RIP Marty Ball

Gestern ist die NFL-Trainerlegende Marty Schottenheimer 77-jährig gestorben. Schottenheimer war kein Coach wie jeder andere.

Marty Schottenheimer ist der erfolgreichste NFL-Coach, der nie die Super Bowl gewinnen konnte. Er hat in seiner NFL-Karriere exakt 200 Spiele als Headcoach gewonnen und dabei drei ewige Verlierer-Franchises umgekrempelt.

Erfolge und Misserfolge

Er bog in den Achtzigern die kaputten Cleveland Browns und führte sie viermal in viereinhalb Jahren als Headcoach in die Playoffs. Dann brachte er die Kansas City Chiefs siebenmal in 10 Jahren in die Playoffs. Und schließlich die kaputten San Diego Chargers in der „Post Ryan Leaf“ Konsolidierung zweimal in fünf Jahren.

Schottenheimer war 21 Jahre lang Headcoach in der NFL. Er gewann im Schnitt 9.5 Spiele pro Saison, gewann acht Divisionstitel, hatte 15 Winning-Seasons und nur zwei Losing-Seasons, er erreichte drei Conference Championship Games… aber nie die Super Bowl. Schottenheimer war berühmt für Playoff-Pleiten, Pech und Pannen, eine Niederlage schlimmer als die nächste.

Schottenheimers Browns schieden zweimal in Folge im AFC Championship Game gegen die Denver Broncos aus – in die NFL-Annalen eingegangene Begriffe wie The Drive oder The Fumble waren dabei entscheidend.

Bei den Chargers flog Schottenheimer 2004 nach verschossenem Fieldgoal in der Overtime gegen die Jets raus – und 2006/07 scheiterte San Diego nach einer 14-2 Saison gegen die hoffnungslos unterlegenen Patriots – aber erst, nachdem Marlon McCree die berühmte Game-Winning-Interception gegen Tom Brady wegfumbelte.

Jenes absurde, bei mir tief im Hirn eingebrannte Spiel war Schottenheimers letztes in der NFL, denn einen Monat später wurde er mitten im Februar von den Chargers gefeuert. Schottenheimer ist damit wohl der einzige Headcoach, der nach 14-2 Bilanz rausgeworfen wurde.

Marty Ball

Doch Schottenheimers Legende geht weit über Siege und Niederlagen hinaus. Der extrem resolute Marty galt gleichzeitig als harter Hund wie als Player’s Coach. Seine Teams spielten trockenen, harten Football – immer konservativ, wie es die Schöpfer des Spiels schon erdachten. Schottenheimer war der Begründer und Taufpate von „Marty Ball“ – 1st Down Run, 2nd Down Run, 3rd Down Pass, 4th Down Punt – kurz Run/Run/Pass/Punt. RRPP.

Schottenheimer war ein Coach, der in der heutigen NFL keinen Tag überleben würde. Er wollte keine „deception“. Vielmehr ergötzte er sich daran, Teams zu schlagen, wenn diese genau wussten, was kommen würde. Sein prägender Motivationsspruch „There’s a gleam, men“ sollte das verdeutlichen. Jeder hat den Schimmer, was kommen würde. Aber niemand kann uns mit unserer Methode stoppen.

Schottenheimer war damit gleichzeitig bewundert bei den Fans wie total frustrierend. Er zog seinen Stiefel durch – aber war dabei nicht anpassungsfähig. Ob Rückstand oder Führung: Seine Teams spielten den immergleichen Stil durch, im Guten wie im Schlechten.

Marty war auch streitbar. 1989 verließ er die Browns im Clinch, als Owner Art Modell genervt von den vielen unglücklichen Playoff-Pleiten die Offense-Philosophie ändern wollte. Marty ging zu den Chiefs – mit besagten Erfolgen. Die Browns schafften mit Martys Team im Jahr darauf noch ein AFC-Finale, versanken dann unter Bill Belichick (!) im Mittelmaß (!!) und wurden 1995 komplett aufgelöst.

Schottenheimers Chiefs-Teams waren total markant. Mit Hall-of-Fame-Superstars wie QB-Altstar Joe Montana, RB Marcus Allen oder EDGE Derrick Thomas rannte Kansas City wieder und wieder gegen das Stigma an – und scheiterte jedes Jahr aufs Neue. Es hagelte aber nicht bloß Pleiten – der Divisional-Kracher 1994 gegen die klar favorisierten Houston Oilers war mit seinem sensationellen Schlussviertel eines der spektakulärsten Playoffspiele des Jahrzehnts – und einer von Schottenheimers größten Siegen. Auf Youtube ist das Spiel in voller Länge zu sehen.

Coaching-Tree

Schottenheimer steht auch für einen der größten und einflussreichsten Coaching-Trees in der NFL. Sein Defensive Coordinator 1990 bei den Chiefs war Bill Cowher, später gleich viel Headcoach wie Maskottchen bei den Steelers – und Superbowl-Gewinner.

Sein Defensive-Backs-Coach war damals Tony Dungy, ebenso späterer Superbowl-Gewinner, vor allem aber Erfinder der berühmten „Tampa 2“ Defense. Einer seiner Top-Scouts war Herm Edwards – „you play to win the game”.

Und der Runningbacks-Coach? Hörte auf den Namen Bruce Arians.

Schottenheimer-Storys

Gestern sind auf Twitter einige alte Marty-Stories geteilt worden. Bob Kravitz schrieb über die Beziehung Schottenheimers zu den Medien:

Das kürzeste Intermezzo hatte Schottenheimer als Headcoach der Redskins 2001. Er blieb nur ein Jahr, ging 8-8 und wurde von Dan Snyder gefeuert, weil in College-Legende Steve Spurrier eine viel „sexy-ere“ Option zu haben war. Washingtons Star-Cornerback Deion Sanders wollte nicht für Schottenheimer spielen und trat lieber zurück.

2002 kehrte Sanders aus dem Ruhestand zurück – er wollte mit dem Altherrenteam der Raiders noch einen Superbowl-Run in Angriff nehmen. Washington entließ Sanders aus dem Vertrag – doch Schottenheimer, mittlerweile bei den Chargers, nahm Sanders vom Waiver Wire und blockte den Move. Sanders trat ein weiteres Mal zurück – die Raiders zogen ohne ihn in den Superbowl ein.

Solche kleinen Fehden gehörten zur NFL jener Tage. Marty Schottenheimer spielte sie perfekt. Nach 2007 coachte er nie mehr in der NFL, aber er hatte schon Platz für seinen Nachfolger, Sohn Brian Schottenheimer – ein bekannter Name auf diesem Blog – gemacht.

Brian Ball

Play-Caller Brian folgte Marty in dessen Fußstapfen. Seine Playoff-Partie mit den Seahawks in Dallas war gleichzeitig Hommage an seinen Vater wie an dessen Playoff-Historie. Doch Brian konnte auch anders: 2010 fuhr er als Offensive Coordinator der Jets im Viertelfinale nach San Diego, auch um Vaters Entlassung zu rächen.

In der Crunch-Time callte Brian im 3rd Down “Power O”, Martys Lieblingsspielzug, machte das 1st Down und versenkte das Field Goal zum Sieg, das Martys Teams so oft über die Jahre verschossen hatten.

RIP

2011 erkrankte Marty an Alzheimer. Die Krankheit verschlimmerte sich ab 2014. Schon am Superbowl-Wochenende verdichteten sich die Gerüchte ob des rapide schlechter werdenden Gesundheitszustands. Gestern starb Marty Schottenheimer. Er nimmt ein Kapitel NFL zu Grabe, das heute als überholt gilt – aber längst nicht vergessen ist.

Ob Schottenheimer jemals den Weg in die Hall of Fame finden wird, steht offen. Doch das tut seiner Legende keinen Abbruch. RIP.

3 Kommentare zu “RIP Marty Ball

  1. Danke, hier ist noch eine nice Story von Dr Chao:

    David Ball, rookie fifth round 2004 draft pick out of UCLA, portrayed Coach Schottenheimer at the rookie show at the end of training camp and brought the house down with the Saturday Night Live style impersonation.

    The then San Diego Chargers subsequently played the San Francisco 49ers for the final preseason game of the season. During this fourth preseason game dominated by non-starters, Ball made a great play and sacked the 49ers QB. The referee signaled offensive holding on the play and automatically indicated the penalty was declined until coach stopped him. With a “take that” attitude, Schottenheimer accepted the penalty to erase the sack as payback for being the brunt of jokes by Ball at the rookie show.

  2. Noch eine andere wichtige KC Figur ist gestern gestorben, Terez Paylor. Ich hab ihn nur von einigen Podcasts zbsp. kürzlich bei Robert Mays gekannt, doch so viele Kondolierungen auf einmal wie gestern bei Twitter habe ich noch bei keiner NFL Figur gesehen. Er scheint ein bemerkenswerter Typ gewesen zu sein und hat am Dienstag noch einen Podcast aufgenommen!

    RIP

  3. Sehr schön geschrieben. Danke sehr. Die Geschichte mit Primetime kannte ich gar nicht. Rache ist ein Gericht das am besten kalt serviert wird…

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