnlich auch höhere Turnover-Gefahr, weil der QB riskanter spielen muss. Und drittens: Je deutlicher der Rückstand (je niedriger die Siegchance), desto stärker kann sich die Offense auf Passspiel einstellen.

Nur Mahomes killt den Trend – und wie! Drei Jahre sind noch keine perfekte „Sample Size“, aber das Konfidenzintervall wird kleiner und kleiner und es gibt null Anzeichen dafür, dass sich bei Mahomes der Trend umkehrt.

King of Passing Downs

Punkt 2: Je eindeutiger die Spielsituation Passspiel erwarten lässt, desto besser ist Mahomes. „Pass-Erwartung“ setzt sich dabei zusammen aus Down, Distanz, Spielstand, Play-Clock.

Mahomes tickt auch hier total anders als der Rest der NFL. Auch hier: Wir haben drei volle Spielzeiten Testmenge, und keine Biegung des Trends zu erkennen.

Dass die Chiefs-Offense dann besser ist, wenn jeder weiß, dass sie wirft, entbehrt eigentlich jeder Logik. Die einzige Erklärung dafür (neben Randomness) ist, dass: Defense doesn’t matter. Es ist den Chiefs schlicht wurscht. Wenn sie wollen, performen sie. Wenn nicht, ist halt Schlendrian.

NB: Randomness kann man noch nicht ganz ausschließen. Aber auch hier ist das Konfidenzintervall schon schmal geworden.

King of 3rd Downs

Punkt 3: 3rd Downs. Mahomes ist nicht nur der König der Comebacks und der König der Passsituationen. Er ist auch unfassbar stark in 3rd Downs. Und zwar beständig stark – über alle drei Saisonen ist er der beste QB in 3rd Downs.

Das liegt einmal daran, dass er das notwendige Risiko eingeht und als einziger QB radikal „over the sticks“, also über die gelbe 1st-Down-Markierung wirft. Mahomes hat nahezu ideales Spielgefühl für 3rd-Down-Situationen – im Gegensatz zur Konkurrenz, die eher random immer denselben Stiefel runterspielt.

Es gibt da dieses atemberaubende Chart, das Mahomes mit Derek Carr gegenüberstellt – Stichwort „Football-Intelligenz“.

Und Mahomes kassiert kaum 3rd-Down-Sacks und ist der beste oder zweitbeste Scrambler in diesem Situationen:

Deutlicher: Mahomes ist der perfekte Quarterback.

King of Quarterbacks

Mahomes ist dort konstant fantastisch, wo man fantastisch sein möchte – aber wo niemand anderes Beständigkeit zeigt: Bei Rückstand, in klaren Passing-Downs, in 3rd Downs. Er ist ein Cheat-Code, und die Indizien deuten darauf hin, dass es sich nicht zwingend um Ausreißer hergerichtet für Regression handelt, sondern dass er wirklich „anders“ ist.

Gepaart mit einem Play-Caller wie Andy Reid, der nicht bloß die besten Play-Designs in der NFL bringt, sondern auch gelernt hat, die notwendige Aggressivität an den Tag zu legen und auf alle NFL-Konventionen („establish the run“…“run to set up play action“…“play for managable third downs“) pfeift – und gepaart mit den beiden mutmaßlich besten Waffen auf Tight End (Travis Kelce) und Wide Receiver (Tyreek Hill) ist das, wenn sie will, eine ganz nahe an der Perfektion befindliche Offense.

Die drei obigen Punkte haben immer vermuten lassen, dass die Chiefs bei allem Schlendrian „da sein“ werden, wenn es die Situation erfordert. Von daher beruht die Annahme, dass Kansas City bei allen „close games“ usw. besser ist als die Statistiken, eben doch auf mehr Fakten als dem reinen „Gefühl“.

Die Combo Mahomes/Reid ist einzigartig in der NFL. Früher durfte man nicht gegen Brady/Belichick wetten. Jetzt sind es Mahomes und Andy Reid.

5 Kommentare zu “Die neue erste NFL-Wettregel

  1. Kann es sein, dass sich Punkt zwei und drei doppeln? Dass also Punkt zwei stark davon beeinflusst wird, dass Mahomes in 3rd down so gut performt- wo tendenziell mehr passing downs mit mehr pass Verteidigern sind?

  2. Ja doppeln sich, auch 1 und 2 überschneiden sich. Aber ist keine perfekte Überschneidung, denn auch 2nd & long ist eine klare Passsituation und es gibt kurze 3rd Downs.
    Es deutet einfach vieles darauf hin, dass Mahomes in der Andy Reid Offense mit dem Rücken zur Wand ein Unicorn ist.

  3. Top Analyse. Ich hab viele Fragen :)=

    Denkst du, daß sich das noch einmal einpendeln wird wie bei den anderen Top QBs? Also, daß es nicht so krass in die andere Richtung ausschlägt wie jetzt?

    Wie viel ist daran Mahomes, wie viel Reid, wie viel die Waffen, wie viel Kombination von dem ganzen? Ist es wirklich möglich, daß Mahomes das Spiel so anders spielt als alle anderen?

  4. Ich glaube ein Teil der Antwort ist hier zu finden: https://www.spox.com/story/wie-patrick-mahomes-das-gesicht-der-nfl-wurde/
    Mahomes ist im Werfen weitgehend perfekt. Und nur weil er wie es bei Genies nunmal so ist, auch ein wenig schludrig ist, klappt nicht immer alles. Wenn er aber drauf ankommt, dann reißt er sich am Riemen und schon funktioniert. Der Vorteil ist, er muss sich nicht auf den Wurf konzentrieren, sondern darauf das Wurfziel zu finden. Und er muss den Gegner im Auge haben, damit er nicht gesackt wird.

  5. Pingback: Super Bowl 2020 Preview: Begegnung mit der Offense der Kansas City Chiefs | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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