NFL Offseason Ausblick 2021: AFC South

Teil 3 der Offseason-Serie heute mit der AFC South, wo die Titans sich fragen, was mit ihrem Quarterback nach Arthur Smith kommt, die Colts sich fragen, ob sie noch einmal einen Quarterback finden, die Texans sich fragen, warum ihr Quarterback denn weg will und die Jaguars, ob ihr neuer Quarterback wirklich so gut wird wie gedacht.

Tennessee Titans

11-5, Wildcard Playoffs
Power Ranking: #11
Cap Space: -3 Mio (#22)

Die Titans haben ihr “Fenster“ in den letzten beiden Jahren nicht ganz für den Durchbruch nutzen können – jetzt droht erstmal ein Ende der Euphorie: OffCoord Arthur Smith ist als Architekt der sehr effizienten Passing-Offense weg und mit einer fiesen Cap-Situation droht Tennessee mehrere Leistungsträger zu verlieren.

Die Titans sind momentan zirka 3 Mio. über der Salary-Cap und haben nicht allzu viele Hebel um einzusparen. Vielleicht 15-18 Mio lassen sich ohne nachhaltige Schäden freimachen – aber das reicht nicht um die vielen Free Agents alle zu halten:

  • WR Corey Davis (hat keine 5th Year Tag bekommen)
  • TE Jonnu Smith
  • OT Ty Sambrailo
  • EDGE Jadeveon Clowney
  • DT Daquan Jones
  • LB Jayon Brown
  • CB Desmond King

Davis und Smith haben sich in den letzten zwei Jahren zu echten Stützen der Offense entwickelt. Beide zu verlieren wäre hart; gemessen daran, dass Davis erst in seinem vierten Jahr wirklich den großen Schritt nach vorn gemacht hat, könnte er der Mann sein, den man ziehen lässt. Die Receiver-Draftklasse ist bekanntlich eine gute.

O-Line ist in Tennessee mit der hohen Lauflastigkeit immer ein Thema; Sambrailo war letztens durchaus wichtig, weil die Titans auf beiden Tackle-Positionen Probleme hatten (LT Lewan Kreuzbandriss, RT Isaiah Wilson null Snaps als Rookie mit Vollflop-Gefahr).

Passrush war ziemlich laues Lüftchen und Defensive Backfield mit dem monatelangen Ausfall von Adoree Jackson ein Torso. Die Titans hatten als Folge eine der schwächsten Passing-Defenses nach EPA/Play. Clowney zu re-signen ist wahrscheinlich wegen der „Name Tax“ (ex #1 overall Pick) zu teuer. Ohnehin sprechen nicht viele Indizien dafür, dass Clowney wie ein Top-Passrusher bezahlt werden sollte. King ist ein versatiler Defensive Back, der Mitte der Saison nach Nashville kam. Er sollte eigentlich eine der Prioritäten sein.

QB Tannehill und RB Henry sind beide auf ihren Verträgen eingelockt. Für Tannehill wird 2021 das Jahr der Wahrheit: Jetzt muss er es ohne Smiths Scheme richten – und mit wahrscheinlich weniger Waffen, hinter einer immer dünner werdenden O-Line. Prinzipiell spricht nicht viel dafür, dass die Titans ihren Erfolg der letzten eineinhalb Jahre aufrecht erhalten können.

Indianapolis Colts

11-5, Wildcard Playoffs
Power Ranking: #8
Cap Space: 69.1 Mio (#2)

Colts-GM Chris Ballard ist eine arme Sau: Er hat einen starken, jungen Kader zusammengestellt, der in dieser Offseason ohne die ganz großen Free Agents den zweitmeisten Cap-Space zur Verfügung hat – aber wenn ihm keine adäquate Quarterback-Lösung gelingt, ist alle gute Arbeit umsonst. Der überraschend frühe Rücktritt von Andrew Luck wirkt auch eineinhalb Jahre später noch nach.

Philip Rivers geht bekanntlich in Football-Rente. Er hinterlässt eine Mannschaft, die sich fragt, ob sie nun einfach eine Art „Recycling-Modus“ auf der Quarterback-Position einschalten soll – einfach jede Offseason den größten verfügbaren Free-Agent-Namen abgreifen und hoffen, dass es 1-2x zu einem tiefen Playoff-Run reicht.

Natürlich gibt es ein paar harte personelle Entscheidungen zu treffen. QB Brissett gehört nicht dazu; er ist maximal als Backup eingeplant. WR T.Y. Hilton ist nach neun Jahren Free Agent – wie auch EDGE Justin Houston, der angenehm starke CB Xavier Rhodes und FS Malik Hooker, der sein Versprechen als neuer Earl-Thomas-Style Centerfielder nie ganz einlösen konnte. Theoretisch hätte Indy die Moneten, diese Leute alle zu halten.

Doch wirklich „Sinn“ macht nur Rhodes, wenn er keinen Elite-Vertrag verlangt. Hilton und Houston sind nicht mehr die jüngsten und eher als Role-Player denn als klassische Starter zu betrachten.

Ohnehin sind die wichtigsten zwei Stellschrauben in Indy diese Offseason:

  • Finde eine passable Quarterback-Lösung
  • Finde einen Field-Stretcher auf Wide Receiver

Eine auf der Hand liegende Quarterback-Lösung gibt es wie angedeutet nicht. Wenn die Colts an #21 picken, sind die vier Top-Optionen wahrscheinlich längst vom Tablett. Mac Jones wäre höchstens ein Trostpreis – so er an #21 überhaupt noch zu haben ist. Deshaun Watson kann man sich so gut wie abschminken (Divisionsrivale). Ob Carson Wentz so geil ist? Naja…

Letztlich ist gar nicht undenkbar, dass es ein Oldie wie Ryan Fitzpatrick auf dem letzten Halali richten muss. Fitzpatrick tingelt seit Jahren wie ein Durchlaufhitzer durch die Liga und rüttelt totgeglaubte Passing-Offenses wach. Zuletzt zeigte er Jungspunden wie Josh Rosen oder Tua Tagovailoa, wo der Hammer hängt.

Sportlich wäre die „gute Version“ von Fitz vielleicht gar keine so schlechte Option – vielleicht gepaart mit einem Contested-Catch-Freak wie Kenny Golladay sogar eine ziemlich attraktive. Playoffs wäre ein recht erreichbares Ziel. Aber es ist halt nix Langfristiges – und Fitzpatrick ist berüchtigt für seine Inkonstant. Und selbst wenn das gut geht: In einem Jahr ist man wieder am gleichen Punkt.

Vielleicht ist das aber ohnehin das Los der Colts und so eine Art „Strafe von oben“ dafür, dass man in 21 Jahren Quarterbacking von Peyton Manning und Andrew Luck so schwaches Team-Building betrieben hat, dass es in all der Zeit zu nur einem einzigen Titel gereicht hat.

Houston Texans

4-12
Power Ranking: #28
Cap Space: 3.3 Mio (#19)

Über das Trauerspiel Texans habe ich eigentlich wenig Lust zu schreiben. Mit der Entlassung von J.J. Watt ging letzte Woche eine wichtige Identifikationsfigur dieser Mannschaft abhanden – und die einzige andere fordert öffentlich den Abgang: QB Deshaun Watson. Watson redet zwar momentan nicht viel – aber er scheint wirklich das durchzuziehen, was ich z.B. von einem Luck in Indy auch gefordert hatte: Die Forcierung des Abgangs aus einer inkompetent geführten Franchise (PS: Indy hat sich seit Ballard extrem zum Guten gewandelt).

Dass Watson um jeden Preis weg will, ist nachvollziehbar. Ich hätte auch keine Lust, in so einem inkompetent geführten Laden vor die Hunde geworfen zu werden und zu versauern.

Auch wenn ein Verbleib Watsons weiterhin der anzustrebende „Best Case“ für die Texans ist: So wirklich an eine Rettung der Situation glaubt niemand mehr. Die Frage ist dann, wie wichtig den Texans die Wahrung des Gesichts ist. Würden sie Watson nach Miami abgeben in einem Trade, der in Essenz ihren eigenen #3 Overall Pick wieder zurück nach Houston bringt, vielleicht mit Tua im Gepäck obendrauf? Als Endergebnis stünde quasi „Tunsil gegen Watson“ – eine Lachnummer.

Oder nähme man niedrigere Picks in Kauf – z.B. Carolinas #8 oder San Franciscos #12, die keinen klaren „schnellen“ Weg zu einem Rookie-Nachfolger bieten? Auf jeden Fall eine beispiellose Situation. Und bevor das Thema nicht geklärt ist, braucht man eh nicht über den weiteren Offseason-Plan nachdenken.

WR Will Fuller, der einzige weitere verbliebene Offense-Star, ist Free Agent und mit wenig Cap-Space nur schwer zu halten. Die beiden Top-Einkäufe vom Runningback-geilen Bill O’Brien, David und Duke Johnson, sind so gut wie Cap-Casualities. Im 2020 horrenden Defensive Backfield sind Vernon Hargreaves und Gareon Conley Free Agents – zwei der wenigen bekannteren Namen, hohe ex-1st Rounder, die es aus verschiedenen Gründen in der NFL nicht geschafft haben (Conley traue ich weiter eine vernünftige Rolle zu).

Das war’s dann auch schon mit den Plänen. Wie der Scherbenhaufen aufgeräumt werden soll, wissen wir erst, wenn der Watson-Trade über die Bühne ist. Dann ist klar, wie viele Picks es wann für den Rebuild geben wird. GM Nick Caserio und Chef-Einflüsterer Jack Easterby werden sich nun in die Kapelle begeben um für ein möglichst gutes Ergebnis zu beten, damit nix mehr schiefgehen kann.

Jacksonville Jaguars

1-15
Power Ranking: #32
Cap Space: 77.5 Mio (#1)

Das schwächste Team der letzten Saison hat mit dem #1 Pick in einer starken QB-Klasse und drei weiteren Top-45 Picks sowie dem meisten Cap-Space einen ziemlich offensichtlichen Weg an die NFL-Spitze. Wie genau sie ihn bestreiten, dafür gibt es freilich viele Optionen.

Natürlich werden die Jaguars den #1 Overall Pick in einen Quarterback investieren. Da nicht anzunehmen ist, dass sie überhaupt in ein Deshaun-Watson-Wettbieten einsteigen können (u.a. gleiche Division wie Houston), bleiben prinzipiell zwei Möglichkeiten:

  • QB Trevor Lawrence von Clemson
  • QB Zach Wilson von BYU

Momentan sieht alles nach Lawrence aus, aber je mehr Scouting-Analysten auf Twitter und Youtube die Patrick-Mahomes-esken Highlight-Reels von Wilson rauf- und runterrattern, umso eher gibt es noch eine Chance zum Umdenken. Das könnte klassisches overthinking sein – aber ich hab schon respektierte Analysten wie Seth Galina vor längerer Zeit schreiben sehen, dass Lawrence als Prospect durchaus an manchen Stellen angreifbar ist.

Trotzdem: Stand jetzt kann sich kein Front Office trauen, nicht Lawrence zu ziehen. Zu hoch das Risiko, mit against the grain sich brutal schnell angreifbar zu machen. Vielleicht ist das auch gut so. Lawrence ist ein ziemlicher cleaner Prospect, wenn auch er am College nur selten in die Spielfeldmitte geworfen hat – und die NFL gewinnt genau dort, in der Mitte.

Abseits von QB können die Jaguars eigentlich alles nach freier Hand machen um möglichst gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Sie haben genug Cap-Space um mehrere der besten Free Agents zu holen, und können mit Picks #25, #33 und #45 weiteres starkes Talent im Draft abgreifen.

Besonders große Lücken hat man in der Secondary (quasi nix hinter CB C.J. Henderson). Der Edge-Rush sieht in Josh Allen und K‘Lavon Chaisson zwei 1st Rounder aus den letzten zwei Drafts, aber beide waren nicht die konstantesten und es gibt dahinter keine Tiefe. Beide Positionen dürften attraktive Free-Agent-Optionen anbieten.

Die Offense Line ist innen solide, aber beide Tackle-Spots sind Fragezeichen: LT Cam Robinson ist Free Agent und der junge RT Jawaan Taylor hat seinen Hype aus dem Draft 2019 noch nicht bestätigen können (das dritte Jahr ist bei Tackles aber oft das wichtige!). Die Draftklasse wäre auf Tackle stark, aber vielleicht nimmt man lieber einen etablierten Routinier in Free Agency.

Und natürlich Receiver. Die Jags haben mehrere WR2/WR3 Typen, aber keine klare #1. D.J. Chark ist ein guter, Lavishka Shenault hat als Rookie einiges gutes gezeigt, und die #4 Keelan Cole ist Free Agent. Es braucht noch ein bis zwei wirklich verlässliche Starter. Eine Rückkehr von Allen Robinson wäre ziemlich cool – aber vielleicht gibt man sich auch mit einer etwas billigeren Lösung zufrieden.

In Summe: Die Jags können nur besser werden – aber wie genau sie den Plan umsetzen, ist trotzdem spannend. Viele Wege führen nach Rom. Man darf sich jedenfalls schon jetzt auf ein paar „Splash-Moves“ gefasst machen.

9 Kommentare zu “NFL Offseason Ausblick 2021: AFC South

  1. Was ist eigentlich mit Gardner Minshew? Wenn die Jax auf QB nachlegen, dann könnte doch ein Team für ihn traden. Washington braucht ja einen QB…

  2. Ich frage mich ja eher, ob jemand außer den Saints ein Experiment mit Winston starten will… Von ihm hat man bei den Saints wenig gesehen, aber ich könnte mir vorstellen dass der ein oder andere QB Coach Lust hätte mit ihm zu arbeiten.

  3. Winston hätte da aber mehr zeigen müssen in NO, was sollten andere Teams plötzlich so viel mehr von ihm halten als letztes Jahr als er für 1 Mio. unterschreiben musste? Außerdem haben die Bucs ohne ihn den SB gewonnen, das spricht auch nicht gerade für Jameis.

  4. @Milaidin
    Problem ist denke ich das ihn niemand als vollwertigen QB sieht.
    Halt sowas wie Fitzpatrick…kann in einem Moment toll sein, nur um im nächsten Moment alles wild und ohne Plan in der Gegend rumzuschmeissen… entsprechend hat er zwar über 120 TD geworfen, aber auch beinahe 90 INTs.
    Man ist sozusagen gleich wieder auf der Suche nach dem nächsten QB.

    Letzte News die ich gelesen hatte, war aber tatsächlich das Colts interessiert wären.

  5. der Preis:
    in exchange for a 2021 third-rounder and a conditional second-rounder in 2022,
    finde ich jetzt überschaubar

  6. Oh wow

    Der 2022 2nd Rounder kann aber fix ein 1st Rounder werden, wenn Wentz genug spielt:

    Interessanter Move von Ballard. Da hatte wohl jemand Angst am Ende des Frühlings ohne QB dazustehen. Wentz kriegt wieder gute O-Line und die Colts müssen jetzt auf Receiver nachlegen, dann könnte es was werden.

  7. @Wentz:
    Für Indy ist wichtig dass es nur zwei Picks in aufeinander folgenden Jahren sind, d.h. selbst wenn Wentz nicht ihr QB für die Zukunft ist sind sie in den nächsten beiden Jahren nicht daran gehindert den Rest des Kaders mit jungen Spielern zu erneuern bzw dessen aktuelle Tiefe zu erhalten. Wenn man wenige Picks hat ist man sonst ständig in der Free Agency unterwegs und nahe an der Cap Hölle…
    Philly hatte vermutlich auf mehr gehofft. Was macht Chicago jetzt?

    @Winston:
    Gerade weil er in New Orleans so wenig zum Einsatz kam hätte ich gedacht, dass es Teams gibt die mit eigenen Augen sehen wollen was er kann. Ich würde denken dass sein Markt besser ist als Newtons, der ha in New England ausreichend Spielzeit bekommen hat und den alle sehen konnten. Aber vermutlich ist es wie immer: Erst müssen die großen Dominosteine neue Teams finden, dann kommen die Experimente 😉

  8. Pingback: Der Trade von Carson Wentz nach Indianapolis und seine Implikationen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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