Pattern Match Coverage: Eine Einführung

Wir haben in den letzten Wochen auf diesem Blog immer mal wieder über die Defenses der NFL gesprochen. Besonders in dem Eintrag über die Flexibilität und Innovationskraft von Defensive Coordinators habe ich dabei das Thema „Match Coverage“ mehrfach angesprochen.

Aber wovon sprechen wir dabei genau? Ich hab mir dafür den Leser Alexander Brink für einen Gasteintrag ins Boot geholt, der uns eine Einführung ins Thema gibt. Ich übergebe damit das Wort…

Let Alexander Cook

Defensive Coverage im Football scheint auf den ersten Blick ein Thema zu sein, in dem man sich schnell zurechtfindet. Cover 3 hat drei Tiefe Zonen, Cover 2 zwei und Man Coverage erklärt sich mehr oder weniger von selbst. Der Haken ist nur, dass es ganz so einfach dann doch nicht ist. Wenn man anfängt sich tiefergehend mit Coverage zu beschäftigen, kommt man sich schnell vor wie Alice im Wunderland.

Und weil ich lieber informiere als andere mit stumpfen Versimplifizierungen für dumm zu verkaufen, wagen wir heute mal den Sprung ins kalte Wasser und beschäftigen uns einmal mit Pattern Match oder auch Read Coverage. Die Abneigung gegen das Simplifizieren nehme ich zurück, es bleibt vorerst bei einer Einführung.

Zone Coverage

Zunächst muss es aber doch noch einmal kurz um klassische Zone Coverage gehen. Die einfachste Variante ist die „Country“ Zone Coverage: Das Spielfeld wird in Zonen eingeteilt, in jeder dieser Zonen steht ein Verteidiger und wenn der Ball geworfen wird, dann reagieren die Spieler. Man kann sich das wie im Baseball vorstellen.

Diese extreme Form der Zone Coverage wird so aber eigentlich außer im Kinderbereich nicht mehr gespielt, viel zu groß sind die Lücken. Stattdessen ist es üblich, dass die Defender mit den Receivern mitgehen, sie von Zone zu Zone übergeben; die Zonen überlappen sich.

Dabei bleiben die Augen immer auf dem QB, der Körper parallel zu Line of Scrimmage und man verändert die Tiefe der Zone nur minimal. Die Schwäche liegt darin, dass sich die Zonen überladen lassen. Indem die Offense zwei Spieler in den Aufgabenbereich eines Verteidigers schickt, kreiert sie Lücken. Wenn der Linebacker mit dem einen Receiver mitgeht um ihn zu übergeben, kommt ein zweiter frei. Besonders gut funktioniert das in der Feldmitte bspw. mit High-Low Konzepten. Hier greift die West-Coast Offense mit ihren präzise getimten Routen an, hier haben Brees und Brady lange ihr Geld verdient.

Match Coverage

Match Coverage ist der Versuch diese Lücken zu eliminieren. Letztlich ist es eine Mischform aus Man und Zone im Versuch die Stärken beider Welten zu vereinen. Nick Saban hat einmal zwischen Pattern Read Zone und Man Match Coverage unterschieden, aber die Grenzen verschwimmen mir da inzwischen zu sehr um das als wirkliche Trennung anzuerkennen.

Es gibt zahlreiche Ansätze und Varianten und es wird nicht leichter dadurch, dass es keine einheitliche Sprache gibt, sondern jeder seine eigenen Begrifflichkeiten verwendet. Es gibt aber doch einige Ansätze, die sich überall finden:

  • Mannorientierung: Keiner verteidigt „Green Grass“ (kein Verteidiger steht im leeren Raum) – jeder Passverteidiger sucht sich einen Gegenspieler und verlässt dafür auch mal seine Zone.
  • Priorat der engen Coverage: Letztlich wird Man Coverage gespielt. Lieber eng am Receiver als mit den Augen beim QB. Ziel: Mit enger Coverage den Wurf so schwer wie möglich zu machen; jeder Catch soll contestet werden.
  • Lesen des Spielzugs: Die Verteidiger orientieren sich nicht an der Aufstellung vor dem Snap, sondern an den Routen nach dem Snap. Üblich ist eine No Cover Zone, ein Bereich, der nicht gedeckt wird. Man kann sich das wie eine verzögerte Man Coverage vorstellen: Erst wenn die Receiver zeigen wo sie hin laufen, ist die Zuordnung klar und ab dann wird Man Coverage gespielt. So umgeht man klassische Man Beater Konzepte wie rub routes (oder auch „Pick Plays“ genannt)
  • Schaffen von Extradefendern: Freie Spieler, die wunde Punkte decken und primär den Ball spielen können, weil der Receiver gecovert ist. Das macht es für den QB schwieriger das Geschehen zu lesen, weil er eben nicht nur darauf achten muss, ob sein Receiver die (Man) Coverage geschlagen hat, sondern auch ob da nicht plötzlich ein Safety auftaucht, oder underneath ein Linebacker.

Soweit die Theorie, blicken wir nun doch mal auf ein paar praktische Ansätze:

Seahawks Cover 3

Die Seahwaks Defense ist heute gar nicht mehr so relevant. Dabei ist es keine 10 Jahre her, da sah das noch ganz anders aus. Dass Cover 3 gespielt wurde ist bekannt, genauso wie der Fokus darauf, dass der Run gestoppt werden soll. Pete Carroll wollte aber aus einer Defense, die für 1st & 2nd down (=run downs) gemacht ist eine kreieren, die er für alle Downs nutzen kann. Das macht er bis heute, mit schwindendem Erfolg. Aber darum soll es gar nicht gehen. Anstatt jetzt auf einem zu konservative gewordenen Coach herumzuhacken ist es doch spannender einmal zu schauen, was er eigentlich gemacht hat.

Kernelement dieser Legion of Boom Variante der Cover 3 waren die Cornerbacks, die Press Technik gespielt haben. Das war vorher eher ungewöhnlich. Wenn vorher Press gespielt worden war, dann Press & Bail, sprich: Es wurde kurze Press angedeutet, aber noch vor dem Snap sind die Cornerbacks wieder nach hinten abgehauen. Richard Sherman und Co. haben echte Press gespielt.

Nicht zwingend „Ich-hau-dir-volles-Pfund-aufs-Maul-Press“, sondern eher eine etwas softere Variante – eine Art Tänzchen – aber immer nah dran am Receiver. Damit haben sie die meisten kurzen Routen des Wide Receivers weggenommen, einfach weil sie im Weg standen.

Darüber hinaus wurde das Timing gestört und weil die Cornerbacks gut waren, war es für den Receiver auch gar nicht so leicht einfach schnell die Go Route zu laufen.

Dass die ganzen kurzen Flat Routen erst einmal vom Cornerback gedeckt wurden, hat das ganze System deutlich effektiver gemacht. Klassischerweise sind die Outside Linebacker für die Flat verantwortlich, aber die müssen eben erst einmal den Run Checken (=>Playaction!) und dann kann der Weg bis ganz nach draußen auch ganz schön lang werden.

Wenn der CB Press spielt, verschafft er dem Flat-Defender Zeit in die Flat zu kommen. Wenn der Wide Receiver jedoch tief geht, geht der Cornerback mit. Erst der Receiver bringt also den Cornerback in das tiefe Drittel, anstatt das der Cornerback in seine tiefe Zone abhaut, in die im Zweifel gar kein Receiver läuft. Möglich wurde das alles auch, weil Safety Earl Thomas eine enorme Reichweite hatte und somit auch mal einen Fehler ausputzen konnte.

Was die Seahawks gemacht haben entspricht nicht dem kompletten Potential von Match Coverage, aber es war in Teilen Man-orientiert, die CBs haben sich auf enge Coverage fokussiert und die Routen verteidigt, die tatsächlich auch gelaufen wurden, anstatt unbesetzten Raum zu verteidigen.

Insgesamt ein wohl schönes Beispiel, wie ein gut angepasstes Scheme das Beste aus den Spielern herausholen kann. Die „Legion of Boom“ Spieler hatten alle herausragende Eigenschaften in Spezialbereichen. Diese Stärken wurden gezielt genutzt um für eine gewisse Zeit einen Vorteil zu erlangen.

Sabans Cover 3

Jetzt geht es um einen Gründungsmythos des Pattern Matchings. Generell kann man, möchte man tiefer in die Materie einsteigen, sich schon mal darauf vorbereiten, dass man unheimlich viel von Saban hören wird. Er coacht das Ganze bis heute und spricht immer wieder vor anderen Coaches; auch seine Schüler geben das Wissen fleißig weiter.

Wie Sabans Cover 3 genau entstanden ist, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen – vor allem, wenn man in Deutschland sitzt und weder einen heißen Draht zu Saban noch zu Bill Belichick hat. Aber zurück zum Thema.

Die Geschichte geht in etwa so: Während ihrer gemeinsamen Zeit bei den Browns haben Belichick und Saban festgestellt, dass sie Probleme bei Cover 3 haben. Cover 3 hat zwar 3 tiefe Zonen, aber der Schwachpunkt sind die beiden Seams zwischen eben jenen. Wenn beide gleichzeitig attackiert werden, bekommt der Safety Probleme.

Die klassische Lösung sieht vor, das der Safety mit viel Tiefe sich zwischen beide Routen setzt und damit beide verteidigt (split the distance). Das funktioniert aber inzwischen kaum noch, weil die Offenses zu gut geölt sind um solch große Lücken/Möglichkeiten zu verschenken.

Saban entwickelte daraufhin einen Twist, der gegen diese explosiven Plays helfen sollte. Die Lösung war überraschend einfach, wie gleichzeitig auch revolutionär. Der Flat-Defender bekommt die Aufgabe bei allen tiefen Routen des slot receivers auf seine Flat zu scheißen und lieber mit der tiefen Route mitzugehen; mehr oder weniger in man coverage. (Flat-Defender=overhang=apex, meist Nickel bzw. der rotierende Safety, früher mal der Outside Linebacker).

Die relativ einfachen Würfe in die tiefen Seams waren damit passé oder zumindest deutlich erschwert. Denn zum einen musste nun erst einmal eine man coverage geschlagen werden. Zum anderen musste dann aber auch gleichzeitig noch darauf geachtet werden ob nicht doch noch der Free-Safety auftaucht.

Ums noch einmal kurz zusammen zu fassen: Unter bestimmten Bedingungen wird von einer Zone in eine Man Coverage geswitcht um die natürliche Schwäche der Zone Defense zu schützen. Diese simple Idee ist immer noch die Grundlage für Sabans berühmte Rip/Liz Coverage, die bis gestern ziemlicher Goldstandard im College Football war.

TCUs Cover 2 Palms

TCU (Texas Christian University Horned Frogs) war um 2010 herum ganz heiß und ist bis heute immer mal wieder wert beobachtet zu werden. Bekannt wurde TCU, weil sie in der Mountain West Conference und später in der Big 12 durch Defense glänzten (und weil sie erfolgreich waren…).

Das bekannteste Concept ist Palms, dass inzwischen weite Verbreitung gefunden hat und als Posterboy der Pattern Match Coverage agiert. (Dass sich die gleiche Coverage auch in Alabamas Playbook findet, brauch ich nicht extra erwähnen, oder?)

Palms wird mit zwei tiefen Safetys gespielt und ist quasi ein Wechselspiel aus Cover 2 und Cover 4 – je nachdem, was die Offense macht. Die Defense liest hier den Slot Receiver. Je nachdem, was der macht, agiert die Defense. Die Regeln sind dabei recht simpel.

Wenn der Slot-WR zu Beginn seiner Route nach außen läuft, dann bleibt der CB in der Flat; er „wartet“ quasi auf den Slot Receiver, der zu ihm kommt. Ist der QB den Read nicht gewohnt, dann sehen wir hier ganz schnell einen Pick-Six. Der Safety übernimmt in dem Fall den Wide Receiver vertikal und bekommt dabei Hilfe vom Nickelback, der unten drunter auf zu kurze Pässe achtet und vor allem wichtige Hilfe bei der Post Route ist (oder auch bei Curls und Hitches).

In dieser Situation ist der Nickel mehr oder weniger ein freier Verteidiger der auf den Ball gehen kann. Abgesehen von diesem Kniff ist es aber grundsätzlich eine Cover 2 Zonenverteidigung.

Anders sieht es allerdings aus, wenn der Slot Receiver nicht nach außen läuft, sondern beispielsweise tief geht. Dann nämlich bleibt der Nickelback beim Slot-WR und bekommt obendrein Hilfe vom Safety. Die gefährliche Spielfeldmitte wird von zwei Verteidigern gedoppelt.

Für den Outside Cornerback heißt das, dass er nun den Outside Wide Receiver in Man Coverage hat. Läuft der eine kurze Route, ist der Cornerback zwar nicht ideal in Position, aber immerhin in der Nähe.

Läuft auch der Outside Wide Receiver eine tiefe Route, dann geht auch der Cornerback mit, und die Defense spielt eine Quarters Coverage (Cover 4).

Wieder zeigen sich die Merkmale des Pattern Matching: Es wird mannorientiert verteidigt, man liest die Offense, passt sich an und versucht an heiklen Stellen zusätzliche extra Verteidiger aufzubringen.

Soviel einmal zum Einstieg. Natürlich war das nun keine umfassende Beschreibung jeder Coverage, aber ich hoffe ein paar Grundlagen sind deutlich geworden. Und natürlich ist auch keine Match Coverage perfekt. Aber dazu vielleicht an anderer Stele einmal mehr –  wenn wir uns intensiver mit den Pattern Match Varianten von Cover 3, Cover 2 und Cover 4 beschäftigen – und mit dem was Nick Saban eigentlich macht. Darauf lohnt es sich einen Blick zu werfen!

9 Kommentare zu “Pattern Match Coverage: Eine Einführung

  1. Kann mich den Vor-Kommentierern nur anschließen. Super Einführung in ein interessantes Thema!
    Danke dafür!

  2. Super Artikel, ripliz wäre super wenn das noch detaillierter erklärt wird.

    Was sind die Schwächen von match defense? Einfach nur komplexer?

  3. Freut mich, dass es gefällt.

    Gebt gerne weiter Feedback, Anregungen, wünsche – ich bin da offen für Ideen wie es weiter gehen kann.
    Rip/Liz ist auf jeden Fall oben auf der Liste.

    Das Match Coverages komplexer sind ist sicherlich richtig, aber das ist ein didaktisches Problem und sollte auf Nfl Niveau eigentlich keine Rolle mehr spielen. Grundsätzlich sind match Coverages je nach Ausprägung mit eigenen Stärken und Schwächen versehen. => eine cov 3 hat andere schwachen als eine cov 2.
    Aufpassen muss man mit Manipulationsmöglichkeiten und natürlich funktionieren einige manbeater Ideen auch hier. Aber um das zu vertiefen ist die kmentarfunktion dann doch etwas zu kurz😅

  4. Was ich mich frage: Wenn ein CB die WR-route lesen muss („out oder etwas anderes“?), warum überlegen sich dann OCs nicht neue Routen? So Mitteldinger zwischen out-route und etwas anderem? Oder zwei-drei Meter out-route und dann in die Spielfeldmitte?
    Wenn diese CB-Entscheidungsprozesse bekannt sind (gerade im College, würde ich tippen, spielt man nicht mehrere völlig verschiedene D-systeme), warum nutzt die Offense diese nicht aus?

    PS: schöner Beitrag. Die Abbildungen helfen enorm.

  5. In Teilen ja 😅
    offenses versuchen tatsächlich die Regeln zu attackieren. Allerdings ist da nicht ganz so einfach. Die Defense kann relativ einfach die Coverages variieren – selbst auf Highschool Level, während die offense ihre Routen spezifisch auf die Regeln einer Coverage abstimmen muss.
    Neue Routen können die Kommunikation herausfordern ändern aber nichts wirklich am spacing.
    Double moves wiederum Haben durchaus Potential zu funktionieren, aber die brauchen länger in der Entwicklung und die Receiver sind immer noch gecovert , wenn auch nur aus schlechter Position.

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