Wachmacher für Urban Meyer

Das schlechte Zeichen: Die Jacksonville Jaguars haben am Donnerstag ihren neuen Krafttrainer Chris Doyle vorgestellt – einen Mann, der am College bei den Iowa Hawkeyes zahlreiche Athleten ins Krankenhaus brachte und schließlich wegen erdrückender Rassismus-Vorwürfe zurücktreten musste, nicht ohne fetten Buyout.

Das gute Zeichen: Am Freitag war Doyle nach massivem öffentlichem Druck in Jacksonville schon wieder Geschichte.

Es ist der Wachmacher für Urban Meyer, dass er in der NFL nicht mit jeder Scheiße durchkommt. Dass Journalisten dann doch bissig nachhaken, dass es in 2021 dann doch nicht mehr so ganz egal ist welche Seilschaften man dann aktiviert.

Doyle ist spätestens seit dem letzten Sommer eine extrem umstrittene Coaching-Persönlichkeit in den USA. Er war beginnend in 1999 über 20 Jahre lang Konditionstrainer bei Kirk Ferentz in Iowa und machte in dem Job zahlreiche Athleten NFL-fit.

Aber eben auch krankenhausreif. 13 Athleten wurden in seiner „Amtszeit“ wegen körperlicher Überlastung ins Spital gebracht. Schlimmer noch: Doyle soll offensichtlich in der Behandlung seiner Athleten zwischen Weißen und Schwarzen unterschieden haben. Beschimpfungen und Erniedrigungen für Farbige sollen an der Tagesordnung gewesen sein. Im Zuge der Rassismus-Proteste im letzten Sommer wagten zahlreiche Ex-Athleten ihr Coming Out und beschuldigten Doyle.

Die Indizienlage war so eindeutig, dass Doyle innerhalb weniger Tage zurücktreten musste, obwohl er bis zuletzt alles abstritt. Sein Abgang wurde mit 15 Montagsgehältern versüßt.

Meyer war’s wie schon am College egal, wer in seinem Trainerstab coacht. Er stellte Doyle ohne mit dem Wimper zu zucken an – und wurde dann offensichtlich vom gewaltigen Backlash geblindsided.

Die Pressekonferenz zu Doyles Vorstellung am Donnerstag war ultrabizarr. Ein sichtlich genervter Meyer musste Frage auf Frage auf Frage nach Doyles erschreckender Vergangenheit am College übergehen lassen, und wusste sich irgendwann nicht mehr besser zu helfen als die Einstellung des Mannes mit der Aussage, ihn „intensiv durchleuchtet zu haben“ zu erklären. Außerdem implizierte Meyer die (falsche) Schlussfolgerung, Doyle seit 20 Jahren gekannt zu haben.

Einen Tag später trat Doyle zurück. Oder wurde zurückgetreten?

So bleibt ein schaler Beigeschmack. Die Jaguars schissen sich nicht darum, wen sie da einstellten – allen NFL-Beteuerungen von wegen Vorreiterrolle im Kampf gegen Ungleichbehandlung zum Trotz.

Doch der Aufschrei war groß genug um die Betroffenen zu Handelnden zu machen. Für Meyer ist es ein eindeutiges Signal: Er ist nicht mit den unhinterfragte Alleinherrscher alter College-Tage. Das Bewusstsein für gesellschaftliche Problematiken ist in US-Medien gewachsen, und beginnt zu fruchten.

Der Weg ist noch lang. Aber der Anfang ist gemacht.

9 Kommentare zu “Wachmacher für Urban Meyer

  1. Da hatte man gehofft das man das Problem – wie so viele in der NFL – irgendwie ignorieren / totschweigen könnte.
    Frage ist was sich die Verantwortlichen dabei wirklich gedacht hatten – denn das er eine höchst fragliche Person ist war nun wirklich schon länger bekannt. Selbst ich hatte seinen Namen gehört – und ich schaue kaum College Football.
    In Amerika hingegen dürfte so ziemlich jeder Chris Doyle kennen.

  2. Ich gönne Jacksonville wirklich einen etwaigen Erfolg, aber wenn man das liest, kommt es einen schon wieder hoch. Da mich College kaum interessiert, kenne ich Urban Meyer auch nicht wirklich. Aber mal ganz ehrlich, der ist jetzt schon durch. Das ist auch ein gestriger.

  3. Bitte belehrt mich, falsch ich da falsch liege, aber soweit ich weiß gibt es Anschildigungen gegen Doyle, keine Verurteilung. Das ist halt eine verzwickte Sache, gerade im Hinblick auf die amerikanische Justiz, aber ganz unproblematisch ist diese, ich sage mal Lynchjustiz auch nicht.

    Urban Meyer auf der anderen Seite ist bekannt dafür zweite Chancen zu geben; was ich grundsätzlich auch für begrüßenswert erachte; nur ist halt auch hier die Frage ob das eine Haltung ist, oder ob nicht doch einfach alles dem Erfolg untergeordnet wird

  4. Willst du ernsthaft verlangen, daß man in den USA jemanden wegen Rassismus erst mal verurteilen muss? Jeder weis wie teuflisch es ist, solche versteckten Schikanen Mobbing usw. zu beweisen. Daß Doyle zurückgetreten wurde sagt ja schon alles aus.

    Meyer der Mann der 2. Chance? Lmao

  5. Nein, dass ist es doch, was ich meine – die Lage ist da verzwickt: du kannst sowas nicht ignorieren – und gerade in dem Fall ist es keine Wirkliche Diskussion, weil die Anschuldigungen in erdrückender Menge kamen.
    Gleichzeitig kannst du aber auch nicht jeder unbegründeten Anschuldigung nachgeben, dass eröffnet Erpressungen ja Tür und Tor. Und da ist dann halt eine Grauzone: wie ist dass denn, wenn Drei Leute Anschuldigungen erheben – wollen die nur jemanden eins Auswischen oder ist das genug evidenz? Ein schwieriges Thema. Bei Sandusky hätte man im nachhinein lieber auf die erste Anschuldigung gehört – man darf aber eben auch nicht all die unschuldig Beschuldigten vernachlässigen.
    Geht mir hier eher um das prinzipielle Problem als um den konkreten Fall.

    „Meyer der Mann der 2. Chance? Lmao“
    => verstehe ich nicht so ganz. Das ist für mich die Marketing Variante von „stellt sportlichen Erfolg über moralische Bedenken“ => ich weiß nicht mehr ganz, ob es in einem Podcast war oder aus seinem Buch stammt, aber er selber hat erklärt, dass er daran glaubt, dass Menschen sich ändern können und eine zweite Chance verdienen- wir alle machen Fehler (so in etwa). Dass entspricht durchaus meiner Überzeugung – es ist aber eben auch eine sehr einfache Rechtfertigung dafür, wie er mit problematischen Spielern umgegangen ist.

  6. Weil ich gerade drüber gestolpert bin:

    „You can‘t function in today‘s era of college football without a superstar as a weight coach. That’s more important than a coordinator or a line coach.“

  7. Das ist ja alles schön und gut, aber das strukturelle Problem an gerade den Colleges kann man einfach nicht wegdiskutieren, auch wenn es in den letzten Jahren in die richtige Richtung geht. Ändert aber nichts daran, daß die Verantwortlichen dort erst dann aktiv werden wenn massivster Druck von außen kommt.

    Zweite Chance. Meyer hat am College alle Augen zugedrückt bei Straftaten seiner Spieler, solange sie nur gut für den Erfolg waren. Er und seine Frau haben jahrelang davon gewusst, daß einer ihrer Coaches seine Frau misshandelt, und haben nichts dagegen gemacht. Das sollte genug Kontext sein.

    Wahrscheinlich existieren alle diese Problem auch fern vom CFB in anderen Bereichen aber das entschuldigt es ja nicht.

    Daß ein Strength Coach wichtig ist, auch nicht. Gerade in den USA muß doch eigentlich langsam dem Letzten klar werden, daß die guten alten Zeiten in denen man Schwarze nach Lust und Laune ausschließen und niedermachen konnte, vorbei sind. Dann muß der Mann eben weg bis er sich geändert hat, sonst wird das mit solchen Leuten in bestimmenden Positionen nie besser.

  8. Sorry, hatte vergessen dazu zu schreiben dass es eine Aussage von Urban Meyer selbst war, die ich aus „the motivational techniques of urban Meyer“ entnommen habe – ich finde sie passt ganz gut zur Doyle Episode 🙈

    Ich bin ganz bei dir was die Strukturen und die Probleme angeht. Nur würde ich lieber eine Reform der strukuren und der Justiz sehen, als die Verantwortung auf die Öffentlichkeit abzuwälzen. Dass ein Aufschrei der Öffentlichkeit reguliert ist zwar gut für die Sache, aber eben eher populistisch als rechtsstaatlich.

    Bei Urban Meyer bin ich vlt etwas biased, weil ich einige seiner Ideen (bzw. denen von Tim Knight) einiges abgewinnen kann. Mi fällt es schwer so hart über einen Menschen zu urteilen, ohne ihn selbst erlebt zu haben. Aber vlt bin ich da einfach zu naiv – muss ich mal in Ruhe drüber nachdenken

  9. Von nichts kommt nichts und bevor die Justiz sich von selbst reformiert geht wohl die Welt unter 🙂

    Es ist also kurzum gesagt sehr begrüßenswert, daß solche Typen wie Doyle Gegenwind bekommen, wenn man es nicht gerade mit White Supremacy hält.

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