Houston Texans entlassen J.J. Watt

In einem Move Marke “Gesicht bewahren“ haben die Houston Texans letzte Nacht ihren ikonischen Defensive Liner J.J. Watt entlassen. Sie ermöglichen ihrem größten Spieler damit selbst zu entscheiden, wo er seine Karriere beenden möchte.

Watt ist mittlerweile 32 und fühlt sich nach mehreren schweren Verletzungen schon ein paar Jahre über den Zenit hinaus – und trotzdem noch einer der besten Pass-Rusher in der NFL.

Peak Watt

„Einer der besten“ wäre eine glatte Untertreibung gewesen, wenn wir irgendwann zwischen 2012 und 2015 über Watt geschrieben hätten. Watt revolutionierte damals die NFL mit seiner Dominanz als Interior-Passrusher. Inklusive Playoffs machte Watt damals 70 Sacks in vier Jahren fast immer aus einer 3-4 Defensive End Aufstellung – eine bis dahin ungesehene Dominanz als Passrusher.

Watt erzwang zwischen 2012 und 2015 insgesamt 415 QB-Pressures – satte 78 mehr als der nächstbeste Passrusher Von Miller, ein Edge-Rusher. Deutlicher: Kein Verteidiger reichte in jenen Jahren auch nur annähernd an Watts Klasse heran.

Watt war im 3-4/5-2 Scheme von Defensive Coordinator Wade Phillips und später in der etwas konservativeren Variante von Romeo Crennel dreimal in vier Jahren der NFL Defensive Player of the Year – ihn zu stoppen war fast nur durch Fokussierung auf extremste Kurzpassoffense mit schnellen Pässen möglich. Im 1-vs-1 war er kaum ganz Spiele lang schlagbar.

In diesen vier Jahren begründete Watt auch seine Legende als einer der epochalsten Verteidiger der NFL-Geschichte, als eine Art „Defensive GOAT“. Seine absolute Zentrierung auf seine Arbeit galt selbst für Spitzensportler als freakig. Er war selbst einsetzbar in der Offense – als Goal Line Tight End fing Watt drei Touchdowns. Sein „Peak“ war kurz, aber höher selbst als z.B. jener von Aaron Donald aktuell.

Die Watt-Lampe glühte in jenen Jahre so hell, dass man Angst haben musste, dass sie schnell verglüht. Und so war Watts Dominanz als Kronjuwel der NFL dann auch relativ kurz – 2016 und 2017 verpasste Watt fast vollständig mit schweren Verletzungen, 2019 fehlte er mehr als die halbe Saison.

Er blieb einer der besten Pass-Rusher, auch nachdem ihn die Texans zuletzt immer häufiger nach außen an die Flanken verschoben. Und doch fühlte sich Watt als einer der besten wie ein anderer Spieler an.

Dafür wurde Watt über die Jahre auch zu einer Ikone abseits des Spielfelds. Seine tatkräftige Mithilfe vor Ort und seine Spenden- und Rettungsaktionen im Zuge des Hurrikans Harvey im Sommer 2018 brachten ihm immense Sympathien – es gibt in der heutigen NFL wenige Spieler, die von ihrer Fan-Base so verehrt werden wie Watt in Houston.

Niemand scheint Watt seinen Wunsch nach Austritt übel zu nehmen – vielleicht auch, weil jeder sieht, was für ein Schrotthaufen die Texans-Organisation im Jahr 2021 ist (dieser Schrotthaufen wird sogar schon besungen). Die Texans selbst bewahren sich mit der Entlassung (null Dead-Cap) Restzüge von Gesicht, indem sie ihrem verdientesten nicht die Möglichkeit verbauen, seine Karriere dort zu beenden, wo er selbst möchte.

Wohin geht die Reise?

Vielleicht ist das noch einmal bei einem Contender. Gerüchten zufolge möchte Watt irgendwo im US-Midwest spielen – dort, wo er aufgewachsen ist, auch in der Nähe seiner Freundin (die ist Fußballerin in Chicago). Packers, Colts, Browns, auch Bears wären alle denkbare Locations. Natürlich weckt die schiere Möglichkeit, Watt auf seine alten Tage noch einmal im Packers-Trikot zu sehen, Sehnsüchte. Watt hat am College bei Wisconsin gespielt.

Er war dorthin als „Walk-on“ gekommen, nachdem er auf seiner ersten Station Central Michigan keine Lust mehr auf Tight End und O-Line hatte, und sich nach seinem Austritt als Pizza-Boy verdingt hatte. Typische Recovery-Story also. Drei Jahre später dominierte er die Combine mit seiner Athletik. Der Rest ist Geschichte.

Die nächsten Wochen, vielleicht sogar schon nächsten Tage, werden zeigen, für wen sich Watt zum Ende noch einmal entscheiden wird. Mit mittlerweile 32 und einem angeknockten Körper ist Watt rein als Spieler nicht mehr das Elite-Prospect alter Tage. Vielleicht wird man ihn irgendwann wieder nach innen ziehen, auf 5-tech oder 3-tech, wenn die Explosivität irgendwann loslässt. Aber ein valider Starting-D-Liner oder hochklassiger Role-Player ist Watt allemal noch – wir haben in den letzten Jahren immer wieder solche alternden D-Liner gesehen, die auch mit 33, 34 noch auf vernünftigem Level gespielt haben.

Jetzt gerade gilt es für langjährige NFL-Fans erstmal gedanklich umzustellen. J.J. Watt wird nicht mehr im Texans-Trikot auflaufen. Also lasst uns noch einmal seine markantesten Plays über die Jahre genießen. Hier die ganzen Sacks aus seiner ersten DPOY-Saison 2012:

Und hier Watts noch immer berühmtester Spielzug – sein Interception-Return-Touchdown im Playoffspiel 2011/12 gegen Andy Daltons Cincinnati Bengals, kommentiert damals noch von Mike Mayock:

5 Kommentare zu “Houston Texans entlassen J.J. Watt

  1. Schöner Tribut!

    ich frage mich aber warum die Texans ihn nicht versucht haben zu traden, das wäre doch kein Problem gewesen und man hätte Picks holen können?

  2. Zusammen mit seinem Bruder in Pittsburgh könnte auch reizvoll sein…
    Aber egal wo, er ist problemlos gut genug um eine D-Line auf in neues Niveau zu heben. Als ligaweiter Pass Rusher No 7 in 2020 wäre er für die Mehrheit der Teams sofort der beste Rusher im Kader gewesen.
    Bei den Packers in Rotation mit den Smiths würde sich einen Rushergruppe mit hohem Floor ergeben deren Ceiling er sofort nach oben verschieben würde… Als HC/DC stände ich bei meinem GM auf der Matte

  3. @milaidin: SeineN BrüderN!
    Nicht nur TJ, sondern auch Derek Watt spielt bei den Steelers.

    Möglich, dass es bei entsprechend „geringem“ Vertrag (Stichwort Cap Space) zu den Steelers geht und 1 oder 2 Seasons mit seinen beiden Brüdern zu spielen.
    Ist die Frage, was er machen will.

  4. Die drei Watt-Brüder in PIT wäre natürlich charmant, aber ich glaube nicht dran.

    Die Steelers haben so viele Löcher zu stopfen – außer D-Line, wo sie mit Heyward, Tuitt und ggf. Alualu eigentlich gut aufgestellt sind. Vielleicht etwas zu alt, aber einen JJ Watt holt man weder für die Tiefe, noch zum Verjüngen.
    Dazu kommt die mehr als angespannte Cap-Situation, wie gesagt, das Roster hat Löcher zuhauf. Selbst für einen team-friendly contract sehe ich da aktuell schwarz, weils eben keinen der eklatanten Needs abdeckt.

    Und umgekehrt müsste man sich auch fragen: warum sollte Watt einen team-friendly contract abschließen?
    Doch nur, um auf der Zielgerade seiner Karriere nochmal nach dem SuperBowl zu greifen. Das sehe ich selbst als Steelersfan nicht.
    Alleine für den Spaß mit seinen Brüdern zu spielen, wird es denke ich auch Watt nicht machen. Nicht, wenn die Packers in der Verlosung sind mit besseren Chancen nächstes Jahr noch weit zu kommen.

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