Die große NFL-Rückschau: Meine schlechtesten Takes 2020

Gute NFL-Predictions kann jeder. Aber was ist mit den schlechten? Lass mich heute mal auf meine übelsten Takes vor der NFL-Saison 2020 zurückschauen.

Buffalo Bills und Josh Allen

Die Beispiele lagen auf der Hand: Miami Dolphins 2017, Jacksonville Jaguars 2018, Chicago Bears 2019 – Buffalo Bills 2020. Die Reihe der Teams, die prädestiniert für einen krassen Rückschritt waren, weil sie ihr Quarterback-Problem nicht gelöst bekamen. Weil die Bills zwar super Aufbauarbeit im Kadermanagement geliefert hatten, aber eben den Bremsklotz QB Josh Allen an der Backe hatten. Allen war der Grund, wieso ich die Bills nur als #2 der AFC East getippt hatte, mit 8-8 Record.

Über die Jahre schrieb ich nicht viel Gutes über Allen. Hier zum Beispiel aus meiner Sommer-Preview:

„Non-QB“ Kader und Coaching allein sollten ausreichen für sieben, acht Siege. Was obendrauf kommt, entscheidet QB Allen. Ich hab‘s schon angedeutet: Ich bin da extrem skeptisch. Allen 2020 hat so viele „Trubisky-2019“ Vibes, ich habe gerade einen Flashback.

Neue Waffen sind schön und gut, aber die Historie zeigt, dass bei solchen grenzwertigen Quarterbacks am untersten Ende der Einsatzbarkeit die Qualität der Waffen irgendwann nicht mehr kriegsentscheidend ist. Deutlicher: Wenn die Bälle zu weit links und rechts und obendrüber segeln, kann auch ein Diggs nix ausrichten.

Ich traute Allen den Sprung nicht zu. Zugegeben: Ich war nicht der einzige. So gut wie niemand außerhalb der „Bills Mafia“-Szene glaubte jemals noch an Allen. Aber wenn ich tief in meine Blog-Historie zurückblicke, dann sind meine Josh-Allen-Takes erstaunlich konsistent. Das kommt aus der Pre-Draft-Evaluation:

Sofort springt die Assoziationsmaschine an und liefert Geister der Vergangenheit wie Ryan Leaf oder Jamarcus Russell – berühmte QB-Busts, die mit unpräzisem Monsterwurfarm in die NFL gekommen und schwer gefloppt sind. Doch anders als Allen hatten Leaf oder Russell zumindest eine großartige College-Karriere hinter sich gebracht.

Allen hat gar nichts: Seine kleinen Cowboys waren letzte Saison getragen von einer fulminanten Defense und trotz absurder Offense nur 8-5. Allen verpasste es sogar, inferiore Konkurrenz zu demolieren und brachte keine 20 TD an den Mann. Und im Vergleich zu seinem Junior-Jahr 2016 war im letzten Herbst eher Rück- als Fortschritt zu beobachten. Sämtliche statistischen Modelle sehen in ihm hohes Bust-Potenzial.

Und trotzdem ist er in der Diskussion um den Top-Pick 2018.

Warum, kann sich niemand so genau erklären. Ist es irrationale Gier nach diesen geilen 50-Yards Bomben? Oder der feuchte Traum vom perfekten QB-Body? Was sicher ist: Allens hat unbestritten gute Basisanlage. Es gilt jedoch, seine Talente und seine Energie in die richtige Richtung zu kanalisieren. Und um ihn mit einem hohen Pick zu ziehen, muss man vor der Geschichte der NFL die Augen verschließen.

Nach seiner Rookiesaison:

Im Prinzip ist über Allen nach Ablauf der Rookiesaison nichts wesentlich Neues bekannt: Er ist ein besserer Scrambler als man meinte und er hat zumindest die schlimmsten Befürchtungen („völlig ungeeignet für die NFL“) widerlegt. Ein guter Quarterback war er definitiv nicht. In fast allen entscheidenden Metriken rangierte Allen unter den schlechtesten fünf QBs der NFL-Saison.

Vor seiner zweiten Saison:

Das alles sind Moves mit einem Ziel: QB Allen mehr Unterstützung zu liefern. In seiner Rookiesaison war Allen als Werfer nur etwas besser als die prognostizierte Katastrophe, doch er rettete sich mit hyper-effizientem Scrambling über die Runden. Der Pöbel war mit Allen zufrieden – doch „die schlimmsten Befürchtungen übertreffen“ reicht nicht aus, wenn man in der NFL wirklich weit kommen will.

Allen muss einen gewaltigen Schritt machen – den Schritt, den seine Vorstellungen 2018 nur sehr verhalten andeuteten. Ob das eingekaufte Material nun die Infrastruktur für Allen wesentlich verbessert? Call me skeptisch.

Und dann hier der Rat zum Linebacker umgeschult zu werden:

Allen gilt als lernwillig genug um neue Dinge auszuprobieren – es ist sogar nicht ganz auszuschließen, dass man ihn auch situativ als Strongside-Linebacker im Sinne eines Anthony Barr einsetzen kann, wenn er als Passrusher Probleme bekommen soll. 

Ups. Falscher Allen. Der einzige Josh Allen, über den ich vor dem Herbst 2020 wirklich Gutes geschrieben habe, war der andere Josh Allen (Jacksonville-Passrusher). Obwohl ich Allen nach zwei schwachen Jahren zum Einstand in der NFL schon keine vernünftige Entwicklung mehr zugetraut hatte, tippte ich quasi als Tribut an die großartige Entwicklung des restlichen Kaders. Doch Allen lieferte, die Bills gingen 13-3, überraschten die ganze NFL als womöglich zweitmächtigstes AFC-Team hinter Kansas City und spielten sich in landesweiten Fokus.

Was sind die Lehren aus diesem Preview-Debakel?

  1. Unterschätze nicht den Einfluss eines Top-Receivers, der herausragende „separation“ kreieren kann. Auch nicht ganz präzise Quarterbacks treffen diese Targets.
  2. Geduld in der Entwicklung und auf den Quarterback ausgerichtetes Roster-Management können sich wirklich auszahlen. Man muss nicht immer schon nach zwei Jahren alles in Grund und Boden reden.
  3. Es ist wahr: Aggressives Early-Down-Playcalling hilft Quarterbacks.
  4. Der Quarterback selbst. Wir sehen nur das was am Platz passiert und nicht die Entwicklung dahinter. Allen war kein guter QB vor 2020. Aber er hat sukzessive seine Schwachstellen ausgemerzt und sich prächtig entwickelt.

Allen ist längst nicht „Kategorie Mahomes“. Vielleicht ist er gar prädestiniert für Regression in 2021. Aber das kann nichts wegnehmen am verblüffenden Breakout, den ich niemals habe kommen sehen.

Miami Dolphins

Auch die AFC-East-Konkurrenz am unteren geographischen Ende habe ich falsch eingeschätzt. Ich schrieb:

Es besteht natürlich berechtigter Grund zur Hoffnung, dass die Defense mit aufgehübschtem Pass-Rush und verbesserter Secondary einen deutlichen Sprung nach vorn macht.

Aber reicht das? Es sind einfach noch zu viele kritische Punkte. Zwei neue Coordinators, möglicherweise ein Rookie-QB und ein Team, das sich einen 5-11 Record erst einmal mit stabilerer Performance „verdienen“ muss: Vielleicht wird es leistungstechnisch besser. Aber viel weiter nach oben als 6-10 sehe ich noch nicht.

As it turned out: Ich hätte besser den Record aufn Kopf gestellt, denn Miami ging 10-6. In den wesentlichen Teilen meiner Analyse behielt ich zwar recht: Starke Defense-Entwicklung, Wackel-O-Line, zu dünner Receiver-Corps, harziger einstand von Tua. Doch ich vergaß QB Fitzpatrick als YOLO-QB auf seine alten Tage, und übersah, dass diese Defense eintausend Turnovers fabrizieren würde.

Miami ist in seiner Entwicklungskurve weiter als gedacht – aber jetzt stillzustehen wäre Rückschritt. Wir haben es oft geschrieben: Die Offense muss in dieser Offseason personell und taktisch nachlegen um nicht im Herbst eine böse Überraschung zu erleben.

Los Angeles Rams

Ich war im Vorfeld der Saison höher bei den Rams als die meisten. Ich kolportierte immer wieder mit den Playoffs, hatte aber nicht den Mut sie an einem oder zwei der NFC-West-Teams vorbei zu ranken. In Teilen war ich ziemlich nah dran (Offense), aber ich unterschätzte die Defense völlig:

Weil auch DefCoord Wade Phillips in den Ruhestand geschickt wurde um schematisch in eine neue Richtung zu gehen, droht eine durchaus wechselhafte Defense.

Szenarien wie eine Turbo-Zündung der Offense mit stark verbesserter O-Line und einem QB Goff on fire sind denkbar – und dann wäre L.A. im NFC-Rennen vorne dabei. Doch wahrscheinlicher ist ein weiteres Jahr des Strauchelns, vielleicht verbunden mit neuen schematischen Kniffen wie Quick-Game (kürzere Routen). Weil auch die Defense in Selbstfindungsphase ist, dürften die Rams zwar recht hohen Floor haben, aber näher an ihrer Leistungs-„Untergrenze“ agieren als am Ausschöpfen des ganzen Potenzials.

Es war einfach zu glauben, dass der erzwungene Ruhestand für die DefCoord-Legende Wade Phillips erstmal problematisch für die Rams sein würde. Dass der völlig unbekannte neue DefCoord-Sprössling Brandon Staley mit seiner modernen Interpretation von NFL-Defense die Fachwelt begeistern würde, war mir nicht bekannt. Staley ist ein Jahr später schon Headcoach bei den Chargers, lässt ein kluges Statement nach dem anderen raus (mehr dazu am Montag) und hinterlässt bei den Rams jetzt eine noch größere Lücke als Vorgänger Phillips.

Cincinnati Bengals

Hier mein Preseason-Abschluss-Statement zu den Bengals:

Natürlich sind die Bengals ein bisschen Glaubensfrage – vor allem bei Burrow, der als Prospect durchaus mit ein paar Fragen kommt. Aber Burrow hat gute Pocket-Präsenz, ist ein furchtloser QB, der schon viel Scheiße überwunden hat, und er hat potenziell exzellente Anspielstationen. Zündet Burrow wie gedacht, haben die Bengals eine Außenseiterchance auf die Playoffs. Am Ende ist mir die AFC North zu eng um wirklich daran zu glauben. Aber unteres Liga-Mittelfeld sollte es schon werden.

Es war immer ein longshot – am Ende ein zu langer Longshot. Die Bengals hatte ich auf 7-9 getippt, als eines meiner Außenseiterteams, bei denen ich mir eine Überraschung vorstellen konnte. Es gibt jedes Jahr 1-2 Teams, die von ganz unten kommend plötzlich in die .500 Region vorstoßen. So war’s ja letztlich auch – aber eher mit Teams wie Miami oder Washington.

Den Pudels Kern bei den Bengals zu erfassen, war nicht schwierig. Aber ich hatte die O-Line-Probleme unterschätzt. Joe Burrow hatte es als Rookie dann doch schwerer als erwartet, trotz einiger guter Spiele. Dass Burrow kurz nach Saisonmitte mit schwerer Knieverletzung runtermusste, war natürlich bitter – aber ich glaube nicht, dass die Bengals mit Burrow schnell genug zu sich gefunden hätten um meine 7-9 Erwartung zu erfüllen.

Jetzt gilt es auf den zwei entscheidenden Stellen massiv nachzubessern: O-Line und Receiver. Und dann gilt es für mich, nicht wieder zu überreagieren und die Bengals 2021 schon in den Superbowl zu tippen. Denn Burrow wird seine Comeback-Saison geben. Und nachdem so ziemlich alle Bänder im Knie zerfetzt sind, klingt das ultra-gefährlich.

Los Angeles Chargers

Eigentlich alles richtig analysiert bei den Chargers – auf den einen Absatz hier:

Und in der Offense ist fraglich, wie man spielen will. Philip Rivers ist als langjähriger Franchise-QB weg und kann durch das Nachfolge-Pärchen Tyrod Taylor / Justin Herbert (Rookie) nicht gleichwertig ersetzt werden. Rivers war ein Play-Maker. Taylor und Herbert sind bestenfalls Verwalter.

Ich war sehr „down“ bei Herbert. Ich schrieb bei ihm von einem „Risikoquarterback“. Nicht alle meine Takes waren total falsch:

Zusammenfassend ist Herbert also ein QB mit einem sensationellen Wurfarm, allen athletischen Tools, brauchbarer Präzision aus verschiedenen Haltungen und einem relativ guten Verständnis, idiotische Plays zu verhindern, aber mit einem nur rudimentären Spielverständnis mit vielen Problemen gegen komplexere Defenses ein Quarterback, den die NFL immer in der 1ten Runde draften wird.

Ob sie das sollte, ist eine andere Frage. Aber es gibt immer ein paar Coaches, die glauben, dass sie seine innere Uhr mit gutem Coaching beschleunigen können – und dann wäre Herbert plötzlich ein ziemlich attraktiver QB! Bloß: Wie viele gute Beispiele für solche Quarterbacks gibt es?

Ich habe Vergleiche mit Ryan Tannehill oder Carson Wentz gelesen. Herbert gilt trotz allen Problemen im Spielverständnis als QB, der theoretisch recht schnell erste Erfolge am Feld feiern könnte – seine körperlichen Voraussetzungen sind einfach zu gut.

Doch seine Langzeitaussicht hängt letztlich daran, ob er sein Verständnis vom dem, was am NFL-Feld vorgeht, erweitern kann um irgendwann nicht bloß von seinen Würfen, sondern auch von seinem Hirn zu leben. Und dafür könnte es hilfreich sein, ihn erstmal hinter einem erfahrenen Quarterback sitzen und studieren zu lassen.

Aber dass Herbert den besten Einstand aller Rookie-QBs haben und mit dem tiefen Passspiel so imponieren würde, das hatte ich nicht kommen sehen. Und daher hatte ich zwar die Gesamtbilanz bei den Chargers richtig eingeschätzt, auf QB aber ziemlich verwachst.

Wobei: Victory-Lap bei der Pro-Herbert-Fraktion halte ich noch für zu früh. Zu stark hing Herberts Erfolg an instabilen Momenten wie Play under Pressure, Yards after Catch (er hatte trotz seiner Reputation als Deep-Baller sehr viele Kurzpässe) und tiefen Bomben. In zahlreichen „stabilen“ Metriken war er tiefer im Mittelmaß als man annehmen würde.

Jetzt kommt ein neuer Offensive Coordinator. Hoffentlich verbessert sich seine Offensive Line. Aber Herbert selbst muss sich natürlich auch verbessern, sonst trifft die skeptische Prognose doch noch ein.

Green Bay Packers

Ich hab’s schon oft geschrieben: Packers 2020/21 = Sehr positive Überraschung. Diese Absätze fliegen mir in der Retrospektive natürlich total um die Ohren, denn erstmal ist fast nix davon eingetroffen:

Das Problem an den Packers ist die eingeschlagene Richtung, in die man die Offense offensichtlich entwickeln möchte: Anstatt sich in einem Receiver-lastigen Draft einiger Anspielstationen für Rodgers zu bedienen um dessen letzte Jahre noch einmal richtig mit einem aufgemotzten Receiver-Corps auszuschlachten, draftete man dessen Nachfolger, einen Big-Bruiser auf Runningback und einen Fullback/H-Back Hybrid.

Da ist der Assoziationssprung zu „49ers-Kopie“ nicht weit: Viel Early-Down Rushing, viel Wide-Zone-Running, Quarterback wird zum Game-Manager reduziert und streut höchstens noch gelegentliche tiefe Pässe aus Play-Action mit ein – wenn die Receiver downfield weit offen sind.

Die Sache hat nur einen Haken: Headcoach Matt LaFleur ist kein Shanahan, und wenn er denkt, dass er die Niners-Offense nachbauen kann, droht uns ein ähnliches Szenario wie mit den eintausend gescheiterten Patriots-Assistenten, die niemals Belichick zu replizieren vermochten, weil sie immer nur nachmachen, nie vormachen.

Mit der verheerenden Rookie-Klasse machte man das einzig Richtige (nämlich sie auf der Bank zu lassen). Aaron Rodgers dagegen spielte noch einmal als sei 2011, holte den Liga-MVP und übertünchte damit die befürchteten Probleme im Receiving-Corps… zumindest bis spät in die Playoffs hinein. Dann kamen die Probleme doch noch auf.

Victory-Lap kann ich trotzdem unmöglich laufen. Ich hatte die Packers als NFC-North-Champ getippt, aber nur mit 9-7 Bilanz. Sie waren 13-3, eines der besten Teams in der NFL und hätten sich mit etwas mehr Glück für die Superbowl qualifizieren können. Nicht viel richtig gemacht im Draft. Aber dann sehr viel richtig gemacht danach.

Houston Texans

Wie hatte ich geschrieben?

Die Houston Texans werden zum Lackmus-Test von wegen „wie weit kann ein echter Franchise-QB eine unterdurchschnittliche Mannschaft tragen?“. Die Texans sind im Jahr 2020 das Team von QB Deshaun Watson, der nach zweieinhalb exzellenten Jahren als Starter nicht zufällig mit einer fetten Vierjahres-Vertragsverlängerung für 160 Mio. belohnt wurde.

[…]

So hängt fast alles an Watsons Performance. Play-Design wird einigermaßen passen, denn der Headcoach Bill O’Brien coacht in einer anderen Liga als der General Manager Bill O’Brien dealt. Aber Watson, in den letzten Jahren bei allem berechtigten Lob immer mal wieder für einen Stinker gut, muss diese Saison annähernd perfekt sein, soll es wieder zum Divisionssieg reichen.

Wie sich herausstellte, reichte selbst die beste Profisaison Watsons ohne einen einzigen „Stinker“ nur zu 4-12 Bilanz. Heute wissen wir sogar, dass weder Bill O’Brien der Coach, noch Bill O‘Brien der GM das wahre Problem in Houston sind.

Bislang dachte ich immer, dass ein Team mit Elite-QB immer zumindest am Mittelmaß kratzen wird. Das war eine Fehlinterpretation. Es ist tatsächlich möglich, mit dem zweit- oder drittbesten Quarterback in der NFL die drittschlechteste Bilanz einzufahren.

New England Patriots

Erste Wettregel „Tippe nicht gegen Bill Belichick“ gilt nicht mehr. Das wissen wir mittlerweile. Und auch das hier

Ich traue mich nicht, die Pats zu den echten Titelfavoriten zu zählen, denn zu viel Qualität hat die Defense verloren, zu wenig ist da in der Offense da um an einen totalen Umbruch mit Newton zu glauben. Aber die Patriots haben den besten Headcoach, den besten Quarterback und das beste Defensive Backfield in der AFC East; unmöglich, gegen sie als Division-Champ zu wetten.

…bleibt nicht mehr ungestraft. Bester Quarterback der Division und unmöglich, gegen sie als Division-Champ zu tippen, war einfach falsch. Die Pats waren eine zeitlang noch dran. Aber am Ende fehlte es sowohl an den Waffen in der Offense als auch an Dominanz in der Defense um in der AFC East eine echte Chance zu haben.

Tennessee Titans

Ich schrieb: Also: Eine Offense wie aus dem Lehrbuch für „Regression zur Mitte“. Auch wenn die restliche Analyse ziemlich spot on war: Das war falsch. Die Titans-Offense hat keinen Rückschritt gemacht – und auch Ryan Tannehill nicht. All den Talk um Derrick Henry und Offense-Trigger und 200 Rushing Yards yaddayadda kannste zwar vergessen weil nur sekundär relevant. Aber Tannehill hat seinen Level gehalten. Er hat ihn vielleicht sogar verbessert – und das, obwohl er den Spielstil ziemlich umgestellt hat.

Regression droht zwar 2021 erneut – jetzt ist OffCoord Arthur Smith weg, jetzt drohen die Waffen wegzubrechen und die O-Line Risse zu zeigen. Aber der „R“-Talk 2020 hat sich nicht bewahrheitet.

Tampa Bay Buccaneers

Lektion gelernt: Tom Brady hüpft jeden Sommer in den Jungbrunnen.

Ich traue Brady mit viel gutem Willen noch einmal zu, den Zahn der Zeit einigermaßen aufzuhalten. Aber er war schon die letzten beiden Jahren nicht mehr *ganz* der Alte. Die Angst vor einem weiteren Leistungs-Knick hält mich davor zurück, die Buccs wirklich zu den allergrößten Titelfavoriten zu zählen.

NFC East

Ich hatte zwei NFC-East-Mannschaften unter meinen Titelfavoriten gerankt. Ich schrieb über die Eagles…

Vollends überzeugen die Eagles nicht mehr – und vieles wird daran hängen, wie gut Wentz ist (und ob er mal die ganze Saison durchhält). Aber Philly hat gutes Coaching um schwierige Perioden zu überstehen. Ich würde annehmen, dass man mit besseren Receivern auch wieder aggressiveres Early-Down-Passing veranstalten wird – Headcoach Doug Pederson hat es schon bewiesen. Er nutzt viele solcher Analytics-Stellhebel.

Ich bin mir nicht sicher ob Philadelphia ein besseres Team hat als Seattle oder Tampa Bay. Doch die Eagles haben die wesentlich einfachere Division. Dass sie an den mächtigen Cowboys vorbei die NFC East gewinnen, ist eher nicht zu erwarten, aber mit einem tendenziell einfachen Spielplan sollte es locker für die Playoffs reichen. Sind sie dort einigermaßen fit, können sie mit jedem Team mithalten

…und über die Cowboys:

Der Cowboys-Kader gehört zweifellos zu den besten in der NFL. Ein erneutes 8-8 wäre ein Katastrophe. Die NFC East ist einfach genug, dass man mit Divisionssieg sogar die Chance auf den #1 Seed bekommt. In der Offense schlummert dank McCarthy noch mehr Early-Down-Passing-Potenzial. In der Defense sollte DefCoord Mike Nolan eine zumindest durchschnittliche Unit herauswringen.

„Superbowl“ ist in Dallas irgendwie ständig das Ziel. Meistens war das Wunschdenken. Ich denke, dieses Ziel war letztmals in den goldenen Neunzigern so realistisch.

Einfachere Division war noch das beste in diesen ganzen Zeilen. Gutes Coaching bei den Eagles und Cowboys? Doug Pederso ist gefeuert, und bei Mike McCarthy sah es zwischendurch sogar nach one and done aus. Locker für die Playoffs reichen und Superbowl realistisch? In Summe haben die beiden Teams 10.5 Siege geholt. Ich hatte 10-6 für Dallas und 9-7 für Philly getippt.

Die Eagles waren trainwreck vom Tag 1 an. Die Cowboys irgendwie auch. Man wird sich im Rückspiegel die Katastrophenbilanz mit dem schnellen Ausfall von QB Dak Prescott schönreden. Aber das wäre falsch. Die Cowboys waren schon ein Wackelkandidat, als Prescott noch spielte: Übelste Defense, und eine Offense ständig im „catch up“ Modus mit zahlreichen Turnovers. It was one of those years…

Und natürlich ist wichtig noch einmal zurückzuschauen ob wir unsere Messer gewentzt hatten:

Wentz wirkt nach vier Jahren in der NFL wie ein Quarterback, der sich 1-2 Levels unterhalb der absoluten Liga-Elite bewegt: In guten Jahren wie 2017 kratzt er an den Top-5. Aber wenn die Bedingungen nicht so ganz passen, ist er eher um #16 klassiert.

Ich vergaß hier zu ergänzen: „…und heuer wird er der schlechteste Starting-QB der ganzen NFL sein.“

San Francisco 49ers

In meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber der NFC West lag ich richtig – und auch meine Preseason-Analyse der 49ers war nicht total daneben:

Das ganze klingt nun vielleicht etwas sehr negativ, aber wir vergleichen es ja mit einem Team, das zuletzt im Kern ein würdiges 13-3 Team (oder zumindest 12-4 Team) war und nur knapp das Endspiel verlor.

Einiges an den 49ers ist gebaut um zu bleiben: Der Head Coach als Offensivgenie, der Pass-Rush, Quarterback Garoppolo als verlängerter Arm des Headcoaches.

Doch es gibt eben auch Grund zur Skepsis: Yards after Catch sind eigentlich instabil. Wie gut sind die Wide Receiver um das ganze Potenzial der Offense wirklich zu entfalten? Wie gut ist die Secondary als wahrer Trigger der Defense?

Dass die 49ers um die Playoffs mitspielen, sollte auch in der schwierigen NFC West ein „given“ sein. Upside-Potenzial ist die Superbowl, aber die Seahawks haben in der eigenen Division den besseren Quarterback und die bessere Secondary (und vielleicht gerade nach der Josh-Gordon-Verpflichtung auch die besseren Receiver; sie müssen sie nur nutzen) – und wenn die Niners ihre Offense mit schwächeren Receivern nicht wieder so in die Gänge bekommen wie letztes Jahr, kann das schnell runter auf 9-7 gehen und zu einem Kampf um die Wildcard-Plätze werden.

Aber ich vergaß das eine: Jimmy Garoppolo ist ein Glasknochen vor dem Herrn – und wenn die Knochen halten, dann eben doch zu limitiert um die Shanny-Offense dauerhaft zu einem Hochglanzprodukt aufzupäppeln. So reichte es dann doch nur zu 6-10. Es war kein 6-10 der beschämenden Sorte – was willst du machen, wenn mehr als deine halbe Starting-22 auf IR sitzt? Aber ich hatte San Francisco als Preseason #5. Das kann man nicht schönschreiben.

Die Antwort auf die Frage der Fragen ist jetzt auch bekannt

Die Chiefs scoren pausenlos und rücksichtlos. Sie scheißen auf das Defense Wins Championships-Prinzip, und wenn Andy Reid wie in der letzten Saison keine Crunch-Time-Coaching-Bolzen mehr begeht – was soll dieses Team, das sogar an einem ausgesprochen mäßigen Superbowl-Tag noch 21 Punkte im Schlussviertel über die 49ers legte, dann eigentlich noch stoppen?

Die Antwort lautet: Todd Bowles. Beziehungsweise Buccs-Defense. Die hatte ich im Sommer im guten Mittelfeld verortet – und es gab Phasen im November und Dezember, in denen es so aussah als sei diese Prognose punktgenau. Doch dann gesundeten ein paar Stammspieler wie Vita Vea, fand das Scheme noch einmal zu sich, und dann packte Bowles seine in der Regular Season gegen die Chiefs gewonnenen Erkenntnisse zusammen und zimmerte einen ziemlich perfekten Superbowl-Gameplan um unseren Golden Boy so zu entzaubern wie es in drei Jahren noch keiner geschafft hatte.

Die Lehren aus der Saison

So bleibt die wichtigste Lehre aus der Saison eine altbekannte: Die NFL ist notorisch schwer zu prognostizieren, weil es einfach zu viele Variablen gibt. Aber die Schlussfolgerung ist gleich stur wie immer: Auch wenn ich mir nur die Finger verbrennen kann, ich mache damit weiter. Denn im Kleinen gibt es immer was zu lernen. So auch diese Saison.

Meine wichtigsten Lehren aus dem letzten Jahr:

  1. Quarterback ist die wichtigste Position, aber für die Mittelklasse-QBs sind die Umstände fast noch wichtiger: Coaching, Playcalling, O-Line, Receiver. Die #22 kann schnell zur #8 werden und umgekehrt.
  2. Tiefe im Receiving-Corps ist noch wichtiger als gedacht. Zwei Playmaker sind im Jahr 2021 das Minimum, aber eine großartige Offense braucht eigentlich mindestens drei – selbst mit einem QB Patrick Mahomes.
  3. NFL Defensive Coordinator werden langsam schlauer. Unbekannte Jungs wie Brandon Staley beginnen, alte Ideen neu zu interpretieren und „cautious aggression“ aus 2-deep shells zu bringen ohne underneath oder den Lauf aufzugeben.
  4. NFL-Football ist qualitativ gut genug um mich auch ohne Zuschaueratmosphäre vor dem Fernseher zu fesseln. College Football hat das nicht annähernd geschafft.
  5. Die NFL hatte mit ihrer Corona-Policy Recht. Alle Unkenrufe von wegen Bubble usw. waren unbegründet. Es gab ein paar Breakouts, aber gemessen an den Umständen war das herausragend gemanagt.
  6. Playoffs können mich fesseln, auch wenn es null Drama gibt. Es waren nach Gameskript die langweiligsten Playoffs in 18 Jahren NFL, die ich schaue. Und trotzdem gab es so viele Nuancen die es sich lohnte in die Einzelteile zu zerlegen.

Die letzte, vielleicht wichtigste Erkenntnis: Die Berichterstattung rund um die NFL hat in den letzten Jahren einen minimum gleich großen Sprung gemacht wie die Qualität der Offenses. Ein Bill Barnwell ist heute nur noch einer von vielen. Es gibt die Daten-Provider, die Daten-Interpreten, die Film-Guys, unendlich gutes Youtube-Material, exzellent gute Schreiber und unterhaltsames Twitter. Die Notwendigkeit, früher als eine Minute vor Spielbeginn auf die großen übertragenden Broadcasts zu schalten, ist bei null.

Ich „brauche“ dieses Blog nicht mehr um zu wissen was abgeht. Aber ich brauche es um nicht den Überblick zu verlieren. Ich bringe es nicht übers Herz, jetzt aus der NFL auszusteigen – also lass uns weitermachen. Auf ein weiteres Jahr mit schlechten Predictions.

9 Kommentare zu “Die große NFL-Rückschau: Meine schlechtesten Takes 2020

  1. Dafür warst du bei den Lions und Browns auf dem richtigen Dampfer 🙂

    Aber am Ende ist mir eh egal wie genau die Predictions sind, wie du schreibst viel hängt eh von Verletzungen und Kleinigkeiten ab. Mir geht es hier sowieso mehr um die Vielfalt der Informationen, auch im Analytics Bereich, und den Schreibstil. Danke dafür!

  2. Kein Mensch würde eine „Vorsichtige Vanilla-vorschau“ lesen wollen. Und das beste: Man kann sie zweimal genießen: Einmal vor der Saison und dann noch mal „humbled“ nach der Saison. Beides echte Highlights.

    Plus: Die Offseason-spekulationen können besseres Entertainment sein als die ein oder andere ereignislose NFL-Woche. 🙂

  3. An dieser Stelle vielen Dank für diesen Blog. Macht mir immer Spaß hier ein wenig zu lesen und mein Wissen zu erweitern.

    PS Shit Happens, wäre ja auch öde wenn alles immer so laufen würde wie man sich das denkt …

  4. Schöner reflektierender Rückblick. Du solltest nicht zu selbstkritisch sein, denn nicht immer ist die Schlußfolgerung wichtig, sondern die Erkenntnis selbst. Von daher … ein großartiger Blog!!!

  5. Toller und ehrlicher Rückblick. Macht einfach Spaß zu lesen…..Und sind wir doch mal ehrlich….so gut wie jeder Experte liegt vor Saisonbeginn mit einer Vielzahl an Voraussagen am Ende der Saison falsch….

  6. Sehr schöner Review.

    Aber der wichtigste Satz für mich ist:
    „Ich bringe es nicht übers Herz, jetzt aus der NFL auszusteigen – also lass uns weitermachen. Auf ein weiteres Jahr mit schlechten Predictions“

    Bin so froh das du weiterhin Bock hast. Dieser Blog ist für mich eine wahre Freude und erhellt so manchen trüben Tag.

    Danke dafür!

  7. Aber der wichtigste Satz für mich ist:
    „Ich bringe es nicht übers Herz, jetzt aus der NFL auszusteigen – also lass uns weitermachen. Auf ein weiteres Jahr mit schlechten Predictions“

    So isses! Vielen Dank für die ganze Mühe, freue mich schon auf den Herbst!

  8. Vielen Dank für eine weitere Saison-Coverage!
    Und auch ich hoffe, dass Du noch lange Freude an Deinem Blog haben und den ein oder anderen Podcast bereichern wirst. Ich jedenfalls freue mich immer über Deine unterhaltsamen, pointierten und dabei immer sachlich fundierten Analysen. Das kann halt auch nicht jeder. In diesem Sinne noch einmal vielen Dank =)

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