Lehren aus der NFL-Saison 2020/21

Eine kleine NFL-Saison-Rückschau mit ein paar Lerneffekten aus dem abgelaufenen Jahr.

Erkenntnis #1: Die TB12-Methode ist Jungbrunnen, aber macht knülle:

Erkenntnis #2: Superbowl-Party im Hafen hat was – auch in Coronazeiten:

Und jetzt zum Sportlichen

Die Saison 2020 war die dritte starke Regular Season in Folge mit vielen interessanten schematischen Ideen – und sie bot auch zahlreiche spektakuläre Comebacks mit großen Aufholjagden. Keine Führung fühlte sich jemals „sicher“ an.

In den Playoffs führte sich der Trend von starken Coaching-Vorstellungen fort – doch nach dem Spannungsbogen waren das die lahmsten Playoffs seit ich die NFL verfolge – also seit mindestens 16-18 Jahren. Es gab nicht einen einzigen Führungswechsel im Schlussviertel. So viel man auch aus dominanten Performances wie jener der Buccs in der Superbowl an Analyse herausziehen kann, so sehr ist das Playoff-Drama das Salz in der Suppe. Heuer gab es davon absolut nichts.

Mit Tampa Bay hat nicht die dominanteste Mannschaft der Saison den Titel geholt, aber eine adaptive. Die Buccs brauchten wochenlang um sich zu finden. Erst in der Saisonschlussphase wurden die entsprechenden Adjustments gemacht – und nach spektakulär gecoachten Playoffs hat Tampa einen verdienten Superbowl-Titel geholt.

Washington war in der Wildcard-Runde eine Nummer zu klein. Die Saints wurden beim Abschiedsspiel von Drew Brees offensiv komplett abgewürgt – Tom Brady und Co. reichten ein paar kurze Touchdown-Drives um einen ungefährdeten Sieg heimzubringen. Im Semifinale wurden die Packers mit Aggressivität an die Wand gecoacht – und im Finale die favorisierten Chiefs an die Wand gespielt. Dominante Performances bedeuten wenig Spannung – aber aus dem, was DefCoord Todd Bowles und auch OffCoord Byron Leftwich im Endspiel gemacht haben, kann ich für mich trotzdem einige Genugtuung ziehen. Starkes Coaching hat auch etwas.

Die größeren Lerneffekte aus der Saison haben Robert Mays und Bill Barnwell schon vor ein paar Wochen in einem hörenswerten Podcast bei The Athletic besprochen. Einige der Thesen möchte ich kurz diskutieren.

Quarterback-Evaluation muss neu gedacht werden – Wir wissen nicht ansatzweise so viel über QBs wie wir glauben

Quarterback ist eine der extremsten Positionen im gesamten Welt-Mannschaftssport, aber mit der Offense-Entwicklung der letzten Jahre z.B. durch die Verbindung von Spread-Elementen, Wide-Zone-Shanahan-System, Motion und Play-Action haben Offenses einen erstmal entscheidenden Schritt nach vorne gegenüber den Defenses gemacht.

Das hat vor allem den „Floor“ der Quarterbacks angehoben. Mit entsprechendem Offense-Scheme können selbst schwache Starting-QBs funktionable Offense spielen.

Vor 20 Jahren warfen nur sieben Quarterbacks über 6.4 NY/A. Heute ist es der Liga-Durchschnitt. Vor 20 Jahren hatten elf Quarterbacks über 0.10 EPA/Play. Heute sind es mehr als doppelt so viele: 23.

In den letzten Jahren haben immer wieder Big-Arm-College-QBs mit Schrotflinten-Präzision den Druchbruch geschafft. Josh Allen ist das Extrembeispiel, aber auch ein Justin Herbert hat als Rookie alle überrascht – und etwas abgeschwächt war auch ein Patrick Mahomes war durchaus kein unumstrittener Prospect im Draft. Solche Breakouts sind kein Vergleich mit früher, als mobile QBs wie Jake Locker oder Blake Bortles mit ihren inakkuraten Mega-Wurfarmen in der NFL elendig verendeten.

Rohes Wurftalent war vor ein paar Jahren fast schon in Verruf, wenn es nicht die entsprechenden Beiwerke wie super Präzision oder Erfahrung in „Pro Style“ gab. Die Zeiten scheinen erstmal vorbei. Etwas Kreativität und Vorstellungskraft, ein brauchbares Scheme, eine gute Gruppe an Wide Receivern und/oder Offensive Line ist Rahmenbedingung genug, dass junge Quarterbacks schnell zum Erfolg kommen können.

Von „Quarterbacks don’t matter“ sind wir aber noch Lichtjahre entfernt. Selbst wenn man kurze Zeit mit Trubisky vernünftige Offense spielen kann: Ein super System macht einen schlechten QB funktionabel, einen funktionablen gut, einen guten exzellent und einen exzellenten transzendent.

Ausgehend von der Prämisse, dass wir eh fast nichts über Quarterbacks wissen, könnte eine der Schlussfolgerung im Suchen von neuen QBs sein: Geh auf hohes „Ceiling“ (Potenzial) und optimiere die Rahmenbedingungen.

Das alles ist übrigens nicht nur auf Draftees und Jungspunde beschränkt. Die abgelaufene Saison hat gezeigt, dass wir selbst über Arrivierte nur wenig wissen. Carson Wentz war mit einem Mal auf der Bank, Russell Wilson hörte plötzlich damit auf, tiefe Pässe zu treffen, der fast abgeschriebene Aaron Rodgers wurde MVP, der verspottete Ryan „Regression“ Tannehill konnte seinen Level nicht bloß halten, sondern gar verbessern. Das sind nur einige QB-Beispiele, deren Saison total anders verlaufen ist als erwartet. Das führt uns zum Schluss: Der Kontext, in dem sich diese QBs bewegen, ist wichtiger als gedacht – und verändert sich schneller als gedacht. Es gilt also, unser Vertrauen in unsere Quarterback-Evalution zu verringern.

Das Beispiel Tannehill legt nahe: Es gibt andere Ryan Tannehills. Vielleicht ist es Sam Darnold, der in entsprechender Infrastruktur etwas anbieten kann wovon wir jetzt nur träumen. Oder Wentz, der schneller als gedacht wieder überdurchschnittlich spielen könnte.

In Summe bedeutet das wohl: Die absolute Elite, Mahomes, Brady, Watson, ist unantastbar. Doch schon ab #6, #7, sind die QBs runter bis #20, #22, größtenteils austauschbar, und Kontext & Rahmen sind wichtiger als der Name, der für dich startet.

Der gespielte Football war ansehnlich, obwohl es weder OTA (verpflichtende Trainingslager) und Preseason gab

Die Saison 2020 hat viel bessere Football-Qualität geboten als befürchtet. Die großen Rookie-Busts sind ausgeblieben, Neuzugänge waren schnell integriert, umgekrempelte Offenses funktionierten von Tag 1. Mit Brady gewann ein 1st-Year-QB in einem notorisch schwierig zu lernenden System den Superbowl. Cleveland erreichte durchaus überzeugend die Playoffs, mit völlig neuem System, ohne Offseason.

Der Wert von OTAs (verpflichtende Offseason-Trainingslager) dürfte darunter gelitten haben, vielleicht auch der Wert der eh schon oft hinterfragten Preseason: Wenn Teams über Zoom gleich gut zueinander finden wie unter brütender Hitze beim kleinen Bruder des Oklahoma-Drills, dann überschätzen wir die Bedeutung dieser Dinge.

Oder war die so hübsche Saison vor allem der laxen Linie der Referees geschuldet, die mit zwei Dingen die Offenses am Laufen hielten:

  • Kaum Flaggen für Offensive Holding
  • Haufenweise Flaggen für Defensive Pass Interference

Nur die Zeit wird zeigen, ob die NFL in der nächsten Saison wieder verstärkt auf diese Dinge achtet – und ob sie die Qualität ihres Produkts in dieser schwierigen Saison durch ihre Zebras etwas „gepimpt“ hat.

Salary Cap aufräumen zahlt sich aus – wenn die Draftpicks einschlagen

Gleich mehrere „Tanking“-Teams spielten diese Saison groß auf – die Bills, die Browns, die Dolphins vorneweg. Alle drei haben Drafts mit mehreren 1st Roundern und Offseasons mit Dutzenden Millionen Dead-Cap hinter sich:

  • Cleveland schrieb 2017 und 2018 in Summe 80 Mio. Dead-Cap über zwei Jahre an
  • Buffalo hatte um die 70 Mio. Dead-Cap in 2018
  • Miami hatte 68 Mio. in 2019

Der Wille, ein harziges Jahr aus Salary-Cap-Sicht durchzustehen, hat diesen Teams mehr geholfen als geschadet. Doch allein das Aufräumen der Salary Cap ist nicht genug, denn alle drei dieser Teams haben noch etwas anderes gemein: Sie haben einen Top-10 Pick in einen QB investiert.

Prinzipiell bleibt der Weg „Free Agency um Lücken zu vermeiden, Draften um den Kern des Teams zu bauen“ wohl vorerst King. Viel Cap-Space ist nicht viel wert, wenn die Teams keine Treffer im Draft landenund zwar Treffer auf wichtigen Positionen.

Miami, Buffalo, Cleveland ist der Weg mit punktueller Verstärkung in Free Agency aufgegangen, doch ihre Schlüsselspieler kommen aus dem Draft. Teams, die vergleichbare teure Einkäufe wagten, aber keinen Erfolg im Draft hatten – wie die Giants oder Jaguars – sind dagegen noch immer in der Versenkung verschollen.

Mannschaften wie die „neuen“ Jaguars, Jets oder Lions dagegen sind wohl auf dem richtigen Weg: Draft-Kapital akquirieren, Kern zusammendraften – dann hat der große Cap-Space auch mittelfristig eine besondere Bedeutung.

Brandon Staley ist der Beginn einer defensiven Gegenrevolution: 2-high Defense wird zurückkehren

Die Rams-Defense von 2020 gilt schon jetzt als kleiner Mythos und bekommt eine Bedeutung analog zu den Andy-Reid-/Kyle-Shanahan/Sean-McVay-Offenses zugeschrieben, sozusagen als defensiver Counterpart.

Richtig ist: 2-high (2 tiefe Safetys) ist wohl das momentan wirkungsvollste Gegenmittel gegen die Spread-Offenses mit ihren Crossing-Routes, gegen tiefen Pässe – und auch gegen Laufspiel aus „light personnel“. Nur mit 2-high kann eine sanft bevölkerte Defense-Box schnell zu einer vollen Box werden, ohne in Coverage zusätzlichen Freiraum aufzugeben.

Als langjährigen Konsumenten von Cody Alexanders „Match Quarters“ Buchserie kann ich nur zustimmen. 2-high = „cautious aggression“. Doch noch waren sogar Brandon Staleys Defenses primär Cover-3 Defenses, also mit nur einem tiefen Safety.

Allerdings: Staley hat um die 83% Light-Boxes gespielt, niemand anderes außer den Broncos kam auf mehr als 72%. Und niemand anderes kam auf ansatzweise so viele Middle-of-the-Field-Open Aufstellungen (MOFO / Split-Safetys tief) wie Staleys Rams.

In der Grundidee ist das alles richtig: Geringere Anfälligkeit gegen tiefe Pässe zwingt Offenses zu mehr Geduld, gibt Defenses mehr Chancen auf Big Plays und verlagert das Schachspiel in die underneath-Zones. Es ist die richtige Tendenz.

Doch noch steht der Nachweis aus, dass Staley ohne eine Defense mit Aaron Donald und Jalen Ramsey sein System annähernd so erfolgreich spielen kann. Donald gegen den Run und Ramsey als Shutdown-Corner (sofern es sowas heute noch gibt): Minimum so wichtig wie das Scheme.

Ich bin gespannt, ob die Staley-Revolution ein Revolutiönchen bleiben wird, oder ob sie wirklich eine Entwicklung in Gang setzt, die die jüngste Offensiv-Explosion in den nächsten Jahren noch einmal kontern wird können. Vielleicht sprechen wir in einigen Jahren auch in der Defense über Einflüsse aus dem College, von neuen jungen Coordinator-Sternen und sogar von Innovation.

7 Kommentare zu “Lehren aus der NFL-Saison 2020/21

  1. „Mit Brady gewann ein 1st-Year-QB in einem notorisch schwierig zu lernenden System ***den Superbowl***.“

    korsakoff schreibt vom NFL-Endspiel im Maskulinum. Verrückter kann es 2021 nicht mehr werden…

  2. Das hört sich ja schon nach einer kleinen Saison-Zusammenfassung an.
    Von daher zu diesem Zeitpunkt mein Dank für die diesjährige Saisonbegleitung an Dich, korsakoff. Ich bin ein begeisterter Leser Deines Blogs und bin schon fast 10 Jahre (?) mit dabei. Es ist großartig und bewundernswert wie viel Herzblut Du hier investierst und wie breit die Palette der Themen ist.

    Auch an die Kollegen, die hier immer fleißig kommentieren meinen Dank: meistens wird hier in einem sehr ruhigen und sachlichen Ton diskutiert. Da bringt es Spaß, mitzulesen.

  3. Pingback: Greg Cosell über Superbowl 2021: Flotte Füße bei Mahomes, schwere Beine bei Tampa Bay | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  4. Wenn Watson auf dem Level vom Mahomes und Brady ist, dann sollte Jacksonville seine Taube auf dem Dach Lawrence gegen „Spatz“ Watson tauschen.
    (Ich frage mich seit Wochen, warum das nicht geschieht.)
    Houston würde das Gesicht wahren, Watson wäre glücklich und Jaguars wüssten, was sie bekommen.

  5. Pingback: NFL Offseason Ausblick 2021: AFC East | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Pingback: Der Trade von Carson Wentz nach Indianapolis und seine Implikationen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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