Greg Cosell über Superbowl 2021: Flotte Füße bei Mahomes, schwere Beine bei Tampa Bay

Die NFL-Saison 2020/21 ist fast abgehakt, und auch zur Superbowl ist fast alles gesagt.

Ein paar interessante Nuggets gab es noch im Ross Tucker Football Podcast mit NFL-Film-Guru Greg Cosell.

Cosell meinte, die Buccaneers haben für sich betrachtet defensiv nix Revolutionäres gemacht. Ihr Game-Plan mit rush four und 6 Defensive Backs in häufiger Cover-2 Man Aufstellung habe extrem gut gefruchtet, weil man die Chiefs-Offense damit überrascht habe. Es gab nur wenige Blitzes aus den 3-2-6 Dime-Formationen – und in den 3×1 sets habe man fast immer den Single-Receiver auf der kurzen Spielfeldseite gedoppelt.

Flottes Huhn: Patrick Mahomes

Aber auch Patrick Mahomes selbst sei ein Problem gewesen. Ich habe vor allem gestern und vorgestern zahlreiche Stimmen auf Twitter gehört, die von Mahomes ein starkes, ja „großartiges“ Spiel gesehen haben wollten – der QB habe hinter einer so kaputten O-Line nicht viel mehr ausrichten können. I’m not buying that.

Es stimmt, dass der markanteste Spielzug dieser Superbowl selbst in der Niederlage vermutlich Mahomes‘ Incompletion quer in der Luft liegend war – aber Cosell bestätigt mein Gefühl, dass Mahomes sich teilweise selbst in die Bredouille brachte.

Sinngemäß: Mahomes played very fast right from the game. He was anticipating pressure, perceived pressure when it was not there, moved around too much and way too quickly and left 3-4 big plays on the field as a result of it. Manchmal haben Mahomes einfach nur Brady-like den schnellen Tippelschritt nach vorn machen sollen und hätte einen vernünftigen Pass werfen können. Doch er sei zu schnell in den „Hühnerhaufenmodus“ übergegangen.

Prinzipiell war dieser Mahomes das, was Scouts im Pre-Draft-Prozess so viele Sorgen machte. Zu wenig Selbstdisziplin, zu viel Fokus auf das Playmaking. Ganz haben die Chiefs diesen wilden Hengst in Mahomes auch nie rausbekommen – auch weil sie nicht wollten. Mahomes habe oft genug mit diesem Stil auch die entsprechenden Big Plays kreiert, die alle Probleme zudecken. In der Superbowl allerdings sind diese Plays nicht gekommen – zum ersten Mal in der NFL-Karriere.

Mahomes bekam gestern auch auf den Deckel, weil er in der Abschluss-Pressekonferenz nicht die alleinige Schuld für das Debakel hinnahm:

Dabei fand ich die Analyse eigentlich ziemlich on point. Mahomes selbst war nicht frei von Flauseln und lieferte nicht die Plays, die bei allen Problemen möglich gewesen wären. Aber es ist auch claro, dass mindestens drei üble Drops Drives und Punkte kosteten, dass immer wieder extrem rasch über die Flanken Pressure kam.

Der Gameplan selbst war vielleicht auch gar keine „Blaupause“ gegen Mahomes. Cosell sinngemäß: Es ist ja nicht das erste Mal, dass Teams so gegen Mahomes spielen. Es kann sich halt sonst keiner leisten mit nur vier Mann zu kommen und permanent sieben in Deckung zu lassen.

Schematisch hat Tampa nicht allein auf die individuelle Qualität der vier Passrusher JPP, Shaq Barrett, Vita Vea und Ndamukong Suh gebaut, sondern auch ein paar Kniffe eingebaut. Die Wide-9 Aufstellung vom Nose Tackle Vea hatte ich schon angeschnitten. Cosell hob auch die unbalancierten Formationen der D-Line hervor, mit dem shift von drei Linern auf eine Seite des Centers. Damit konnte Tampa mit Stunts massiven zusätzlichen Druck auf die Blocker laden.

Ob Kansas City häufiger zusätzliche Protection drinnen lassen hätte sollen? Tucker und Cosell hatten noch die (falsch) Statistik im Podcast, dass die Chiefs in 48 von 52 Plays in 5-man Protection waren. Geoff Schwartz hat den Mythos schon debunked.

Aber Cosell sagt eindeutig: Möglichst viele Routen anstatt vieler Blocker ist einfach der Andy-Reid-Weg. Mehr Protection = weniger Blocker. Alte Weisheit, wusste schon Aaron Rodgers vor zehn Jahren. Mit dem Weg ist auch Reid extrem oft super gefahren. Häufig machte Mahomes mit seinen 2nd-reaction-plays auch genug aus solchen Situationen – nur halt leider nicht in dem Spiel. Immer wieder knapp dran, aber diesmal sind alle knappen Dinger eben nicht für die Offense gelaufen.

Und Cosell weiter: Tampa habe sich auf seinen Gameplan verlassen können, weil man fast sicher war, dass Andy Reid nicht in den Laufspielmodus wechseln würde.

Positiv hob Cosell die Coverage-Performance von LB Lavonte David hervor. Dem hatte ich vor dem Spiel nicht zugetraut, TE Kelce zu decken. Doch David machte in zahlreichen Snaps genau das. Cosell: David hat wirklich gut gespielt. Er wusste natürlich, dass er dahinter zwei Safetys als Absicherung hat. Aber er hat Kelce mit seiner Physis lange die Schneid abgekauft.

Tampas Offense: Schwere Beine gegen den Blitz

Cosell sieht den offensiven Gameplan der Buccs als Reaktion auf den Spielverlauf – Tampa konnte es relativ konservativ anlegen, weil die Defense die Chiefs so locker im Griff hatte.

Ich hob schon hervor, dass ich OffCoord Byron Leftwichs Plan durchaus zu schätzen weiß: Viel Play-Action, viel Passspiel in der ersten Halbzeit, notwendige Aggressivität in clutch Situationen wie dem 4th&Goal oder dem tiefen Pass kurz vor der Halbzeit.

Schlauere Leute als ich entgegneten in diversen Chats: Leftwich war gar nicht so gut. Er habe einfach Glück gehabt, dass Tampa dank der überragenden Defense und einiger kritischer Penaltys gegen die Chiefs-Defense schnell vorne lag und dann den Stiefel humorlos runterspielen konnte. Hohe Play-Action-Raten seien eher ein Produkt der klaren Führung als von Leftwichs Genie. Byron, der Glückliche?

Ich habe mit solchen Einwänden kein allzu großes Problem, doch Punkt ist: Der Game-Plan war der Situation trotzdem angemessen. Sehr sogar.

Cosell ergänzt den einen Punkt, den ich im Liveblog am Sonntag ganz am Ende nur mehr kurz angeschnitten hatte: Tampa Bay hat recht viel heavy personnel gespielt – immer wieder mit zwei oder drei Tight Ends, u.a. 20 Snaps für den „sechsten O-Liner“ Joe Haeg (ein nomineller Guard).

Diese Formationen hatten massivsten Impact auf den Gameplan der Chiefs-Defense. Die liebt es unter DefCoord Spagnuolo, aus leichten Formationen (Nickel/Dime) zu spielen – und darauf Blitz-Pakete zu bringen. Gegen das schwere Personal der Buccs war Spagnuolo aber gezwungen, mehr Base-Defense als gewohnt zu bringen:

  • Chiefs hatten 67 Defensive Snaps
  • Drei Linebacker hatten insgesamt 149 Snaps: Damien Wilson 47, Ben Nieman 50, Anthony Hitchens 52
  • Das sind 2.2 Linebacker pro Snap, in der Regular Season waren es 1.85 pro Snap.

Für Spagnuolo war es ein entscheidendes Hindernis im Ansagen von Pressure-Packages. Ich fühle mich mit Cosells Analyse bestätigt.

Was bleibt als Legacy dieser Superbowl?

Freilich hatten sowohl Tampas Offensive Coordinator als auch der Defensive Coordinator in einigen entscheidenden Facetten (Quarterback, Receiver, O-Line, Passrush, Linebacker) extrem gutes Spielerpersonal zur Hand, hinter dem es sich fröhlich schemen lässt.

Doch der eine Punkt bleibt: Dass Tampa im Talent mit den Chiefs mithalten kann, stand nie zur Diskussion. Aber beide Coordinators haben diese Spieler sehr viel besser und häufiger in die viel beschworene ideale Situation gebracht als vor dem Spiel gedacht. Bring them into the best position to win.

Bowles stiehlt freilich allen die Show – aber auch der oft kritisierte Leftwich steigt sehr gut aus. Das macht den Buccs-Titel letztlich trotz Brady und allen individuellen Superstars auch so markant: Tampa Bay 2020/21 trägt auch die Handschrift der Coaches. Es war in dem Finale nicht die gewohnte oder erwartete Handschrift. Aber genau das macht sie nur umso prägnanter.

Bei Mahomes und den Chiefs bin ich auf die Offseason-Reaktion gespannt. Wird man in der O-Line überreagieren und overcompensaten? Oder wird man den bisherigen Weg weitergehen: O-Line muss „nur gut“ sein – und dafür auf die Rückkehr von LT Eric Fisher und LG Laurent Duvernay-Tardif setzen (und natürlich ein Auge darauf behalten, ob RT Mitchell Schwartz mit seinem kaputten Rücken noch einmal spielen kann).

Superbowl 2021 – im Spannungsbogen kein unvergesslicher Kracher. Aber dafür umso spektakulärer beim Blick auf die Schachspieler, und beim Gedanken an die Spätfolgen.

8 Kommentare zu “Greg Cosell über Superbowl 2021: Flotte Füße bei Mahomes, schwere Beine bei Tampa Bay

  1. Cosell ist der klassische Oldhead der das das Mantra „ich habs immer schon gewusst“ gegenüber Reid mal wieder zum besten gegeben hat. Aufgrund der Chiefs Niederlage bekommt er halt ne Bühne- mich wundert eher warum er so viel Resonanz bekommt. Der Typ würde, wenn er einen verantwortlichen Job in der NFL hätte, den Laden super schnell an die Wand fahren. Cosell bringt e keine interessante Perspektive sondern eine brutal eingerostete.

  2. Bitte, was ist das Problem bei Cosell? Dass er Andy Reid nicht den A**** ableckt? Er hat ihn nicht einmal kritisiert nur festgestellt was eh alle wissen.

  3. Todd Bowles ist für mich eine interessante Person. Fand seine Arbeit in Arizona 2013-2014 klasse, dann drei schwache Jahre bei den Jets und seit 2019 aus einer davor jahrelang zweitklassigen Secondary in Tampa eine richtig gute Unit gebaut. Die gesamte vergangene Saison hat mir die Tampa Defense viel Spaß beim Zuschauen gemacht.
    Fragt sich für mich nur, was in der Zeit bei den Jets passiert ist. Vielleicht einfach eine so unterirdische Franchise, dass Bowles sowieso auf verlorenem Posten unterwegs war 😀

  4. @Coates, mein Problem mit Cosell ist die ziemlich unsachgemäße Kritik an Mahomes (und dessen Leistung im SB) und das wenig in seiner Analyse über hindsight-bias hinaus geht. Reid = erwiesener Innovator, Cosell= Dampfplauderer mit Hang zur steilen These…

  5. C’mon was is falsch an Cosells Analyse, Mahomes hat sie selbst bestätigt und Reid wird nicht kritisiert. Du hast den Podcast wohl nicht gehört und bist frustriert, daß die Chief so outgecoacht wurden. Sorry buddy.

  6. Ich finde ja immer wieder interessant, wie versucht wird, die Niederlage der Chiefs im Super Bowl schönzureden. Wir erinnern uns, die Chiefs gelten als die gefährlichste Offense, mit einem QB der als lebender Cheat Code gilt. Andy Reid gilt als HC-Mastermind. Soweit die Erwartungshaltung. Am Ende haben sie nicht mal einen Touchdown erzielt. Das erste Mal seit 62 Spielen überhaupt. Andererseits haben die Bucs in den letzten 33 Spielen mindestens einen Touchdown zugelassen.
    Es war ja letztendlich kein knapper Ausgang, sondern eine Klatsche für die Chiefs, vor allem angesichts deren Leistungsvermögen.

    Ich bin immer noch der Meinung, dass da irgendwas schiefgelaufen ist. Zum einem hat man sich zu sehr auf Mahomes als Cheatcode verlassen. Ist halt dann schlecht, wenn die Bälle nicht gefangen werden, oder die Defense über 100 Yards Strafen einfährt, der Punter Mist baut…
    Ja die O-Line war schlecht. Aber Ende Juli nutzte Duvernay-Tardif die Covid-19-Pause, Schwartz war seit Woche 6 verletzt. Da müsste eigentlich genug Zeit gewesen sein, entsprechende Anpassungen zu machen. Das Fisher ausfiel war dann natürlich blöd. Aber ungünstig war dann der Wechsel von Remmers von der rechten auf die linken Seite in dieser kurzen Zeit. Da sagt schon Björn Werner bei ran, dass das schwierig ist.
    Am Ende hat dann Mahomes nicht mehr der O-Line vertraut. Reid hat zu sehr auf den X-Faktor Mahomes vertraut, ohne die entsprechende Basis zu bieten. Und ein Plan B war dann auch nicht mehr da. Klassisch ausgecoacht.
    Da kamen dann viele kleine Dinge zusammen.
    Es ist aber ein gutes Beispiel, wie eng alles in der NFL zusammenliegt und schon kleinste Änderungen gravierende Auswirkungen haben können.

  7. Ich verstehe deinen Punkt, aber letztlich bleibt von der Superbowl übrig, dass Mahomes & Reid nicht ausreichen um eine Backup-OL gegen einen grandiosen Passrush in Hochform zu kompensieren.

    Hatte man das so erwartet? Nicht wirklich. Aber es war ein denkbares Szenario. Dass es so passiert ist: Shit happens. Ob man mit einer anderen OT-Kombination viel erfolgreicher gewesen wäre? Möglich. Aber ein anderer OT wäre genauso wie Remmers „out of position“ gewesen.

    Wenn einige Dinge günstiger laufen, ein paar Drops weniger, der eine oder andere harte Ref-Call weniger, ein 4th Down mehr converted, dann ist die Partie deutlich knapper und die Weltuntergangsstimmung fern.

    Fazit: Man kann jetzt überreagieren. Oder man kann sich selbst hinterfragen. Ich würde auf WR2+WR3 nachlegen und Right Tackle nur dann mit einer teureren Option adressieren, wenn Schwartz wirklich nie mehr spielen kann.

  8. Bei Reid, finde ich, kann man durchaus differenzieren. Die Stärke ist seine Philosophie und das scheme als Ganzes, aber gute Anpassung an den Gegner oder auch spezifische gameplays waren noch nie seine große Stärke

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