Falcons-Coach Arthur Smith - Bild: Wikipedia

Das NFL Trainerkarussell 2021 hat fast ausgedreht

Öwi hat mich gestern darauf aufmerksam gemacht, dass eine aktualisierte Übersicht über die Coaching- und GM-Besetzungen in der NFL an der Zeit wäre. Und er hat recht!

Ich habe das Sheet gestern Abend mal aktualisiert – es sind, keine weiteren Entlassungen oder Rücktritte vorausgesetzt – nur mehr wenige Posten zu vergeben:

Wichtigste Auffälligkeit: Alle sieben neuen Headcoaches sind Novizen (Campbell war mal für eine Dreiviertelsaison Interims-HC in Miami). Wichtige, hoch gehandelte Namen wie Chiefs-OC Eric Bienemy oder Panthers-OC Joe Brady haben keinen Cheftrainerposten bekommen. Auch Doug Pederson schaut nach seinem Abgang in Philly erst einmal dumm aus der Wäsche.

Zu den einzelnen Teams.

Ich maße mir nicht an, zu jeder dieser Einstellungen eine qualifizierte Einschätzung abgeben zu können, daher lass uns mal kurz drüberfliegen.

Atlanta Falcons

Die neue Führungriege steht. Arthur Smith ist eine interessante Wahl, weil er vor eineinhalb Jahren mithilfe der Einwechslung von QB Ryan Tannehill eine völlig leblose Titans-Offense zu einer der besten in der NFL machte. Der Erfolg zog sich trotz aller unkenrufe von wegen Regression auch weiter in die letzte Saison – und Smith hat sogar einige Adjustments vorgenommen.

Smith spielte eine Offense in der Shanahan/McVay-Tradition, obwohl er in seiner Vita nur ein einziges Jahr unter einem Coach aus diesem Tree gearbeitet hatte (LaFleur 2018, als Tennessee grausame Offense spielte).

In Tennessee zeichnete sich die Offense durch extrem viele Crossing-Routes, hohen Play-Action- und Motion-Einsatz, aber auch durch ständiges Early-Down-Rushing aus.

Welches Gesicht man in Atlanta sehen wird, müssen wir abwarten. War das Laufspiel so extrem, weil er Derrick Henry hatte? Funktionierte die Offense nur weil A.J. Brown ein Monster war und Tannehill die Eier hatte tief zu gehen? Einen höherklassigen Runningback gibt es in Atlanta nicht, aber das ist auch wurscht. Dafür hat er den besseren QB und gleich zwei Receiver von Format.

OC wird Dave Ragone. Den kenne ich noch als Backup-QB in Madden 2004. Als DefCoord lockte man Dean Pees aus dem Ruhestand. Pees ist ein Urgestein, der lange Jahre bei den Pats und Ravens den Coordinator gab – einen viel erfahreneren Mann hätte Smith nicht finden können.

GM Terry Fontenot ist für mich eine komplette Unbekannte. Die Kollegen vom Sturzflug-Blog haben ihn genauer angeschaut. Wie übrigens auch Smith, Ragone und Pees.

Carolina Panthers

Scott Fitterer wird GM. Zum Mann habe ich keine genaueren Infos. Ich würde erwarten, dass Fitterer eine Art „Zulieferant“ für Headcoach Matt Rhule ist, der den Laden schmeißt. Wichtig für Rhule: OffCoord Joe Brady wurde nicht als Headcoach abgeworben. Prinzipiell sollten die Panthers diese Offseason unbedingt schauen, eine langfristige Quarterback-Lösung zu finden.

Detroit Lions

Den Kollegen Dan Campbell und seine martialische Art kennen wir bereits. Campbell ist wahrscheinlich der stärkste neue Headcoach in diesem Zyklus. Auch der beste? Naja…

Campbell ist ein „culture coach”: Die Scheming-Arbeit den Coordinators überlassen, sich mehr um die allgemeine Stimmung kümmern. Großer X&O Guy ist er nicht, dafür immer für einen flotten Spruch zu haben. Die Medienmeute hängt ihm schon an den Lippen.

OffCoord wird Anthony Lynn, womit der Weg für eine eher lauflastige Offense vorgezeichnet ist. Die anstehende Trennung von QB Matthew Stafford deutet derweil auch darauf hin, dass die Lions mit einem längerfristigen Umbruch planen – wohl auch daher Sechsjahresvertrag für Campbell.

DefCoord wird Aaron Glenn. Der war früher als Spieler Defensive Back u.a. bei den Texans und galt als relativ stark umworben. Ich hab noch keine genaue Vorstellung wofür Glenn steht, aber von Coverages dürfte er Ahnung haben.

Auffällig in Detroit auch: Campbell ist als Galionsfigur wahrscheinlich geradezu die Verkörperung des energischen weißen Mannes, aber beide Coordinators und der neue GM Brad Holmes sind Schwarze. Sollte einer der Coordinators zünden, könnte Detroit Compensatoy-Picks bei Abwerbung abstauben.

Houston Texans

Gestern hatte ich die Einstellung und das Drama um Deshaun Watson schon in der Analyse. David Colley ist als Coach trotz 35 Jahren Erfahrung ein ziemlich unbeschriebenes Blatt – das muss man auch erstmal schaffen. Zum Saisonstart wird er 66. Ein cooles Alter für den ersten Cheftrainerposten.

Man behält OC Tim Kelly. Der neue DefCoord Lovie Smith bringt etwas Erfahrung rein – aber inwiefern Smiths schon vor fünf Jahren völlig überholte Tampa-2 Defenses in der heutigen NFL noch konkurrenzfähig sind, muss man schauen.

Zu GM Nick Caserio hab ich wenig Meinung. Er kommt aus dem Patriots-Haus, was heutzutage fast schon „Red Flag“ ist. Caserios Einstellung war wohl der letzte Dominostein dafür, dass Watson keinen Bock mehr auf den ganzen Sauhaufen hat.

Jacksonville Jaguars

Hier haben Jan Weckwerth und ich schon in drei Teilen beim Lead-Blogger draufgeschaut. OffCoord Bevell ist aus Seahawks- und Lions-Zeiten bekannt. Er steht für Early-Down-Pounden als Vorbereitung auf Play-Action mit tiefen Pässen. Zumindest haben die erfolgreichen Versionen seiner Offenses so funktioniert. Die weniger erfolgreichen? Die hatten gar keine Identität.

GM wird Trent Baalke. Der ist bei mir als rotes Tuch abgespeichert. Baalke hätte gut nach Houston gepasst, so wie er einst die Jim-Harbaugh-49ers innerhalb kürzester Zeit eingerissen hat. Baalke übernahm 2011 in San Francisco GM einen extrem aufgepumpten Kader, den Harbaugh zu Superbowl-Reife coachte und zerstörte ihn von 2014-2016 innerhalb von nur zwei Jahren.

Los Angeles Rams

DefCoord Brandon Staley wird durch Raheem Morris ersetzt. Das ist eine ziemlich uninspirierende Wahl nach dem Revoluzzer Staley. Ob McVay da wieder einen „defensiven Counterpart“ gefunden hat?

Los Angeles Chargers

Über Staley und die OC-Bestellung von Joe Lombardi habe ich schon geschrieben. Lombardi war schonmal OffCoord – 2014-2015 in Detroit, und die „Ära“ konnte nicht schnell genug vorüber gehen.

Lombardi hat in seiner Eröffnungs-PK letztlich genau die richtigen Dinge gesagt – aber wenn das funktionieren soll, dann muss er in den letzten Jahren in seinem zweiten Coaching-Aufenthalt in New Orleans viel, sehr sehr viel, gelernt haben was er im ersten nicht gelernt hat.

New York Jets

Die Saleh-Einstellung wird allerorts heftig gefeiert. Interessanterweise kann ich sie überhaupt nicht greifen. Vermutlich, weil nach wie vor total unklar ist, was die Jets mit ihrem #2 Pick und ihrer Quarterback-Position machen werden. Das muss ich mir irgendwann noch genauer anschauen.

Philadelphia Eagles

Der neue Headcoach ist Nick Sirianni. Die Dynamik hinter der Einstellung ist durchaus interessant: Sirianni kommt aus dem Trainerstab von Frank Reich in Indianapolis. Und der war vor seiner Anstellung in Indy Doug Pedersons Offensive Coordinator in Philadelphia! Jener Pederson, der bekanntlich unter dubiosen Umständen gefeuert wurde/sich selbst feuern ließ.

Der Verdacht liegt nun nahe, dass die Eagles einfach nur einen „schwachen“, kontrollierbaren Headcoach wollten. Die komplizierten Machtverhältnisse in dieser Franchise bedeuten u.a. einen Analytics-getriebenen GM Howie Roseman, der als Liebling von Owner Jeff Lurie gilt – aber eben auch einen QB Carson Wentz, mit dem man unbedingt in die Zukunft gehen will, der aber dem Vernehmen nach den Coaches ganz gerne aufdiktieren will, welche Offense denn nun zu spielen sei anstatt die Offense zu spielen, die die Coaches mitbringen.

Der mit seinem Vertrag trotz sportlicher Talfahrt kaum antastbare Wentz hat mit Pederson nun einen Superbowl-Winning-Headcoach auf dem Gewissen – den Winner jenes Superbowls, den Wentz‘ Backup gewann.

Sirianni wird es nicht einfach haben, wenn er in diesem Machtgefüge Erfolg haben will. Der Eagles-Kader ist in die Jahre gekommen und steht wegen kolossaler Salary-Cap-Schulden vor einem Umbruch.

Über die Coordinators habe ich mich noch nicht informiert. Ich hab nur mitbekommen, dass Roseman Press Taylor wohl unbedingt raushaben wollte.

Pittsburgh Steelers

Neuer OffCoord: Matt Canada. Der Glatzkopf ist ein brutal schwierig einzuschätzender Hire. Canadas Offenses gelten als komplex, aber durchaus auch als innovativ. Er hat in seiner bisherigen Coaching-Karriere vor allem am College gecoacht und schon viele Typen von Offense spielen lassen – immer angepasst an das Personal.

Sein Markenzeichen sind viele Jet-Sweeps und einigermaßen viel Bewegung an der Anspiellinie. „Statisch“ geht anders. Es gab Stationen, da hatte Canada gute Erfolge. Aber z.B. bei LSU ist er grandios gefloppt.

Canada hat übrigens schon mal in Pittsburgh gecoacht – aber beim College-Team Panthers (um 2015). Dort galt er als extrem beliebt bei den Fans, weil seine Offense immer was Neues bot. Es war eine extrem Shift-lastige Offense mit einer Unzahl an eingebauten Sweeps.

Canada jetzt mal in der NFL zu sehen ist durchaus reizvoll, auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt unklar ist ob mit oder ohne Big Ben auf QB.

San Francisco 49ers

Kyle Shanahan hat den abgeworbenen DefCoord Robert Saleh mit einer internen Lösung DeMeco Ryans besetzt. Der war vor gar nicht allzu langer Zeit noch Spieler in der NFL (2006 war Ryans als Texans-Linebacker Rookie des Jahres). Ryans hat ein paar Jahre in der Niners-Defense gelernt und kennt das System. Dass Shanahan zum wiederholten Male interne Lösungen befördert, ist ein gutes Zeichen für die Funktionsfähigkeit seines Staffs und seiner ganzen Philosophie.

Seattle Seahawks

Neuer OffCoord nach dem glanzlosen Abgang Brian Schottenheimers: Shane Waldron. Der kommt interessanterweise aus dem Staff der Rams. Ich hätte aufn ersten Blick gewettet, dass Waldron da „Runningback-Coach“ o.ä. war – aber nein: Sein letzter Titel dort war „Pass Game Coordinator“. Man höre und staune.

Bissl Wide-Zone-Philosophie bei den Hawks tut sicher nicht schlecht. Play-Action-Deep-Shots war das was die Rams-Offense 2017 und 2018 so erfolgreich machte. In Seattle hat Waldron in Russell Wilson jetzt auch einen entsprechenden QB.

Washington Football Team

Martin Mayhew wird GM. Man möchte fast sagen: “Immerhin“ nicht das Schreckgespenst Marty Hurney, das kurz gehandelt wurde. Mayhew ist einer der seltenen GM-„Retreads“ – er war schonmal in Detroit GM. Überragend war er dort nicht – aber seit er weg ist gings bei den Lions nur noch viel steiler bergab.

In Washington wird er vermutlich eh nur Beiwerk für den alles überstrahlenden Ron Rivera sein.

Die offenen Posten

Ich sehe noch drei unbesetzte OC-Posten. Miami, Minnesota und Tennessee. In Minneosta wäre naheliegend, dass man den zurückgetretenen Gary Kubiak mit dessen Sohnemann Klingt nachbesetzt – aber offiziell ist das glaube ich nicht verkündet worden.

In Tennessee graut mir vor der nächsten Einstellung. Ich traue Vrabel einfach nicht über den Weg.

Und Miami? Wartet man dort ab ob man Deshaun Watson bekommt? Dann wär’s über Nacht der spannendste Posten des Jahres.

9 Kommentare zu “Das NFL Trainerkarussell 2021 hat fast ausgedreht

  1. Ich glaube das die Falcaholics mit Terry Fontenot als GM leider einen guten Griff gemacht haben.

    Das Loomis Office hat Spezialisten für jeden Bereich. Seine erste und leider auch letzte wirklich gewichtige Position bei den Saints war in den letzten 5 Jahren die des Pro Scoutings (FreeAgents, Waiver Wire, undraftet usw.) und da hat er einen exzellenten Job gemacht. Die Saints haben sich in diesen 3 Bereichen unter ihm deutlich verbessert. Fragezeichen gibt es wenn, bezüglich Draft und Cap Management.
    Da er aber schon seit längerem als Loomis Nachfolger gehandelt wurde (falls Mickey einmal aufhört) denke ich aber, dass er auch hier das nötige Rüstzeug von Loomis bekommen hat. Er hat fast 18 Jahre teils wohl recht eng mit Loomis zusammengearbeitet. Nicht wenige gehen auch davon aus, dass er im Falle eines Endes der Loomis Ära trotz seines jetzigen GM Postens bei den Dirty Birds wieder zu den Saints zurückkehren wird.

  2. Vielen Dank! Ich denk einfach, dass das in der nächsten Pre-Seasaon hilft😉
    Gibt’s denn eigentlich ne Auswertung ob diese Offseason am meisten Wechsel gebracht hat? Gefühlt war es zumindest so, was natürlich auch an der „Rookie-Dichte“ liegen könnte.

    PS: Nur ein Gedanke: was sagt das alles über Eric Bienemy aus?

  3. Mhm

    Mir fehlt ein QB-Karussel Beitrag.
    Die Rams wollen Goff traden
    Die Texans wollen Watson auf keinen Fall traden
    Lions und Stafford wollen ihn traden
    Roethlisberger bekommt wohl ein neuen Vertrag, da er 41 Mio Cap Hit hat.
    Was mit Jimmy G, Sam Darnold, Trubisky, Brees, Newton, Taylor, Bridgewater, Winston, Carr, Lock, Ryan, Fitzpatrick und allen weiteren deren Namen ich gerade vergessen habe passiert weiß keiner. (Nein, Wentz fehlt da nicht da ich denke er bleibt bei den Eagles)

  4. Holy Shit

    Das bedeutet Watson wird also eher 5 Firsts kosten.
    Wobei das neue Lions FO glaube ich Goff ursprünglich gedriftet haben. Dem aktuellen scheinen 1st völlig egal zu sein.

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